28. August 2025
Warum der 35 Jahre alte Roman Jurassic Park perfekt zum KI-Hype passt

Dinosaurier werden zum Leben erweckt und in einen Erlebnispark gepackt, natürlich auf einer einsamen Insel. Dann geht alles schief und Menschen sterben. Die Story von Jurassic Park ist unkaputtbar, weshalb mit Jurassic World: Die Wiedergeburt derzeit die x-te Weitererzählung läuft. Fast vergessen ist der zugrundeliegende Roman von Michael Crichton. Zu Unrecht. Er passt perfekt zum heutigen KI-Hype.
Von Wolfgang Kerler
In einem Anflug von Nostalgie – und von penetranter Instagram-Werbung für eine schöne, aber sehr teure Edition des Romans getriggert – habe ich im Urlaub mal wieder Jurassic Park gelesen, erstmals erschienen vor 35 Jahren. In eineinhalb Tagen war ich durch. Denn der Thriller ist erstaunlich gut gealtert, noch besser als Steven Spielbergs Verfilmung von 1993, die an den Kinokassen alle Rekorde brach.
Die unterhaltsam eingeflochtenen Erklärungen zum Klonen von Dinosauriern mittels prähistorischer DNA oder zur Chaostheorie mögen heute teils wissenschaftlich überholt sein. Doch Nicht-Genetiker oder Nicht-Mathematikerinnen fällt das beim Lesen kaum auf. Für sie bleibt es interessant, fast futuristisch.
Vor allem aber bleibt Jurassic Park extrem spannend – ein echter Pageturner, selbst wenn man weiß, wie die Geschichte ausgeht. Oder meint, es zu wissen. Denn die Buchvorlage unterscheidet sich deutlich vom Film. Michael Crichton, der 2008 im Alter von 66 Jahren starb, galt nicht umsonst als Meister des Technothrillers und schrieb einen Bestseller nach dem anderen – einige davon erschienen und erscheinen auch posthum. Daher mein Fazit für alle, die nur hier sind, weil sie wissen wollen, ob sich das Buch noch lohnt: absolut. Vielleicht mehr als je zuvor.
Denn womit ich vor dem Lesen nicht gerechnet hatte, ist, wie aktuell sich Jurassic Park anfühlt. Nicht etwa, weil mit Collosal Biosciences ein Start-up tatsächlich daran arbeitet, ausgestorbene Arten durch Gentechnologie wieder zum Leben zu erwecken – und im eigenen Marketing sehr offensiv auf die Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zu Jurassic Park verweist.
Nein, Jurassic Park passt perfekt in unsere Zeit, weil die Dinosaurier wie eine Allegorie auf generative Künstliche Intelligenz wirken: eine beeindruckende, aber komplexe Erfindung, die mindestens einen Haken hat. Sie entwickelt ein Eigenleben, das von ihren smarten Machern nicht ganz durchschaut wird. Da allerdings Milliardenumsätze winken, wird sie dennoch auf die Menschheit losgelassen.
Wenn Wissenschaft zum Geschäft wird
Noch bevor im Prolog des Romans ein blutüberströmter Arbeiter per Hubschrauber in eine Krankenstation in Costa Rica gebracht wird – angeblich wurde er von einem Schaufelbagger mitgeschleift, in Wahrheit von einem Velociraptor aufgeschlitzt –, wird Michael Crichton grundsätzlich. Im Vorwort von Jurassic Park schreibt er über die aus seiner Sicht problematische Entwicklung der Wissenschaft.
„Nach Galilei hat die Naturwissenschaft vierhundert Jahre lang an der freien und offenen Erforschung der inneren Abläufe der Natur gearbeitet.“
Landesgrenzen, Politik, Geheimniskrämerei oder Patente. Nichts davon habe Wissenschaftler früher interessiert. Zum Wohle der Menschheit hätten sie geforscht – transparent und mit der notwendigen Distanz. Über Jahrhunderte. Doch das, so Crichton, habe sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts geändert.
Plötzlich seien wöchentlich neue Start-ups entstanden, gegründet von Wissenschaftlern, die sich mit dem Geld von Investoren ein Wettrennen um die beste Technologie lieferten. Forschung passierte schneller als je zuvor – allerdings „im Geheimen, überstürzt und im Dienste des Profits“.
Wer denkt dabei nicht an den aktuellen KI-Boom? OpenAI, Google und Meta wollen sich gegenseitig übertrumpfen, zahlen Unsummen für die besten KI-Forscher und Hochschulabsolventen, werden von Investoren und Aktionären mit Milliarden überschüttet. Sie versprechen KI zum Wohle der Menschheit, doch Einblicke in ihre Technologie gewähren sie lieber nicht.
„Plötzlich schien jeder reich werden zu wollen.“
Jurassic Park handelt auch vom Silicon Valley
Michael Crichton schrieb über den Boom der Biotechnologie in den 1980er-Jahren. Im Herbst 1990, als Jurassic Park erschien, war die Faszination für Molekularbiologie und Gentechnik ungebrochen, fast so wie heute für KI. „Biotechnologie verspricht die größte Revolution in der Geschichte der Menschheit“, heißt es im zweiten Absatz des Buches. Eine Prognose, die sicherlich etwas überzogen war. Doch Crichtons Warnung vor der übereilten Kommerzialisierung neuer Technologien ist zeitlos.
Das liegt auch daran, dass er die Risiken auf die beeindruckende, aber auch unheimliche Dynamik des Silicon Valleys zurückführte. Auf drei Seiten skizzierte er das damals bereits existierende Ökosystem aus Forschung und Wagniskapital, das Technologie-Start-ups in Weltkonzerne verwandeln kann – oft unreguliert von der Politik. Klar, dass InGen, das Unternehmen im Zentrum des Geschehens, seinen Sitz im Valley hat.
Junge Unternehmen, die im Stealth Mode, also im Verborgenen, an bahnbrechenden Produkten arbeiten. Der erbitterte Wettstreit um Talente, Rechenpower und Intellectual Property. Investoren, die Druck machen, wenn Erfolge auf sich warten lassen. Produktdemos, die schief laufen. Die Grundzutaten von Jurassic Park gehören bis heute zur Welt der Tech-Start-ups.
Das – in Verbindung mit Crichtons Stil, seine Fiktionen an den richtigen Stellen wie nüchterne Tatsachenberichte klingen zu lassen – sorgt für die Glaubwürdigkeit der Geschichte. Anders als andere Klassiker wie Neuromancer, die ebenfalls die Entwicklung des Silicon Valleys aufgriffen, spielt Jurassic Park eben nicht in einer dystopischen Science-Fiction-Welt mit eigenen Spielregeln, sondern in der Gegenwart.
Ob die deutsche Leserschaft 1990 bemerkte, dass es sich beim wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeld im Buch nicht um Fiktion handelte, ist schwer zu sagen. Das Wort Start-up aus dem Original schaffte es – mangels Geläufigkeit – jedenfalls nicht in die deutsche Erstausgabe mit dem missglückten Titel DinoPark. Stattdessen war von Unternehmen, „die wie Pilze aus dem Boden sprießen“, die Rede.
Der Tech-Milliardär ist nicht an allem schuld
Die heutige Obsession mit Tech-Milliardären wie Elon Musk, Mark Zuckerberg, Sam Altman oder Peter Thiel, deren Charaktere und Lebenswege von Journalisten, Serienmachern und Autoren seziert werden, um ihre finsteren Pläne aufzudecken, lag Michael Crichton fern. Persönlich finde ich das sehr wohltuend.
Wie der New Yorker vor einigen Monaten in einer Würdigung des Schriftstellers feststellte, verzichtete dieser aus gutem Grund auf Superschurken: „Wenn wir diese Techno-Dramen allein auf solche Figuren zuspitzen, reden wir uns ein, unsere Probleme mit Technologie entstünden nur durch problematische Menschen. Tatsächlich jedoch, wie Crichton erkannte, entgleiten Technologien ihren Schöpfern nur allzu oft.“
Klar, mit John Hammond, dem Gründer und Chef von InGen, treibt auch in Jurassic Park ein reicher, weil in der Vergangenheit sehr erfolgreicher Unternehmer die Entwicklung der Dinosaurier voran. Doch werden ihm weder geheime Weltherrschaftspläne noch politische Ideologien unterstellt. Sein Verhängnis ist der mangelnde Respekt gegenüber seiner eigenen Schöpfung, gepaart mit Hybris und Naivität. Noch kurz bevor er von kleinen Dinosauriern Stück für Stück aufgefressen wird, bleibt er siegessicher.
„Das nächste Mal würde er es besser machen.“
Hammond trägt ohne Zweifel die Verantwortung für die Geschehnisse auf Isla Nublar. Doch geht es Crichton weniger um Schuldzuweisung. Er möchte darauf hinweisen, dass komplexe Technologien, die der Mensch noch nicht völlig durchschaut, schwer zu kontrollieren sind. Schließlich leugnen die Macher des Parks nicht, dass Dinosaurier eine Gefahr darstellen.
Meterhohe Elektrozäune, vergitterte Fenster, eingebaute genetische Schwachstellen der Tiere, Notstromversorgung, Waffen – viel Geld fließt in die Sicherheit der Anlage. Doch genügen ein unzufriedener Mitarbeiter, ein Sturm, Parkbesucher, die sich anders verhalten als gedacht, und ein unvorhergesehener „Bug“ in den geklonten Wesen, um das tödliche Inferno zu entfachen.
„Wir haben uns eingeredet, dass plötzliche Veränderungen etwas sind, das außerhalb der normalen Ordnung der Dinge geschieht.“ – Ian Malcolm
Nun sind Velociraptoren, die sich wider Erwarten fortpflanzen können und überraschend intelligent in Rudeln auf Menschenjagd gehen, auf den ersten Blick furchteinflößender als KI-Chatbots, die Antworten erfinden. Doch befinden sich die Saurier auf einer kleinen Insel, während generative KI sofort auf Hunderte Millionen Menschen losgelassen wurde.
Manche Probleme hatte wohl kein der KI-Unternehmen antizipiert – oder zu spät ernst genommen: Ein junger Mensch, der von KI mutmaßlich zum Selbstmord aufgerufen wurde. Halluzinierte Falschinformationen, die lebende Personen diffamieren. Deepfake-Pornos, in die ungefragt Gesichter von Schauspielerinnen eingebaut werden. Die Liste ließe sich seitenweise fortsetzen.
Kein plumper Antikapitalismus, sondern eine Ermahnung

War Michael Crichton also ein Vorreiter der in Deutschland weit verbreiteten Technologie-Skepsis, gar ein Antikapitalist? Nein, dafür schwingt zu viel Begeisterung Wissenschaft, Technik, insbesondere Computer und Unternehmertum mit. Michael Crichtons Jurassic Park ist kein Anti-Technologie-Roman, sondern eine action- und lehrreiche Mahnung zur Demut. Er warnt davor, technologische Durchbrüche schneller zu vermarkten, als ihre Risiken verstanden werden.
Genau wie die Dinosaurier im Roman, sind heutige KI-Systeme faszinierend, mächtig, voller Versprechen – und gleichzeitig unberechenbar. Mit Guardrails, ausgefeilten Sicherheitsmechanismen und ethischen Standards zieht die KI-Industrie ihre „Elektrozäune“ hoch. Doch können sie je lückenlos sein?
Michael Crichtons Botschaft bleibt daher hochaktuell: Nur weil etwas technisch möglich ist, heißt das nicht, dass es sofort gemacht werden sollte. Die Welt ist chaotisch, weshalb Technologie eine Dynamik entfalten kann, die ihre Schöpfer nicht mehr kontrollieren können. Und vergangene Erfolge machen nicht unfehlbar.

Wolfgang Kerler
Chefredakteur
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Cooler Artikel!

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Kluger Artikel, und gut geschrieben. Aber paar Anmerkungen sind notwendig. Das eine ist Crichtons Idealisierung der "früheren" Wissenschaft, die der Autor nicht unkommentiert hätte zitieren sollen, das wirkt so, als ob man sich mit solchen Aussagen identifiziert. Inhaltlich hat Kommentator Axel Tiemann viel dazu gesagt, bliebe noch zu ergänzen, dass die Rede von "zum Wohle der Menschheit" schlicht eine Legitimationserzählung von WissenschaftlerInnen ist, die sehr modern ist, da sie voraussetzt, dass jemand überhaupt ein Konzept von "Menschheit" hat und sich auch noch damit identifiziert. Das ist erst etwa im 19. Jh. so langsam aufgekommen, davor haben sich Menschen mit Horden, Stämmen, Häuptlingsreichen, Imperien oder Nationalstaaten identifiziert. Wissenschaft fand und findet überwiegend noch heute im Dienste des eigenen Staates statt - von dem man ja auch ernährt wurde und wird ;) Für wen hat wohl Leonardo da Vinci seine Kriegsmaschinen entworfen? Oder die europäischen Geographen, die im 19. Jahrhundert ausschwärmten, um die Welt für ihre Kolonialstaaten zu erkunden und zu vermessen? Oder die Chemiker wie Fritz Haber, die Kampfgase für den 1. Weltkrieg entwickelten? Wissenschaft war und ist schon immer in unterschiedlichem Ausmaß von Karriereinteressen und staatlichen Interessen mit bestimmt. -- Die zweite Anmerkung ist noch wichtiger, weil sie den Kern des Artikels berührt: Die Warnung vor überheblichem Vertrauen in die eigene Fähigkeit, die Folgen der selbstgeschaffenen Technik zu überblicken, ist sehr viel älter als Crichtons durchaus verdienstvolle Variante. Siehe z.B. Mary Shelleys Frankenstein - und sogar die antike griechische Sage von Ikarus kann so interpretiert werden, der mit den Flügeln, die sein Vater konstruierte, "unsachgemäß" umging und abstürzte. Vermutlich ist diese Warnung so alt wie die Technik selbst: wenn ein Feuer dem Kochen dienen oder einen Waldbrand entfachen kann, ein Messer sowohl Brot schneiden als auch Menschen töten kann, dann hat es vermutlich auch von Anfang an Menschen gegeben, die davor gewarnt haben. Unsere Vorfahren waren ja nicht dumm, denen darf man grundsätzlich einiges zutrauen, wie z.B. die Technikgeschichte lehrt. Solche historischen Kontinuitäten herauszuarbeiten ist elementar - erst sie erlauben es uns, das zu identifizieren, was wirklich neu ist an den historischen Phasen, die wir selbst erleben.
So ganz uneigennützig haben die Forscher in früheren Zeiten nicht gearbeitet – das zeigt ein kritischer Blick in die Geschichte der Wissenschaft. Reputationskämpfe waren da durchaus nicht selten. Besonders, wenn es um weltanschauliche Grundsatzfragen ging, kochten die Gemüter hoch. Giordano Bruno wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt und die Sache mit Galilei ist ja bekannt. Ausschließlich zum Wohle der Menschheit hätte man in alter Zeit geforscht – hier irrte der Meister des Technothrillers!
In Zeiten von KI kann eine Hinwendung “zum Wohle der Menschheit“ allerdings gar nicht schnell genug kommen. Schon beim “Stromkrieg“ zwischen Westinghouse und Edison ging es neben der Reputation auch um handfeste wirtschaftliche Interessen, die mit unglaublichen Mensch und Tier verachtenden Demonstrationsexperimenten durchzusetzen versucht wurden. Im aktuellen KI Wettbewerb der Tech Giganten ist die ökonomische Dimension noch deutlich dominanter geworden. Ob und wie digitale Technologien sozial verträglich in eine Gesellschaft implantiert werden können, wird im Realexperiment in Echtzeit ausprobiert. Ob es da Kollateralschäden gibt?
Wie schön war doch die Zeit, als es noch utopische science fiction gab, die hoffen ließ:
“The acquisition of wealth is no longer the driving force in our lives. We work to better ourselves and the rest of humanity.”
Capt. Jean-Luc Picard – Star-Trek-First-Contact – 1996