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24. September 2026

So gediegen hätte man in den 70ern über die KI-Apokalypse diskutiert


Müssen wir bei der Entwicklung von KI auf die Bremse treten, um die Auslöschung der Menschheit zu verhindern? Und könnten wir das überhaupt? Der Münchner Filmemacher Maurus vom Scheidt holt diese Debatte raus aus Social-Media-Feeds und schnelllebigen Nachrichtenseiten – und lässt sie in einer 70er-Jahre-Talkshow führen. Das ist erstaunlich wirkungsvoll.


Von Wolfgang Kerler


Nur einzelne Ausschnitte aus „historischen“ TV-Gesprächsrunden wie dem Club 2 im ORF oder dem Internationalen Frühschoppen in der ARD finden sich heute bei YouTube. Die meisten dauern lediglich ein paar Minuten. Doch sie lassen die Atmosphäre zumindest erahnen, in der früher über Politik und die großen Fragen der Zeit debattiert wurde. Intellektuelle und Politiker in Sesseln, Alkohol auf dem Tisch, druckreife Sprache, Zigarettenrauch in der Luft – und vor allem: keine Hektik.


Für einen Kurzfilm hat der Münchner Regisseur und Autor Maurus vom Scheidt die aktuelle Diskussion über die Auslöschung der Menschheit durch Künstliche Intelligenz in genau diese Szenerie verpflanzt. Und zwar mithilfe von KI, mit der er Stimmen, Charaktere und Filmsequenzen erstellte.


Der Kurzfilm TONIGHT at the END OF THE WORLD von Maurus vom Scheidt. Bei Vimeo könnt ihr deutsche Untertitel dazu aktivieren.

In der fiktiven 70er-Jahre-Talkshow TONIGHT at the END OF THE WORLD fordert der grauhaariger Experte Dr. Hale die USA und China dazu auf, jegliche Weiterentwicklung von KI zu stoppen. Stilecht im dreiteiligen Anzug, mit dick gerahmter Brille und Zigarette zwischen den Fingern. „Nur so kommen wir aus dem Wettrüsten heraus“, erklärt er dem etwas naiv wirkenden Moderator. „Jedem Akteur, der weitermacht, jedem Labor, jeder Nation droht ein Atomschlag. Auslöschung.“


Unerschüttert von diesem drastischen Vorschlag beantwortet Dr. Voss – rote Haare, grüner Blazer, cremefarbener Rollkragenpulli – daraufhin die Frage, was dieses KI-Wettrüsten eigentlich sei. „Das Rennen um die erste KI, die sich selbst verbessert. Eine Maschine, die sich selbst klüger macht, jede Runde schneller als die letzte. Irgendwann schafft sie ein Jahrhundert Wissenschaft an einem Tag. Wer zuerst dort ankommt, dem gehört alles. Rennen vorbei. Für immer.“ Sie ist die zweite KI-generierte Expertin im Studio.


Gerade die verbindliche Gelassenheit der Gäste, die langen, für heutige Gewohnheiten fast schon langatmigen Einstellungen und die Denkpausen, die nicht von einem engagierten Moderator gefüllt werden, verleihen den Aussagen Gewicht. In den vergangenen Wochen teilen KI-Entwickler und -Kritiker freilich ganz ähnliche Beiträge und Forderungen. Doch in der kurzatmigen Social-Media-Feed-Öffentlichkeit gehen sie oft unter.

 

Langsame Demokratie trifft auf ungebremste KI-Entwicklung


Maurus vom Scheidt entschied sich für dieses ungewöhnliche Szenario einerseits, um Interesse für die aus seiner Sicht überfällige Debatte über KI zu wecken. Aber auch, weil er – Jahrgang 1973 – mit solchen Fernsehsendungen aufgewachsen ist.


„Was sich für mich im Rückblick so anfühlt, als ob wir für alles so viel mehr Zeit gehabt hätten“, sagt er im Gespräch mit 1E9. „Und genau diese Zeit, diese langsamen Prozesse brauchen wir in unseren westlichen Gesellschaften mit ihren Demokratien per Definition eigentlich.“ Die dynamische Entwicklung von KI habe allerdings ein „Move Fast and Break Things“-Tempo, weshalb sie für die Gesellschaft zum Problem werde. „Diese Reibung fand ich spannend.“


Den unmittelbaren Anlass für den Kurzfilm lieferten die Enthüllungen und Ereignisse seit Juli 2026. Zuerst musste der ChatGPT-Anbieter OpenAI einräumen, dass hochentwickelte KI-Agenten bei internen Tests Sicherheitsmechanismen umgingen und sich sogar ins System der KI-Entwicklerplattform Hugging Face hackten. Später legten Claude-Entwickler Anthropic und Google mit seiner KI Gemini ähnliche Vorfälle aus Sicherheitstest mit ihren Modellen offen.


Als dann auch noch Ex-KI-Forscher von Anthropic und OpenAI davor warnten, dass KI die Menschheit auslöschen könnte, und selbst die Chefs führender KI-Unternehmen eine Verlangsamung der Entwicklung ins Spiel brachten, wuchs der Druck auf die Politik, etwas zu unternehmen. Doch US-Präsident Donald Trump, der dabei eine Schlüsselrolle spielen könnte, lehnt zusätzliche Beschränkungen der KI-Entwicklung ab und nennt Warnungen vor existenziellen KI-Risiken übertrieben.


Parallel laufen allerdings Gespräche zwischen den USA und China über KI-Sicherheit, weshalb die rund 1.400 Unterzeichner des offenen Briefs Pacing the Frontier vielleicht noch Hoffnung haben: Sie verlangten von der US-Regierung Ende Juli eine internationale Initiative, um Mechanismen zu schaffen, die die Entwicklung der leistungsfähigsten KI-Systeme bei Bedarf verlangsamen können. Interessanterweise handelte es sich bei den Unterzeichnern vor allem um Mitarbeiter der führenden KI-Unternehmen.

 

Gibt es nach der Superintelligenz kein Danach mehr?


Maurus vom Scheidt lässt seinen Kurzfilm mit genau diesem offenen Brief enden, dessen Wortlaut eingeblendet wird. Denn auch er fürchtet das Risiko, das von einer Superintelligenz ausgehen könnte, die sich selbst verbessert. „Da kommen wir in den Bereich einer exponentiellen Kurve. Und das ist ein Problem, weil wir Menschen uns sehr schwer vorstellen können, was es bedeutet, an dem Punkt der Kurve zu stehen, wo sie senkrecht nach oben geht.“ Möglicherweise gebe es danach keine Chance mehr, KI zu kontrollieren. Schlaflose Nächte habe er deswegen gehabt.


„KI könnte so mächtig werden, dass es danach kein Danach mehr geben könnte. Deswegen finde ich allein die Tatsache, dass Firmen sich hinstellen und sagen ,Wir wollen etwas entwickeln, von dem wir eigentlich nicht wissen, ob wir es kontrollieren können‘ – milde gesagt – besorgniserregend.“ Er plädiert also für eine unabhängige, internationale KI-Aufsicht, die eingreifen kann, bevor etwas schiefgeht.


Der Filmemacher und Absolvent der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film beschäftigt sich seit Jahren mit KI. Zuerst in Gesprächen mit seinem Bruder, einem erfolgreicher Software-Unternehmer, dem er lange nicht glauben wollte, wie bahnbrechend sich die Technologie entwickeln könnte, dann auch ganz praktisch für seine eigenen Kurz- und Werbefilme. „In der späten Corona-Zeit habe ich angefangen, mit bildgebenden KI-Systemen zu experimentieren“, erinnert er sich. „Seit zwei Jahren arbeite ich sehr intensiv mit KI.“


Der Kurzfilm GESCHENKT war eines der ersten KI-Projekte von Maurus vom Scheidt. Er dient als Trailer für eine Hörbuchproduktion.

TONIGHT at the END OF THE WORLD wäre ohne KI auch gar nicht machbar gewesen – jedenfalls nicht in weniger als einem Monat Zeit und mit einem Budget von rund 2.500 Euro. Um sein Drehbuch auf Logik und mögliche Recherchelücken zu überprüfen, nutzte er den KI-Assistenten Claude von Anthropic. Im nächsten Schritt erzeugte er die Stimmen der drei Protagonisten mit ElevenLabs und entwickelte mit Midjourney das Aussehen der Figuren. Die daraus entstandenen Bilder animierte er mit Seedance 2.5.


„KI ist für mich einerseits ein Ermächtigungstool, mit dem du als Filmemacher einfach loslegen und einen Film machen kannst, der nicht nur wie ein Handyfilm, sondern – in diesem Fall – wie eine historische Talkshow aus den 70er-Jahren“, sagt er. „Andererseits arbeitet man dann eigentlich daran mit, unsere deutsche Filmwirtschaft abzuschaffen. Wenn ich einen Film mit KI mache und alles selbst prompten kann, brauche ich vielleicht noch Berater, aber nicht mehr die ganzen Menschen, die früher mitgeholfen haben – also zum Beispiel den Oberbeleuchter mit seinen acht Beleuchtern.“


Dieser Widerspruch dürfte gerade allen Kreativen, die selbst mit KI arbeiten, zu schaffen machen. Doch vielleicht passt die mit KI produzierte gemächliche Retro-Talkshow gerade deshalb so gut zur Debatte um Künstliche Intelligenz: Während seine künstlichen Gäste darüber diskutieren, ob wir bei KI noch rechtzeitig auf die Bremse treten können, beweist ihre bloße Existenz, wie schnell wir derzeit unterwegs sind.


Für eine Fortsetzung könnte man sich allerdings einen weiteren Gesprächsgast wünschen, um auch die gesitteten, aber in der Sache harten Kontroversen der TV-Geschichte wiederzubeleben. Denn in der aktuellen Diskussion gibt es durchaus KI-Forscher, die bezweifeln, dass wir bereits auf eine unkontrollierbare Superintelligenz zusteuern. Aus KI-Agenten, die unerwartete – manchmal sogar unerlaubte – Wege finden, um Aufgaben zu erfüllen, müsse nicht zwangsläufig eine Maschine entstehen, die sich selbst verbessern kann.


Titelbild: Ausschnitt aus dem Kurzfilm TONIGHT at the END OF THE WORLD von Maurus vom Scheidt

Wolfgang Kerler

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