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16. Juli 2026

KI: Ist Europa zwischen China und den USA gefangen?


Europa wirkt im KI-Wettrennen abgehängt. Mittlerweile sucht die Staatengemeinschaft verstärkt nach einem eigenen Weg, der die EU souverän zwischen den USA und China positionieren soll. Leicht wird das nicht. Der KI-Forscher Joscha Bach sieht das Problem nicht nur in fehlenden Modellen, Chips oder Rechenzentren. Sondern in einer Gesellschaft, die ihre eigene Zukunft blockiert.

 

Von Michael Förtsch

 

Der Kampf um die Technologieführung im Bereich der Künstlichen Intelligenz wird immer härter. Nicht nur zwischen den großen, mit Milliarden an Investorengeldern ausgestatteten KI-Firmen. Sondern auch zwischen den führenden Nationen: den USA und China. Erst vor zwei Monaten hatte Anthropic mit Mythos sein bisher stärkstes KI-Modell nur für einen engen Kreis vertrauenswürdiger Firmen freigegeben, da es bislang unentdeckte Schwachstellen in Software und IT-Infrastruktur finden kann. Mit GPT-5.6 zieht OpenAI gerade nach. Bereits jetzt wollen chinesische Firmen wie Zhipu AI mit GLM-5.2 und weiteren bald erscheinenden Modellen zu diesen Frontier-Modellen aufgeschlossen haben. Einer Studie des britischen Meinungsforschungsinstituts Public First zufolge sehen viele China zunehmend als Gewinner – und technologisch vor den Vereinigten Staaten.

 

Europa wiederum spielt im Wettstreit um die Entwicklung und Nutzbarmachung von Künstlicher Intelligenz kaum eine Rolle. Lediglich Firmen wie Mistral, Black Forest Labs und n8n konnten sich internationale Beachtung erkämpfen. Aber das eher mit einzelnen überraschenden Durchbrüchen wie den Mistral-Large-LLMs, den FLUX-Text-zu-Bild-Modellen oder mit Anwendungen wie Automatisierungsplattformen, die in breiten Nischen erfolgreich sind. Für den bekannten KI-Forscher Joscha Bach ist Europas Problem daher nicht nur technologischer Natur, wie er gegenüber 1E9 auf dem Festival der Zukunft 2026 sagt. Jedenfalls sei das nicht das „primäre Problem“. Es gehe auch „nicht allein um fehlende Chips, fehlende Modelle oder fehlende Rechenzentren“. Der aus Deutschland stammende Co-Gründer und Leiter des California Institute for Machine Consciousness sieht vielmehr ein Problem „gesellschaftlicher Natur“.

 

Laut Bach sei es nicht so, dass den Ländern der EU die fähigen Forscher, mutigen Gründer und ambitionierten Macher fehlen würden. Europa sei jedoch „die Peripherie der USA“. Die wirklich besten KI-Forscher sowie die mutigsten und erfolgreichsten Unternehmer würden dorthin gezogen, wo sie die größten Chancen und höchsten Gehälter sehen. „Das führt eben dazu, dass die besten europäischen KI-Forscher in die USA gehen“, sagt Bach. Wenn sich europäische Firmen und Universitäten nicht dazu überwinden könnten, vergleichbare Ressourcen und Bedingungen zu bieten, werde sich daran langfristig nichts ändern. Darüber hinaus sieht Bach ein weiteres Problem: Europa bremse sich bei der Künstlichen Intelligenz auch aktiv selbst aus.

 

Ein Faktor sei eine viel zu kleinteilige und übergriffige Regulierung der Technologie. Hinzu komme zu wenig Neugier der Regierungen auf ihre Möglichkeiten. Ihm zufolge seien manche Schritte „mit dem Ziel, KI aufzuhalten und KI-Forschung teurer zu machen“ unternommen worden. Einer der Gründe? Angst vor Überforderung. „Wir glauben einfach nicht mehr an uns selbst“, sagt er. Die Länder der EU fürchteten, nicht mit der Technologie und ihren Implikationen umgehen zu können – und zu viel Veränderung bewältigen zu müssen. „Das Beharrungsvermögen der Gesellschaft ist so groß, dass sie versucht zu verhindern, dass zu viel Innovation stattfindet“, sagt Bach. Genau das sei jedoch womöglich eine viel größere Gefahr als das Transformationspotenzial der Künstlichen Intelligenz.

 

Kann KI Europa aus der Krise führen?

 

Dem KI-Forscher zufolge steht Europa unter „starkem Existenzdruck“. Er sieht den Kontinent im Systemkonflikt mit Ländern wie China zurückfallen. Dazu kämen Probleme wie der Klimawandel, wirtschaftliche Stagnation, eine zunehmend überlastete Infrastruktur und die Schwierigkeit, verschiedene Kulturen in einer immer stärker durch Migration geprägten Gesellschaft produktiv zusammenzubringen. Damit sei die EU nicht allein. Andere Industrienationen wie Japan und Südkorea hätten ähnliche Herausforderungen. Diese äußerten sich unter anderem darin, „dass wir keine Zukunft mehr sehen und als Ergebnis auch keine Kinder mehr haben wollen“, sagt Bach. „All das können wir wahrscheinlich ohne KI nicht schaffen.“

 

Künstliche Intelligenz sei daher nicht nur ein weiteres Digitalwerkzeug oder eine neue Softwareklasse. Sie sei vielmehr eine Art zivilisatorische Verstärkertechnologie, die Gesellschaften helfen könnte, komplexe Situationen besser zu verstehen, existenzielle Gefahren zu analysieren und Lösungen zu entwickeln. KI sei eine Möglichkeit, wieder handlungsfähiger zu werden. Genau das wäre für den Fortbestand von Ländern, Staatenbündnissen und der Menschheit insgesamt unabdingbar. „Wenn alles so bleibt, wie es ist, dann wird unsere Welt zu Ende gehen. Unsere Zivilisation wird zu Ende gehen“, sagt Bach. „Ich glaube, dass wir ohne Technologie, die uns hilft, kompetenter zu werden, besser zu verstehen, in welcher Situation wir sind, und so etwas wie Universal Basic Intelligence zu schaffen, nicht weiterkommen können.“

 

Aktuelle Initiativen der EU, mit denen sie verhindern will, im KI-Wettrennen gänzlich abgehängt zu werden, sieht Bach teils mit Skepsis, teils mit Zuversicht. Dazu zählt etwa die Frontier AI Grand Challenge, aus der ein großes Sprachmodell hervorgehen soll, das mit GPT, Claude und anderen Spitzen-KIs konkurrieren kann. „Ich glaube nicht, dass sie nichts bewirken werden“, sagt er. Denn auch wenn die USA für die KI-Forschung und den Einsatz der Technologie viele Vorteile böten, hätten sie zugleich klare Nachteile – etwa eine alternde Infrastruktur und ein derzeit „dysfunktionales politisches Umfeld“. Bach sagt daher: „Ich kann mir auch vorstellen, dass man viel erreichen kann, wenn man versucht, Innovationsstandorte zu schaffen, wie sie in den USA gerade nicht existieren.“

 

Abhängigkeit von den USA, Koexistenz mit China

 

Die zuletzt politisch recht angespannte Situation zwischen Europa und den USA bereitet Joscha Bach Sorge. Denn gerade an den neuesten US-KI-Modellen zeigt sich, wie schnell technologische Abhängigkeit zu politischer Abhängigkeit werden kann. Als die US-Regierung im Juni Exportkontrollen für Anthropics Claude Fable 5 und Claude Mythos anwandte, musste das Unternehmen den Zugang für ausländische Nutzer sperren. KI-Modelle, die insbesondere für fortgeschrittene Softwareentwicklung und IT-Sicherheitsanalysen zunehmend unverzichtbar werden, wurden damit zu strategischen Gütern der US-amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik. Für Europa war das ein Warnsignal, das auch die EU-Politik bewegte. Denn selbst wenn die Allianz mit den USA unverzichtbar bleibt, kann sich die EU nicht länger unbesehen auf die Vereinigten Staaten verlassen.

 

„Das läuft im Augenblick ein bisschen auseinander, weil die politischen Eliten Europas und der USA sich nicht mehr verstehen“, sagt Bach. Der KI-Forscher hofft darauf, dass sich diese Lage wieder ändert, es erneut zu einer Annäherung und „wieder mehr Kohärenz zwischen den USA und Europa“ kommt. Das sei nicht nur für die Europäische Union und den europäischen Kontinent wichtig, sondern auch für die Vereinigten Staaten. „Aus meiner Sicht ist es so, dass die USA dramatisch geschwächt werden, wenn der Westen auseinanderfällt“, sagt er. „Und Europa kann nicht stabil sein, ohne dass wir die Allianz mit den USA haben.“

 

Auch beim Blick auf China warnt Bach vor allzu stark vereinfachten Bildern und Denkmustern. China sei ein autoritär geführtes Land, „bei dem die Regierung vorgeben kann, was getan werden soll“, sagt Bach. Das ermögliche es der Volksrepublik, „zielorientiert in einer Weise [zu] handeln, wie wir das nicht können“. Aber das sei keine Garantie für chinesische Überlegenheit – auch nicht im Technologiebereich. Das politische und wirtschaftliche System könne durchaus instabil werden, wenn sich Machtübergänge nicht reibungslos vollziehen ließen oder der Wohlstand der Bevölkerung nicht weiterwachse. Wenn sich die Trends jedoch fortsetzten und China nicht instabil werde, „dann wird China uns wahrscheinlich irgendwann überholen“, sagt der KI-Forscher.

 

Für Bach ist ein Vorbeiziehen Chinas bei der KI-Entwicklung jedoch nicht der düstere Wendepunkt, den manche prophezeien. Für ihn ist die viel wichtigere Frage, ob Europa und der Westen insgesamt selbst stabil bleiben und eine tragfähige Form der Koexistenz mit China entwickeln können – insbesondere dann, wenn die Volksrepublik eine technologische Vorreiterrolle einnimmt. Es müsse ein kriegs- und konfliktfreies Miteinander entstehen, das „für keine Seite ein Nachteil ist“. Um das zu ermöglichen, brauche es jedoch eigene Kapazitäten, die eine Abhängigkeit verhindern. Gerade deshalb benötigt Europa eigene KI-Fähigkeiten: nicht, um China ignorieren zu können oder die USA zu ersetzen, sondern um in einer Welt konkurrierender KI-Systeme überhaupt verhandlungs- und handlungsfähig zu bleiben.

Michael Förtsch

Michael Förtsch

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