top of page

30. September 2025

Kann KI einen vernichteten Filmklassiker von Orson Welles wiederherstellen? Und wenn, ist das eine gute Idee?

ree

Vor über 80 Jahren drehte der gefeierte Citizen-Kane-Regisseur Orson Welles die Romanverfilmung Der Glanz des Hauses Amberson. Das Filmstudio RKO schnitt den Film jedoch um, veränderte ihn – und vernichtete die Originalfassung. Nun versuchen ein Filmhistoriker und ein Start-up, die ursprüngliche Vision von Orson Welles mit Künstlicher Intelligenz zu rekonstruieren. Grundlage dafür sind fast sechs Jahre Nachforschung darüber, was die verlorenen Szenen zeigten.


Von Michael Förtsch


Einst soll Orson Welles mit seiner live im Radio übertragenen Hörspieladaption von Krieg der Welten in den USA für Chaos und Angst gesorgt haben. Menschen hätten sich auf eine Invasion ihrer Dörfer durch außerirdische Kreaturen vorbereitet, sich in Kellern verbarrikadiert und wären geflohen, wurde in Zeitungen gemeldet. Heute ist bekannt, dass diese Berichte maßlos übertrieben, aufgeblasen und zum Teil auch frei erfunden waren. Aber sie haben den 1915 geborenen Theaterschauspieler und Spielleiter über Nacht weltbekannt gemacht und seinen Ruf als Regiegenie nachhaltig geprägt. Diesen festigte er mit seinem 1941 veröffentlichten Kinoklassiker – und oft als besten Film aller Zeiten bezeichneten – Citizen Kane. Der floppte zwar zunächst an den Kinokassen, wurde aber von Kritikern gefeiert. Denn er etablierte bis dato unbekannte und obskure Filmtechniken und Stilmittel, Spiele mit Licht, Schatten und Perspektiven, die zuvor nicht auf der Leinwand zu sehen waren.


Mit seinem nächsten Film wollte Welles den im Jahr 1918 erschienenen Roman Der Glanz des Hauses Amberson von Booth Tarkington adaptieren, der den Abstieg einer ehemals mächtigen Familiendynastie beschreibt. Für das Drama ließ der Regisseur eine echte Villa als Set errichten, deren Innenwände verschoben und weggeklappt werden konnten. Es war eine aufwendige Produktion – und eine der teuersten ihrer Zeit. Umso größer war die Panik beim Filmstudio RKO Radio Pictures, als der Film in einer Rohschnittfassung mit einer Laufzeit von 135 Minuten bei einem Testpublikum schlecht ankam. Sehr schlecht sogar: zu bedrückend, fordernd und einfach zehrend soll er gewesen sein. Das Studio ließ den Film daraufhin um rund ein Drittel kürzen und Szenen nachdrehen, darunter ein versöhnlicheres Ende. Welles selbst wurde weder gefragt noch informiert. Er arbeitete in Brasilien bereits an seinem nächsten Projekt und fühlte sich nach seiner Rückkehr „absolut verraten“.


Für viele Liebhaber besteht das Drama um Der Glanz des Hauses Amberson jedoch nicht nur darin, dass Welles der Final Cut verwehrt wurde. Sondern vor allem darin, dass die ursprüngliche Fassung – und damit Vision – von Orson Welles heute als verloren gilt. „Angeblich wurde sie vernichtet, als das Studio zusätzlichen Platz in seinem Lagerraum schaffen musste“, sagt Brian Rose im Gespräch mit 1E9. Rose ist Historiker, Filmemacher und arbeitet für ein Studio in Kansas City, das historische Dokumentationen produziert. Außerdem arbeitet er an eigenen Projekten. Eines davon ist die aufwendige Rekonstruktion der ursprünglichen Fassung von Orson Welles’ Der Glanz des Hauses Amberson. Er versuchte also herauszufinden, welche Szenen herausgeschnitten oder ersetzt wurden– und was in ihnen zu sehen war. In diesem Jahr ist er damit fertig geworden.


Das Poster zur Rekonstruktion des Originalfilms von Brian Rose - gezeichnet von Tobias Olearczuk.
Das Poster zur Rekonstruktion des Originalfilms von Brian Rose - gezeichnet von Tobias Olearczuk.

Dann kam das zu Amazon gehörende KI-Start-up Showrunner auf den Filmemacher zu. Denn es will die Rekonstruktion mittels Künstlicher Intelligenz vervollständigen: Die verlorenen Szenen sollen neu „eingespielt“ werden. Es sollen Sets, Szenen und Darsteller wiederhergestellt werden, um den Film so zeigen zu können, wie er einst wohl von Orson Welles im Schneideraum erdacht wurde. Selbst wenn das den Film noch kontroverser macht. Denn nicht jeder findet diese Pläne gut.


Ein verlorenes Meisterwerk?


Laut Brian Rose ist Der Glanz des Hauses Amberson mehr als nur irgendein alter Film. Nicht nur, weil er ein Werk von Orson Welles ist. „Der Film spielt in der Geschichte des Kinos eine so große Rolle, weil er die größte Angst eines jeden kreativen Menschen verkörpert: dass sein Werk gegen seinen Willen und von weniger begnadeten Menschen entwertet wird“, sagt Rose. Hinzu komme, dass die Erklärung von RKO zum Verlust des Originals wohl nicht die ganze Wahrheit ist. Das Studio und Welles hatten sich aufgrund kreativer Differenzen überworfen. Die Vernichtung des Originalschnitts habe „die Anmutung eines Racheakts“, so Rose. Als Beleg dafür sehen er und andere Filmhistoriker, dass RKO es ablehnte, eine Kopie des Originalschnitts bei der damals noch im Aufbau befindlichen Filmabteilung des Museum of Modern Art zu hinterlegen. Welles‘ Version des Films sollte offenbar verschwinden.


Aus diesem Grund sah Rose den Versuch, das Original wiederherzustellen, als „lohnendes und gerechtes Unterfangen“. Aber auch als eine gigantische Herausforderung. Denn die Menge des verlorenen Films, den er zurückbringen wollte, war enorm. „Die reine Laufzeit der Langfassung betrug 132 Minuten, die der überlebenden Fassung 88 Minuten. Das heißt, es fehlen 44 Minuten“, so Rose. Aufgrund von nachgedrehten Szenen stammen rund neun Minuten der 88-minütigen Fassung gar nicht von Welles, sodass es eigentlich 53 fehlende Minuten sind. Rose merkt zudem an, dass es Gerüchte über eine noch längere Version gibt, die 143 Minuten lang sein soll. Diese Behauptungen seien jedoch seinen Nachforschungen zufolge auf ein missverständliches Interview mit Orson Welles zurückzuführen. So oder so… die Rekonstruktion war nicht gerade ein Wochenendprojekt.


Mit seinen ersten Nachforschungen begann Rose im Frühjahr 2019. Natürlich mit dem Schauen des heute, trotz der Änderungen, sehr geschätzten Films. Dann begann er, so viel Material wie möglich zusammenzutragen. Dazu gehörten Storyboards, die einzelne Szenen skizziert zeigten, Diagramme über den Handlungsverlauf und Vergrößerungen von Zelluloideinzelbildern aus den verlorenen Szenen. „Am wichtigsten war jedoch ein Schnittprotokoll für die 132-minütige Fassung, das jede Szeneneinstellung mit Länge, Dialogen, Musikeinspielungen und einer Beschreibung der Handlung präzise dokumentiert“, so Rose. „Ich habe all das aus verschiedenen Quellen zusammengetragen.“ Darunter waren unter anderem die Lilly Library, die das weltweit größte Welles-Archiv führt. Aber auch Universitäten, Sammler und Orson-Welles-Kenner bat er um Hilfe.


Die Rekonstruktion


Nach und nach erarbeitete Brian Rose aus den Versatzstücken die Komposition einzelner Einstellungen und Szenen: die Hintergrundszenerie, die Positionierung von Charakteren, die Beleuchtung und vieles mehr. Zunächst im Kopf, dann auf Papier. Aber das genügte nicht, wie er feststellen musste. Denn viele Informationen ließen sich so nicht einarbeiten. „Ich begann daher, die Kulissen und Sets in 3D nachzubauen“, sagt er zu 1E9. Die räumlichen Kulissen ließen es zu, Perspektiven zu setzen und Figuren genauer zu positionieren. „Damit arbeitete ich die Kamerabewegungen so aus, dass sie den Beschreibungen im Schnittprotokoll möglichst genau folgten.“



Diese mit groben 3D-Modellen rekonstruierten Szenen einfach so verwenden? Das erschien Rose nicht angemessen. Und sie professionell mit Schauspielern nachdrehen? Dafür fehlten dem Filmemacher wiederum die Mittel. Daher entschloss er sich, sie auf seine eigene Weise zum Leben zu erwecken. „Ich habe die 3D-Rekonstruktionen überzeichnet und dann per Hand animiert“, sagt er. „Das ist etwas, was Disney einst gemacht hat. Dabei wurden Zellanimationen mit mehrschichtigen Hintergründen kombiniert.“ Diese Nachstellungen sind, wie Rose es selbst beschreibt, grobe, „fast geisterhafte, gespenstische“ Trickfilmsequenzen. Sie ersetzen die nachgedrehten Szenen und fügen sich an die Stellen, an denen RKO die Schere angesetzt hatte. Sie lassen zu, das einst Fehlende zu erfahren, aber gleichzeitig den Bruch zu erkennen.


Im Frühjahr 2025 war Rose mit seiner Rekonstruktion fertig. Laut dem Filmemacher sei das Ergebnis „wohl sehr nahe an dem, wie das Original inszeniert war und sich angefühlt hat“. Die Rekonstruktion, die erstmals am 27. Februar 2025 an der Truman State University aufgeführt wurde, beanspruchte fast sechs Jahre bis zur Fertigstellung – und soll nun mithilfe von Künstlicher Intelligenz fortgesetzt werden, wie das US-Start-up Showrunner angekündigt hat.


Wo die KI ins Spiel kommt


Es sei ein glücklicher Zufall gewesen, sagt Brian Rose, dass er zu Beginn des Jahres 2025 auf Edward Saatchi getroffen sei. Der Brite wurde einst als Gründer von Nationalfield bekannt, einem Start-up, das aus der Präsidentschaftskampagne von Barack Obama hervorging. Später wurde er Teil des Gründungsteams des VR-Filmstudios Story Studio, das mit dem VR-Film Henry einen Emmy gewann. Mit Fable Studio und dessen KI-Videodienst Showrunner will er nun das „Netflix für KI“ aufbauen; eine Plattform, die es Kreativen erlaubt, selbst Filme und Serien mit Künstlicher Intelligenz zu generieren. Amazon hat mehrere Millionen in das Projekt investiert.


Rose und Saatchi hätten in einem Gespräch darüber debattiert, ob und wie sich die restaurierte Fassung mit ihren Trickfilmpassagen noch weiterentwickeln ließe. Könnte man dem Original mit Künstlicher Intelligenz noch näherkommen? Gemeinsam gelangten sie zu einer Übereinkunft. „Meine Animationen sollen als Fundament oder Bauplan dienen“, sagt Rose. „Darauf wird dann mit KI aufgebaut, um das Projekt auf eine höhere und realistischere Stufe zu heben.“ Zusammen soll das „ruinierte Meisterwerk“ wiederhergestellt werden.


Wie genau, das wird derzeit noch erkundet. „Es hat schon einige Gespräche gegeben, und viele weitere werden noch folgen“, sagt Rose dazu. Es gäbe einige mögliche Ansätze. Eine Option ist, die von Rose selbst erstellten Animationen als Eins-zu-Eins-Blaupause heranzuziehen. Die Trickfilmszenen könnten durch KI-Videomodelle mit einem Prozess namens Video-Style-Transfer direkt mit realistischen Bildern überzeichnet werden. Ebenso könnten echte Schauspieler engagiert werden, um Szenen in einem provisorischen Set einzuspielen. Deren Gesichter und Körper könnten dann mittels Deepfakes und KI-Videomodellen mit Nachbildungen der Originalcharaktere aus dem Film überschrieben werden. Gleiches gilt für die Kulissen.


Für seine Rekonstruktion hat Brian Rose die fehlenden Szenen selbst nachgezeichnet und dabei versucht, den Intentionen und Aufzeichnungen von Welles so nah wie möglich zu kommen.
Für seine Rekonstruktion hat Brian Rose die fehlenden Szenen selbst nachgezeichnet und dabei versucht, den Intentionen und Aufzeichnungen von Welles so nah wie möglich zu kommen.

All das ist bereits in hoher und durchaus überzeugender Qualität möglich. Das demonstrieren die Modelle Gen-4 und Aleph von Runway, die fotorealistische Filmszenen generieren und sowohl generierte als auch echte Videoaufnahmen manipulieren können. Mit Marey von Moonvalley können die Bewegungen von Schauspielern sowie Kamerafahrten erfasst und auf KI-generierte Figuren in vollständig virtuellen Umgebungen übertragen werden. Das ist aber auch mit Open-Source-Modellen wie WAN 2.2 in Kombination mit Werkzeugen wie ComfyUI und ControlNet machbar. Bei dem Projekt sollen vor allem von Showrunner selbst entwickelte Technologien wie ein System aus mehreren Modellen namens Film-1 genutzt werden. Unterstützung erhält Rose dabei von Tom Clive, einem KI- und VFX-Künstler, der an Here, Alien: Romulus und Furiosa mitgearbeitet hat.


Kritik und Bedenken


Die Ankündigung, den Originalschnitt von Der Glanz des Hauses Amberson mithilfe von Künstlicher Intelligenz zu rekonstruieren, hat viel Interesse, aber auch Kritik hervorgerufen. Das Orson Welles Estate, die Nachlassverwaltung im Auftrag der Tochter des Regisseurs, ist von den Plänen wenig begeistert. Man sei nicht über die Pläne informiert worden. Grundsätzlich stehe man Künstlicher Intelligenz positiv gegenüber – beispielsweise der Idee, ein Stimmmodell von Welles anzulegen –, diese Rekonstruktion sei jedoch ein „Versuch, auf Kosten von Welles' kreativem Genie Publicity zu generieren“. Das Resultat werde lediglich „eine rein mechanische Übung ohne das einzigartige innovative Denken oder die kreative Kraft von Welles“ sein.


Mehrere Künstler äußerten wiederum Bedenken, da viele KI-Modelle mit Daten trainiert werden, die einfach aus dem Internet geladen wurden, ohne dass die Urheber gefragt oder entlohnt wurden. Es wäre eine Verhöhnung, diese Technologie ausgerechnet für einen Film von Orson Welles einzusetzen. Er sei ein Regisseur, der wie nur wenige andere für einzigartige Kreativität und einen ungebrochenen Schaffensdrang stehe. Andere kritisierten, dass Filme wie Der Glanz des Hauses Amberson eine Zeit repräsentieren, in der das, was auf dem Zelluloid zu sehen war, noch „echt” war, und es eine Schande wäre, dies mit synthetischen Bildern zu „verschmutzen”.



Wie Rose sagt, müssten solche „Bedenken gegen Künstliche Intelligenz“ und das die Rekonstruktion durchaus ernst genommen werden. Er und seine Mitstreiter sehen in diesem Projekt jedoch eine einzigartige Möglichkeit. Denn die KI erlaube hier etwas, das sonst vollkommen unmöglich sei. Rose glaubt außerdem, dass Orson Welles einer solchen Unternehmung gegenüber wohl nicht abgeneigt gewesen wäre. „Er war von neuen Technologien fasziniert“, sagt Rose. „Hätte er lange genug gelebt, hätte er sich sicher mit dem digitalen Filmemachen auseinandergesetzt, hätte sich Künstliche Intelligenz angeschaut und verstanden, dass all diese Technologien Werkzeuge sind, die man nutzen kann oder auch nicht.“


Wann die rekonstruierte Originalfassung von Der Glanz des Hauses Amberson erscheinen wird, da ist sich Rose hingegen weniger sicher. „Wir haben hier noch eine Menge Arbeit vor uns“, sagt er. „Es ist nicht abzusehen, wie lange alles dauern wird. Denn wir wollen die bestmögliche Version des Films schaffen – und das braucht seine Zeit.“ Zudem wachse und entwickle sich das Projekt bereits über die einstigen Ziele hinaus. Er hoffe beispielsweise, dass sich mit den Rechteinhabern des Films Übereinkünfte und Partnerschaften schließen lassen, die nicht nur die Veröffentlichung der restaurierten Teile, sondern eine wirklich „genehmigte Veröffentlichung des Endresultats“ ermöglichen. Vielleicht sogar im Kino, so dass es jedem möglich ist, zu sehen, wie Orson Welles sich den Filmklassiker einst vorgestellt hat.

Michael Förtsch

Michael Förtsch

Leitender Redakteur

554

Cooler Artikel!

NewBot3.png
Job, der Bot

Das dürfen leider nur 1E9-Mitglieder.

Werde 1E9-Mitglied, um diesen Artikel weiterzulesen!

NewBot3.png

1E9 bietet dir gut recherchierten Journalismus, Newsletter und Podcasts über Zukunftstechnologien, dazu inspirierende Events und eine Community von Menschen, die Zukunft gestalten wollen.

Job, der Bot
NewBot3.png
Job, der Bot

Wir freuen uns immer über Feedback, als Mitglied kannst du auch kommentieren.

Hi, ich bin Job, der Bot! Konntest du mit diesem Artikel etwas anfangen?

NewBot3.png
Job, der Bot

Das freut mich zu hören!

Darf ich fragen warum?

Leider gab es einen Fehler. Bitte probiere es später noch einmal!

Kommentare

Deine Meinung teilenJetzt den ersten Kommentar verfassen.

Weiter bei 1E9...

Überschrift 3

Cooler Artikel!

Überschrift 3

Artikel

Überschrift 3

Cooler Artikel!

Überschrift 3

Cooler Artikel!

3f878417-e993-45ac-a0a4-1a818a4ebec8

68db1b79e3cbf48a9872d2ed

bottom of page