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29. September 2026

Verlieren die amerikanischen KI-Unternehmen gerade das Rennen um das Vertrauen der Kunden


Die USA wollen das globale KI-Wettrennen gewinnen. Aber während sie beim Lauf um die technologische Spitze voranpreschen, drohen sie ein anderes Rennen zu verlieren: das um das Vertrauen ihrer Nutzer, Unternehmen und Verbündeten. Skandale, politische Eingriffe und die wachsende Abhängigkeit von wenigen US-Anbietern lassen den Widerstand gegen OpenAI, Anthropic und Google wachsen. Davon profitieren chinesische KI-Anbieter.


Von Michael Förtsch


Es werden immer mehr „Vorfälle“. Erst hackten entfleuchte KI-Agenten von OpenAI die KI-Entwicklungsplattform Hugging Face. Dann musste Anthropic eingestehen, dass auch seine Modelle während Tests ungewollt ins Internet gelangten und dort die Server mehrerer Organisationen infiltrierten. Google musste ebenfalls einen solchen Vorfall mit seinen Gemini-Modellen einräumen. Und weitere Nachforschungen fördern inzwischen immer neue Kompromittierungen zutage – betroffen waren Regierungswebsites, Universitäten und selbst ChatGPT-Nutzer. Die Chefs von Anthropic, OpenAI und selbst von SpaceXAI, Dario Amodei, Sam Altman und Elon Musk, haben mittlerweile selbst eine Entschleunigung der KI-Entwicklung gefordert – zugunsten von mehr Sicherheit und Sorgfalt bei der Entwicklung der größeren und fähiger werdenden Modelle.

 

Ob und wie es wirklich dazu kommen wird, scheinen die CEOs der Milliardenunternehmen aber nicht selbst entscheiden zu wollen. Gleichgültig, wie real und groß die Gefahr durch Künstliche Intelligenz auch sein mag. Die Entschleunigung, das sogenannte pacing, soll nur kommen, wenn auch China bremst. Denn KI-Firmen der Volksrepublik schließen immer stärker auf und bringen nicht nur stetig leistungsfähigere, sondern vor allem frei nutzbare Open-Weight-Modelle auf den Markt, die jeder herunterladen und auf eigener Hardware laufen lassen kann. Die USA wähnen sich daher in einem Wettrennen mit China um technologische Überlegenheit und das Setzen globaler Standards. Aber auch darum, zuerst eine Allgemeine Künstliche Intelligenz zu erschaffen. Noch fixierter auf dieses Rennen als die Unternehmen scheint die US-Regierung selbst. Nicht umsonst hat sie ihren AI Action Plan mit „Winning the Race“ überschrieben und versucht, China durch Exportkontrollen zu bremsen.

 

US-Präsident Donald Trump hat Forderungen nach einer Verlangsamung der KI-Entwicklung daher sogar abgeschmettert und mögliche Gefahren als Unsinn abgetan. Was die US-Techfirmen und die US-Regierung womöglich übersehen: Sie versuchen angestrengt ein Rennen zu gewinnen und drohen dabei ein anderes zu verlieren: um das Vertrauen darauf, dass die amerikanischen KI-Studios ihre Technologie verantwortungsvoll entwickeln – und Washington sie verantwortungsvoll reguliert und seine technologische Vormachtstellung nicht missbraucht.

 

Wer bestimmt die Regeln?

 

Selbst dort, wo der Ruf nach einer Bremse für die KI-Entwicklung Anklang findet, werden die vorgebrachten Beweggründe angezweifelt. Sicher geht es dabei auch um mehr Sicherheit und mehr Zeit für die Evaluierung der Modelle. Doch manche sehen einen möglichen Slowdown zugleich als nützliches Instrument für die US-KI-Unternehmen, um die Kosten für die immer teurer werdende Forschung, Entwicklung und Bereitstellung der Modelle zu deckeln. OpenAI selbst rechnet trotz steigender Umsätze bis zum Ende des Jahrzehnts mit „negativem Cashflow“ von rund 280 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig wächst der Preisdruck durch die günstigen oder sogar kostenfreien chinesischen Modelle. Neue Modelle wie Kimi K3 oder GLM 5.3 reichen in ihren Fähigkeiten an die proprietären Systeme der US-Frontier-Studios heran – und drohen die Geschäftsmodelle von OpenAI und Co. zu untergraben.

 

Für die US-Studios könnte eine globale Bremse deshalb äußerst gelegen kommen. Sie könnten ihren technologischen Vorsprung auf diese Weise konservieren und Ressourcen darauf verwenden, ihre Systeme zu optimieren, die KI-Nutzung zu vergünstigen und mehr Kunden an ihre Dienste zu binden. Eben jenen Verdacht äußern insbesondere Konkurrenten außerhalb der USA. Der französische KI-Entwickler Mistral wirft den nach einem AI-Pacing rufenden US-Unternehmen vor, den Moment zu nutzen, um ihre Marktposition zu festigen und Regulierung zu ihren Gunsten zu gestalten. Noch drastischer formulierte es Tao He, Forschungschef beim chinesischen KI-Start-up MiniMax: „Gestern lautete die Mission noch AGI. Heute wird uns gesagt, wir sollen einen Gang runterschalten.“ Und weiter: „Warum dürft ihr immer das Spiel bestimmen und die Regeln ändern?“ In einem Kommentar der staatsnahen Global Times wurde die Forderung der US-Studios sogar als Taktik aus einem „Cold War playbook“ bezeichnet.

 

Und wenn es zu einer Übereinkunft über eine Verlangsamung der KI-Entwicklung käme: Wer könnte sicherstellen – und wie –, dass das vereinbarte Tempo eingehalten wird; dass Sicherheit und Evaluierung der Modelle priorisiert werden und keiner der Beteiligten heimlich versucht, sich einen Vorsprung zu erarbeiten oder einen bestehenden auszubauen? Auf die Selbstkontrolle der KI-Firmen allein wäre wohl kaum Verlass. Nationale Behörden wiederum dürften von der Gegenseite kaum als neutrale Kontrolleure akzeptiert werden. Vor allem nachdem die US-Regierung immer wieder mit Nachdruck die Wichtigkeit betont hat, bei Künstlicher Intelligenz eine Führungsposition einzunehmen und zu halten.

 

Wenn Misstrauen in Widerstand kippt

 

Das Misstrauen gegenüber den US-KI-Firmen und der amerikanischen KI-Strategie beschränkt sich längst nicht mehr nur auf ausländische Konkurrenten und Regierungen. Selbst die US-Amerikaner vertrauen ihren eigenen Frontier-Labs kaum: Laut einer Erhebung des Pew Research Center haben 59 Prozent „wenig oder gar kein Vertrauen“ darin, dass US-Unternehmen Künstliche Intelligenz verantwortungsvoll entwickeln und einsetzen. Sogar 67 Prozent haben „wenig oder gar kein Vertrauen“ darin, dass die US-Regierung die Technologie wirksam regulieren kann. In einer Reuters-Ipsos-Umfrage gaben 73 Prozent an, eine sichere und verantwortungsvolle KI-Entwicklung höher zu gewichten als die globale Wettbewerbsfähigkeit der USA. Nur 23 Prozent setzen Letztere an erste Stelle. Auch außerhalb der USA ist das Vertrauen begrenzt. In zwölf von Pew befragten Ländern trauten im Median nur 35 Prozent den USA zu, KI effektiv zu regulieren.

 

Der Vertrauenskonflikt endet aber nicht bei den Modellen. Der KI-Boom braucht Rechenzentren, Strom und Wasser – und damit die Unterstützung von Gemeinden, in denen neue Rechenzentren entstehen sollen. Immer wieder entzündet sich der Streit daran, auf welche Weise solche Projekte durchgesetzt werden. Bürgerinitiativen in den USA beklagen intransparente Genehmigungsverfahren, Verschwiegenheitsvereinbarungen und unzureichende oder irreführende Angaben zu Energie- und Wasserbedarf. Anwohner fürchten steigende Stromrechnungen, Lärmbelästigung und Umweltprobleme. Und sind die erst da, werden sie damit oft alleine gelassen. Viele Gemeinden wehren sich deshalb aktiv gegen neue Rechenzentren von Meta, OpenAI, Microsoft oder auch deren Partnern wie Oracle. Allein an einem einzigen Tag im Juli 2026 fanden 142 Protestaktionen gegen geplante und bereits im Bau befindliche Rechenzentren in 42 US-Bundesstaaten statt.


 

Der Widerstand richtet sich inzwischen auch gegen die Unternehmen selbst. Ebenfalls im Juli marschierten rund 200 Demonstranten in San Francisco von den Büros von OpenAIs zu Anthropic und weiter zu Google DeepMind. Sie protestierten gegen die ungebremste Entwicklung und forderten einen Stopp des KI-Wettrennens. Im September kam es erneut zu Protesten, bei denen Mitarbeiter der KI-Unternehmen sogar zur Kündigung aufgerufen wurden und die Ausrufung eines „KI-Notstands“ gefordert wurde. Auch in anderen Ländern gab es solche Demonstrationen. Unter anderem in London, wo mehr als 300 Menschen von den dortigen Büros von OpenAI zu Google und weiter zu Meta wanderten. Im September demonstrierten 20 Menschen der Initiative PauseAI vor dem Brandenburger Tor in Berlin.

 

Noch handelt es sich dabei um überschaubare und überwiegend friedliche Protestbewegungen. Experten sehen jedoch eine wachsende Radikalisierung und auch zunehmende Gewaltbereitschaft an ihren Rändern. In einzelnen Fällen ist die Ablehnung sogar bereits in Gewalt umgeschlagen. Im April dieses Jahres warf ein 20-Jähriger einen Molotowcocktail auf das Haus von OpenAI-Chef Sam Altman in San Francisco. Dabei wurde keiner verletzt. Das Wall Street Journal berichtete wenig später von Drohungen gegen Mitarbeiter und Führungskräfte von OpenAI, Anthropic und anderen Technologieunternehmen. Auch ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke im Südwesten Berlins wurde in einem Bekennerschreiben unter anderem mit dem wachsenden Stromhunger von KI-Rechenzentren begründet.

 

Vertrauen als Geschäftsgrundlage

 

Für die US-Frontier-Studios könnte eine zunächst weniger spektakuläre Folge mangelnden Vertrauens deutlich dramatischer ausfallen: Kunden stimmen mit der Brieftasche ab. Als Anthropic sich zu Beginn des Jahres weigerte, auf Forderungen des US-Verteidigungsministeriums einzugehen, wurde das Unternehmen dafür von vielen Nutzern gefeiert. Als OpenAI kurz darauf einen eigenen Militärvertrag schloss, deinstallierten Tausende die ChatGPT-App von ihren Smartphones und hinterließen Ein-Stern-Bewertungen. Wie leichtfertig OpenAI das Vertrauen der Nutzer gefährdet, zeigt das gerade erst bekannt gewordene Projekt Lily. Unter diesem Namen lässt die KI-Firma Hunderte Menschen echte Unterhaltungen von ChatGPT-Nutzern lesen und bewerten, um die Antworten ihrer Modelle zu optimieren. Die Chats werden zwar anonymisiert und persönliche Angaben angeblich herausgefiltert. Dennoch finden sich in den Chats weiterhin sensible und intime Informationen. Google hat ein ähnliches Verfahren öffentlich gemacht. Die von Google für eine Prüfung ausgewählten Chats können bis zu drei Jahre gespeichert bleiben, selbst wenn der Nutzer seine Gemini-Aktivitäten löscht.

 

Nicht weniger irritierend ist das Verhalten von Anthropic, das sich gerne als verantwortungsvollere und vertrauenswürdigere Alternative zu OpenAI inszeniert. Wie bekannt wurde, setzt das Unternehmen eine Software ein, mit der Protestaktionen rund um seine Niederlassungen und gegen Führungskräfte erkannt werden sollen. „Auffälliges Verhalten“ von Einzelpersonen wird über einen internen „person-of-interest process“ verfolgt. Anthropic suchte zudem Mitarbeiter für ein Sicherheitsteam, das globale Bedrohungen identifizieren, verfolgen und untersuchen soll – zu denen auch „Aktivismus“ gezählt wird. Das heißt nicht, dass Anthropic friedliche KI-Kritiker pauschal ausspioniert. Aber statt Kritik und Widerstand mit vertrauensschaffenden Maßnahmen zu begegnen, wird hier vonseiten eines der größten KI-Unternehmen eine gesellschaftliche Bewegung offenbar als Gefahr identifiziert, die es verdient, kontrolliert zu werden.

 

Weniger brisant, aber umso nerviger für viele Nutzer ist, wie wenig Verlass auf die langfristige Stabilität der Dienste der Frontier-Studios ist. OpenAI, Anthropic und Google stellen regelmäßig ältere Modelle ein und ersetzen sie durch neue. Oft mit kurzer oder auch mal ganz ohne Vorwarnung oder Zeit, um sich umzustellen. Vor allem für jene, die bestimmte Modelle in eigene Programme oder Workflows integriert haben, kann das frustrieren und teuer werden. Bestes Beispiel: Als GPT-5 freigeschaltet wurde, wurde GPT-4o für alle ChatGPT-Nutzer einfach abgeschaltet. Erst nach heftigen Protesten wurde es zeitweise wieder reaktiviert. Ebenso verändern die Anbieter fortlaufend System-Prompts, Sicherheitseinstellungen, Antwortverhalten oder auch die Intensität und Dauer, mit denen Modelle über ein Problem grübeln dürfen.


 

Von einem Tag auf den anderen können GPT-, Claude- oder Gemini-Modelle deshalb Fragen anders beantworten, zuvor unproblematische Anfragen verweigern oder bei identischen Prompts andere Ergebnisse liefern. Vor allem Entwickler beklagen zudem oft, dass Modelle in den Wochen nach ihrer Freischaltung dümmer würden, weil die KI-Entwickler an der Rechenzeit sparen wollen. Ob das so stimmt, lässt sich nur bedingt belegen. Entscheidend ist: Der Kunde hat über solche Veränderungen keine Kontrolle. Er kauft einen Zugang zu einem Werkzeug, aber nicht das Werkzeug selbst. Daher kann der Hersteller es verändern, beschränken oder abschalten. Geschieht das willkürlich, intransparent oder macht immer wieder Probleme, geht das Vertrauen verloren und treibt Nutzer zur Konkurrenz.

 

Souveränität statt Abhängigkeit

 

Auch bei Gewerbe- und Industriekunden wächst das Misstrauen. Besonders deutlich wurde das im Juni, als die US-Regierung Anthropic anwies, seine neuen Modelle Fable 5 und Mythos für ausländische Staatsangehörige zu sperren. Als Reaktion darauf nahm das Unternehmen beide Modelle zunächst für alle Kunden offline. Fable 5 war zu diesem Zeitpunkt Anthropics leistungsfähigstes allgemein verfügbares Modell und Mythos 5 besonders auf Programmierung und Cybersecurity spezialisiert. Erst kurz zuvor hatte Anthropic den Zugang für Mythos auf Organisationen wie Banken, Software-Entwickler und andere außerhalb der USA ausgeweitet, um ihre digitale Infrastruktur auf Schwachstellen zu prüfen und gegen mögliche Angriffe zu härten. Von einem Tag auf den anderen war der Zugang durch die Sperre aber wieder weg. Wäre eine solche Technologie bereits zentral in eigene Prozesse integriert, wäre das fatal gewesen. Und: Eine solche Abschaltung könnte sowohl gegen Unternehmen als auch Regierungen als politisches Druckmittel eingesetzt werden.

 

Das hat Unternehmen wie Siemens, Renault und Orange dazu gebracht, sich nicht mehr ausschließlich auf US-KIs zu verlassen. Stattdessen kombinieren sie heute amerikanische, europäische und chinesische Modelle. Wo möglich, laufen diese auf eigener oder kontrollierbarer Infrastruktur. Das ist etwa mit Modellen von DeepSeek oder Alibabas Qwen möglich. Diese Strategie, die nicht nur in Europa, sondern mittlerweile weltweit stattfindet, trifft die Geschäftsmodelle von OpenAI, Anthropic und Google im Kern. Sie wollen nicht nur ihre Modelle verkaufen. Ihre Modelle sollen zur Basisschicht der Arbeit anderer Unternehmen werden – und Kunden damit nahezu abhängig von ihnen machen.

 

Doch je zentraler diese Systeme werden, desto mehr Vertrauen müssen Kunden in sie haben. Genau das ist das Wettrennen, das die US-Unternehmen und die US-Regierung zu verlieren drohen, während sie sich auf den Wettlauf um die technologische Spitze konzentrieren.

 

Aber genau in diesem Rennen entscheidet sich auch, ob OpenAI, Anthropic und Google tatsächlich zur globalen Infrastruktur werden können – oder ob Unternehmen und Staaten ihre Abhängigkeit von ihnen bewusst begrenzen. Dabei muss China das Vertrauenswettrennen womöglich gar nicht gewinnen. Es kann bereits davon profitieren, wenn die USA das Vertrauen ihrer Nutzer, ihrer Firmenkunden und anderer Staaten verlieren. Die freien Modelle aus der Volksrepublik werden immer beliebter – sei es auf eigener Infrastruktur oder über datensparsame Dienste wie OpenRouter. Vor allem, weil sie die Abhängigkeit von US-Anbietern reduzieren, die ihre Preise anziehen, immer mehr Daten sammeln wollen, immer wieder mit großen und kleinen Skandalen auffallen. DeepSeek, Qwen und andere Modelle erscheinen als die souveränere Wahl. Nicht weil China und seine KI-Unternehmen vertrauenswürdiger erscheinen. Sondern weil Unternehmen und Nutzer China weniger vertrauen müssen.

Michael Förtsch

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