10. Januar 2020
Warum Außerirdische höchstwahrscheinlich superintelligente Roboter sind

Sind wir allein im Weltraum? Viele Forscher glauben, dass dem nicht so ist. Aber gefunden haben wir außerirdische Lebensformen trotzdem noch nicht – vor allem keine, die über Intelligenz verfügen. Sollten wir aber irgendwann auf sie stoßen, könnten diese ganz anders sein als wir bisher dachten. Denn höchstwahrscheinlich sind intelligente Aliens künstliche Lebensformen, die auf eine Art und Weise denken, die wir uns nicht einmal vorstellen können.
Von Michael Förtsch
Das Universum ist riesig. Seine Ausmaße sind unvorstellbar. Daher scheint die Annahme, dass wir die einzigen intelligenten Wesen darin sind, fast schon anmaßend. Selbst viele Wissenschaftler sind heute überzeugt, dass es schon aus statistischer Sicht irgendwo anders Leben geben müsste, das denken kann. Aber wie dieses Leben ausschauen könnte, darüber hat bislang allen voran die Science Fiction gebrütet. In der Kult-Serie Akte-X und dem Steven-Spielberg-Streifen Unheimliche Begegnung der dritten Art sind Außerirdische kleine Wesen mit großen Augen und grauer Haut. In Arrival zeigen sich die extrasolaren Besucher als Oktopus-artige Giganten. Geht es jedoch nach der Philosophin und Kognitionswissenschaftlerin Susan Schneider dürfte die Wahrheit noch weitaus faszinierender sein.
„Es ist nicht bewiesen, dass da draußen Leben ist“, sagt Schneider im Gespräch mit 1E9. „Aber ich hoffe darauf. Ich glaube, es gibt Grund zum Optimismus.“ Die Philosophin sollte wissen, wovon sie redet. Denn sie arbeitet an der University of Connecticut, berät den US-Kongress beim Thema Künstliche Intelligenz, hat Thesen über au ßerirdisches Leben für die NASA zusammengetragen und ist zudem die Vorsitzende des Astrobiologieprogramms der Library of Congress, der Bibliothek des US-Kongresses. Das meiste Leben im All, meint Schneider, „wird sicher mikroskopisch sein und sich nie auf ein intelligentes Level entwickeln“. Allerdings könnte so manche Lebensform in den Weiten des Alls „durchaus eine Intelligenz entwickelt haben.“
WARUM IST SUPER-KI EINE GEFAHR?

Künstliche Superintelligenzen könnten die ältesten Lebensformen im Kosmos sein, glaubt Susan Schneider. Aber sie könnten auch die gefährlichsten Wesen sein. Denn ihre Ziele könnten die Menschen als Störfaktor ihrer Mission identifizieren. „Es gibt dieses eine Beispiel: Eine Künstliche Superintelligenz wird entwickelt, um Büroklammern zu bauen“, sagt Susan Schneider. „Wenn das ihr oberstes Ziel wäre, würde sie das tun, bis alle Ressourcen der Erde verbraucht sind und dann nach Wegen suchen, weitere Ressourcen ausfindig zu machen, um weitere Büroklammern zu fabrizieren. Für die Menschen würde das nicht gut ausgehen.“

Daher warnt Susan Schneider auch in ihren Buch Artificial You: AI and the Future of Your Mind vor einem allzu leichtfertigen Umgang mit der Entwicklung Künstlicher Intelligenz. Insbesondere argumentiert sie dagegen, sich mit Künstlichen Intelligenzen zu verknüpfen. Denn diese könnte dadurch mehr Kontrolle über uns als wir über sie erlangen. Der Mensch könnte sich der KI dadurch Untertan machen – und seine Menschlichkeit riskieren. Zwar wären Künstliche Intelligenzen keineswegs böse , meint Schneider, aber ein Werkzeug, das schnell zur Gefahr werden kann, wenn es allzu bedenkenlos genutzt wird.
Und auch, dass wir irgendwann mal auf dieses Leben treffen könnten, sei im Bereich des Möglichen – zumindest, wenn wir nicht vorher aussterben. Wer sich diese Wesen bildlich ausmalen will, sollte aber keine Science-Fiction-Filme schauen, sondern Smartphones, Laptops oder Rechenzentren als Inspiration nehmen. Laut Schneider sei nämlich die plausibelste Annahme, dass außerirdische Wesen, die mit uns in Kontakt treten könnten, „post-biologisch“ sind. Das heißt: Es werden wohl Maschinenkreaturen mit einem digitalen Verstand sein.
Warum Aliens ihren Körper zurücklassen
Die Vorstellung von außerirdischen Roboterwesen oder Drohnen-Raumschiffen mit einem künstlichen Gehirn klingt zunächst bizarr. Doch sie sei ziemlich logisch, argumentiert Susan Schneider. Die Philosophin bezieht sich bei ihrer Argumentation auf den NASA-Wissenschaftler Steven Dick. Der hatte die Theorie des Short Window of Observation aufgestellt und ist überzeugt, dass eine Zivilisation, die die Technologie entwickelt, in das Weltall vorzudringen und den Kosmos zu erforschen, nur noch wenige Jahrhunderte von der Technik entfernt ist, die es ihr erlaubt, ihren biologischen Körper abzulegen – indem sie sich zunächst in eine semi-synthetische – also Cyborg-artige – und dann in eine voll-synthetische Lebensform verwandelt.
„Eine solche außerirdische Zivilisation wird also einen biologischen Ursprung gehabt haben – genau wie wir“, sagt Schneider. „Aber sie wird sich selbst auf eine neue Form upgraden .“ Wieso? Ganz einfach: Biologische Körper und vor allem Gehirne sind ineffektiv. Insbesondere für eine Spezies, die das All erobern möchte. Sie sind anfällig für Krankheiten, Verletzungen, Kälte, Strahlung und das Alter. Sie sind in ihren Fähigkeiten limitiert – und eben einfach nicht für Reisen durch den Kosmos gemacht. „Eine andere Spezies könnte durchaus robuster und langlebiger sein als wir – aber dennoch: Im kosmischen Maßstab können selbst 400 oder 1.000 Jahre echt kurz sein“, erklärt Schneider. „Eine neue Hülle zu schaffen, die besser und länger funktioniert und damit effektiver ist, ist einfach vernünftig.“
Außerdem ließe sich ein synthetischer Körper, der dem ursprünglichen biologischen Körper nicht mal mehr gleichen muss, für neue Herausforderungen anpassen. Genau wie sich Smartphones mit Apps ausstatten lassen, um bestimmte Funktionen zu erfüllen. Oder so wie Autos für den Rennsport oder Offroad-Einsätze umgerüstet werden. Die synthetischen Körper von Aliens könnten die Ausmaße einer Teetasse haben, die auf Erkundungstour durch das Universum rauschen oder aber so groß sein wie ein ganzer Planet. „Es hinge ganz und gar davon ab, was diese Spezies will und was sie vorhat“, sagt Schneider. „Eine solche Zivilisation und ihre Mitglieder könnten in allen erdenklichen Formen existieren.“
Die wohl „fortschrittlichsten und intelligentesten Zivilisationen im All“, nimmt Schneider jedoch an, würden aber vollends Künstliche Intelligenzen sein. Intelligente Lebensformen also, die sich nicht aus oder gemeinsam mit einer biologischen Lebensform entwickelt haben. „Eigentlich ist es sogar so, dass, wenn überhaupt technologisches intelligentes Leben existiert, es wohl eine Künstliche Intelligenz sein wird“, meint Schneider. Das wären beispielsweise Künstliche Intelligenzen, die einst von einer Rasse geschaffen, ins All geschickt wurden und dort eine Evolution durchlebt haben.
Oder es wären Künstliche Intelligenzen, deren Schöpfer sich selbst ausgelöscht haben oder bei einer Katastrophe umkamen, bevor sich diese mit ihren digitalen Kreationen verschmelzen konnten. Geht es nach Denkern wie Stephen Hawking, Eric Drexler und Nick Bostrom, liegt es in der Natur technologisch progressiver Zivilisationen, dass sie instabil werden und sich selbst zerstören. Sei es, indem sie ihren Planeten unbewohnbar machen, sich in Kriegen zerreiben oder durch schwer kontrollierbare Technologien wie Nanoroboter und auch Künstliche Intelligenzen ihr eigenes Ende besiegeln.
„[Die KIs] haben sich dann parallel oder anstatt dieser biologischen Spezies entwickelt, die ihre Entwicklung angestoßen hat“, sagt Schneider. Diese Künstlichen Intelligenzen könnten nach menschlichen Maßstäben schon uralt sein – nicht nur Hunderttausende, sondern Millionen von Jahren – und über Technologien verfügen, „die für uns wie reine Magie erscheinen“. Ihre Zivilisationen – in welcher Form auch immer – könnten ganze Galaxien überspannen. „Eine Künstliche Intelligenz könnte sich problemlos und in gigantischem Tempo replizieren und ausdehnen“, meint Schneider. „Sie könnte sich einfach kopieren, in neue Hüllen hoch- und runterladen.“
,,Eine Superintelligenz denkt nicht nur schneller, sondern auch weiter. Sie kann Probleme kreativer, effizienter lösen und Faktoren mit einberechnen, an die wir niemals denken würden.
Nicht nur intelligent, sondern superintelligent
Nicht nur könnten Aliens gänzlich anders aussehen und funktionieren als wir. Sie könnten auch in einer Art und Weise denken, die wir nicht erfassen können. Denn wenn da draußen Aliens sind, die leben und uns begegnen könnten, dann würde es sich laut Schneider nicht nur um Computer-artige Lebensformen handeln, sondern welche die auch mit einer Superintelligenz ausgestattet sind. „Ich meine damit eine zumindest zum Teil künstliche Intelligenz, die so weit entwickelt ist, dass sie den Verstand und die Denkfähigkeiten eines Menschen in jedwedem Feld weithin überflügelt“, sagt Schneider. „Eine Superintelligenz denkt nicht nur schneller, sondern auch weiter. Sie kann Probleme kreativer, effizienter lösen und Faktoren mit einberechnen, an die wir niemals denken würden.“
Der Grund für die Superintelligenz sei die technologische Singularität. Eine fortschrittliche Rasse kommt, gemäß dieser These, unweigerlich an einem Punkt, an dem sie Künstlichen Intelligenzen erschafft, die schneller und besser arbeiten als die klügsten Vertreter ihrer Spezies. Fortan würden Entwicklungen und Denkarbeiten durch die biologischen Erschaffer überflüssig – weil die Künstlichen Intelligenzen das Ruder übernehmen. Der logische Schritt, um als Schöpferspezies nicht hinter den Denkmaschinen zurückzufallen, ist, sich mit diesen zu vereinen. „Ich glaube nicht, dass das sehr klug ist“, sagt Schneider. „Aber ich denke, dass Gesellschaften das tun werden.“ Nämlich über Hirn-Computer-Schnittstellen, Nanoroboter im Gehirn oder eben letztlich die Digitalisierung und Transfusion des biologischen Verstandes in einen Kunstkörper.
Wie und auf welche Weise eine solche Superintelligenz dann denkt, das lässt sich noch nicht wirklich sagen. „Denn wir sprechen hier über eine Art zu denken, die wir wahrscheinlich nicht verstehen können“, sagt Schneider. „Wir können nur versuchen, uns dem Komplex anzunähern. Wir können spekulieren.“ Dabei verweist Schneider auf das Buch Superintelligenz vom Philosophen Nick Bostrom, der durch seine Simulationsthese bekannt wurde. Der glaubt, dass eine Superintelligenz beispielsweise rein auf das Erreichen von definierten Zielen und Unterzielen – wie der Selbsterhaltung, der Selbsterweiterung oder dem Sammeln von Wissen – getrieben sein könnte.
