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9. September 2026

China zeigt, was bei der Energiewende möglich ist – und was schiefgehen kann


China treibt den Ausbau erneuerbarer Energien in rasantem Tempo und gewaltigen Dimensionen voran – und beschränkt sich längst nicht mehr darauf, bestehende Technologien möglichst günstig zu produzieren. Von effizienteren Solarzellen über riesige Speicher bis zu experimentellen Windkraftanlagen zeigt sich zunehmend ein eigener Innovations- und Forschungsdrang. Doch dieses Tempo hat auch eine Kehrseite.


Von Michael Förtsch


Die Szenerie ist beeindruckend, fast wie aus einem Science-Fiction-Film: In der Wüstengegend von Hami in der chinesischen Provinz Xinjiang am Fuße des Tianshan erstreckt sich die derzeit weltgrößte kombinierte Anlage aus Photovoltaik und Solarthermie. Das Photovoltaikfeld bringt zusammen 900 Megawatt an Leistung. Dazu kommt das angebundene Solarthermie-Kraftwerk mit einer Leistung von 100 Megawatt. Dieses besteht aus 260.000 Spiegeln, die Tageslicht bündeln und flüssiges Salz in speziellen Röhren auf bis zu 550 Grad Celsius erhitzen. Die im Salz gespeicherte Wärme erzeugt nachts Dampf, der eine Turbine antreibt. Dadurch kann der 100-Megawatt-Solarthermieblock auch bis zu acht Stunden nach Sonnenuntergang noch Strom liefern – wenn die 900 Megawatt Photovoltaik schlafen. Diese bereits 2023 begonnene Megaanlage ist nicht nur ein Zeichen dafür, wie aggressiv und in welchen riesigen Dimensionen die Volksrepublik auf erneuerbare Energien setzt. Es zeigt auch, dass China keineswegs nur europäische und amerikanische Solartechnologie nachbaut. Die nachhaltigen Energieerzeugungsmethoden sind vielmehr ein essentieller Teil seines neuen wirtschaftlichen Selbstverständnisses.


 

Die Ambitionen von China sind dabei so hochgesteckt, dass das gewaltige Hami-Projekt in Summe geradezu verschwindend klein ausfällt. Alleine 2025 installierte China rund 370 Gigawatt an neuer Photovoltaik und 117 Gigawatt an Windkraft. Die gesamte EU kam im gleichen Jahr lediglich auf knapp 85 Gigawatt neu installierter erneuerbarer Kapazität. Wobei China auch stark aufholen muss, um seine ökologischen Ziele zu erreichen. Denn während die EU 2025 bereits 47,3 Prozent ihres erzeugten Stroms aus erneuerbaren Energien bezog, stammten in China immer noch 55 Prozent aus dreckiger Kohle – im ersten Halbjahr 2026 sank dieser Anteil erstmals auf 49,7 Prozent. Das unterstreicht die Rasanz der Energiewende nur noch. Mit seinen Cleantech-Ambitionen schaffte China nicht nur einen technologischen und energetischen Wandel. Es baut auch einen riesigen Markt rund um Sonnen- und Windenergie, Wasserkraft, Speicher und Batterien, Wechselrichter und Netztechnik. Und damit auch einen Kreislauf, in dem diese Technologien zu einem definierenden Wirtschafts- und auch Kulturfaktor werden.

 

„Einheit von Mensch und Natur“

 

Zumindest laut der chinesischen Führung geht der industrielle Push bei Solar-, Windkraft-, Wasserkraft und Energiespeichern über reine Energiepolitik hinaus. In Peking wurde das Ziel ausgerufen, China mittels einer gesamtnationalen Kraftanstrengung zu einer „ökologischen Zivilisation“ zu transformieren. Die „Einheit von Mensch und Natur“ wird dabei als Leitbild der chinesischen Modernisierung hochgehalten. Wobei die Kommunistische Partei gezielt traditionelle Vorstellungen von einer nicht aufzubrechenden Harmonie zwischen menschlicher Entwicklung und natürlicher Ordnung bemüht. Nachhaltigkeit und ökologische Technologie werden als spirituelle Verpflichtung propagiert. Außerdem erklärte Peking den grünen Umbau in seinem 2025 veröffentlichten Weißbuch zur Klimastrategie zu einer nationalen wie geopolitischen Notwendigkeit. Erneuerbare Energien seien unumgänglich, um dauerhaft Wohlstand und Fortschritt zu schaffen und China technologisch, wirtschaftlich und industriell an die Spitze zu führen.

 

Der einstige Öko-Tech-Vorreiter Europa wird dadurch mittlerweile von China abgehängt. Selbst wenn Europa dabei der eigentliche Pionier ist. Ein gutes Beispiel dafür ist die 2013 von Forschern des Fraunhofer ISE in Freiburg entwickelte Siliziumsolarzellenarchitektur namens TOPCon. Bei dieser verhindert eine hauchdünne Oxidschicht auf der Rückseite der Zellen, dass ein Teil der erzeugten elektrischen Energie durch Rekombinationsverluste verlorengeht. Eine scheinbar minimale Optimierung, die den Wirkungsgrad von Siliziumsolarzellen jedoch deutlich steigern kann. Die Technik brauchte im Westen einige Jahre, um den Sprung vom Konzept in die industrielle Produktion zu schaffen. Als ihre Tauglichkeit bewiesen war, baute China in den frühen 2020er-Jahren rasant gewaltige Produktionskapazitäten auf. Die Produktion von TOPCon-Zellen hat dadurch jene der bisherigen Solarzellen abgelöst – und eine deutsche technologische Innovation für die Volksrepublik in ein Milliardengeschäft verwandelt. Heute ist TOPCon dadurch die dominierende Architektur industriell produzierter Siliziumsolarzellen.

 

China erfindet jetzt selbst

 

Mittlerweile erfindet und innoviert China aber zunehmend selbst. Erst im Juli 2026 hat der chinesische Solarkonzern LONGi eine Perowskit-Silizium-Tandemzelle vorgestellt, die einen Wirkungsgrad von 35,5 Prozent erreicht. Heißt: Die chinesische Zelle setzt unter idealen Bedingungen über 35 Prozent der auf ihre Oberfläche fallenden Sonnenenergie in elektrischen Strom um – ein Ergebnis, das auch unabhängig bestätigt wurde. Ein immenser Leistungssprung und Weltrekord. Zum Vergleich: Der Wirkungsgrad klassischer Siliziummodule liegt bei 22,7 Prozent. Noch befindet sich die LONGi-Zelle im Laborstadium. Doch das Unternehmen hat bereits Module mit bis zu 31,4 Prozent Wirkungsgrad zertifizieren lassen und plant eine erste Produktionslinie. Gelingt der Schritt in die Serienfertigung, könnten Photovoltaikparks mit solchen Modulen auf gleicher Fläche deutlich mehr Strom erzeugen. Das könnte für die Planer jener Kraftwerke ein starkes Argument sein, auf die Paneele des chinesischen Unternehmens zu setzen statt auf die eines anderen Solarkonzerns – sei er aus Europa, Nordamerika oder China –, dessen Solarmodule weniger Leistung liefern.

 

Aber nicht nur bei der Sonnenenergie zeigt sich China zunehmend innovativ – und ambitioniert. Erst in diesem Jahr testete das Windkraftunternehmen Beijing Linyi Yunchuan Energy Technology in Yibin in der Provinz Sichuan den Prototyp eines schwebenden Windkraftwerks. Das S2000 Stratosphere Airborne Wind Energy System ist ein mit Helium gefülltes Fluggerät von rund 60 Metern Länge sowie 40 Metern Breite und Höhe. In einem großen Luftkanal sitzen zwölf Rotoren, die von den starken Höhenwinden angetrieben werden. Die angepeilte Leistung? Laut den Entwicklern bis zu drei Megawatt. Nach Angaben chinesischer Medien ist es das weltweit erste fliegende Windkraftsystem der Megawattklasse. Der Prototyp stieg bei einem Test am 5. Januar 2026 auf bis zu 2.000 Meter Höhe – und erzeugte dabei 385 Kilowattstunden, die mittels Kabel zum Erdboden geleitet wurden. Solche fliegenden Windräder könnten vor allem in wenig besiedelten und schwer zugänglichen Gegenden schweben. Für den S2000 sowie geplante kleinere und größere Varianten hat die Firma bereits Aufträge eingesammelt. Und erst im August 2026 stieg mit dem S4000 bereits ein Nachfolgerprototyp in 4.000 Metern Höhe.

 

Experimente im großen Maßstab

 

Daneben versammeln sich mittlerweile dutzende weitere Beispiele, die sich nicht nur auf einzelne Unternehmen oder Technologien beschränken. Quer durch alle Bereiche der erneuerbaren Energien wird in China experimentiert, skaliert und nach neuen Lösungen für zum Teil sehr spezifische Probleme geforscht – und mit Nachdruck versucht, diese dann rasch in einen industriellen Maßstab zu überführen.

 

Das Elektronik- und Windkraftunternehmen Dongfang Electric etwa installierte 2025 in Dongying in der Provinz Shandong einen 26-Megawatt-Windkraftprototypen. Dessen Rotorblätter haben eine Länge von 153 Metern, der Rotordurchmesser beträgt mehr als 310 Meter. Damit hält die Anlage derzeit die Weltrekorde für die höchste Leistung und den größten Rotordurchmesser einer installierten einzelnen Windturbine. Der für den Offshore-Einsatz entwickelte Prototyp steht bislang allerdings an Land auf einem Testgelände.

 

Zum Jahreswechsel 2025/26 ging in Xinjiang eine Vanadium-Redox-Flow-Batterie mit 200 Megawatt Leistung und einer Speicherkapazität von einer Gigawattstunde in Betrieb, die unter anderem Strom aus einem lokalen Solarprojekt speichert. Bei diesen Batterien wird die Energie in Tanks mit flüssigen Elektrolyten gespeichert. Vanadium-Redox-Flow-Batterien sind sperrig, aber auch langlebig und vergleichsweise einfach zu warten.

 

Kein neues Konzept, aber in diesem Maßstab bislang das größte ist ein Druckluftspeicherkraftwerk, das seit Anfang 2026 in Huai'an vollständig in Betrieb ist. Hier wird mit riesigen Kompressoren Luft unter großem Druck in ehemalige unterirdische Salzlagerstätten gepresst. Die beim Komprimieren entstehende Wärme wird ebenfalls gespeichert. Wird später Strom benötigt, werden Ventile geöffnet. Die Luft wird dadurch entspannt, mit der gespeicherten Wärme erhitzt und treibt Turbinen an. Die Anlage kommt auf 600 Megawatt Leistung, eine Speicherkapazität von 2.400 Megawattstunden und einen Wirkungsgrad von rund 71 Prozent.


 

Neu ist eine in China entwickelte Variante zur Nutzung tiefer Erdwärme mit sogenannten Super-long Gravity Heat Pipes. In Taiyuan wurden dafür zwei Wärmerohre mit 2.020 beziehungsweise 2.180 Meter in den Boden eingelassen. In diesen ist Wasser, das in heißen Tiefen verdampft und die Hitze nach oben bringt. Dort wird sie abgegriffen. Zusammen mit einer Wärmepumpe kann die Anlage rund ein Megawatt Wärmeleistung liefern. In Xiong'an erprobten chinesische Forscher das Konzept inzwischen sogar mit einem 4.149 Meter langen, mit Ammoniak gefüllten Rohr. Dieses liefert dauerhaft mehr als ein Megawatt Wärme und trieb in einem Versuch sogar einen kleinen Stromgenerator mit rund sieben Kilowatt Leistung an.

 

Bereits 2016 veröffentlichten chinesische Forscher ein Konzept für Solarzellen, die zusätzlich Regentropfen nutzen können, um elektrischen Strom zu erzeugen. Dabei wurde unter anderem mit Graphenschichten experimentiert. 2018 folgte ein anderer chinesischer Ansatz, bei dem eine Siliziumsolarzelle mit einem triboelektrischen Nanogenerator kombiniert wurde. Die zusätzliche Leistung ist zwar winzig im Vergleich zum normalen Solarstrom, aber die Idee trotzdem innovativ. Kommerziell umgesetzt wurde das Konzept nicht, aber es wird weiter daran geforscht. Denn solche Paneele könnten zumindest bei Regen genug Leistung liefern, um beispielsweise Steuerelektronik zu speisen.

 

Seit 2023 arbeitet vor der Küste von Zhuhai in Guangdong ein vom Guangzhou Institute of Energy Conversion entwickeltes Wellenenergiekraftwerk. Die rund 6.000 Tonnen schwere, 80 Meter lange und 88 Meter breite Dreieckskonstruktion besitzt zehn sogenannte Absorber, die sich mit den Wellen bewegen und dadurch über ein hydraulisches System Generatoren antreiben. Nankun ist für eine Leistung von bis zu einem Megawatt ausgelegt. In einem 20-tägigen Seetest erzeugte die Anlage insgesamt 89.852 Kilowattstunden. Am bislang stärksten Produktionstag waren es 9.850 Kilowattstunden, die höchste gemessene Leistung lag bei knapp 465 Kilowatt.

 

China dominiert die Lieferketten

 

Die chinesische Forschung und Industrie ist dabei längst nicht nur in China selbst aktiv und präsent. Im Jahr 2025 besetzten chinesische Firmen die ersten sechs Plätze der globalen Rangliste der Windturbinenhersteller – und waren für rund 78 Prozent der weltweit neu installierten Windkraftleistung verantwortlich. Zwar dominieren außerhalb Chinas weiterhin westliche Hersteller wie Vestas und Siemens Gamesa, aber sie verlieren zunehmend Boden. Im Solarbereich ist China sogar noch dominanter. In der InfoLink-Rangliste der größten Modulhersteller 2025 sind elf der zwölf gelisteten Unternehmen chinesisch, angeführt von JinkoSolar und LONGi. Einzige formale Ausnahme? Canadian Solar. Wobei auch dessen wichtigste Produktionstochter CSI Solar in China sitzt. Mehr als 80 Prozent der weltweiten Produktionskapazität für Solarmodule befinden sich heute in China. Bei den Siliziumwafern sind es sogar rund 95 Prozent. Bei Batterie- und Speichertechnologie ist das Bild ähnlich.

 

Dabei treiben sich Dominanz und zunehmender Innovations- und Forschungsdrang gegenseitig an. In China entstand durch Beschlüsse aus Peking zunächst ein gigantischer Heimatmarkt für Solar-, Windkraft- und Speichersysteme. Dabei griff die chinesische Industrie anfangs auf westliche Technologie, importierte Produktionsanlagen und Know-how zurück. Aber mit enormen Produktionsmengen wuchsen eigene praktische Erfahrung, Erkenntnisse zur Steigerung der Produktionseffizienz, Reduzierung von Ausschuss, Einsparung von Material, dadurch günstigere Preise – die die chinesischen Produkte international enorm attraktiv machten. Gleichzeitig entwickelten sie grundlegende Möglichkeiten, mit finanziellem Aufwand eigene Forschung und Entwicklung zu betreiben, zu innovieren und zu experimentieren.

 

Eine Industrie, die Jahr für Jahr Solarmodule, Turbinen und Batterien fertigt und installiert, entdeckt zwangsläufig, wo sich Material sparen, Wirkungsgrade steigern oder Produktionsschritte automatisieren lassen. Die industrielle Größe von China ist also selbst ein Innovationsfaktor – und die Erzählung über die „chinesischen Billignachbauten“ mittlerweile ziemlich überholt. Genau hier liegt das Problem von Europa. Zwar forscht und entwickelt die EU auf höchstem Niveau; leistet Grundlagenforschung und Innovation bei Solar, Windkraft, Materialwissenschaften und Speichertechnologien. Aber es fehlen die Kapazitäten zur breiten und vor allem erschwinglichen Industrialisierung dieser Ideen.

 

Die Kehrseite des chinesischen Tempos

 

Das chinesische System hat jedoch eine Kehrseite. Denn die massive Skalierung vor allem bei Solarproduzenten hat zuletzt zu einer massiven Überproduktion geführt. Gleichzeitig ist der chinesische Solarausbau 2026 deutlich eingebrochen. Wurden im ersten Halbjahr 2025 noch rund 212 Gigawatt an Solarkapazität im Land ausgebaut, waren es dieses Jahr nur rund 72 Gigawatt.  Grund war dabei auch eine Reform des chinesischen Strommarktes, dem viele Bauherren von Solarprojekten zuvorkommen wollten. Die Solarmodulproduzenten JinkoSolar und JA Solar sitzen daher auf riesigen Beständen, wie das Handelsblatt meldet. Sie schreiben Hunderte Millionen Euro Verlust. Die großen chinesischen Solarunternehmen führen daher jetzt auch untereinander einen aggressiven Preiskrieg statt nur gegen ihre globalen Konkurrenten. Das hat die chinesische Regierung alarmiert. Diese versucht mit neuen Regulierungen ineffiziente Produktionskapazitäten zu begrenzen und nationale Preiskämpfe zu dämpfen. Bis diese Maßnahmen erste Wirkungen zeigen, dürften Monate vergehen.

 

Aber nicht nur die Unternehmen der erneuerbaren Energien trifft es derzeit. In vielen Regionen von China wurden mit schnellem Tempo riesige Solar- und Windkraftwerke aufgebaut. Jedoch fehlen teilweise Speicher und belastbare Netze, um den Strom vollständig aufzunehmen. Laut einer von Reuters zitierten Berechnung von Global Energy Monitor und CREA konnten alleine im ersten Halbjahr 2026 rund 26,1 Prozent des potenziell möglichen Wind- und Solarstroms nicht genutzt werden – etwa 360 Terawattstunden. Das entspricht ungefähr dem jährlichen Stromverbrauch Mexikos. Die chinesische Energiebehörde gibt deutlich niedrigere Werte an: 8,6 Prozent bei Solar und 9,1 Prozent bei Wind. Die enorme Differenz zeigt, wie umstritten das Ausmaß der Abregelung ist. Die Entscheider im chinesischen Staatsapparat sehen solche Kapazitäten jedoch nicht als Verschwendung, sondern als Ressource für die Zukunft. Sie würden in den kommenden Jahren für KI-Datacenter, Robotik und andere energieintensive Industrien gebraucht.

 

Auch die Natur leidet. Denn obschon der massive Push für die erneuerbaren Energien als Maßnahme zum Schutz des Ökosystems und Kampf gegen den Klimawandel propagiert wird, wird dieser in China oft mit nur bedingter Rücksicht auf Flora und Fauna vorangetrieben. Für eine erst im August 2026 in Science veröffentlichte Studie analysierten Forscher den Solarausbau in über 2.300 Landkreisen in China zwischen 2014 und 2023. In Regionen, in denen politische Förderung den Ausbau besonders stark beschleunigte, fanden sie einen messbaren Rückgang bei der Artenvielfalt unter Vögeln. Bei der Windkraft gab es ähnliche Befunde. Der Grund sei aber nicht der Ausbau an sich, sondern wie und wo dieser geplant und umgesetzt wurde. Konkret richtete eine unbedachte Umwandlung und teilweise Versiegelung von Acker- und Graslandschaften die Schäden an. Eine im Jahr 2026 veröffentlichte Studie ergänzt dieses Bild. Demnach wurden rund zehn Prozent oder 364 Quadratkilometer auf sogenannten Key Biodiversity Areas errichtet. Das sind besonders einzigartige und schützenswerte ökologische Landschaften.

 

 

Was könnte das alles für Europa bedeuten?

 

Die Erzählung vom chinesischen Erfolg bei erneuerbaren Energien ist also nicht ganz so einfach. Sie ist kein Märchen, aber ziemlich relativ. Das Tempo von China hat Innovation, Produktion und vielerorts eine echte Wende gebracht. Aber das Tempo wurde teilweise zu hoch geschraubt; die Produktion und der Ausbau zu aggressiv und teils ohne ausreichende Rücksicht vorgenommen. China demonstriert damit sowohl, was möglich wird, wenn ein Staat erneuerbare Energien zur industriepolitischen Priorität erklärt. Aber eben auch, was drohen kann, wenn Geschwindigkeit und Größe selbst zum Maßstab werden. Genau daraus kann Europa lernen. Es soll nicht das chinesische Modell kopieren – das wäre fatal. Aber Europa darf sich nicht mit ambitionierter Forschung, seinem bereits deutlich saubereren Strommix oder gut ausgerichteten Umweltstandards zufriedengeben.

 

Denn all das schützt nicht davor, einst in Europa begründete nachhaltige Technologien und Industrien weiter schrumpfen zu sehen und letztlich zu verlieren; welche, auf denen die nächste Phase der Energiewende aufbauen muss. Dafür muss Europa lernen, den Schutz von Mensch, Natur und Klima stärker und finanziell gut ausgestattet mit industrieller Entschlossenheit, Innovations- und Forscherdrang zu verbinden. Europa muss Cleantech und erneuerbare Energien als starke Industriepolitik verstehen lernen – und entsprechend handeln. Genau hier könnte sich Europa jedoch etwas von China abschauen. Denn das gigantische Hybrid-Solarkraftwerk Hami am Fuße des Tianshan ist ein eindringlicher Beweis dafür, dass nachhaltige Technologien, das Denken in großen Dimensionen und industrielle Ambitionen ganz selbstverständlich zusammengehen können.


Titelbild: ダモ リ / Unsplash

Michael Förtsch

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