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26. Oktober 2026

Wolf Lotter fordert „Ruhe!“: „Wer unterbrochen wird, braucht 23 Minuten, um wieder reinzukommen“


Deutschland soll endlich verstehen, dass es keine Industrie-, sondern eine Wissensgesellschaft ist: Weg mit dem Streben nach Effizienz, Routine und Hamsterrad, hin zu Kreativität, Innovation, menschlicher Intelligenz. Das fordert der Publizist Wolf Lotter im Interview mit 1E9. In seiner gerade erschienenen Streitschrift Ruhe! formuliert er außerdem eine Voraussetzung für erfolgreiche Wissensarbeit: Wer mit dem Kopf arbeitet, muss von ständigen Störungen befreit werden.


Ein Interview von Wolfgang Kerler


1E9: Wolf, du schreibst oft über den Zustand des Landes, fühlst den Problemen des Innovationsstandorts Deutschland und Europa auf den Zahn – und das durchaus schonungslos. Was macht dir Hoffnung, was macht die Sorgen?


Wolf Lotter: Ich glaube ja, dass wir in Zeiten leben, in denen das Wort Krise wirklich Realität wird. Das heißt, wir erreichen einen Punkt, an dem es nicht mehr so weitergeht – und dann muss ein Wendepunkt kommen. Dem sind wir relativ nah.

Bis jetzt ging es ja, leider, immer noch irgendwie gut, obwohl Transformation in Deutschland träge ist, was auch kulturelle Gründe hat. Deutschland ist – genau wie Österreich – in der Industriekultur zu dem Land geworden, das es heute ist. Und in dieser Industriekultur sind wir immer noch verhaftet und verstehen gar nicht, dass wir eigentlich eine Wissensgesellschaft sind. Deswegen bin ich der KI dankbar, dass sie uns jetzt herausfordert, diese Tatsache mit unserer natürlichen Intelligenz endlich zu verstehen.


Das klingt zumindest nicht nur pessimistisch, oder?


Wolf Lotter: Nein. Allerdings bin ich nicht wahnsinnig optimistisch, was unsere großen Industriekonglomerate angeht – Automobil, Maschinenbau, Chemie –, wo man immer wieder auf das zurückkommt, was man schon gemacht hat. Deswegen neigt übrigens auch unser Gesamtsystem dazu, lieber zwei Schritte zurückzugehen als einen nach vorne.


Für die klugen Leute, die überall arbeiten, ist das furchtbar. Denn natürlich haben wir viele kreative hochintelligente Wissensarbeiter, die tatsächlich in der Lage wären, etwas zu ändern. Aber dafür müssen wir endlich die Industriegesellschaft hinter uns lassen.


Wolf Lotter ist Autor, Essayist und Experte für den Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern des Wirtschaftsmagazins brand eins, für das er über zwei Jahrzehnte als Leitessayist schrieb. Heute veröffentlicht er unter anderem Kolumnen in der WirtschaftsWoche und bei taz futurzwei. Das Interview mit ihm wurde beim „Festival der Zukunft 2026“ von 1E9 und Deutschem Museum im Juli 2026 in München geführt. Wolf Lotter wird auch beim nächsten Festival der Zukunft dabei sein!
Wolf Lotter ist Autor, Essayist und Experte für den Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern des Wirtschaftsmagazins brand eins, für das er über zwei Jahrzehnte als Leitessayist schrieb. Heute veröffentlicht er unter anderem Kolumnen in der WirtschaftsWoche und bei taz futurzwei. Das Interview mit ihm wurde beim „Festival der Zukunft 2026“ von 1E9 und Deutschem Museum im Juli 2026 in München geführt. Wolf Lotter wird auch beim nächsten Festival der Zukunft dabei sein!

Du unterscheidest zwischen Industriegesellschaft versus Wissensgesellschaft. Wie grenzt du sie voneinander ab?


Wolf Lotter: Was die Maschine im Industriezeitalter war, ist die Kreativität für die Wissensgesellschaft. Industria heißt Fleiß. Und fleißig sein bedeutet, immer das Gleiche zu tun. Routinen, Standardisierung, Effizienz, Quantität, Hamsterrad. Innovation durch Wissen und Kreativität ist das Ausbrechen aus dem Hamsterrad, wird aber durch unsere Kultur gestört.


De facto ist Deutschland seit den 1970er-Jahren keine Industrienation mehr. Wenn man das sagt, ruft das immer extremes Erstaunen hervor, weil wir von der Politik die ganze Zeit hören, wir seien ein Industrieland. Aber die Industrie ist seit 50 Jahren nicht mehr der wichtigste Jobmotor und auch nicht mehr der wichtigste Träger und Antreiber für Entwicklungen. Heute besteht der Arbeitsmarkt zu 75 Prozent aus Dienstleistungsarbeitsplätzen und mehr als die Hälfte davon sind wissensbasierte Dienstleistungen, also klassische Wissensarbeit.


Woher kommt dann unser Selbstverständnis als Industriegesellschaft?


Wolf Lotter: Wir machen uns das nicht klar, weil die gesamten Rahmenbedingungen, unter denen bei uns Arbeit stattfindet, auf die alte Industriegesellschaft ausgerichtet sind, angefangen beim Acht-Stunden-Schichtbetrieb. Auch unsere Regierungen setzen die Priorität immer noch auf Großkonzerne und deren Arbeitsplätze. Die werden durch Gesetze und Subventionen am Leben erhalten und im Notfall wahnsinnig schnell von der Politik gerettet, da gibt es ein Riesentamtam.


Aber niemanden, auch nicht die Medien, interessieren die unzähligen kreativen Kleinunternehmen und Mittelständler, die gerade ebenfalls wegbrechen. 100.000 VW-Mitarbeiter sind einfach mehr wert als 100.000 Mittelstandsarbeiter. Das muss ich leider so aussprechen. Dabei müssten wir uns eigentlich um die kümmern.


Wir brauchen neue Formen von Arbeit, neue Ziele, neue Organisationsformen. Eine Reform, die nicht für Mittelständler, Selbstständige, kleine Unternehmer oder Forschende gemacht ist, ist keine Reform, sondern einfach nur der Versuch, etwas aufrechtzuerhalten, was es eigentlich nicht mehr geben sollte. 


Natürlich kann ein Industrieunternehmen ein wissensökonomisches Unternehmen sein. Sehr viele sind das auch schon und haben eine sehr, sehr gute Transformation hingelegt, reden aber vielleicht zu wenig darüber. Und auch die alten Industriekonglomerate sind durch Wissensarbeit in Form von Engineering großgeworden, bevor sie so bürokratische Strukturen entwickelt haben, dass sie sich kaum noch bewegen konnten. Ob der Begriff „Industrie“ noch so wie früher funktioniert, müsste man daher überlegen.


Wenn du ein Problem löst, das vorher noch niemand gelöst hat, oder ein Angebot machst, das vorher noch niemand gemacht hat, dann bist du kreativ.

Kreativität klingt für viele nach Kunst. Sollen wir jetzt alle Künstler werden?


Wolf Lotter: Ich habe eine ganz banale Definition von Kreativität. Kreativität löst ein Problem. Wenn du ein Problem löst, das vorher noch niemand gelöst hat, oder ein Angebot machst, das vorher noch niemand gemacht hat, dann bist du kreativ. Punkt. Aus. Ende. Alles andere ist Routinearbeit, die wunderbar für Maschinen und KI geeignet ist.


Menschliches Denken, also natürliches Denken, ist entweder kreatives Denken oder gar keins. Und das bedeutet, dass ich mich Dingen zuwende, die andere noch nicht gemacht haben. Im Grunde genommen ist es also das Banalste auf der Welt, kreativ zu sein.

Kreativität gehört deswegen nicht nur ins Künstlerische, wo sie natürlich auch hingehört, sondern in jede Handwerksstube, in jeden Mittelständler, zu jedem klugen Berater, Entwickler und Ingenieur. Wir brauchen außerdem Führungskräfte, die das Richtige tun – und nicht einfach nur das, was im Lehrbuch steht und jeder tut.


Lautet deine Prognose also, dass die schwerfälligen „Industriekonglomerate“, wie du sie nennst, wegen des noch härteren Wettbewerbs durch KI untergehen könnten und sich daraus eine neue Wirtschaftsstruktur mit noch mehr kleinen und mittleren, aber sehr kreativen Unternehmen entwickelt?


Wolf Lotter: Das wäre jedenfalls, um Kant ins Spiel zu bringen, der Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit – sozusagen die Aufklärung, die uns noch fehlt.


Gerade können wir allerdings beobachten, dass für Manager, die in unserer alten Industrie großgeworden sind, auch KI nur Effizienz und Optimierung bedeutet, mit der Menschen noch mehr Routinearbeit erledigen können. Das ist ein industrialistischer Irrtum, der mit Qualität nichts zu tun hat, und mich an ein Sprichwort erinnert: Für einen Hammer sieht alles aus wie ein Nagel.


Du scheust dich nicht vor kontroversen Aussagen. Das war nur ein Beispiel dafür. Deswegen werden deine Bücher manchmal „Streitschriften“ genannt. Würdest du das Wort übernehmen? Verfasst du Streitschriften?


Wolf Lotter: Da habe ich nichts dagegen. Für das Neue muss man streiten. Wird etwas vermeintlich Neues von allen willkommen geheißen und alle jubeln ihm zu, dann ist etwas faul. Dann hast du Kindergeburtstag ohne wirklichen Diskurs und ohne wirkliche Entscheidungen oder Veränderungen. Davon hatten wir in den letzten Jahren zu viel.


Damit zerstören wir Kreativität und Innovationsfähigkeit, unsere wichtigsten Ressourcen! Das könnten wir uns überhaupt nicht leisten, aber tun es trotzdem.

Es geht auch nicht darum, über alles zu streiten. Aber wenn ich erkannt habe, dass etwas wichtig ist, dass etwas relevant ist, dann muss ich mich doch einfach dafür einsetzen – und nicht einfach sagen: Komm, lass gut sein! Dieser schreckliche, biedermeierische Satz hat uns in unserer Wohlstandsgesellschaft schon in mehr als eine Malaise gebracht.


Die bürokratischen Strukturen in den großen Industriekonglomeraten, von denen ich gesprochen habe, machen motivierte Leute innerhalb weniger Jahre so kaputt, dass die von selbst sagen: Komm, lass gut sein! Das ist doch unfassbar! Damit zerstören wir Kreativität und Innovationsfähigkeit, unsere wichtigsten Ressourcen! Das könnten wir uns überhaupt nicht leisten, aber tun es trotzdem.




Erstaunlicherweise nennst du die Menschen, die für etwas kämpfen und etwas verändern wollen, in einem deiner Buchtitel Die Gestörten, dabei werden sie von den meisten vermutlich eher als Störenfriede wahrgenommen.


Wolf Lotter: Ich nenne sie die Gestörten, weil sie von den alten Gehemmten der Industriegesellschaft gestört werden, die in Grabesruhe nur ihren Stiefel bis zur Frühverrentung machen wollen.


Im Juli war Wolf Lotter zu Gast im 1E9-Podcast DeepTech Unlocked, um mit Host Thomas Lange darüber zu sprechen, warum Transformation in Deutschland oft so schwerfällig ist. Nachzuhören auch bei Apple Podcasts und Spotify.


Das ist das Stichwort, um über dein neues Buch zu sprechen. Das heißt nämlich Ruhe.


Wolf Lotter: Aber darin geht es nicht um diese furchtbare Grabesruhe, sondern um die „Ruhe!“ mit Ausrufezeichen – die tätige Ruhe, ohne die es keine Kopfarbeit geben kann.


Du meinst also nicht Ausruhen, was im Widerspruch zu einem deiner früheren Bücher mit dem Titel Strengt euch an! stehen würde?


Wolf Lotter: Genau. Aber auch in Strengt euch an! ging es nicht darum, noch mehr im Hamsterrad zu machen. Das wäre Blödsinn, weshalb übrigens die Parole der Politik, die ständig mehr Fleiß fordert, Quatsch ist. Fleiß meint nämlich nur, dass du mehr vom Gleichen machst. Das muss nicht besser, sondern kann sogar schlechter sein.


Kopfarbeit ist anstrengender als einfach immer das Gleiche zu tun. Deswegen ist Ruhe! sozusagen das Serviceheft zu Strengt euch an!, weil es darin um Leute geht, die sich ihren eigenen Kopf bewahren, damit arbeiten, innovativ sein und sich ins Unternehmen einbringen wollen.


Warum ist für sie Ruhe so wichtig?


Wolf Lotter: Wenn sie gefragt werden, was sie in ihrer Arbeitswelt am meisten stört, werden die meisten dieser Menschen sagen: Ablenkung, die dazu führt, dass sie nicht in Ruhe arbeiten können. Der ganze Spaß kostet uns allein in Deutschland jedes Jahr 572 Milliarden US-Dollar. Das hat der Economist mal ausgerechnet.


Die meisten arbeiten nicht mehr in Fabriken, wo man ständig in Bewegung sein muss, werden aber durch ständige Meetings oder falsches Socializing gestört. Der Kopf braucht keine Wellness, keinen Rückzug in die Natur, keine ständigen Pausen, aber Ruhe zum Denken. Dann kann er auch Wissensarbeit statt Aktionismus machen.


Wir brauchen also Regeln für die Kopfarbeit – und gegen Lärm und Tamtam.

Hast du noch andere Zahlen, die das Problem beziffern?


Wolf Lotter: Jeder Mensch erhält 3.000 Werbenachrichten pro Tag. Das muss man sich mal vorstellen! Die meisten ignorieren wir, ja, aber einiges dringt immer noch durch. Wer in der konzentrierten Arbeit unterbrochen wird, braucht danach 23 Minuten, um wieder reinzukommen. Das heißt, die Leute, die reinkommen und sagen „Kannst du mir mal ganz schnell helfen?“, stehlen einem 23 Minuten und 15 Sekunden Arbeitszeit und jede Menge Energie.


Wir brauchen also Regeln für die Kopfarbeit – und gegen Lärm und Tamtam. Und ich hoffe, dass wir KI so einsetzen, dass die Maschine uns die Routinearbeit abnimmt, damit mehr Zeit und Energie für unsere natürliche Intelligenz bleibt – für konzentriertes Arbeiten, gründliches Nachdenken, für Experimente, für Versuch und Irrtum.


Zusätzlich zu diesen Regeln: Hast du auch praktische Tipps, wie man seinem eigenen Kopf trotzdem die nötige Ruhe verschaffen kann?


Wolf Lotter: Wichtig ist eine Fokussierung auf das, was mir wichtig ist, und das konsequente Weglassen von allem anderen. Auch sollte ich mir zunächst einmal darüber Klarheit verschaffen, was ich ändern kann und was ich nicht ändern kann. Sortieren, Aufräumen, Inventurmachen. Die gute abendländische Lehre der Stoa hilft da sehr viel weiter.


Aber, das ist mir ganz wichtig, in meinem Buch wird niemand exakte Gebrauchsanweisungen oder Formeln bekommen. Ein generelles Problem dieser Gesellschaft ist nämlich, dass fast alle Fortschritt wollen, aber darauf warten, dass ihnen irgendjemand sagt, was zu tun ist – sei es der Chef oder der Bundeskanzler.


Die Leute müssen selbstständig denken, selbstständige Entscheidungen treffen und diese Entscheidungen auch verteidigen können. Und dafür muss man sich die Mühe machen, herauszufinden, was man selber will.


In seinem Essayband Ruhe! untersucht Wolf Lotter die Folgen einer Gesellschaft, in der Dauerstress, Lärm und permanente Erreichbarkeit zum Alltag gehören. In drei Essays analysiert er die Kultur der Geschäftigkeit in der Arbeitswelt, die Belastung durch Lärm und den zunehmenden Verlust von Privatheit. Dabei verbindet er Beobachtungen aus Arbeit und Alltag mit Erkenntnissen aus Wissenschaft, Ökonomie und Philosophie. Ruhe! ist kein Ratgeber zur Selbstoptimierung, sondern eine kritische Analyse und ein Plädoyer für Konzentration, Ruhe und Distanz als Voraussetzungen für produktive Arbeit, eigenständiges Denken und demokratische Kultur.

Wolfgang Kerler

Wolfgang Kerler

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