18. Juni 2026
Kryokonservierung: Ein Neustart nach dem Tod?

Der Arzt Emil Kendziorra möchte Menschen nach ihrem Tod eine Zukunft ermöglichen. Sein Unternehmen arbeitet an der Kryokonservierung. Mit dieser Methode können sich Menschen nach ihrem Tod bei extremen Minustemperaturen konservieren lassen. Sie hoffen, in der Zukunft wiederbelebt zu werden.
Von Michael Förtsch
Wer mit Emil Kendziorra spricht, dem wird schnell klar, dass er das Leben mag. Daher will der Arzt und Krebsforscher lange leben. Nicht 80, 90, 100 oder 120 Jahre. Sondern: „Indefinitely ist wohl der Begriff, der am besten passt“, sagt er im Gespräch mit 1E9. Nicht unendlich, aber unbegrenzt lange. „Ich möchte die Möglichkeit haben, immer zu sagen, dass ich noch einen Tag weiterleben möchte“, führt er aus. Er wolle sehen, was die Zukunft bringt. Bereits jetzt tue er deshalb viel für seine Gesundheit und für ein langes Leben. Zusätzlich bereitet er sich auf seinen Tod vor. Denn er will sich einfrieren lassen – ganz in der Hoffnung, dass der Tod irgendwann nicht mehr das Ende bedeutet und er wieder aufgeweckt werden kann. Mit Tomorrow Bio hat er 2020 zusammen mit dem Unternehmer Fernando Azevedo Pinheiro ein Start-up gegründet, das genau das für ihn und andere ermöglichen soll.
Liegt ein Patient im Sterben oder ist gerade erst verschieden, wird das Team seines Unternehmens aktiv. Es sorgt dafür, dass der Körper auch nach dem Tod weiterhin mit Sauerstoff versorgt wird, und kühlt den Körper herunter. „Also alles, was auf zellulärer Ebene verhindert, dass der Körper degeneriert“, so Kendziorra. Dann wird der Körper möglichst schnell in eine Kryokonservierungseinrichtung transportiert. Dort werden Blut und andere Körperflüssigkeiten im Körper durch eine Kryokonservierungslösung aus Dimethylsulfoxid, Ethylenglykol und einigen anderen Bestandteilen ausgetauscht. Sie wirkt wie ein Frostschutz für den Körper, der anschließend in einen metallenen Lagerbehälter gehoben und durch Flüssigstickstoff auf minus 196 Grad Celsius gekühlt wird.
Das Wort Einfrieren mag Kendziorra für diesen Prozess dabei eigentlich nicht. Denn auch wenn die Formulierung umgangssprachlich etabliert und technisch nicht ganz falsch sei, vermittle sie einen falschen Eindruck. Denn es gehe ihm und seinen Mitarbeitern darum, die typischen Folgen des Einfrierens zu verhindern: „Wir tun alles, dass sich im Körper und insbesondere im Gehirn keine Eiskristalle bilden und Gewebe zerstören“, sagt der Krebsforscher. Nach Angaben Kendziorras zeigten CT-Scans und Zelluntersuchungen, dass im Durchschnitt 98 Prozent des Gehirns nach ihrer Behandlung des Leichnams gut mit Konservierungsmittel durchschwemmt werden und dadurch weitgehend eisfrei bleiben.
„Wir wissen natürlich nicht zu hundert Prozent, wie das Gehirn funktioniert“, sagt Kendziorra. Aber je geringer der Schaden und je besser das Gehirn erhalten sei, umso höher seien die Chancen, dass „die Erinnerungen, die Identität, die Persönlichkeit, eben all diese Dinge, die wir wertschätzen“ in den Neuronen und Synapsen erhalten bleiben. Das sei die Logik – aber auch Hoffnung – hinter dem Prozess. Wer mag, der könne bei Tomorrow Bio auch nur sein Gehirn konservieren lassen. Dieses wird dann in einem chirurgischen Eingriff aus dem Schädel entfernt, ähnlich wie ein ganzer Körper behandelt und bei den gleichen extremen Minusgraden gekühlt. Welche Methode auch gewählt wird: Wie Kendziorra sagt, sei all das natürlich eine Wette auf die Zukunft. Kritiker halten es wiederum für spekulativen Optimismus – oder sogar teuren Humbug.
Die Wette auf eine Zukunft, die es noch nicht gibt
Bis sich Emil Kendziorra selbst konservieren lässt, werden wohl noch einige Jahre vergehen. Mehrere andere Patienten – wie das Unternehmen die konservierten Verstorbenen nennt – gibt es aber schon. „Knapp über 30“, schätzt Kendziorra. Mehrere von ihnen sind an unheilbaren Krankheiten gestorben. „1.000 weitere Menschen haben sich bei uns angemeldet, um irgendwann kryokonserviert zu werden.“ Das seien Junge, Alte, Männer und Frauen. Aber bei vielen von ihnen gebe es Gemeinsamkeiten, merkt Kendziorra an. Oft seien es Atheisten oder Agnostiker. Viele hätten ein wissenschaftliches Weltbild und seien von der Zukunft und Science-Fiction fasziniert. „Sie sagen: Wenn ich eingeäschert oder beerdigt werde, that’s it“, sagt er. „Und: Ich würde lieber in der Zukunft weiterleben. Noch die Zukunft sehen.“
Ob das wirklich gelingt? Emil Kendziorra ist da ganz offen. Er weiß es nicht. Er und Tomorrow Bio geben daher auch keinerlei Versprechen oder Garantien ab. „Denn die gibt es nicht. Mir ist es auch ganz wichtig, dass die Leute das verstehen: Es gibt keine Garantie, dass alles funktioniert oder dass du irgendwann wieder aufwachst“, sagt er. Mit der Kryokonservierung gäbe es aber immerhin eine Chance, die größer als Null ist. Anders als bei einer Einäscherung oder einer klassischen Beerdigung. Aber natürlich müsse, was heute konserviert wird, in einer möglichen Zukunft auch „verstanden und repariert“ werden können. Er beobachte die Entwicklung der Medizin und Technologie gespannt und sei optimistisch gestimmt. Dennoch könne auch er nur spekulieren, ob und wie jemand aus der Stase wieder ins Leben zurückgeholt werden könnte.

„Es gibt die Möglichkeit, dass Organ-3D-Druck und ähnliche Praktiken irgendwann deutlich weiter sind als heute“, gibt Kendziorra als Beispiel an. „Das heißt, das Gehirn könnte theoretisch in einen neu geschaffenen Körper transplantiert werden.“ Es könnte aber auch Therapien geben, mit denen der alte Körper wieder geheilt und verjüngt werden kann. An entsprechenden Ansätzen wird aktuell von mehreren Firmen geforscht. Auch Science-Fiction-Ideen wie das Gehirn-Uploading hält er nicht für vollkommen abwegig, also die Möglichkeit, den eigenen Verstand zu digitalisieren und in einen Computer oder Roboterkörper zu transferieren. Derartiges werde natürlich nicht in den nächsten Jahrzehnten möglich, aber unter Umständen in den nächsten Jahrhunderten. Falls die technologische Entwicklung weiter rasant voranschreitet und sich die Menschheit vorher nicht vernichtet.
Zwischen Hoffnung und Vorsorge
Wie der Gründer von Tomorrow Bio sagt, könne auf dem Weg in die Zukunft natürlich viel schiefgehen. Er und seine Mitstreiter würden jedoch alles tun, um möglichst viele Risiken zu minimieren und für ihr Geschäftsmodell pragmatische Lösungen zu finden.
Rein rechtlich sind die konservierten Menschen eigentlich tot – und in Deutschland gilt Bestattungspflicht. Sie werden daher als Körperspende an ein Langzeitforschungsprojekt behandelt. Verwahrt werden sie in einer sicheren Einrichtung einer ebenfalls von Kendziorra gegründeten Stiftung in der Schweiz. Eine weitere unabhängige Schweizer Stiftung hat die Aufsicht über die Körper und die dafür vorgesehenen Gelder. Dadurch soll sichergestellt werden, dass die Körper auch dann weiterhin gelagert werden, wenn Tomorrow Bio nicht mehr existiert.
Diese Stiftungen sollen – sollte das große Experiment gelingen – den wiederbelebten Menschen ins Leben zurückhelfen. Denn Stiftungen sei „mehr zu trauen“ als Firmen. „Auch hier können wir natürlich nichts garantieren“, sagt Kendziorra. „Aber wir haben einen Plan.“ Laut ihrer Satzung sind die Stiftungen nicht nur zur Verwahrung der Körper verpflichtet, sondern auch dazu, deren Konservierung wieder rückgängig zu machen, wenn es so weit ist. „Das heißt, sie kümmern sich darum, dass diese später wiederbelebt und schließlich in die zukünftige Gesellschaft integriert werden“, führt Kendziorra aus. Wie genau das funktioniert, ist natürlich vollkommen abhängig davon, wie die zukünftige Gesellschaft aussieht.
Die Kosten der Hoffnung
Sonderlich günstig ist die Hoffnung auf ein Leben nachdem Tod nicht. Tomorrow Bio verlangt von Mitgliedern – 50 Euro pro Monat, 500 Euro pro Jahr oder einmalig 9.999 Euro – derzeit 200.000 Euro für eine Ganzkörper-Kryokonservierung und 75.000 Euro für eine reine Gehirn-Konservierung. Wer nicht Mitglied ist und die Leistung in Anspruch nehmen will, zahlt mehr: 230.000 Euro für den ganzen Körper oder 115.000 Euro für die Gehirn-Variante. Beglichen werden können die Kosten vorab oder über eine Lebensversicherung oder Nachlassplanung.
Dass dies sonderlich einfach wäre, glaubt der Forscher und Unternehmer jedoch nicht. Die Menschen wären schließlich aus der Zeit gefallen. Sie müssten sich in einer Welt zurechtfinden, die womöglich völlig anders funktioniert als die, die sie verlassen haben. Gesellschaftlich, technologisch und wirtschaftlich könnte es zu massiven Wandlungen gekommen sein – hoffentlich zum Besseren. „Das Nächstliegende, was ich mir heute vorstellen kann, ist, dass es ähnlich sein mag, wie wenn Menschen aus heutigen Entwicklungsländern in moderne Industriegesellschaften kommen“, schätzt Kendziorra. Es dürfte eine immense Anstrengung bedeuten, eine zukünftige Gesellschaft zu ergründen und sich in sie zu integrieren. „Aber wer weiß schon, wie das wirklich sein wird“, sagt der Krebsforscher. „Denn wie können wir es wissen? Wir können alle nur spekulieren.“

Michael Förtsch
Leitender Redakteur
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Mal abgesehen von der fragwürdigen, wahrscheinlich unsicheten Langlebigkeit von Unternehmen und Institutionen:
Wer in einer zukünftigen Welt hat denn ein Interesse daran, jemnden von heute aufzutauen? Vielleicht mal abgesehen von ein paar Naturkundlern und Museumsleuten?