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29. Juli 2026

Wie Blade Runner 2099 das Original weiterdenken könnte


Mit Blade Runner 2099 soll Ende des Jahres eine der prägendsten Science-Fiction-Welten als Serie zurückkehren. Dabei soll die Serie nicht einfach die Filme kopieren, sondern die Geschichte und Gesellschaft weiterdenken. Dafür sollen die Machtverhältnisse in der Zukunftswelt umgekehrt und alte Ideen aus Philip K. Dicks Blade-Runner-Vorlage aufgegriffen werden. Wir spekulieren, worum es gehen könnte.


Von Michael Förtsch


Vor mittlerweile 44 Jahren brachte Regisseur Ridley Scott Blade Runner in die Kinos. Der lose auf Philip K. Dicks Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen? basierende Science-Fiction-Film hatte einen schweren Start. An den Kinokassen war er kein Flop, für seine Investoren aufgrund der teuren Produktion und der hohen Marketingausgaben jedoch eine Enttäuschung. Auch für nicht wenige Zuschauer, die sich aufgrund der Werbung einen rasanten Actionfilm erhofft hatten, stattdessen aber ein sinnierendes und philosophisch aufgeladenes Neo-Noir-Drama bekamen. Doch gerade die von existenziellen, gesellschaftlichen und technologischen Fragen durchzogene Handlung rund um lebensechte humanoide Roboter, ihre Natur und die dystopische Welt, in der sie von Menschen gejagt werden, machte Blade Runner zu einem Kultstreifen – und einer der prägendsten Science-Fiction-Produktionen überhaupt. Nachdem Denis Villeneuve diese Geschichte 2017 fortführte, soll sie im November noch einmal weitererzählt werden: mit einer acht Folgen langen Miniserie.

 

Vor wenigen Tagen hat Amazon den ersten Trailer zu Blade Runner 2099 veröffentlicht. Dessen Handlung setzt 50 Jahre nach Blade Runner 2049 und 80 Jahre nach dem Original ein. Zu einer Zeit, in der das dystopische Los Angeles „wiedergeboren“ wurde – allerdings, so der zunächst nebulöse Hinweis der Macher, nicht durch die Menschen. Im Zentrum der Handlung steht die von Hunter Schafer verkörperte Cora – ein Mensch. Sie ist auf der Flucht und sehr erschöpft. Sie will zur Ruhe kommen und nimmt die Identität eines Blade Runners an – eines Ermittlers, der in den bisherigen Blade-Runner-Filmen gefährliche Replikanten „aus dem Verkehr zieht“. Kurz nachdem Cora ihre neue Rolle übernommen hat, wird sie jedoch zu einer ungewollten Allianz gezwungen. Die von Michelle Yeoh gespielte Olwen ist eine Replikantin und hat nur noch wenige Tage bis zu ihrem vorprogrammierten Tod. Diese Zeit muss sie nutzen, um eine Gruppe abtrünniger Replikanten aufzuhalten, die ein Geheimnis lüften könnten, das Los Angeles ins Chaos stürzen würde.


 

Diese Prämisse klingt zunächst vielversprechend. Auch der Trailer setzt einen durchaus interessanten Ton. Er greift viele der visuellen Elemente auf, die Blade Runner ebenso wie seinen Nachfolger zu stilistischen Meisterwerken machten. Zugleich setzt er eigene Akzente und bricht den unterkühlten, trostlosen Look zugunsten einer hitzigen Orange-and-Teal-Optik auf, die die Entwicklung dieser Welt zu reflektieren scheint. Eine Fortführung, eine Weitererzählung, aber keine Kopie von Blade Runner soll die Serie werden – zumindest scheint das ihr Versprechen zu sein. Dennoch steht die Frage im Raum, wie und auf welche Weise die Handlung der Blade-Runner-Saga weitergesponnen oder auf ihr aufgebaut werden soll. Und zwar, ohne die Vorgänger nachträglich zu degradieren. Ist es möglich, die so intelligent und präzise konstruierte philosophische Dystopie fortzuführen, ohne sie in ein teuer aussehendes, auf breite Publikumswirksamkeit getrimmtes Action-Spektakel vor epochaler Science-Fiction-Kulisse zu verwandeln? Denn das ist die Befürchtung vieler Fans.

 

Die neue Kernfrage der Replikanten

 

Die Kernfrage, die Ridley Scott in Blade Runner stellte, lautete: Kann eine künstliche Person menschlicher sein als ein Mensch? Darauf baute Denis Villeneuve auf und fragte in Blade Runner 2049: Kann eine künstliche Person ein Selbst und eine Identität entwickeln, obwohl ihre Erinnerungen und ihr Lebenszweck programmiert wurden? Eine vergleichbar profunde Frage muss auch Blade Runner 2099 finden. Es genügt nicht, lediglich darüber rätseln zu lassen, ob eine Figur Mensch oder Replikant ist. Ebenso wenig wäre es ausreichend, nur die Themen und Thesen der beiden Filme erneut aufzuarbeiten und zu wiederholen. Tatsächlich scheinen die Serienschöpfer um Silka Luisa einen oder sogar mehrere Ansätze gefunden zu haben.

 

Wie im Trailer angedeutet wird – und mittlerweile in einem Artikel von Entertainment Weekly bestätigt wurde –, ist das dystopische Los Angeles nicht von Menschen neugestaltet oder wiederbelebt worden. Sondern von den Replikanten. „Es gab einen Aufstand der Replikanten, der sich schon seit Längerem angebahnt hatte“, erklärt Silka Luisa. „Und zwischen 2049 und 2099 ist es dann tatsächlich dazu gekommen. Der Krieg hat also stattgefunden, und die Menschen haben verloren. Unsere schlimmsten Befürchtungen sind wahr geworden.“ Zumindest in Los Angeles haben die Replikanten die Oberhand gewonnen und gesellschaftliche oder politische Macht errungen. Dennoch dauert der Konflikt an – als stiller Krieg. Denn die Menschen „wollen zurück, was sie verloren haben“, so der Trailer. Das ist eine durchaus spannende Ausgangslage. Was geschieht, wenn die Kunstmenschen nicht länger die unterdrückten Opfer sind, sondern nun selbst Gewalt und Macht aus einer überlegenen Position heraus ausüben können? Wie werden sie sich gegenüber ihren Erschaffern und einstigen Unterdrückern verhalten? Außerdem bleibt viel Raum, um zu erklären, wie die Replikanten die Oberhand gewinnen konnten – und ob und wie das möglicherweise mit den Ereignissen der Filme verknüpft ist.

 

Buster Friendly und die Rückkehr des Mercerismus

 

Aber nicht nur der Machtwechsel ist ein interessanter Weg, Blade Runner 2099 mit gesellschaftskritischen und philosophischen Argumenten und Thesen aufzuladen. Denn wie aufmerksame Fans erkannten, ist in einer Szene des Trailers kurz eine Neonwerbung für Buster Friendly zu sehen. Eine Figur, die in den Filmen nie vorkommt, sehr wohl aber in Träumen Androiden von elektrischen Schafen? Dort ist Buster Friendly der berühmte und weithin beliebte Moderator einer Radio- und Fernsehtalkshow. [Achtung, Spoiler!] Was sein riesiges Publikum nicht weiß: Er ist ein Android – das Gegenstück zu den Replikanten der Filme. In der Romanvorlage, die je nach Auflage entweder 1992 oder 2021 spielt, ist Buster bereits ein Phänomen. Sollte die Serie seine Geschichte aus dem Roman übernehmen, wäre er seit mindestens 78 Jahren präsent – und seine wahre Natur womöglich längst bekannt.

 

Was Buster Friendly im Roman von Philip K. Dick zu Berühmtheit verhalf, waren nicht nur sein Charme und seine prominenten Gäste, sondern auch sein Engagement gegen den Mercerismus. Dabei handelt es sich um einen religiösen Glauben, der sich nach dem letzten großen Krieg auf der Erde rasant verbreitete. Begründet ist er auf einer Figur namens Wilbur Mercer. Als Kind soll er von seinen Zieheltern treibend auf einem Rettungsring gefunden worden sein. Während er heranwuchs, entdeckte er seine tiefe Liebe zu Tieren und fand heraus, dass er tote Tiere wieder zum Leben erwecken konnte. Als dies bekannt wurde, nahmen ihn die Behörden fest und unterzogen ihn zahlreichen Tests und Experimenten. Während eines davon wurde er – oder zumindest sein Verstand – in eine fremde Welt katapultiert, die er erst verlassen konnte, nachdem er ihre Fauna geheilt hatte. Seinen Weg zurück erkannte er in einem steilen Berg, den er erklimmen musste, während ein Regen aus Steinen auf ihn niederprasselte und er schließlich starb.

 

Die Anhänger des Mercerismus verehren Wilbur. Einige halten ihn für einen Messias, einen Märtyrer oder sogar für ein höheres außerirdisches Wesen, das Empathie, Nächstenliebe und universelle Verbundenheit verkörpert. All das erleben die Gläubigen durch den Empathor – auch Einswerdungsbox beziehungsweise im Original Empathy Box genannt: ein kleines, schachtelartiges Gerät, das den Geist seiner Benutzer miteinander verbindet und sie zusammen Wilburs Aufstieg auf den Berg erleben lässt. Ein religiöses Gemeinschaftsritual. Jene, die besonders tief in dieser Erfahrung aufgehen und intensiv mitfühlen, können Verletzungen durch die virtuellen Steine davontragen oder sogar an den geteilten Schmerzen sterben. Eine Idee, die Philip K. Dick bereits vor Träumen Androiden von elektrischen Schafen? in der Kurzgeschichte The Little Black Box ausführte. Allerdings ist der Mercerismus ein Fabrikat – eine Erfindung. Genau das enthüllt Buster Friendly eines Tages in seiner Sendung.

 

Den vermeintlichen Religionsstifter Wilbur Mercer hat es so nie gegeben. Eine schattenhafte Gruppe einflussreicher Personen ließ Mercer und seine Geschichte für den Empathor inszenieren. Die Gründe dafür? Kennt keiner. Für die Inszenierung des 15 Minuten dauernden Aufstiegs auf den Berg wurde der arbeitslose, alkoholkranke und unbekannte Schauspieler Al Jarry aus Harmony, Indiana, angeheuert. Er kletterte in einem Studio auf einen künstlich errichteten Hügel und wurde mit Plastiksteinen beworfen. Das Blut, das ihm über Arme und Gesicht lief, war lediglich Ketchup, wie er einem Interviewteam von Buster Friendly erzählte, das ihn nach langer Recherche ausfindig gemacht hatte. Wer Al Jarry für diesen Schauspielauftrag engagierte, weiß er selbst nicht. Doch auch nach dieser Enthüllung besteht die Religion fort. Denn trotz allem machen ihre Anhänger religiöse Erfahrungen und finden Erfüllung im empathischen Massenerleben. Sogar Erscheinungen von Mercer gibt es. Ist Mercer vielleicht doch keine vollständige Lüge? Liegen Fiktion und Realität enger beieinander, wie es bei Philip K. Dick so oft der Fall ist?

 

Im Roman war es auch diese Erfahrung – das Verständnis, das es womöglich egal ist, ob Mercer echt ist oder nur Erfindung, so lange das Gefühl real ist –, durch die sich die Menschen von den Androiden respektive Replikanten abzugrenzen versuchten. Sie wurde damit zu einem Teil jener Ideologie, die künstliche Humanoide abwertete, weil sie angeblich nicht zu echter Empathie fähig sind. Genau darauf beruht auch der Voight-Kampff-Test: eine Reihe von Fragen, die emotionale Reaktionen hervorrufen sollen, welche sich in unwillkürlichen körperlichen Reaktionen wie den Augenbewegungen des Befragten ablesen lassen. Der Mercerismus war damit auch eine Bestätigung des eigenen Menschseins. Die Menschen hatten das Mitgefühl monopolisiert. Haben die Replikanten in Blade Runner 2099 die Religion vielleicht als Reaktion auf ihre eigene Natur für sich umgedeutet oder adaptiert? Die Präsenz von Buster Friendly deutet jedenfalls darauf hin, dass die Serie einen der zentralen Konflikte des Romans aufgreifen könnte: den Kampf darum, wer Empathie definiert – und ob ein künstlich erzeugtes Gefühl weniger wert ist als ein natürliches.

 

Die Cyberpunk-Dystopie aus dem Hause Amazon

 

Die größte Herausforderung für Blade Runner 2099 liegt aber womöglich nicht einmal in der Handlung, den Figuren oder den erwarteten großen Fragen. Sondern darin, dass die Serie ausgerechnet von Amazon kommt. Denn vieles aus dem Blade-Runner-Universum spiegelt sich auf geradezu absurde Weise in der heutigen Realität – und insbesondere in einem Technologie- und Versandkonzern wie Amazon. Denn Amazon selbst wirkt mit seinem enormen Marktwert, seiner weltweiten Präsenz, seinem technologischen und logistischen Fundament sowie seinem milliardenschweren Gründer, der nebenbei Raumfahrt- und KI-Unternehmen finanziert, beinahe wie ein Konzern aus einer Cyberpunk-Dystopie. Wie die Tyrell und Wallace Corporation aus den Filmen. Vielleicht macht gerade diese Reibung die Serie wiederum besonders reizvoll und interessant.

 

Gelingt es den Serienmachern – und haben sie den Mut dazu –, die Welt von Blade Runner 2099 gerade wegen oder trotz ihrer Natur als Amazon-Produktion unbequem sein zu lassen? Vielleicht klare Antworten zurückzuhalten und stattdessen Denkanstöße zum eigenen Nachdenken zu geben? Denn Blade Runner war immer dann besonders faszinierend und packend, wenn er keine sauberen Antworten lieferte, Figuren in Widersprüche zwang und sich weigerte, Situationen leicht verständlich aufzulösen. Daher braucht es wohl mehr als nur eine Verschwörungsgeschichte – sofern die Serie diese Stränge tatsächlich aufgreift – rund um Mercerismus, Buster Friendly und die neue Macht der Replikanten. Sie muss auch sich selbst und vielleicht sogar ihre eigenen Produktionsbedingungen infrage stellen. Gelingt das nicht, bleibt sie ausgerechnet das, wovor Blade Runner seit Jahrzehnten warnt: eine künstliche Reproduktion, die dem Original täuschend ähnlich sieht, aber nicht versteht, was es lebendig gemacht hat.

Michael Förtsch

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