top of page

16. Oktober 2026

Mit diesem Game könnt ihr Daten für die Entwicklung günstiger Handprothesen beisteuern


Von der Semesterarbeit an der Hochschule zum preisgekrönten Serious Game: Das studentische Team Mouseworks hat mit dem Mixed-Reality-Spiel FLOAT den diesjährigen New Realities Award von 1E9 und XR HUB Bavaria sowie weitere Preise gewonnen. Das Konzept, spielerisch per Handtracking Daten für die Entwicklung günstiger Prothesen zu sammeln, überzeugte aber nicht nur Jurys, sondern auch schon Tausende Gamer.


Von Wolfgang Kerler


Die liebenswerten Pookis haben ein Problem. Ein Sturm hat die schwebenden Inseln, auf denen sie leben, auseinandergerissen. Ihre Existenz ist gefährdet – es sei denn, die Spielerinnen und Spieler von FLOAT helfen ihnen. Das funktioniert nicht mit Controllern, Maus oder Tasten, sondern mit den eigenen Händen, erklärt Game-Producer Kevin Bruno von Mouseworks. „Das heißt, man kann zum Beispiel eine flache Hand ausstrecken, dann läuft der Pooki darüber. Oder man muss den Pooki vor einem Wasserfall schützen, dann hält man seine Hand darüber.“


Die Hand des Spielers wird zur Brücke, über die der Pooki auf die nächste Insel kommt. Bild: Mouseworks
Die Hand des Spielers wird zur Brücke, über die der Pooki auf die nächste Insel kommt. Bild: Mouseworks

Die Steuerung per Hand, um die Pookis beim sicheren Manövrieren durch die bunte Welt im grafischen Stil von Donkey Kong oder Super Mario zu unterstützen, ist nicht nur kurzweilig. Sie dient auch dem – neben dem Spielspaß – zweiten großen Ziel von FLOAT: Das Game soll Daten sammeln, die der medizinischen Forschung dienen. Dafür kann man beim Spielen ein Armband tragen, das die Bewegungsdaten der Hand sammelt. „Diese Handgestendaten werden dann anonymisiert an ein Frankfurter Start-up namens MyoMod geleitet“, erklärt Kevin.


Mit einer Anfrage des Start-ups bei der Hochschule Neu-Ulm begann auch die Geschichte von FLOAT.  Denn in Neu-Ulm gibt es den Studiengang Game Production and Management, in dem die Studierenden zuerst Programmieren, Zeichnen oder Game Design lernen, bevor sie sich dann im dritten Semester zusammenschließen, um Serious Games zu entwickeln – also Spiele, die nicht nur unterhalten, sondern auch einen ernsteren Zweck erfüllen sollen.


Deshalb auch der Kontakt zwischen MyoMod und der Hochschule. Denn das hessische Start-up will möglichst erschwingliche und robuste Handprothesen ermöglichen, die sich auch Menschen in unterversorgten, ärmeren Ländern leisten können. Es setzt dafür auf myoelektrische Steuerung, bei der die Muskelsignale des verbleibenden Arms gemessen werden, um die Prothese zu bewegen. Um diese Steuerung zu trainieren, braucht es möglichst gute und ausreichend Handgestendaten. Und so entstand die Idee, dass diese Daten mithilfe eines Serious Games gesammelt werden könnten.


Kevin Bruno von Mouseworks war im New Realities Podcast zu Gast. Hier könnt ihr die Folge nachhören.

 

Von Mäusen zu Pookis – und warum die Wahl auf XR fiel


Um die Aufgabe von MyoMod per Game zu lösen, fanden sich sechs Studierende zusammen. Neben Kevin, der Produktion, „Vision Keeping“ und Sounddesign übernahm, kümmerten sich Lars und Marius um die Programmierung, Emil ums Environment Design, Sebastian ums Game Design und Jennifer ums Character Design.


Von Anfang war klar, dass Steuerung per Controller nicht in Frage kam, weil MyoMod Handgestendaten brauchte. Doch für wirklich gutes Handtracking in Spielen braucht es entsprechende Sensorik, wie sie in XR-Brillen, zum Beispiel der aktuellen Meta Quest, integriert ist. Deswegen entschied sich das Team für ein Game in XR – und probierte zahlreiche XR-Spiele aus, um sich inspirieren zu lassen. Vielleicht ein Rhythmusspiel wie Beat Saber nur eben mit bestimmten Handhaltungen statt Lichtschwertern? Zu schnell für die Datenerfassung durch das Armband. Also wurde das VR-Abenteuer Moss zum wichtigsten Vorbild. Darin wird eine kleine Maus durch dioramaartige Welten begleitet – ein Prinzip, das sich sehr gut mit den benötigten Handgesten verbinden ließ.


Eine Skizze, die das spätere Konzept von FLOAT visualisiert. Allerdings noch mit einer Maus als Charakter. Bild: Mouseworks
Eine Skizze, die das spätere Konzept von FLOAT visualisiert. Allerdings noch mit einer Maus als Charakter. Bild: Mouseworks

Jennifer fertigte erste Konzeptzeichnungen an, anschließend setzte das Team seine Ideen in Prototypen mit der Unreal Engine um und präsentierte sie MyoMod. Die heutige Hauptfigur war zu diesem Zeitpunkt noch eine Maus, weshalb sich das Team auch Mouseworks nannte. Weil das Spiel aber international veröffentlicht werden sollte und Mäuse nicht in allen Kulturkreisen als sympathisch gelten, entschied man sich für eigene Wesen. „Deshalb haben wir gesagt: Komm, lass uns was Eigenes finden, was auch so zu uns gehört“, erzählt Kevin. Aus zahlreichen Entwürfen von Jennifer entstanden so die Pookis.


Nach dem Ende des Semesters arbeitete das Team freiwillig in der vorlesungsfreien Zeit weiter, erweiterte und polierte den Prototypen. Übrigens ganz bewusst in Mixed Reality, bei der die reale Umgebung sichtbar bleibt, statt in kompletter Virtual Reality. „Wir haben bei VR vor allem zwei große Probleme. Das erste ist: Viele Leute bekommen die VR-Krankheit, wenn sie zum ersten Mal eine Brille aufhaben. Das andere ist, dass viele nicht mögen, dass es so abgeschottet ist“, erklärt Kevin. „Und dann haben wir gesagt: Die neuen Brillen haben einen Passthrough. Man sieht seinen Raum und zieht das Digitale in seinen eigenen Raum rein.“

 

Gleich mehrere Preise – und: „Der Druck ist hoch“


Die ersten öffentlichen Reaktionen fielen allerdings nicht nur euphorisch aus. Bei den GermanDevDays in Frankfurt zeigte Mouseworks eine frühe Version von FLOAT. Das Publikum erkannte das Potenzial. Doch es machte dem Team auch klar, dass noch Arbeit vor ihm lag. „Es ist eine coole Idee, ich sehe die Vision, aber es ist halt ein Prototyp“, fasst Kevin das damalige Feedback zusammen. Also investierten die Studierenden noch mehr Zeit in die visuelle Gestaltung und das Feintuning, damit FLOAT veröffentlichungsreif wurde. Schon bei der Gamescom 2025 funktionierte dann auch die technische Verbindung zwischen Spiel, Armband und MyoMod: Die erfassten Daten konnten zuverlässig übermittelt werden.



Die ganze Arbeit zahlte sich aus. Ende August 2026 war FLOAT nach Angaben des Teams schon rund 18.000-mal aus dem Meta Horizon Store heruntergeladen worden. „Wir sind super stolz drauf und haben eine Durchschnittswertung von 4,4 von 5“, sagt Kevin. Auch Jurys überzeugte das Projekt: Mouseworks gewann unter anderem den Meaningful Game Award beim Student Games Festival in Warschau, eine Auszeichnung beim Deutschen Multimediapreis mb21, den Digital Responsibility Award und schließlich den New Realities Award 2026 von 1E9 und XR HUB Bavaria beim Festival der Zukunft in München.


„Der Druck ist hoch, also der Druck ist wirklich hoch“, sagt Kevin nach all den Auszeichnungen und den Erwartungen, die dadurch erzeugt wurden. Das Team wisse aber, dass bei FLOAT außergewöhnlich viele Dinge zusammengepasst hätten – und dass sich ein solcher Erfolg nicht einfach erzwingen lasse.

 

Von Mecha-Prügeleien, geteilten Schwertern und einem möglichen Studio


Eine Pause gönnte sich Mouseworks nach FLOAT nicht. „Wir bleiben unseren VR-Wurzeln noch treu“, beschloss das Team – und entwickelte mit MERCURY gleich das nächste Handtracking-Spiel. Diesmal geht es allerdings weniger niedlich zu: Statt Pookis über schwebende Inseln zu lotsen, steuern die Spielerinnen und Spieler einen Kampfroboter. Sie bewegen sich mit ihren Armen in einer Art Gorilla-Gang durch die virtuelle Welt und bearbeiten gegnerische Mechs mit bloßen Händen. Einen schnellen Mecha-Brawler komplett ohne Controller umzusetzen, war allerdings deutlich schwieriger, als es zunächst klang. Inzwischen kann die Tech-Demo kostenlos auf der Meta Quest 3 und 3S gespielt werden.


Das Team von Mouseworks beim Student Games Festival in Warschau, Kevin Bruno ist der zweite von links. Bild: Mouseworks
Das Team von Mouseworks beim Student Games Festival in Warschau, Kevin Bruno ist der zweite von links. Bild: Mouseworks

Danach verabschiedete sich Mouseworks vorerst von VR: CATENA ist ein Couch-Koop-Spiel mit einem gemeinen Prinzip: Zwei Spielerinnen oder Spieler sind aneinandergekettet, kämpfen aber in unterschiedlichen Realitätsebenen – und besitzen gemeinsam nur eine einzige Waffe. Die muss ständig hin- und hergeworfen werden. Während Kevin mit uns sprach, präsentierten andere Teammitglieder das Spiel gerade auf der gamescom. Die erste, angenehm knappe Bilanz: „Die Leute finden es cool, die haben Spaß.“


Und Mouseworks selbst? Das Team hatte während der Arbeit an FLOAT darüber nachgedacht, schon im Studium ein eigenes Gamesstudio zu gründen. Dann kam das Leben dazwischen: Zwei Teammitglieder wollten für ein Auslandssemester nach Japan, andere starteten in ihre Praxissemester. Die Gründung liegt deshalb vorerst einmal auf Eis – erledigt ist das Thema aber nicht. „Die Idee liegt immer noch auf dem Tisch“, sagt Kevin. Wenn alle im siebten Semester wieder zusammenkommen, wollen sie neu überlegen, wie es weitergeht. Die wichtigste Voraussetzung für ein gemeinsames Studio bringen sie jedenfalls mit: „Wir sind halt echt seit dem dritten Semester ein Team. Es funktioniert super. Wir können uns aufeinander verlassen.“

 

So könnt ihr FLOAT selbst ausprobieren und Daten spenden


Wer den Pookis selbst helfen möchte, kann FLOAT kostenlos aus dem Meta Horizon Store herunterladen und auf einer kompatiblen Meta Quest spielen. Das funktioniert auch ohne Datenspende. Wer zusätzlich die Prothesenentwicklung unterstützen möchte, benötigt das EMG-Armband von MyoMod: Es misst beim Spielen die Muskelsignale am Unterarm und liefert damit Trainingsdaten für den Steuerungsalgorithmus. Interessierte können sich auf der Website von MyoMod informieren und derzeit per E-Mail an info@myomod.org für die Datensammlung anmelden.

Wolfgang Kerler

Wolfgang Kerler

Chefredakteur

554

Cooler Artikel!

NewBot3.png
Job, der Bot

Das dürfen leider nur 1E9-Mitglieder.

Werde 1E9-Mitglied, um diesen Artikel weiterzulesen!

NewBot3.png

1E9 bietet dir gut recherchierten Journalismus, Newsletter und Podcasts über Zukunftstechnologien, dazu inspirierende Events und eine Community von Menschen, die Zukunft gestalten wollen.

Job, der Bot
NewBot3.png
Job, der Bot

Wir freuen uns immer über Feedback, als Mitglied kannst du auch kommentieren.

Hi, ich bin Job, der Bot! Konntest du mit diesem Artikel etwas anfangen?

NewBot3.png
Job, der Bot

Das freut mich zu hören!

Darf ich fragen warum?

Leider gab es einen Fehler. Bitte probiere es später noch einmal!

Kommentare

Deine Meinung teilenJetzt den ersten Kommentar verfassen.

Weiter bei 1E9...

Überschrift 3

Cooler Artikel!

Überschrift 3

Artikel

Überschrift 3

Cooler Artikel!

Überschrift 3

Cooler Artikel!

c83017bd-9e88-47e5-8de7-06e0f439ecb7

6ad1d7600309c5e579e56ed5

bottom of page