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20. Mai 2026

Tötet Google das Internet – und sich selbst?


Bei seiner Hausmesse I/O hat Google neben neuen KI-Tools auch eine starke Veränderung seiner Suchmaschine angekündigt. Die klassischen Suchergebnisse mit Links zu Websites mit den Quellinformationen sollen demnach weniger wichtig werden. Stattdessen sollen die Nutzer in einem neuen KI-Suchfeld arbeiten, das sie nicht mehr verlassen müssen. Für den Rest des Internets könnte das katastrophal sein – und letztlich auch für Google selbst.

 

Von Michael Förtsch

 

Als Google vor fast 30 Jahren startete, machte es das Internet zugänglicher. Besser als bisherige Dienste ließ die Suchmaschine Internetnutzer das finden, was sie suchten.  Seitdem hat sich die Art und Weise, wie die Google-Suche technisch funktioniert, zwar dramatisch verändert. Aber wie die Ergebnisse präsentiert werden, ist im Kern gleich geblieben: als Ergebnisliste mit blauen Links, die zu jenen Websites führen, auf denen die gesuchten Inhalte liegen. Als Google vor zwei Jahren die sogenannten AI Overviews – oder KI-Zusammenfassungen beziehungsweise Übersichten mit KI – und vor einem Jahr den KI-Modus als Teil seiner Suche einführte, war daher die Kritik groß. Denn damit bekamen Nutzer plötzlich eine KI-generierte Antwort auf ihre Anfrage präsentiert, die zwar das Wissen von den Websites aus den Suchergebnissen nutzt, aber die Nutzer nicht mehr durch prominente Links dorthin weiterleitet. Seien es nun private Blogs, Foren oder die Online-Präsenzen von Nachrichtenagenturen, Magazinen und Zeitungen.

 

Der Grund für die Kritik? Wenn Google die Nutzer nicht mehr zu den Quellen weiterleitet, gefährdet das Such- und Werbeunternehmen die Geschäftsmodelle, die Sichtbarkeit und die eigenständige Funktionalität der Websites. Wenn keine Besucher mehr auf die Seiten kommen, wie sollen die Betreiber dann durch Werbeanzeigen Geld verdienen, Besucher von einem Abo überzeugen, zum Abonnieren eines Newsletters bewegen? Zwar versuchte Google nach der Kritik zu beschwichtigen und die Quellen sichtbarer zu machen. Ebenso behauptete Google, die Gesamtzahl organischer Klicks sei stabil, die Klicks sogar hochwertiger, aber die Folgen der KI-Zusammenfassungen waren schwer zu ignorieren. Laut aktuellen Studien sind die Klicks zur Quelle einer Information durch AI Overviews um über 50 Prozent gefallen. Beim KI-Modus bleiben über 90 Prozent der Suchen ohne einen Klick raus aus Google. Diese Zahlen könnten nun durch weitere KI-getriebene Veränderungen an der Google-Suche noch extremer werden.

 

 

Denn auf seiner Entwicklerkonferenz I/O hat Google gerade eine radikale Neuausrichtung seiner Suchmaschine vorgestellt. Die klassischen Links soll es weiterhin geben, aber sie sollen deutlich weniger Priorität genießen. Stattdessen soll eine runderneuerte Suchbox ins Zentrum rücken und die Nutzer nach einer Suche direkt in einen KI-gestützten Dialog ziehen soll. Innerhalb dieses Dialogs sollen KI-Agenten nach Informationen im Netz suchen und dauerhafte Suchaufträge eingerichtet werden können. Außerdem sollen die Gemini-KI-Modelle ad hoc kleine Programme erstellen, die komplexe Sachverhalte erklär- und erfahrbar machen. Diese Neuerungen sollen nach und integriert werden. Die ersten Schritte hat Google aber bereits unternommen. Denn schon jetzt haben die KI-Übersichten ein Textfeld bekommen, das Nutzer zum Stellen von Nachfragen einlädt – und sie dabei direkt in den KI-Modus bringt, der die klassische Suche komplett ausblendet.

 

Der aufgekündigte Tauschhandel

 

Viele Medienunternehmen, aber auch Betreiber von Websites, Wikis, Foren oder Blogs fürchten dadurch das Eintreten von Google Zero. Also einen Zustand, in dem Google praktisch keine Besucher mehr zu den eigentlichen Quellen sendet, sondern die Nutzer mit KI-generierten Antworten auf der eigenen Plattform hält. Genau das, wofür die neue Google-KI-Suchbox konstruiert scheint. Die Nutzer hätten dann keinen Grund mehr, Google zu verlassen und die ursprüngliche Quelle der Informationen zu konsultieren. Denn alles, was sie wissen wollen, wird direkt durch die Google-KI-Maschinerie aus dem Internet gesaugt, aufbereitet und personalisiert präsentiert. Damit kündigt Google eine seit Jahrzehnten geltende stillschweigende Vereinbarung auf: Website-Betreiber lassen Google ihre Inhalte durchsuchen, indexieren und in den Suchergebnissen neben für Google lukrativen Werbeanzeigen präsentieren. Google schickt den Betreibern im Gegenzug Nutzer, wodurch sie ihr Geschäft mit eigenen Werbeanzeigen oder Abo-Mitgliedschaften finanzieren können.

 

Natürlich war der Tauschhandel zwischen Google und dem Internet nie explizit so formuliert oder sonderlich transparent. Auch fair war er nicht immer und schon gar nicht frei von Eigeninteressen auf beiden Seiten. Aber Google bringt ihn mit seinem aggressiven Push hin zu einer KI-gesteuerten Antwortmaschine nun gänzlich aus dem Gleichgewicht. Der Mega-Konzern aus Mountain View behandelt die Betreiber der Milliarden von Websites im Internet nicht mehr als Partner, sondern als unbezahlte Rohstofflieferanten. Google kommt, nimmt sich, was es braucht, verarbeitet es durch seine KI-Modelle und präsentiert das Ergebnis in der eigenen Oberfläche. Natürlich ist das für die Nutzer oft bequem und komfortabel, aber es ist nicht nachhaltig – und für das Internet als Idee womöglich verheerend.

 

Der Lieferstreik des Web?

 

Die Frage, die sich stellt, ist ziemlich einfach: Was passiert mit dem Internet, wenn kaum noch jemand aus dem Google-Suchfeld heraus auf eine Website geht? Wieso sollten die Betreiber von Websites ihre Inhalte noch crawlen lassen, wenn Google seinen Teil der Vereinbarung nicht mehr einlöst? – sich eher wie ein Raubritter verhält, der Websites plündert, aber nichts zurückgibt? Warum Google nicht aussperren, wenn es ohnehin keinen Nutzen mehr bringt? Nicht als koordinierte Revolte, sondern als Summe rationaler Einzelentscheidungen. Warum sollte ein Verlag teure Recherchen finanzieren, wenn die durch Monate journalistischer Arbeit aufgedeckten Informationen am Ende in einer Google-Zusammenfassung statt auf der eigenen aufwendig gestalteten Feature-Seite gelesen werden? Oder warum eigentlich noch weitermachen, wenn es sich wirtschaftlich nicht mehr rechnet?

 

Warum sollten Warhammer-Nerds ihr über Jahre zusammengetragenes Wissen in einem Hunderte Seiten langen Wiki aufbereiten, wenn dessen obskure Informationen für Millionen Leute sichtbar halb falsch zusammenhalluziniert im KI-Modus verarbeitet werden, aber niemand mehr zum Mitarbeiten am Wiki vorbeikommt? Warum sollten Blogger weiterhin über ihr Leben, ihre Hobbys und ihre Fachgebiete schreiben, wenn die Aufmerksamkeit letztlich bei Google hängen bleibt und niemand mehr einen Kommentar oder ein Lob hinterlässt? Die Motive, die Ambition und der Drang nach Austausch und Sichtbarkeit, die das Internet so großartig machten, würden langsam erodieren. Natürlich wird das nicht von heute auf morgen passieren. Aber langfristig könnten zahlreiche Websites eingehen, ihre Betreiber sie verlassen und andere sich letztlich entscheiden, gegenüber Google in einen Lieferstreik zu treten.

 

Verkümmert das offene Internet und werden Barrieren gegen die Suchmaschinen-Crawler hochgezogen, wäre das tragisch. Aber vor allem wäre es für Google selbst fatal – und wohl gefährlicher als jede Konkurrenz. Denn eine Suchmaschine – auch eine, die vor allem durch KI getrieben ist – ist ohne ein lebendiges, durchsuchbares Web keine Suchmaschine mehr, sondern ein Archiv mit Chatfenster. Bricht auch nur ein Teil der Millionen von Websites weg, die heute das Internet mit Nachrichten, Meldungen, Analysen, Meinungen, Belanglosigkeiten und Daten füttern, wird die Google-Suche ärmer und schlechter. Oder eher noch schlechter, als sie nach Meinung nicht weniger Nutzer in den vergangenen Jahren ohnehin schon geworden ist. Denn Google ist letztlich auf stetigen Nachschub angewiesen. Auf neue Informationen. Auf neue Erfahrungen. Auf neue Texte. Auf neue Daten. Auf Menschen, die Dinge beobachten, testen, recherchieren, dokumentieren und veröffentlichen.

 

Michael Förtsch

Michael Förtsch

Leitender Redakteur

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