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23. Juni 2026

W Social: Europas X-Alternative wirft so manche Frage auf


Das Social Network W Social soll eine unabhängige europäische Alternative zu X werden – sicherer, offener und stärker an europäischen Regeln und Werten orientiert. Allerdings fordert es von Nutzern einen Ausweis, basiert auf der Infrastruktur von Bluesky und scheint nicht so europäisch zu sein, wie die Macher es versprechen. Auch die Unterstützung durch EU-Institutionen und Politiker wirft Fragen auf.


Von Michael Förtsch

 

Die weltweite Social-Media-Landschaft wird von US-amerikanischen Diensten dominiert. Doch wegen der zunehmenden politischen Spannungen zwischen den USA und ihren europäischen Partnern wächst auch in diesem Bereich der Wunsch nach mehr Souveränität – und nach konkurrenzfähigen europäischen Alternativen, die nach europäischen Regeln spielen und europäische Werte hochhalten. Genau auf diese Hoffnung zahlt das gerade erst in den Testbetrieb gestartete W Social ein, das als Gegenentwurf zum Elon-Musk-Dienst X – ehemals Twitter – beschrieben wird. Beworben wird das kommerzielle Social-Media-Projekt unter anderem durch die Europäische Kommission, die dort inzwischen einen Account hat. Auf dem offiziellen X-Kanal der Kommission wird W Social als „independent social media network – based in Europe and aiming for open, safer online conversations“ beschrieben.

 

Erreicht werden sollen diese „sicheren Onlinekonversationen“ dadurch, dass sich jeder Nutzer als Mensch authentifizieren muss. Nicht anonym oder pseudonym, sondern mittels eines Ausweisdokuments beziehungsweise Reisepasses. Auch eine Telefonnummer, eine E-Mail-Adresse, das Geburtsdatum und ein Selfie werden bei der Kontoerstellung verlangt. Laut W Social werden diese Daten von einer als „separate legal entity“ beschriebenen Firma mit eigener DSGVO-Verantwortung verarbeitet. W Social erhalte nach eigener Darstellung nur eine aus den Daten generierte W-Identity-Kennung, das Passland und das Geburtsjahr. Dadurch solle verhindert werden, dass dieselbe Person mehrere Accounts anlegen kann. Wer möchte, könne nach der ID-Bestätigung trotzdem unter einem Pseudonym posten. Auch könnten Behörden die Identität eines Nutzers nicht rückverfolgen, berichtet etwa ZDFheute. Denn die Ausweis- und Personendaten würden nicht langfristig gespeichert.

 

Allerdings: Wie sich schnell zeigt, ist diese „separate legal entity“ kein unabhängiger Drittanbieter, sondern W Identity AB. Das ist ein Dienst, der nach eigener Beschreibung „eine dezentrale, datenschutzfreundliche Identitäts-App“ entwickelt. Diese Firma ist tatsächlich eine von W Social AB, der Firma hinter W Social, getrennte juristische Person. Aber sie ist an derselben Adresse wie W Social in Stockholm beheimatet. Außerdem teilen sich die beiden Firmen die Gründer Anna Zeiter und Lars Rentzhog als Geschäftsführerin und Verwaltungsratsvorsitzenden – wenn auch jeweils in umgekehrter Position. Wie stark die Trennung der beiden Firmen also wirklich ist, ist durchaus fraglich.

 

Dazu kommt: Zwar könnte W Social die Identität eines Nutzers nach eigener Darstellung nicht rückverfolgen. Laut Datenschutzerklärung würde W Identity AB aber personenbezogene Daten durchaus offenlegen, wenn es durch „rechtliche Verpflichtung, Gerichtsbeschluss oder bindende Behördenanfrage“ dazu gezwungen sei. Ebenso heißt es: „Wir können personenbezogene Daten auch weitergeben, wenn dies zur Geltendmachung, Ausübung oder Abwehr von Rechtsansprüchen erforderlich ist.“ Grundsätzlich wolle W Identity AB personenbezogene Daten möglichst schnell löschen. Bei erfolgreicher automatischer Prüfung etwa spätestens nach einer Minute, bei manueller Prüfung bis zu 14 Tage.

 

Zugleich heißt es, personenbezogene Daten würden „so lange, wie es für die in dieser Datenschutzerklärung beschriebenen Zwecke erforderlich ist“ aufbewahrt. Die W-Social-Mitgründerin Anna Zeiter gab im Gespräch mit dem Podcast Haken dran wiederum auch an, „den Nutzern die Daten zurückgeben“ zu wollen. „Das heißt, wir arbeiten an einer Technologie, dass die Nutzer die Daten auf ihrem Device haben. Ich will diese ganzen Identifikationsdaten überhaupt gar nicht haben!“ Noch sei das aber nicht so weit. Hier muss man also dem Wort der Verantwortlichen vertrauen.

 

Der Netzpolitik.org-Autor Markus Reuter fragt allerdings, „warum wir ausgerechnet einem profitorientierten schwedischen Start-up glauben sollen, es besser zu machen als die etablierten Twitter-Alternativen Mastodon, Bluesky oder auch Eurosky“.

 

Wie eigenständig ist W Social wirklich?

 

Neben der EU-Kommission begrüßte auch Hamburgs Beauftragter für Datenschutz, Thomas Fuchs, das soziale Netzwerk aus Schweden. Denn es verspricht europäische Server und mehr Unabhängigkeit von US-Diensten und Netzwerken. „Alles, was europäische Souveränität stärkt, ist gut für die digitale Zukunft“, sagt er. Ebenso sei W Social eine „Microblogging-Plattform, die in Europa programmiert“ sei, wie ZDFheute weiter berichtet. Beobachtungen erster Nutzer und IT-kundiger Kritiker wecken jedoch Zweifel daran, wie eigenständig W Social technisch tatsächlich ist.

 

Denn die technische Basis für W Social ist das AT-Protokoll. Dieses ist die freie Grundlage des dezentralen sozialen Netzwerks Bluesky, das einst aus einem Forschungsprojekt von Twitter aus der Zeit vor Elon Musk hervorging. W Social ist damit keine abgeschlossene und vollständig eigenständige Plattform, sondern ein Dienst innerhalb eines viel größeren und stetig wachsenden Netzwerks. Heißt: Bluesky- und Eurosky-Nutzer können Nutzer von W Social anschreiben, ihnen folgen und ihre Posts sehen, liken und reposten. Das ist eigentlich kein Makel. Es ist auch kein Fakt, der verleugnet wird. Aber offensiv beworben wird die föderierte Natur von W Social ebenfalls nicht. Auf der offiziellen Website findet sich dieser Hinweis lediglich in einem Unterpunkt des FAQ-Bereichs.

 

„So wie es aussieht, gehen alle Posts, die man in W Social abschickt, mindestens einmal über die Bluesky-Server“, sagt X-Nutzer Peter Meyer. Er habe ein Interesse an der Plattform entwickelt, habe mehr über deren Aufbau erfahren wollen und sich gewundert, als er sah, dass Nachrichten aus seiner eigenen AT-Protocol-Umgebung auch für Nutzer von W Social sichtbar waren. Nach seinem Verständnis schreiben W-Social-Nutzer ihre Posts zwar zunächst auf einem sogenannten Personal Data Server – also einem Server, der die Nutzerdaten der W-Social-Instanz enthält. Anschließend würden sie aber über die Infrastruktur von Bluesky in das Netzwerk entsendet. Die entsprechenden Bluesky-Adressen seien fest in der App von W Social verankert.

 

W Social bilde also nicht wirklich einen eigenständigen W-Social-Feed ab, sondern den Feed von Bluesky. Es sei eine Eingangstür in das große AT-Netzwerk. Mehr nicht. Abgesehen davon, dass sich die zentralen Nutzerdaten auf einem Server in Europa befinden, gäbe es daher gegenüber dem eigentlichen Bluesky-Netzwerk eigentlich keinen echten Vorteil. Insbesondere da auch das von einer Non-Profit-Organisation geführte Projekt Eurosky seine Nutzerdaten in der EU hält.


Wem gehört W Social?

 

Das Social Network W Social wird von der W Social AB mit Sitz in Stockholm betrieben. Anders als vielfach im Internet behauptet, ist W Social kein von der EU finanziertes Projekt, sondern ein privat finanziertes Social-Media-Start-up. Einer der größten bekannten Anteilseigner ist das schwedische Climate-Media-Unternehmen We Don’t Have Time, das von Ingmar Rentzhog gegründet wurde. Dieses hält 25 Prozent. Weitere Anteile halten vorwiegend Investoren aus dem skandinavischen Raum, unter anderem aus dem Umfeld von Spotify und Ericsson.

 

Auch die von W Social bereitgestellte App ist nach Einschätzung von Peter Meyer und IT-kundigen Kritikern lediglich eine leichte Anpassung der Open-Source-Bluesky-App, die jeder frei herunterladen und verändern kann. „Da ist kein Stück an Eigeninitiative reingeflossen. Die haben sich das Repo von GitHub geschnappt und etwas dran rumgebastelt, um es auf W Social zu biegen“, sagt ein IT-Entwickler gegenüber 1E9, der namentlich nicht genannt werden möchte. „Die paar Anpassungen, die es gibt, da hat man sich auch keine Mühe gegeben. Da wurde meiner Meinung nach weder viel Zeit noch viel Geld investiert.“

 

Viel politische Unterstützung, wenig sichtbare Nutzung

 

Doch nicht nur das soziale Netzwerk selbst wirft Fragen auf. Auch die Konstellation der Unterstützer und Befürworter ist bemerkenswert. Dabei handelt es sich um einen engen und gut vernetzten Personenkreis. Zu den Beratern von W Social gehören t-online.de zufolge: der frühere Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler Philipp Rösler, die frühere Club-of-Rome-Präsidentin Sandrine Dixson-Declève sowie Cristina Caffarra von der EuroStack-Initiative. Personen also mit erheblichem politischem, wirtschaftlichem und digitalpolitischem Gewicht.


Neben der EU-Kommission haben mittlerweile auch die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, die Europäische Zentralbank und weitere Institutionen ein W-Social-Konto – das in einigen Fällen offenbar ein bisheriges Bluesky-Konto ersetzt, wie die italienische Filmemacherin Elena Rossini beobachtet hat. Insbesondere da W Social erst gestartet ist, sich noch nicht als Netzwerk etabliert hat, ist das ein auffälliger Schritt. Wie es dazu kam und was die Motivation dahinter war, bleibt bisher unklar.

 

So sehr W Social derzeit mit dem Rückenwind europäischer Institutionen als Souveränitätsprojekt beworben wird, so überschaubar ist bisher der sichtbare Erfolg. Angeblich stünden 50.000 Personen aus 180 Ländern auf der Warteliste, heißt es von W Social. Echte Nutzerzahlen veröffentlicht die Firma bislang nicht. Über öffentliche AT-Protocol-Verzeichnisse lässt sich jedoch der von W Social genutzte Personal Data Server pds.wsocial.network beobachten. Je nach Zählweise sind dort derzeit zwischen 1.800 und 2.400 Konten registriert. Das sind keine offiziell bestätigten Nutzerzahlen und auch nicht zwingend aktive Nutzer. Für ein Projekt, das bereits von EU-Institutionen aufgegriffen wird, wirkt diese Größenordnung bislang eher bescheiden.


Michael Förtsch

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