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11. Februar 2026

So will Mozilla mit einer „Rebellenallianz“ für Fairness bei KI sorgen


Die Mozilla-Stiftung war einst daran beteiligt, das Browser-Monopol von Microsoft zu brechen. Nun will sie eine Vorherrschaft der Tech-Konzerne im Bereich der Künstlichen Intelligenz bekämpfen. Dazu muss sie laut Mozilla-Präsident Mark Surman selbst ein Stück weit zu einer KI-Organisation werden und eine Rebellenallianz gegen die KI-Giganten bilden.

 

Von Michael Förtsch

 

Der Firefox-Browser entstand aus den technologischen Überresten von Netscape. Mit ihm forderte die Mozilla-Stiftung in den 2000ern den Internet Explorer von Microsoft heraus, der zeitweise von fast 90 Prozent aller Internetuser genutzt wurde. Mit freier Software wie dem Firefox-Browser, dem E-Mail-Programm Thunderbird und anderen Projekten wollte die Stiftung ein offeneres, freieres und faireres Internet zu schaffen. Dies gelang über die Jahre mal mehr, mal weniger erfolgreich, wie die Stiftung und ihre Mitarbeiter auch selbst eingestehen. Doch bis heute hat Mozilla viele Fans und Unterstützer. Mit der zunehmenden Bedeutung von Künstlicher Intelligenz, der rapiden Entwicklung dieser Technologie und ihrem Einfluss auf das Internet sowie ihrem Potential, neue Technologieoligopole zu schaffen und etablierte Tech-Konzerne noch mächtiger zu machen, soll Mozilla nun Anlauf für einen neuen Kampf nehmen. Vor allem, um den Nutzern mehr Kontrolle über KI und deren Einsatz zu geben.

 

„Wir steuern auf eine Welt zu, in der drei, vier oder fünf Unternehmen kontrollieren werden, wie Künstliche Intelligenz aussieht und funktioniert und wie sie als integraler Bestandteil von digitalen Prozessen genutzt wird“, sagt Mark Surman im Gespräch mit 1E9. Er ist seit über 30 Jahren als Internetaktivist tätig, setzte sich für freie Software und die Open-Source-Szene ein und wurde 2008 zum Präsidenten der Mozilla-Stiftung gewählt. Die drohende Dominanz von Firmen wie OpenAI, Google und Co., die sich ihren technologischen Vorsprung bei KI mit Milliardeninvestments erkaufen, sieht er als Bedrohung. Vor allem für die Wahlfreiheit der Weltbevölkerung hinsichtlich einer Technologie, die massiven Einfluss auf Politik, Gesellschaft, Medizin, Kunst und Kultur haben wird. „Daher wollen wir als Mozilla das für KI tun, was wir für das Internet getan haben“, sagt Surman. „Und damit meinen wir, dass wir KI dezentralisieren wollen, um die Menschen zu empowern.“

 

Ein wichtiger Grund dafür ist für den Mozilla-Chef, dass KI eine Technologie mit großem Potenzial zur digitalen Befähigung von Menschen als Individuen und Gruppen ist. Jedenfalls, wenn sie richtig eingesetzt wird. KI ermögliche es Menschen, eigene Programme und Plattformen zu schaffen, neue Fähigkeiten zu erlernen, Inhalte zu produzieren oder Aufgaben zu automatisieren, für die früher Spezialwissen, viel Zeit und oft auch Geld nötig waren. Menschen können somit nicht nur als Nutzer, sondern auch als Gestalter der digitalen Welt fungieren – mit KI als eine Art Übersetzer ihrer Vorstellungs- und Willenskraft. „Dafür muss Künstliche Intelligenz aber vertrauenswürdig sein, eine Technologie sein, die die Leute kontrollieren können, auf die sie sich verlassen können“, sagt Surman. Er wolle daher eine Welt, in der nicht nur eine Handvoll mächtiger kommerzieller KI-Modelle existiert, sondern Millionen, wenn nicht sogar Milliarden von freien Modellen, die sich in den Händen der Nutzer befinden.

 

Eine KI für jeden?

 

Den Weg in eine dezentralisierte KI-Welt sieht Surman einerseits in offenen oder zumindest frei nutzbaren Modellen – wie Deepseek V3.2, LLaMA 3.1, OLMo und anderen. Die würden sich rasch entwickeln und seien in seinen Augen bereits jetzt sehr fähig. „Für die meisten Anwendungsfälle sind sie mehr als gut genug“, betont er. „Und sie werden nur noch besser.“  Aber Surman glaubt auch an die Möglichkeit der Konfektionierung und Personalisierung von Künstlicher Intelligenz. Etwa durch die Arbeit von Start-ups wie Adaptive Labs, das es ermöglichen will, kleine und sich stetig an die gestellten Anforderungen anpassende Modelle zu entwickeln. „Ich glaube, dass wir in den nächsten ein bis zwei Jahren sehen werden, wie billigere, offenere und privatere KI für die Menschen verfügbar wird“, sagt Surman daher. Die Rolle von Mozilla sieht er dabei als Anbieter von Werkzeugen und Infrastruktur, um solche Modelle zu nutzen

 

„Als Microsoft damals versuchte, das Internet zu kontrollieren und zu bestimmen, wie es funktioniert, kamen wir und boten einen offenen Browser an. Wir kämpften für offene Standards und Open Source“, erklärt Surman. „Das wollen wir jetzt auch mit Künstlicher Intelligenz.“ Allerdings räumt der Mozilla-Präsident ein, dass seine Stiftung und ihre Kapazitäten im Vergleich zu KI-Firmen natürlich „winzig“ sind. Um wirklich etwas zu bewirken, brauche es daher „eine Art von Rebellenallianz“ aus Gleichgesinnten, die ein gemeinsames Ziel verfolgen und von denen jeder kleine Bausteine für freie und alternative KI-Systeme bereitstellt. So könne „etwas Größeres, Mächtigeres und Interessanteres entstehen“, sagt Surman. „Wir wissen, dass diese Art von kollektivem Bündnis funktioniert, weil wir es schon einmal gesehen haben.“


KI-Gedächtnis zum Mitnehmen?


In welchem Umfang sich Mozilla neben Firefox, Entwicklertools und Basistechnologien tatsächlich in der KI-Entwicklung positioniert, steht noch nicht fest. Jedoch arbeiten sowohl einzelne Entwickler als auch kleine Teams bei Mozilla an Experimenten und Projekten, die früher oder später bei den normalen Nutzern ankommen könnten. So arbeitet der Mozilla-Technikchef Raffi Krikorian unter anderem an „Portable Private Memory” für KI-Systeme, also der Möglichkeit, das Gedächtnis eines Chatbots oder KI-Agenten exportierbar zu machen, um es mit verschiedenen Modellen und Systemen zu nutzen. Ebenso soll der E-Mail-Client Thunderbird einen Chat-Assistenten erhalten. Dieser soll vollends verschlüsselt sein und dadurch sicherer als andere Alternativen.


Bereits jetzt arbeitet Mozilla mit seiner Abteilung Mozilla AI an Projekten wie Any-Agent, Any-LLM oder MCPD, die sich vor allem an Entwickler freier und offener KI-Systeme sowie an technikbegeisterte KI-Enthusiasten richten. Diese Tools sollen die Nutzung verschiedenster Modelle, deren Einsatz als agentische Systeme oder den Zugriff auf andere Systeme vereinfachen. „Das sind die Keimzellen dessen, was es den Leuten einfacher machen soll, das riesige Open-Source-KI-Ökosystem zu erschließen“, sagt Surman. Denn es gebe durchaus viele freie Alternativen zu den Angeboten der großen KI-Unternehmen, diese seien jedoch noch nicht so einfach nutzbar. Letzteres zu ermöglichen, also freie KI-Angebote so unkompliziert zu machen wie ChatGPT oder Claude, ist eines der Etappenziele.


Ein Killswitch für Künstliche Intelligenz


In der KI-Strategie von Mozilla soll neben Entwicklerwerkzeugen und Basistechnologien auch der bekannte Firefox-Browser eine wichtige Rolle spielen. Dieser war bis vor einigen Jahren einer der meistgenutzten Browser überhaupt, hat heute jedoch nur noch einen Marktanteil von sieben Prozent. Anthony Enzor-DeMeo, der neue CEO der Mozilla Corporation, die der Mozilla Stiftung unterstellt ist und den Browser entwickelt, hatte Ende 2025 angekündigt, diesen in „einen modernen KI-Browser“ umzubauen. Dies führte zu heftiger Kritik vieler Nutzer, die insbesondere auf die Sicherheitsrisiken durch KI-Integration hinwiesen. Außerdem argumentierten sie, dass viele keine Künstliche Intelligenz in ihrem Browser wollen – und gerade deshalb Firefox nutzen.


 

„Ja, ich muss sagen, wir haben da einfach nicht richtig rübergebracht, was unsere Pläne und Intentionen sind“, sagt Mark Surman. Es sei nie die Idee gewesen, Künstliche Intelligenz in Firefox zu integrieren und den Nutzern diese Technologie dadurch aufzuzwingen. Vielmehr wolle Mozilla mit Firefox vor allem eine „andere Herangehensweise an Künstliche Intelligenz“ demonstrieren: eine der Wahlfreiheit. „Wenn Leute Gemini oder Perplexity in Firefox nutzen wollen, sollen sie das tun können“, sagt Surman. „Wenn sie andere Modelle wie Mistral oder lokale Modelle wollen, ist das eine Möglichkeit, die wir mit der Zeit einbauen und bieten werden. […] Aber genauso geben wir dir die Option, alle KI im Browser einfach abzuschalten, wenn sie sie nicht wollen.“

 

Trotz seines Optimismus hinsichtlich Künstlicher Intelligenz ist der Mozilla-Präsident auch äußerst besorgt und persönlich davon genervt, wie manche Firmen ihren Mitarbeitern, Kunden und Nutzern unausgegorene und teils risikobehaftete KI-Tools und Features aufdrängen. „Genau das sollte nicht geschehen“, sagt er. „Die Menschen sollten wählen können, ob sie der Technologie vertrauen, ob sie sie haben wollen oder nicht, ob sie bestimmte Funktionen wollen oder nichts davon. Genau das ist unsere Philosophie.“ Aus diesem Grund wolle er auch nicht für KI werben oder versuchen, die Nutzer von Firefox und anderen Mozilla-Projekten von der Technologie zu überzeugen. „Das ist nicht unsere Aufgabe, und das sollten wir uns nicht anmaßen“, sagt er. „Aber wir wollen zeigen, dass es eine Art gibt, mit dieser Technologie umzugehen, die den Nutzer in den Mittelpunkt stellt, und dass wir KI so liefern können, dass sie für Menschen nützlich und interessant ist und ihre Rechte respektiert.“

 

Michael Förtsch

Michael Förtsch

Leitender Redakteur

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