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16. Juli 2025

So schlimm wie jetzt war die Welt noch nie? Falsch, sagt Florence Gaub

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Kriege, Trump, Klimakrise: Die Welt scheint in einem desolaten Zustand zu sein. Gerade in Deutschland schauen die Menschen pessimistisch in die Zukunft. Aber ist das wirklich angebracht? Beim Festival der Zukunft in München plädiert die Zukunftsforscherin Florence Gaub für mehr Optimismus, präsentiert überraschende Statistiken aus der ganzen Welt und rät zur „Informationshygiene“.


Von Wolfgang Kerler


Mit ihrem Team am NATO Defense College in Rom entwickelt Florence Gaub Szenarien für die Zukunft. „Horrorszenarien“, wie sie selbst sagt. Wie könnten neue Weltkriege ablaufen? Welchen Schaden würden Atombomben im Weltall anrichten? Düstere Fragen, die für sie Alltag sind. „Aber es geht nicht nur darum, dass ich mir das vorstelle“, erklärt die Zukunftsforscherin. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht stattdessen die Frage: „Was kann man tun, damit das nicht passiert?“


Florence Gaub, die mit ihrem Beststeller Zukunft: Eine Bedienungsanleitung und Auftritten bei Markus Lanz & Co. inmitten von Kriegen, geopolitischen Spannungen und Regierungskrisen unideologisch für Optimismus und gegen Zukunftsangst plädiert, ist Anfang Juli 2025 nach München gekommen – zum Festival der Zukunft von 1E9 und Deutschem Museum. Ihr einstündiger Auftritt geht langsam zu Ende. Jemand aus dem Publikum will wissen, wie sie es schafft, trotz ihres Jobs optimistisch zu bleiben. Die Antwort: Nicht nur Horrorszenarien, sondern auch Möglichkeiten sehen. Und dann handeln.


„Je mehr man sich bewusst macht, was man eigentlich tun kann, desto stärker fühlt man sich und desto optimistischer ist man“, erklärt sie. „Und je mehr Optimismus man hat, desto mehr tut man dann auch wieder. Es ist eine Art positiver Teufelskreis.“ Für sie und ihr Team heißt das, zum Beispiel: Lücken im Sicherheitssystem finden – und Wege finden, wie sie geschlossen werden können. Dramatischen Ereignissen vorbauen, anstatt sich davor zu fürchten.



Die Menschen in Deutschland sind eher pessimistisch. Schon lange.


Ihren Vortrag beginnt Florence Gaub mit zwei Fragen ins Publikum. Wer ist für seine eigene Zukunft optimistisch? Fast alle Hände gehen nach oben. Und wer ist für die Zukunft Deutschlands optimistisch? Höchstens ein Drittel der über 200 Leute meldet sich noch. Das Ergebnis ist nicht repräsentativ, für die Expertin aber nicht überraschend. „Das nennt man in der Zukunftsforschung Lokaloptimismus versus Nationalpessimismus.“


Mit fundierten Zahlen aus der ganzen Welt unsere Perspektive zurechtrücken – darum geht es der Wissenschaftlerin, die neben der NATO auch die EU berät, aber auch der World Science Fiction Society angehört, bei ihrem Auftritt in München. Unter dem Titel „Zukunft weltweit: Was wir von anderen Ländern lernen können“ stellt sie Statistiken vor, die sie bei ihren Recherchen gefunden hat. Sie wollte herausfinden, wie Menschen in unterschiedlichen Ländern und Regionen auf die Zukunft schauen.


Der Ausgangspunkt dabei: Deutschland. Hier blickt eine Mehrheit laut einer Umfrage der Schufa seit Jahren „eher sorgenvoll“ oder sogar „mit sehr großer Angst“ in die Zukunft. Warum sie diese Grafik zeige? „Weil ich das Gefühl habe, die Nachrichten sagen: So schlecht wie jetzt war es noch nie.“ Doch wenn man weiter in die Vergangenheit gehe, stelle man fest: Die Menschen in Deutschland blicken schon immer sorgenvoll in die Zukunft. „Das ist eine gute Nachricht“, meint Florence Gaub. Denn es bedeute, dass wir uns derzeit nicht in einem historischen Ausnahmezustand befinden.


Ich möchte so wahnsinnig gerne mit diesem Mythos aufräumen, dass es so schlimm wie jetzt noch nie war.

Das untermauert sie auch durch Zahlen aus anderen Ländern, zum Beispiel den USA, wo es immer wieder Phasen gab, in denen die Menschen mehrheitlich nicht mit der Richtung des Landes zufrieden waren. „Ich möchte so wahnsinnig gerne mit diesem Mythos aufräumen, dass es so schlimm wie jetzt noch nie war“, sagt Florence Gaub. „Und zwar aus einem einfachen Grund: Ich nenne das ,geschichtlichen Kolonialismus‘. Das negiert die Leiden unserer Vorfahren.“ Es sei einfach nicht wahr, dass die Vergangenheit super war.


„Das heißt nicht, dass wir nicht jetzt Herausforderungen haben. Aber was ist Problem daran, wenn man sich selbst sagt: So schlimm wie jetzt war es noch nie? Das heißt, niemand vor uns hat schonmal sowas geschafft. Und dann disempowered man sich selbst.“ Man nehme sich selbst die Fähigkeit zu sagen: „Okay, das ist jetzt schwierig, aber wir kriegen das hin.“ Doch das sei die Haltung, die wir jetzt brauchen.


Der Faktor Einkommen: Je reicher desto pessimistischer


Eine weitere Erkenntnis: Jüngere Menschen sind im Schnitt optimistisch, auch wenn Medienberichte immer wieder das Gegenteil nahelegen. Bei einer Befragung in 21 Ländern seien 54 Prozent der 15- bis 24-Jährigen der Meinung gewesen, dass es den Kindern in ihrem Land wirtschaftlich einmal besser gehen wird als ihren Eltern. Sogar 57 Prozent der jungen Menschen sagen demnach, die Welt werde insgesamt ein besserer Ort. Bei den Befragten in Indonesien sind es sogar 82 Prozent – Spitzenreiter. „Wir sehen: Jüngere Menschen auf der Welt sind nicht so pessimistisch wie der Durchschnitts-Deutsche.“


Selbst beim Thema Klima sei die Mehrheit der jungen Menschen der Ansicht, dass die Weltgesellschaft in der Lage ist, den Klimawandel einzugrenzen. Allerdings ist dieser Optimismus laut den Zahlen, die Florence Gaub präsentiert, in Lateinamerika und Asien größer als in Europe. Auch das ist ein Muster, dass sich durch verschiedene Befragungen zieht.


„Je mehr Geld man hat, desto pessimistischer ist man.“ Und das gelte auch für junge Menschen, erklärt die Zukunftsforscherin. Während in reichen Ländern 59 Prozent der Jugendlichen davon ausgingen, es einmal schlechter zu haben als ihre Eltern, gingen in ärmeren Ländern 69 Prozent davon aus, einmal besser dazustehen. „Liegt es daran, dass man viel zu verlieren hat, oder liegt es daran, dass man nicht weiß, was man jetzt noch von dieser Zukunft will, wenn man schon viel hat? Ich glaube, das ist eine philosophische Frage.“ Weitere Zahlen belegen, dass in den USA Minderheiten, die es politisch und wirtschaftlich eigentlich schwieriger haben, optimistischer sind als die weiße Bevölkerung.


Vielleicht ist eine gute Gegenwart hinderlich bei der Vorstellung der Zukunft als etwas, was man erobern möchte.

Was das alles bedeutet? „Das heißt, dass man keine super Gegenwart braucht, um eine gute Zukunft zu haben. Vielleicht eher das Gegenteil. Vielleicht ist eine gute Gegenwart hinderlich bei der Vorstellung der Zukunft als etwas, was man erobern möchte, wo man etwas Positives hineinprojiziert.“


Seit den 2000ern macht sich Ungewissheit breit


Zum Schluss präsentiert Florence Gaub EU-weite Befragungen, die sich mit ihrer Publikumsbefragung decken: Menschen sind, was die wirtschaftliche Zukunft ihres Landes angeht, pessimistischer als für ihre persönliche Zukunft, wo die meisten mit Stabilität oder Verbesserung rechnen. „Wir haben alle für uns selbst einen Grundoptimismus.“ Doch woher kommen dann Aussagen wie „Deutschland geht den Bach runter“? „Ich bin ganz sicher, dass das eher eine Aussage darüber ist, wie wenig Einfluss wir darauf haben.“


Dass wachsende Angstgefühl auf kollektiver Ebene lasse sich seit den frühen 2000ern nachweisen, was die Wissenschaftlerin auf zwei Dinge zurückführt: das Internet und die Globalisierung. Das Internet führe zu einer Flut an Informationen, die Globalisierung zu Unübersichtlichkeit. Seit dieser Zeit mache sich daher Ungewissheit breit. „Aber Ungewissheit ist nicht per se etwas Schlechtes. Ungewissheit ist neutral als Ausdruck. Es heißt einfach nur: Ich kann es nicht genau sagen. Und der Mensch hasst es, wenn er etwas nicht genau sagen kann.“


Ihre Ratschläge gegen Zukunftsangst: Informationshygiene. „Sie nehmen heute an einem Tag mehr neue Informationen auf als ein Bauer im Mittelalter im ganzen Leben.“ Iran, Gaza, Ukraine – direkt aufs Handy. „Ist das für Sie relevant an einem Samstag in München?“ Anstatt ungezügelt Informationen zu konsumieren, rät Florence Gaub zum Clustern. Nachrichten einmal morgens, vielleicht mittags und noch einmal abends – nicht ununterbrochen. „Das kreiert nur noch mehr das Gefühl der Unsicherheit, weil Ihr Gehirn kann nicht unterscheiden zwischen Gaza und Taufkirchen.“

Wolfgang Kerler

Wolfgang Kerler

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Kommentare (12)

Stefan Kreft
22. Juli

Wohltuend zu sehen, wie sachlich oder doch zumindest tolerant hier diskutiert wird. Ich beziehe mich im Folgenden nur auf den Artikel; den Mitschnitt habe ich nicht gesehen.


Florence Gaubs Analyse ist meiner Meinung nach nur innerhalb ihres Betrachtungshorizontes und rückblickend richtig. Ihre Analyse ist, denke ich, demgegenüber blind für Wesentliches und in der Konsequenz wohl eher nicht gültig für die zukünftige Entwicklung.


Ich habe über einen langen Zeitraum Masterstudierende jedes Jahr bei einer globalen Situationsanalyse angeleitet, parallel zur Situation der sozialen Systeme (der menschlichen Gesellschaften) einerseits und zur Situation der Biosphäre und der Atmosphäre andererseits. Und die Ergebnisse waren jedes Jahr ähnlich: Eine erkennbare Mehrheit der Trends in den sozialen Systemen ist positiv, während fast alle relevanten Trends in der Biosphäre negativ sind. Das heißt: Wir sind besser darin, soziale Probleme zu lösen als ökologische. Schlimmer noch, wir bewältigen unsere sozialen Probleme immer wieder auf Kosten der Biosphäre.


Viele Indikatoren für den Zustand der sozialen Systeme zeigen in der Tat an, dass sich die Situation in vielerlei Hinsicht langfristig verbessert hat: Hunger, Sterblichkeit, Zugang zu Bildung, Gleichberechtigung der Frauen u.v.m. Das gilt sowohl global als auch in Deutschland, bis hinunter auf die Ebene der meisten Kommunen.

Demgegenüber zeigen uns die meisten Indikatoren der Integrität der Atmosphäre und der Biosphäre (des globalen Ökosystems) und der enthaltenen Ozeane, Wälder, Offenlandökosysteme usw. das Gegenteil: langfristiger Temperaturanstieg, häufigere, längere und intensivere Extremwetterereignisse, schwächere Energieaufnahme und schwächere Energiedissipation der Ökosysteme, Rückgang der Biomasse, Artenschwund (globales Aussterben, lokaler Verschwinden), genetische Verfremdung und Verarmung, Fremdstoffbelastung (Chemikalien, Plastik usw.) und so weiter.


Die sozialen Systeme (also wir Menschen) sind dem Zustand der Biosphäre und der Atmosphäre, Technik hin oder her, am Ende auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.


Optimismus scheint mir daher die am wenigsten angebrachte unter den möglichen Haltungen zur zukünftigen Entwicklung zu sein: Optimismus, Pessimismus, Realismus (ggf. erweitert zum "Possibilismus", wie von einem anderen Diskutanten auf dieser Seite argumentiert). Es ist übrigens gewagt (oder undurchdacht), gleichzeitig einen Lokaloptimismus und einen National- oder Globalpessimismus zu vertreten, denn in der Welt ineinander geschachtelter Systeme sollte man nicht davon ausgehen, dass ein kleineres System sich langfristig anders als die größeren Systeme, denen es angehört, entwickelt.

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Antwort an

Danke für den Beitrag.

Ich bin auch nicht so sicher was den "sozialen Trend" angeht. Einerseits gibt es sozusagen Schlüsselbereiche, in denen es nicht so gut aussieht: Autoritarismus ist auf dem Vormarsch, Demokratie auf dem Rückzug. Soziale Unsicherheit steigt (Stichwort Prekariat, ich empfehle Guy Standing), psychische Erkrankungen nehmen zu, wir haben eine Tabakepidemie mit 8 Mio. Toten im Jahr und ihr Höhepunkt ist noch nicht erreicht - v.a. ist es fraglich, ob wir daraus genug gelernt haben oder lernen werden, um ähnliche menschengemachte Katastrophen (Zucker, Alkohol, andere, vielleicht heute noch gar nicht erdachten, Drogen) zu verhindern. Wir haben eine Care-Krise, das heisst immer mehr Menschen schaffen es nicht, sich ausreichend um sich selbst und ihre Mitmenschen zu kümmern.


Andererseits sind die Fortschritte, die erreicht wurden (z.B. Kindersterblichkeit), höchst fragil, weil - siehe vorheriger Absatz - unsere Gesellschaft(en) und politisches System höchst instabil sind und z.B. ein US-Präsident von heute auf morgen durch das Streichen der Entwicklungshilfe die Gesundheit und das Leben von Millionen aufs Spiel setzen kann. Von der Möglichkeit eines Krieges zwischen den Großmächten möchte ich gar nicht erst anfagen.

Aus meiner Sicht bewältigen wir unsere sozialen Probleme so schlecht, dass die Blindheit gegenüber dem Zustand der Biosphäre praktisch unvermeidlich ist.


Völlig absurder Artikel und stark irreführende Überschrift.

Die Dame sagt ja gar nichts darüber aus, wie "schlimm" die Welt heute ist und früher war. Sie vergleicht nur, wie die Welt damals wahrgenommen wurde und heute wahrgenommen wird.


Philosophisch ist das auch äußerst dünn. Natürlich ist es sinnlos, sich mit einem Übermaß an Informationen selbst abzuschießen. Der (depressive) Kabarettist Nico Semsrott sagt: "Glück ist nur ein Mangel an Information".


Andererseits ist Optimismus genauso dumm wie Pessimismus. Und gefährlich.

Dem jüdisch-stämmigen Regisseur Billy Wilder wird das folgende Zitat zugeschrieben:

"Die Optimisten kamen nach Auschwitz, die Pessimisten nach Beverly Hills."


Ich plädiere für Possibilismus, also das möglichst vorurteilslose Erfassen der Möglichkeiten und Risiken - und daraus abgeleitet dann HANDELN.

2
Antwort an

Den Einstieg in den Kommentar finde ich dann doch etwas dick aufgetragen: "Völlig absurder Artikel und stark irreführende Überschrift."


Wie das Zitat von Florence Gaub aus ihrem Vortrag ziemlich eindeutig sagt, geht es hier mitnichten nur um die "Wahrnehmung" der Welt, also nicht um die Empfehlung, sich die Welt schönzureden. Hier nochmal das Zitat: „Ich möchte so wahnsinnig gerne mit diesem Mythos aufräumen, dass es so schlimm wie jetzt noch nie war“ Wofür Florence Gaub nichts kann, sondern ich als Autor, ist, dass ein paar Zitate fehlen, in denen sie mit etlichen Zahlen, aber auch anderen Beobachtungen untermauert, warum sie zu diesem Schluss kommt: Kindersterblichkeit, Armut, Zugang zur Bildung für Mädchen, keine Kriegszerstörung, die wir überwinden müssen... Gerne nochmal den Talk anschauen, Video ist ja eingebettet.


Und bitte in unseren Kommentaren niemanden als "dumm" bezeichnen, nur weil man anderer Ansicht ist. Niemand kennt die absolute Wahrheit und sollte sich das hier anmaßen. Auch nicht, wenn es ein nettes Billy Wilder-Zitat dazu gibt.


Optimismus schließt eine realistische und nüchterne Einschätzung der Welt nicht aus. Nur, wer nicht daran glaubt, dass eine Handlung auch etwas bewirken kann, wird nicht handeln. Auf der Bühne beim Festival der Zukunft, wo auch Florence war, waren viele Gründerinnen, Wissenschaftler, Künstler - lauter Menschen, die handeln und etwas bewirken wollen, und von denen vermutlich 90 Prozent sagen würden, sie sind optimistisch. Optimismus ist aus meiner Sicht eher Triebkraft für Handeln als spitzfindiger Zynismus.


Und noch etwas: Als Individuen mit subjektiven Erfahrungen, die keinen unbegrenzten Zugang zu Daten haben und Rechenpower haben, können wir die Welt nur sehr schwierig wirklich "vorurteilslos" betrachten, sind aber fast nie in der Lage, die Möglichkeiten und Risiken (auch unseres Handelns) völlig eindeutig abzuschätzen... Damit wir trotzdem ins Handeln kommen, hilft Optimismus, der uns die Zuversicht gibt, dass es klappen könnte, ja vielleicht doch weiter?

Bearbeitet

Antwort an

Ich hatte noch keine Zeit, den Talk anzuschauen und beziehe mich hier nur auf den Artikel.

Ich schrieb "Optimismus ist dumm". Sollten Sie einen Menschen kennen, der "Optimismus" heisst, bitte ich um Entschuldigung.

Zum Teil haben wir hier ein sprachliches Problem. Optimismus ist "eine zuversichtliche, durch positive Erwartung bestimmte Haltung angesichts einer Sache hinsichtlich der Zukunft". Und: "Ferner bezeichnet Optimismus eine philosophische Auffassung, wonach die Welt die beste aller möglichen Welten ist, in der Welt alles gut und vernünftig sei oder sich zum Besseren entwickeln werde. Die gegenteilige Auffassung ist der Pessimismus." (Wikipedia)

Ganz treffend ist das bekannte Bild mit dem Glas, das entweder halbvoll (Optimismus) oder halbleer (Pessimismus) ist. Beides ist offensichtlich Realitätverweigerung, in Wirklichkeit ist das Glas immer halbvoll mit Wasser und halbvoll mit Luft (oder enthält beides in möglicherweise nicht genau bestimmbarer Menge).

Manches in dem Artikel geht in Richtung Possibilismus und wird nur falsch als Optimismus gelabelt.

Natürlich wissen wir unterm Strich nur wenig über die Welt und die Zukunft und die Möglichkeiten, die wir haben, aber Optimismus bedeutet halt von vornherein mit einer bestimmten Brille auf die Welt zu schauen, statt sich erstmal um eine möglichst breite Bestandsaufnahme zu bemühen. Pessimismus desgleichen.

Die große Frage ist doch: In welches Handeln wollen wir kommen? Raucher sind (meist) Optimisten ("mich wird es schon nicht umbringen"), fast 50% von ihnen bezahlen das mit ihrem Leben. Es werden in den Medien regelmäßig frohe Botschaften transportiert (mehr Wirtschaftswachstum, mehr Autos verkauft, weniger Arbeitslose etc.), aber selten gefragt, warum das dann eigentlich so positiv sein soll bzw. für wen und um welchen Preis (ökologische Folgen, Bullshit Jobs etc.).

Ich bin davon überzeugt: Man braucht keinen Optimismus, um zu versuchen das Richtige zu tun und das Falsche zu lassen. Er ist sogar eher hinderlich.


Joachim Sch.
21. Juli

@CuriousGuy: Vor 50 Jahren leben? Ich bin dabei! Sofort, jetzt und unverzüglich!

Damals war die Medizin schon wirklich sehr weit - man bekam sogar als Kassenpatient Zahnersatz! Die Krankenhäuser waren menschlicher und personell gut ausgestattet. Nichts mit Versichertenkarte und ewigem Warten auf den Facharzttermin! Die DM war noch was wert - und man konnte friedlich und fröhlich auch als Mädchen im Freibad, abends unterwegs oder in der Disco sein. Pfefferspray brauchte niemand. Gerauft wurde unter Jungs durchaus, aber nicht gleich mit dem Messer zugestochen!

Zwischenmenschliche Unterhaltung und Vereinsleben waren besser als jedes soziale Netzwerk, und wenn man mal Blödsinn machte, blieb es vor Ort und landete nicht weltweit für alle Ewigkeit im Internet. Nicht nur Briefmarkensammeln, Modellbahn oder internationales Kurzwellenradio (mit wahrer Anonymität des Hörers) ermöglichten einen Austausch bzw. Informationsgewinn auf vielen Ebenen - auch Lesen und damit die Phantasie waren noch nicht von der Gaming- und Onlinesucht verdrängt.

Polizisten, Lehrer, Feuerwehrler und Co. waren noch Respektpersonen, zumindest in den kleineren Städten.

Deutschland West war eine florierende Wirtschaftsnation ohne Gendersternchen und so weiter, in der Arbeitgeber die Firmentreue schätzten, Familien sogar mit nur einem NORMAL-Verdiener ein ansehnliches Haus bauen konnten und die Kinder Teil der Familie und nicht das Problem waren, welches in die Kita verfrachtet werden muss, da es ohne zweites Gehalt nicht mehr für die Mietwohnung reicht...


Und jetzt sagt mir jemand bitte, was daran schlecht ist...

Bearbeitet
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Björn Koch
21. Juli
Antwort an

Mir scheint die Ausführung eine Parodie zu sein:

  • es gab vielleicht Zahnersatz, aber das war ein Gebiss oder eine schlechte Brücke

  • In Krankenhäusern haben mehr Menschen gearbeitet (wie in jedem damals bereits existierenden Job), aber geschafft haben die deutlich weniger, im Bereich der Medizin: jede Menge Krankheiten waren damals tödlich, die es heute nicht mehr sind

  • die DM war damals weniger wert als der Euro heute (einfach mal googeln, wie lange man für eine Tasse Kaffee oder einen Liter Sprit damals und heute arbeiten muss)

  • Morde gab es früher ebenfalls reichlich und mehr - die Struktur von Gewalt mag sich verschoben haben, aber sicher wurde früher längst nicht soviel polizeilich festgehalten

  • das Lesen grundsätzlich die Fantasie mehr anregt als Computerspiele gilt grundsätzlich vermutlich auch nicht

  • Das Kinder in der Familie blieben war wohl eher der Zwang, weil es keine Betreuung gab. Die meisten Mütter würden sicher klar widersprechen

  • wohnen ist zuletzt wirklich deutlich teurer geworden, aber insbesondere in den Städten. Dort wohnten vor 50 Jahren signifikant weniger Menschen als heute. Auf dem Land kann man auch heute noch günstig wohnen. Aber die Lage ist in der Stadt herausfordernder geworden

  • Einzig beim Respekt habe ich keine Relativierung.

Ich glaube, dieser Blick in die Vergangenheit ist sehr verklärt und basiert darauf viel vergessen zu haben.


Joachim Sch.
21. Juli
Antwort an

@ Björn Koch:

Vorneweg: Wir reden klar von der Zeit vor 50 Jahren. Also 1975.


Zum Zahnersatz: 1975 bekam man dafür 100% Erstattung. Als Gesetzlich Versicherter. Es mag sein, dass es heute modernere Implantate gibt. Aber - man muss das Geld dafür haben!


Zu den Krankenhäusern: Die Ärzte machten noch Hausbesuche. Man war "Herr Schneider", nicht der "Ihre Versichertenkarte bitte!" Im Krankenhaus wurde man nicht nach kurzer Zeit wegen der Kosten aus dem Zimmer getrieben. Sogar Reha-Maßnahmen für einfache Arbeiter waren drin!


Zum Wert der DM: Wir haben 1974 unser Baugrundstück zu 10 DM den Quadratmeter erworben. Unsere Kinder können davon nur träumen.

Eine Unze Gold war damals wie auch der Goldschmuck für meine Frau erschwinglich. Silberne 5 Mark Gedenkmünzen gab es zum Nennwert in jeder Bank. Schade, dass ich damals nicht Gold gekauft habe, ich hätte ein Vermögen...


Zur Sicherheitslage: Ich sprach nicht von Morden, sondern von der Alltagskriminalität und Alltagsgewalt. Kein Weihnachtsmarkt, kein Karnevalsumzug wurde mit Betonbarrieren gesichert.


Zum Lesen: Ich bin jedenfalls immer noch der Meinung, dass literarische Werke meiner Generation mehr Phantasie oder Rechtschreib- und Sprachkenntnisse vermittelt haben als jedes PC-Spiel.


Zur Kinderbetreuung: Okay, das Argument mit den Frauen, die eine Betreuung vermissten, mag sein, kann ich nachvollziehen. Aber - unsere Kinder überlebten auch ohne Helikoptereltern und ohne Daueraufsicht, obwohl sie zum Spielen auch mal ohne Handy und Notfallknopf im Wald unterwegs waren... Auch den Rechtsanwalt auf den Lehrer hetzen war nicht üblich.


Zur Wohnsituation: 1800 Quadratmeter mit freistehendem Neubau-Einfamilienhaus, alle fünf Jahre ein Neuwagen und jedes Jahr Urlaub in Italien am Strand und Wanderurlaub mit EINEM einzigen Gehalt als Angestellter in nicht leitender Position - unsere Kinder schaffen das nicht. Ist so.


Ebenfalls nicht verklärend ist, dass man in den 1970ern keine ständigen Enkeltrickanrufe oder Betrugsnachrichten bekam und falls doch, gegen dererlei Banditen eine sogenannte "Fangschaltung" bei der Bundespost beantragen konnte. Die Post war eine Behörde, das Datum des Poststempels rechtlich bindend. Im Alltag war generell mehr "Miteinander" anstatt Abzocke (Verkehrsüberwachung, Parkraumbewirtschaftung etc.).


Verzichten würde ich wie damals gerne auf die Datensammelwut großer Techkonzerne, die Fake-News, die KI, die das Denken bei nicht wenigen Jugendlichen obsolet macht und mitunter bedenkliche Ansichten hat, die Filterblasen in den sozialen Netzwerken (der eine lokale "Dorfdepp" wurde von der Gemeinschaft schon "geerdet" und fand nicht hundertfache Bestätigung online), die anonyme Hetze im Netz, die Influencer, die automatische Anrufannahme mit einem KI-Assistenten - oder auch die ellenlangen Festnetznummern, selbst in der Provinz. Unsere Rufnummer hat noch drei Stellen...


Und was ich ganz besonders vermisse: Ich war auch mal NICHT erreichbar. Ohne, dass ich mich dafür rechtfertigen musste. Kein Chef, der im Urlaub was wissen wollte... niemand, der einem die Mailbox vollquasselt, wegen Nichtigkeiten... das waren Zeiten! ;-)


Viele Grüße Joachim

Bearbeitet

Rena
16. Juli

Cooler Artikel, klare Botschaft! Für alle verständlich, noch dazu mit statistischen Zahlen belegt. Der letzte Satz ist köstlich und gehirnfreundlich!😂

7

CuriousGuy
16. Juli

Wer will wirklich vor 50, 100 oder 200 Jahren gelebt haben? Mit der damaligen Medizinversorgung, Unterhaltung (TV, Video, Musik), Kommunikation (ohne Internet u Smartphones), Transport und Reisen, Umwelttechnik (der Rhein war eine Kloake), u.v.a.m. Und den damaligen Krisen: Bürgerkriege in Afrika, Vietnamkrieg, RAF, Kubakrise, Weltkriege, etc. p.p. Man muss schon arg vergesslich sein, wenn man denkt, dass es früher besser war ....

7
Ralph
Ralph
18. Juli
Antwort an

Immer häufiger denke ich genau darüber nach - klar, Hygiene, Medizin, Sicherheit, Information, Bildung - es gibt vieles, was "früher" nicht auf dem Niveau wie heute war. Doch manchmal denke ich, ohne die ständige (Über-)Versorgung mit Informationen, Posts usw. war das Leben auch nicht schlecht. Man hatte noch Träume, die heute durch einen schnellen Blick ins Internet erfüllt werden. Man hatte Vorfreude auf eine Bestellung beim Versandhandel, die mit Postlaufzeit durchaus mal 2 Wochen brauchte. Man hat sich Abende und Nächte lang unterhalten, ohne zwischendurch ständig auf das Wischkästchen zu schauen. Man hat sich im Urlaubsland ständig verfahren und dabei die Orte und Begegnungen entdeckt, an die man sich noch heute erinnert. Da hat sich für mich vieles entzaubert...

Informationshygiene gefällt mir als Wort zwar nicht wirklich, aber den Gedanken finde ich sympathisch.


Sam Fischer
21. Juli
Antwort an

Nicht böse gemeint, aber was hält Sie denn davon ab, einfach nicht auf das Handy zu schauen, sei es bei Träumen, Unterhaltungen und im Urlaubsland?

Oder beim Versandhandel wenn möglich ein späteres Datum anzugeben oder es einfach vor Ort zu kaufen?

Es ist nicht einfach von so einer wichtigen Maschine die Finger zu lassen, aber es tut schon gut es nicht zu übertreiben und im hier und jetzt zu leben

Weiter bei 1E9...

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