top of page

10. September 2026

In acht Jahren zum Orbit: Ein früher Investor über den Erfolg von Isar Aerospace


Vom Studentenprojekt zu Europas Hoffnungsträger: Am 5. September erreichte die Spectrum-Rakete des Münchner Raumfahrt-Unternehmens Isar Aerospace erfolgreich den Orbit. Wir sprechen mit Herbert Mangesius von Vsquared Ventures darüber, einem der frühesten Investoren des Unternehmens – vom ersten Treffen mit dem Team, über Verzögerungen und Widrigkeiten bis zu den nächsten Schritten im Milliardengeschäft Raumfahrt.


Ein Interview von Wolfgang Kerler


5. September, 22:12 Uhr, Andøya Spaceport in Nordnorwegen: Die Spectrum-Rakete beginnt ihren zweiten Flug, erreicht dann den Erdorbit – und setzt erfolgreich mehrere Satelliten aus. Damit gelang Isar Aerospace ein historischer Erfolg: Spectrum ist die erste privat entwickelte europäische Orbitalrakete, die von westeuropäischem Boden aus erfolgreich den Orbit erreicht hat. Der Kontinent gewinnt damit eine Alternative zu Elon Musks US-Unternehmen SpaceX. Entsprechend stolz ist Firmenchef und Mitgründer Daniel Metzler auf das Team von Isar Aerospace: „Was in der europäischen Raumfahrt bisher Jahrzehnte gedauert hat, haben wir in wenigen Jahren geschafft: Europa und seine Partner können jetzt souverän und flexibel in den Weltraum starten.“


Isar Aerospace startete 2018 als Ausgründung aus der Technischen Universität München und begann sofort mit der Entwicklung seiner Orbitalrakete Spectrum – einem „Small Launch Vehicle“, das auf den Transport von kleinen und mittleren Satelliten ausgelegt ist. Im Laufe der Jahre sammelte das Start-up über 800 Millionen Euro Kapital ein, baute Produktions-, Test- und Startinfrastruktur auf und wuchs auf über 400 Mitarbeiter. Auch schloss Isar Aerospace bereits Verträge mit Kunden wie D-Orbit ab. Der erste Start von Spectrum, ursprünglich für 2021 geplant, verzögerte sich allerdings bis März 2025. Dieser erste Testflug musste nach rund 30 Sekunden beendet werden, weitere Versuche 2026 schon vor dem Start der Rakete abgebrochen werden. Diesmal klappte alles.


Der erfolgreiche Start der Spectrum-Rakete am 5. September 2026. Copyright: Isar Aerospace

Neben der Gründungsmannschaft von Isar Aerospace dürfte kaum jemand so lange auf den erfolgreichen Start hingefiebert haben wie Herbert Mangesius. Er und seine Kollegen Tommy Oehl und Benedikt von Schoeler begleiten das Team seit 2017 und gehörten 2018, nach der Gründung von Isar Aerospace, zu den ersten Investoren – damals noch über den Wagniskapitalfonds Vito Ventures. Auch mit ihrem eigenen Deep-Tech-Fonds Vsquared Ventures sind sie investiert.


Transparenzhinweis in eigener Sache: Herbert Mangesius ist einer von uns – nämlich Mitgründer von 1E9. Und über Vito bzw. heute Vsquared Ventures ist er an Isar Aerospace beteiligt. Dieses Gespräch ist also die Sicht eines frühen Wegbegleiters und Unterstützers, der mit dem Unternehmen von Anfang an verbunden ist.


1E9: Wie hast du den Spectrum-Start am Samstag verfolgt?


Herbert Mangesius: Ich war auf einem Campingplatz am Starnberger See. Zusammen mit den Camping-Nachbarn haben wir uns alle das Spektakel in der Nacht auf einem kleinen Laptop angeschaut, Kinder und Erwachsene.


Und wie war deine Gefühlslage vor dem Launch?


Herbert Mangesius: Ich war im März 2026 vor Ort, als ein Start abgebrochen werden musste, weil ein Boot in die Sperrzone gefahren ist. Aber schon damals war die Stimmung irre gut, alle waren selbstbewusst. Deswegen war ich diesen Samstag erstaunlich entspannt. Beim Countdown ging’s dann schon kurz in den Bauch, aber die Rakete ist so smooth abgehoben, dass es gleich nur noch positive Aufregung war. Großes Kino.


Du kennst das Team von Isar Aerospace schon seit 2017. Erinnerst du dich an eure erste Begegnung?


Herbert Mangesius: Der erste persönliche Kontakt war mit Daniel Metzler, der damals noch Student war. Genau wie die anderen Gründer war er bei der WARR, der studentischen Raketen- und Raumfahrtgruppe an der TU München. Gemeinsam hatten sie damals schon den Hyperloop-Contest von Elon Musk gewonnen und Suborbitalraketen und Triebwerke gebaut.


Deswegen hatten sie erste Anfragen, ob sie Triebwerke für andere Space-Start-ups bauen wollten. So entstand die Idee, selbst etwas zu gründen. Das fand ich spannend, weil ich selbst Luft- und Raumfahrt studiert hatte, dachte aber vorher: Wahrscheinlich ist das nichts für uns als Venture-Capital-Fonds, weil derartige Geschäftsmodelle und Produkte unüblich waren und im europäischen VC als nicht finanzierbar galten.


Wir haben uns dann im CADU, dem Café an der Uni, an der LMU in München getroffen. Es gab Croissant und Kaffee und ich habe erstmal nur zugehört. Nach 20 Minuten dachte ich: Das ist eigentlich machbar, warum nicht.


Was hat dich überzeugt?


Herbert Mangesius: Mir war vorher nicht klar, wie viel dieses Team schon erreicht hatte. Erst den Hyperloop-Contest zu gewinnen, dann Suborbitalraketen zu bauen, sie nach Brasilien zu verschiffen und dort die Operations mit eigenem und lokalem Personal zu managen – und das alles, ohne überhaupt einen Uniabschluss zu haben. Das zeugt von Kompetenz, aber vor allem vom Willen und der Fähigkeit, über längere Zeit konzentriert zu arbeiten und Leute zu führen. Wenn sie das schon als Studenten geschafft haben, schaffen sie das auch nochmal – nur eben größer. Das war unsere Überzeugung.


Trotzdem haben damals nicht viele Wagniskapitalfonds in Raumfahrt-Unternehmen investiert.


Herbert Mangesius: Ja, dass Europa zusätzliche Fähigkeiten braucht, um selbst ins All zu kommen, war damals noch kein Konsens. Aber Tommy, Bene und ich beschäftigten uns damals schon seit einem Jahr mit Raumfahrt. SpaceX funktionierte bereits, unsere europäischen Raketen Ariane und Vega waren einfach nicht mehr kompetitiv – und die Kluft wurde immer größer. Wir haben deswegen darauf gewettet, dass das Thema wichtig wird.


Bevor wir dann investiert haben, haben wir das Team besser kennengelernt, starke zusätzliche Referenzen bekommen, zum Beispiel von Bülent Altan oder Robert Schmucker, der die WARR in den 60er-Jahren gegründet hat, und gemeinsam mit den Gründern ein Konzept erarbeitet, das über das Geschäftsmodell, Triebwerke an andere Start-ups zu verkaufen, hinausgeht: ein eigener Launcher-Service, der Payload ins All bringt.


Fotos vom Abschluss der ersten Finanzierungsrunde 2018 und der Finanzierungsrunde 2020. Bilder: Vsquared


Ganz nach Plan lief es danach aber nicht. Ursprünglich war der erste Start einer Spectrum-Rakete für Ende 2021 geplant, wurde dann immer wieder verschoben. Warum hat es Jahre länger gedauert?


Herbert Mangesius: Um eine Rakete zu bauen und in den Orbit zu bringen, muss man irgendwo testen und dann von irgendwo starten können. Es kommt also vor allem auf Testing Capability und Launch Capability an, das hatte uns schon Robert Schmucker erklärt. Aber da fangen in Europa die Schwierigkeiten an, die zu Verzögerungen führen.


Auf der DLR-Teststelle in Lampoldshausen konnte man aus bestimmten Gründen nicht testen, aber glücklicherweise gelang das trotz aller Widrigkeiten auf einem oberbayerischen Bauernhof, wo bis heute Komponenten getestet werden. Dann ging man nach Nordschweden, wo man selbst große Testanlagen aufbauen musste – und dann musste man auch noch das Launchpad in Nord-Norwegen selbst planen und die Genehmigungen für Umsetzung und Betrieb bekommen. Das entspricht in etwa einer kleinen Chemiefabrik. Und das macht man einfach nebenbei, weil man ja auch noch eine Rakete mit einer neuartigen Triebwerkstechnologie entwickelt. Anders als SpaceX nutzt Isar Aerospace nämlich nicht Methan, sondern Propan als Treibstoff, was zu einer kompakteren Bauweise bei gleicher Payload führt.


Dann musste immer wieder die Finanzierung mit neuen Finanzierungsrunden gesichert werden, was einen immer wieder vorübergehend etwas ausbremst. Und Corona mit Lieferkettenproblemen und Arbeitsbeschränkungen kam auch noch dazu. Es war also wirklich nicht einfach, gerade in Europa.


Isar Aerospace ist längst auch Hoffnungsträger der Politik. Hier empfängt Firmenchef Daniel Metzler unter anderem den Bundeskanzler vor der Spectrum-Rakete. Copyright: Isar Aerospace
Isar Aerospace ist längst auch Hoffnungsträger der Politik. Hier empfängt Firmenchef Daniel Metzler unter anderem den Bundeskanzler vor der Spectrum-Rakete. Copyright: Isar Aerospace

Da sprechen alle Politiker in Europa ständig über Technologiesouveränität, aber ein Raketen-Start-up wird dann von Bürokratie ausgebremst?


Herbert Mangesius: Ich bin mir nicht sicher, ob Europa als solches überhaupt will, dass es neue, private Launch-Services gibt – denn das ist Wettbewerb zu den etablierten Unternehmen, die oft über politisch organisierte Verfahren finanziert werden, über die ESA oder Mitgliedsländer.


Verändert hat sich das erst in den letzten Jahren, weil man im transatlantischen Verhältnis einen Vertrauensverlust hinnehmen musste und der Zugang zum All für die nationale Sicherheit immer wichtiger wird. Im Ukraine-Krieg erleben wir, wie abhängig wir von Intelligence-Services aus den USA sind, die uns bei Erdbeobachtung weit voraus sind. So gesehen ist Isar Aerospace jetzt zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.


Politisch, ja. Aber ist neben SpaceX, das seit Jahren vergleichsweise günstigen Zugang zum All anbietet, auf dem kommerziellen Markt überhaupt Platz für ein junges deutsches Unternehmen?


Herbert Mangesius: Der Markt ist da. Wir haben aktuell viel zu wenig Launch-Kapazitäten – und jeder, der welche anbietet, wird auch Kunden finden. Mit dem, was SpaceX mit seinem Starship macht, kann Isar Aerospace bei den Kosten pro Kilogramm wahrscheinlich nicht mithalten. Aber das sind auch völlig andere Transportsysteme.


Die Isar-Rakete kann ein bis eineinhalb Tonnen Last befördern und ist eher für flexible, dynamische Missionen geeignet. Wenn man zwei, drei mittelgroße Satelliten in eine spezielle Umlaufbahn bringen möchte, kann man lange auf einen Slot bei SpaceX warten – und braucht dann eventuell noch einen Taxiservice, der die Satelliten an ihr Ziel bringt, weil SpaceX sie sonst nicht im passenden Orbit absetzt. Da macht es schon Sinn, für Zeitersparnis und mehr Flexibilität einen anderen Launcher-Service wie den von Isar Aerospace zu nutzen.


Auch 1E9 begleitet Isar Aerospace seit Jahren, sei es in Artikeln oder mit Events. Hier ein Fundstück aus dem Jahr 2020: Daniel Metzler erzählt die Geschichte der bayerischen Raumfahrtbranche und ihre Rolle für Europa.

Wo siehst du nach acht Jahren die größte Leistung des Unternehmens?


Herbert Mangesius: Darin, so lange so konzentriert durchzuziehen trotz aller Widrigkeiten – und in der Unternehmenskultur. Manchmal dreht sich in Deep-Tech-Start-ups alles um die akademischen Eliten aus renommierten Instituten und um hochwissenschaftliche Spin-out-Diskussionen. Das ist meiner Meinung nach manchmal zu abgehoben, elitär und realitätsfern. Bei Isar Aerospace geht es dagegen vor allem um das praktische Zusammenspiel von Engineering und Fertigung, von Ingenieuren bzw. Akademikern und Technikern bzw. Facharbeitern, die gemeinsam hinter der Mission stehen und es erst ermöglichen, aus einem „Laborstück“ ein praktikables Produkt an der Grenze des physikalisch Machbaren entstehen zu lassen.


Gleichzeitig ist der Blick auf so ein Unternehmen von außen oft unglaublich binär. Keiner kann reinschauen und es gibt nur diesen einen Beweispunkt: Klappt der Start oder nicht. Das führt dann zu solchen Erscheinungen, dass Gründerszene Daniel Metzler wenige Tage vor dem Start zum „Verlierer des Tages“ gekürt hat, weil HyImpulse, ein anderes Raketen-Start-up, eine erfolgreiche Finanzierungsrunde geschafft hat. Aber man lässt sich davon und von viel anderem externen „Noise“, der permanent auf einen einprasselt, nicht ablenken, sondern macht einfach konzentriert weiter, weil man weiß, was man tut.


Und wie geht’s jetzt weiter fürs Unternehmen?


Herbert Mangesius: Die Produktion muss hochgefahren werden. Am Ende will Isar Aerospace auf 40 Raketenstarts pro Jahr kommen, dafür braucht man einen gewaltigen Apparat.


Titelbild: Montage von 1E9, Ausgangsbilder von Isar Aerospace und Vsquared Ventures

Wolfgang Kerler

Wolfgang Kerler

Chefredakteur

554

Cooler Artikel!

NewBot3.png
Job, der Bot

Das dürfen leider nur 1E9-Mitglieder.

Werde 1E9-Mitglied, um diesen Artikel weiterzulesen!

NewBot3.png

1E9 bietet dir gut recherchierten Journalismus, Newsletter und Podcasts über Zukunftstechnologien, dazu inspirierende Events und eine Community von Menschen, die Zukunft gestalten wollen.

Job, der Bot
NewBot3.png
Job, der Bot

Wir freuen uns immer über Feedback, als Mitglied kannst du auch kommentieren.

Hi, ich bin Job, der Bot! Konntest du mit diesem Artikel etwas anfangen?

NewBot3.png
Job, der Bot

Das freut mich zu hören!

Darf ich fragen warum?

Leider gab es einen Fehler. Bitte probiere es später noch einmal!

Kommentare (1)

justherb
justherb
vor 5 Std.

Der Flip von Verlierer zum Gewinner kam schnell :) 💨 https://lnkd.in/p/e-Z92cnX


Bearbeitet
1

Weiter bei 1E9...

Überschrift 3

Cooler Artikel!

Überschrift 3

Artikel

Überschrift 3

Cooler Artikel!

Überschrift 3

Cooler Artikel!

83f1d97a-a754-4883-9cba-09bb0ff92904

6aa2a455f448a9cd17b07291

bottom of page