13. August 2026
Holz statt Beton, Kreislauf statt Abriss: Die Zukunft des Bauens ist da – aber die Ausnahme

Wie wir heute bauen, ist ein Problem: Der Bausektor verursacht ein Drittel der globalen CO2-Emissionen und fast die Hälfte des Rohstoffabbaus. Tendenz steigend. Dabei wäre es längst möglich, anders zu bauen: Die Materialien, Technologien und Konzepte existieren bereits und werden in wegweisenden Projekten umgesetzt. Warum sie die Ausnahme bleiben, diskutierten Vorreiter der Architekturbranche beim Festival der Zukunft.
Von Wolfgang Kerler
Vom kleinen Schulhaus in Dänemark, dessen Wände aus Stroh, Lehm und Holz bestehen und damit als natürlicher CO2-Speicher fungieren. Über ein stylishes Multifunktionsgebäude in München, das für eine Nutzung von vielen Jahrzehnten, vielleicht sogar Jahrhunderten ausgelegt ist. Bis zum Erlebniszentrum eines Unternehmens in Oberösterreich, das mit der Landschaft verschmilzt und mithilfe seiner 13 bepflanzten Innenhöfe klimatisiert wird.
Drei von vielen Beispielen, die zeigen, dass die Zukunft des Bauens längst da ist – klimaschonend, mit nachwachsenden Rohstoffen, zirkulär und in die Umgebung eingebunden. Doch wie so oft ist diese Zukunft ungleich verteilt. Obwohl die Technologien, Materialien und Konzepte für nachhaltiges Bauen bereits existieren, sind sie nicht der Standard. Genau das war Thema beim diesjährigen Festival der Zukunft von 1E9 und dem Deutschen Museum in München – in der Session How Do We Build the Future?.
Hintergrund der Diskussion war der akute Handlungsbedarf, der von kaum jemandem bestritten wird: Der Bau- und Gebäudesektor ist laut UNEP für über ein Drittel der globalen CO2-Emissionen und für fast 50 Prozent des Rohstoffabbaus verantwortlich. Und da die Weltbevölkerung wächst, wird jedes Jahr noch mehr gebaut. Zwar etwas effizienter als früher, doch in Summe steigen Emissionen und Materialbedarf an, während Klimaziele verfehlt werden. Wie sehen also die Lösungen aus? Und was muss passieren, damit sie häufiger implementiert werden?
Dazu lieferten drei Architektinnen und Architekten Antworten. Werner Frosch, Geschäftsführer im Münchner Büro von Henning Larsen, fokussierte sich auf natürliche Materialien. Sanne van der Burgh, die beim Rotterdamer Büro MVRDV Forschung und Innovation verantwortet, sprach unter anderem über zirkuläres Bauen sowie Umbauen statt Neubauen. Und Klaus Klaas Loenhart, Gründer des Studios Terrain und Professor an der TU Graz, diskutierte ganzheitliche Ansätze für regeneratives Bauen.
Natürliche Materialien: Holz und Stroh statt Beton und Stahl
Im ersten Impuls stellte Werner Frosch verschiedene Projekte von Henning Larsen vor – und schon die Fotos, die er als Einstieg brachte, verdeutlichten, was sich seit ein paar Jahren verändert: „Es wird brauner, es wird natürlicher, es wird hölzerner“, sagte Frosch selbst dazu. Und das liegt an den verwendeten Materialien.
Beton und der darin enthaltene Zement, dessen Produktion allein für acht Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich ist, sind der Klimakiller Nummer eins beim Bauen. Auch die Produktion von Stahl ist energie- und ressourcenintensiv. Daher suchen Architekturbüros nach Alternativen – und finden sie in der Natur. Nachwachsende und CO2-speichernde Materialien wie Holz und Stroh, aber auch der energiearm herstellbare Lehm erleben daher ein Revival, oft verbunden mit traditionellen Techniken. Auch bei Henning Larsen.
Bei der 22.000 Quadratmeter großen World of Volvo in Schweden ersetzte eine Holzkonstruktion konventionelle Stahl- und Stahlbetonstützen. Für die Fassade eines neuen 10.000-Quadratmeter-Gebäudes für die Sundby Schule in Dänemark griff das Büro auf eine uralte Technik zurück: Reet, also Schilf, wie man es von Reetdächern kennt – vom Brandschutz abgesegnet und mit kompostierbarem Verschnitt, der am Ende übrigbleibt.


Der anfangs schon erwähnte kleine Erweiterungsbau der Feldballe Schule, ebenfalls in Dänemark, erwies sich mit seinen Wänden aus verdichtetem Stroh in Holzkassetten, dem Innenputz aus Lehm und mit Seegras als Teil des Lüftungssystems als besonders wegweisend, berichtete Werner Frosch: „Aus diesem 200-Quadratmeter-Projekt, bei dem sogar Laien mit den Handwerkern mitgebaut haben, entsteht jetzt ein 155.000 Quadratmeter großes Gebäude in den Niederlanden. Das nennen wir Skalierung: Erfahrung sammeln, Lösungen finden – und sie dann hochskalieren.“

Kreislauf statt Abriss und Neubau: Multifunktionsgebäude und Lego-Baukästen
Auch MVRDV, das Architekturbüro, für das Sanne van der Burgh tätig ist, setzt auf natürliche Materialien wie Holz und Stroh. Doch in ihrem Impuls fokussierte sie sich auf Zirkularität, also Kreislaufwirtschaft, und die möglichst langfristige Nutzung von Gebäuden – anstatt neu zu bauen, was fast immer deutlich mehr CO2-Emissionen bedeutet.
Sie zeigte Fassaden, deren Materialien aus recycelten Bierflaschen, Fischernetzen und Plastikmüll gewonnen wurden – aber auch Konzepte, wie Bauwerke selbst später „recycelt“ werden können. Ihr Beispiel dafür: MATRIX ONE, ein 13.000-Quadratmeter-Gebäude in Amsterdam, in dem Labore, Büros und Gemeinschaftsräume untergebracht sind.
„Das ist unser erstes komplett zirkuläres Gebäude“, erklärte Sanne van der Burgh, „das heißt, es wurde für die Demontage entworfen. Das Haus ist wie ein riesiger Lego-Baukasten: Jedes Teil hat ein Etikett, einen Materialpass. Man kann das Ganze in Zukunft wieder auseinandernehmen – und hoffentlich baut die nächste Generation daraus etwas noch Spannenderes.“


Doch auch Gebäude, die nicht „designed for disassembly“ sind – bei denen also die spätere Demontage und Wiederverwertung der Materialien nicht von vornherein mitgedacht wurde – lassen sich weiternutzen, betonte die Architektin. So entwickelte das Büro ein Konzept, damit ein 100 Meter hoher Büroturm in Shenzhen, China, nicht abgerissen, sondern transformiert wurde – unter Erhaltung des Betonskeletts. „Das war ein Präzedenzfall in einer Stadt, in der es Trend war, für 30 Jahre zu bauen und dann abzureißen“, so van der Burgh.
Am wenigsten Ressourcen kostet aber die Weiternutzung eines Gebäudes, das gar nicht erst umgebaut oder abgerissen werden muss. In München realisierte MVRDV mit dem WERK12 im Werksviertel – erkennbar an den fünf Meter hohen Schriftzügen wie „AAHHH“ an der Fassade – deshalb ein Multifunktionsgebäude, das eine lange Lebensdauer bekommen soll, weil es sich so vielfältig nutzen lässt: mit frei konfigurierbaren Flächen im Inneren, 5,50 Meter hohen Geschossen, in die Zwischengeschosse eingezogen werden können, und einer Erschließung über Terrassen und Außentreppen.
„Hier haben wir uns gefragt: Können wir Gebäude entwerfen, die nicht 50, sondern 500 Jahre stehen?“, erinnerte sich Sanne van der Burgh. „Wir hoffen, dass solche hyperflexiblen Gebäude sehr lange bestehen können.“


Lebende Systeme: Gebäude, die atmen wie ein Wald
Einen Ansatz, den er „breathing architecture“ nennt, stellte Klaus Klaas Loenhart vor, Gründer des Studios Terrain und Professor an der TU Graz. Er sieht jedes Gebäude als Teil der Biosphäre. Deswegen will er die Leistung lebender Systeme nutzbar machen, auch um die menschliche Gesundheit zu verbessern. „Was, wenn unsere Gebäude uns gesund machen?", fragte er.
Ganz konkret gab er Einblicke in ein Projekt seines Studios: die Grüne Erde-Welt im oberösterreichischen Almtal, das Erlebnis- und Produktionszentrum eines Herstellers von Naturmöbeln.


Obwohl der Bau Tausende Quadratmeter umfasst, kommt er fast vollständig ohne herkömmliche Klimatechnik aus – und spart so im Betrieb Energie: Das Raumklima wird per Sensoren über 13 bepflanzte, miteinander verbundene Innenhöfe und ihre Temperaturunterschiede reguliert. Selbst bei großer Hitze scheint sich das zu bewähren. „Die letzten zwei Wochen waren ein besonderer Moment für uns – zum ersten Mal hatten wir an diesem Ort 41 Grad draußen und 26 Grad drinnen“, so Loenhart.
Von der Ausnahme zur Regel: Wie kann nachhaltiges Bauen Standard werden?
Alle drei Impulse bewiesen anhand von bereits realisierten Projekten, nicht auf Basis von theoretischen Konzepten, dass nachhaltiges Bauen möglich ist und passiert. Doch warum sind derartige Bauwerke nicht die Regel, sondern die Ausnahme? Nach ihren Impulsen diskutierten die drei Architektinnen und Architekten mit Moderator Mark Windeknecht vom auf Climate Tech spezialisierten Wagniskapitalfonds World Fund genau darüber.
„Die größte Herausforderung ist nicht ein Mangel an Innovation oder guten Ideen. Es ist die Schnittstelle zwischen Idee und Umsetzung. Die Baubranche ist eine sehr schwerfällige Industrie“, sagte Sanne van der Burgh. Aktuell wollten Kunden zwar nachhaltige Bauten, aber nur zu „Business-as-usual-Budgets“. Dabei werde verkannt, dass Nachhaltigkeit kein Luxus aus Herzensgüte sei, sondern Risikoabsicherung. „Nachhaltigkeit macht Entwürfe zukunftssicher. Künftig wird niemand mehr nicht-nachhaltige Gebäude versichern wollen – sie werden zu ‚stranded assets'. Es geht also um langfristige Wertschöpfung."

„Wir brauchen Bauherren, die um die Ecke schauen können“, ergänzte Klaus Loenhart. Nachhaltiges Bauen fühle sich für Auftraggeber noch wie ein Risiko an, das sei es aber nicht. „Denn wir wissen, was wir tun.“ Bauherren, aber auch Baufinanzierer müssten also noch stärker mitgenommen werden. Werner Frosch forderte außerdem, Nachhaltigkeit vom ersten Entwurf an mitzudenken – und in der Architekturwelt wegzukommen von der Profilierung des Einzelnen. „Wir müssen Teams fördern – auch Handwerker und Hersteller von Materialien. Wir alle sind Teil desselben Problems und müssen enger zusammenarbeiten.“
Dass nachhaltiges Bauen nicht zum Standard wird, liegt aber nicht nur am langsamen Umdenken in der Branche – von Bauherren und Geldgebern bis zu Architekturbüros und ausführenden Firmen –, sondern, da war sich das Panel einig, insbesondere am fehlenden rechtlichen Rahmen. Neue Materialien zu zertifizieren, bleibt ein bürokratischer Kraftakt, verbindliche Vorgaben fehlen vielerorts.
Einzelne Städte wie Toronto oder Portland entwickeln und testen bereits Vorgaben zur Begrenzung grauer Emissionen beim Neubau. Dazu zählen etwa Emissionen aus der Herstellung und dem Transport von Baustoffen sowie dem eigentlichen Bau. In Deutschland fehlen solche allgemeinen Vorgaben bisher. Deswegen bleiben zukunftsweisende Bauten oft noch Leuchtturmprojekte, nicht Standard. An mangelnden Materialien, Technologien und Blaupausen liegt es jedenfalls nicht.
Titelbild: Collage aus Ansichten der Grüne Erde-Welt (Bild: Grüne Erde), der World of Volvo (Bild: Henning Larsen) und des Projekts Monaco (Bild: MVRDV)

Wolfgang Kerler
Chefredakteur
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