12. Januar 2021
Saudi-Arabien will eine 170 Kilometer lange Stadt ohne Straßen bauen

Aus der Öl-Nation Saudi-Arabien soll ein High-Tech-Pionier werden. Dafür soll eine skurrile Stadt gebaut werden. Sie soll als eine 170 Kilometer lange Schneise durch das Land verlaufen – und ganz ohne Straßen auskommen.
Von Michael Förtsch
Bereits vor drei Jahren hatte der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman den Plan vorgestellt, eine riesige Öko- und High-Tech-Stadt zu errichten. Sie soll den Namen Neom tragen, am Golf von Akaba entstehen und zur Heimat von Start-ups, Weltunternehmen und Universitäten werden. Sie soll vollends smart sein, zu 100 Prozent durch erneuerbare Energien betrieben werden und für Touristen offen stehen. Dadurch soll sie helfen, Saudi-Arabien auf eine Zeit nach dem Öl vorzubereiten. Der Plan ist nicht unumstritten. Insbesondere da für die Umsetzung zahlreiche Beduinenstämme zwangsumgesiedelt und zum Teil mit Gewalt vertrieben werden. Nun wurde der sowieso schon monumentale Zukunftsplan um ein weiteres Projekt erweitert.
Als eine Art Ergänzung von Neom entwickelt Saudi-Arabien eine zusätzliche Planstadt, die noch ungewöhnlicher als die Kernstadt ausfallen soll. Denn sie soll sich als eine 170 Kilometer lange Linie von Neom gen Osten durch das Wüstenland ziehen. Entsprechend soll sie The Line getauft werden. Die Idee hinter dem Projekt ist, Wohn-, Arbeits- und Erholungsorte zu schaffen, in denen niemand auf ein Auto angewiesen ist und kein Weg mehr als 20 Minuten in Anspruch nimmt. „Wir müssen das Konzept einer konventionellen Stadt in das einer futuristischen Stadt umwandeln“, sagte Mohammed bin Salman bei einer Enthüllungsveranstaltung für das Projekt.
Um das möglich zu machen, soll die Stadt auf ein nahezu unsichtbares Transport- und Versorgungsnetz im Untergrund aufgesetzt werden. Unter der Erdoberfläche soll zunächst ein Tunnelsystem angelegt werden, dass es Arbeitern schnell erlaubt, bei Problemen mit der Wasser- oder Stromversorgung zu reagieren. Darunter wiederum soll ein in gerader Linie verlaufender Strang von Tunneln liegen, der für „Ultra-Hochgeschwindigkeits-Züge“ wie etwa einen Hyperloop gedacht ist. Direkt daneben sollen Fahrschächte für selbstfahrende Passagierfahrzeuge angelegt sein. Ebenso wie ein separater Schacht für Liefer- und Versorgungsfahrzeuge, die natürlich auch autonom unterwegs sein sollen.
Eine Stadt für Radler und Fußgänger
An der Oberfläche soll es in The Line keine Straßen oder klassischen Automobile geben, sondern nur Fuß- und Radwege. Ebenso soll die Energieversorgung vollständig sauber erfolgen – aus Wind-, Sonnenenergie und anderen erneuerbaren Quellen. Auch sonst soll The Linie keine Stadt im klassischen Sinne werden. Vielmehr soll es sich um zahlreiche Gemeinde-artige Siedlungsräume mit jeweils lokalen Zentren handeln, die sich wie an einer Perlenschnur über dem unterirdischen Verkehrsstrang ziehen und irgendwann zu einer durchgehenden Stadtstruktur verwachsen könnten. Viele Einrichtungen sollen durch Künstliche Intelligenz gesteuert werden.
Insgesamt sollen in The Line irgendwann bis zu einer Million Menschen wohnen und arbeiten. Die Infrastruktur alleine will sich das Königreich zwischen 100 und 200 Milliarden US-Dollar kosten lassen. Unklar ist, wer für die Planung des futuristischen Stadtprojektes zuständig ist. Denn nach der mutmaßlich von Mohammed bin Salman angeordneten Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi im Jahr 2018 hatten sich bekannte Architekten wie Norman Foster von Neom und anderen saudischen Bau-Projekten distanziert. Dennoch soll der Spatenstich für das Projekt bereits in den nächsten zwei Monaten stattfinden. Ähnlich wie Neom ist auch The Line auf Gebieten geplant, in denen teils seit Jahrhunderten kleine Stammesverbände leben und Dörfer errichtet haben.

Michael Förtsch
Leitender Redakteur
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