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25. November 2022

Gundam Factory Yokohama: Vom Kindheitstraum zum 18-Meter-Riesenroboter


Riesige Roboter, die von menschlichen Piloten gesteuert werden: In Japan sind sie durch die Anime-Serie Mobile Suit Gundam von 1979 Kult. Nach Dutzenden Serien, Filmen und Spielfiguren erobert Gundam nun auch die Welt jenseits der Bildschirme und Kinderzimmer. Auf eine „lebensgroße“ Statue, die den Kopf drehen konnte, folgt die GUNDAM FACTORY YOKOHAMA mit einem beweglichen Riesenroboter. Unser Medienpartner J-BIG hat den technischen Direktor interviewt.


Ein Interview von Björn Eichstädt und Camilla Shiori Oura-Müller


Der japanische Ingenieur Akinori Ishii hat sich einen Traum verwirklicht. Seit er mit fünf Jahren in den späten 1970ern die japanische Roboter-Anime-Serie Mobile Suit Gundam zum ersten Mal auf dem Fernseher seiner Eltern gesehen hatte, war für den heute 48-Jährigen klar: Wenn ich einmal groß bin, will ich Konstrukteur von gigantischen Robotern werden. (Wer die Serien und Filme auch sehen will, kann das zurzeit übrigens bei Netflix tun.)


Inzwischen hat er sich den Traum erfüllt – als technischer Direktor der „GUNDAM FACTORY YOKOHAMA“-Installation im Hafenareal von Yokohama. Im Interview mit Björn Eichstädt und Camilla Shiori Oura-Müller von unserem Partner J-BIG sprach er über das das Phänomen Gundam, seinen beruflichen Werdegang, das Projekt in Yokohama und seine nächsten Pläne. Die erste Frage brachte ihn aber erstmal zum Lachen, denn in Japan ist es nahezu unvorstellbar, Gundam nicht zu kennen.


J-BIG: Weil vermutlich nicht alle Leser in Deutschland Gundam kennen: Was ist Gundam?


Akinori Ishii: In Japan kennt Gundam jedes Kind. Angefangen hat es mit einer Anime-Serie von Yohiyuki Tomino namens Mobile Suit Gundam , die 1979 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde. Es ging darin um einen interstellaren Kampf zwischen Menschen auf der Erde und Menschen im Weltraum. Dieser Kampf wurde vor allem mit Riesenrobotern ausgetragen, die von menschlichen Piloten beider Seiten gesteuert wurden.


Das waren die „Mobile Suits“ und einer davon, einer für japanische Kinder besonders cooler, weil er weiß war und die primären Farben Rot, Blau und Gelb enthielt, war Gundam. Die Gegnerroboter waren grün – wie Panzer. Das fand ich besonders cool. Und alle Kinder wollten diese Roboter haben. So entwickelte sich das Geschäft mit den Plastikmodellen, die bis heute in Japan sehr beliebt sind.


Akinori Ishii, der technische Leiter der GUNDAM FACTORY YOKOHAMA, hat seinen sicheren Job bei einem japanischen Konzern aufgegeben, um sich seinen Traum zu erfüllen. Bild: J-BIG

J-BIG: Aus dem Anime entstanden Plastikmodelle, dann kamen mehr Anime, Manga, weitere Plastikmodelle – und irgendwann entstand dann eine große Gundam-Statue im Tokyoter Stadtteil Odaiba, die ein klein wenig den Kopf bewegen konnte. Ein Vorläufer des beweglichen Gundams der „GUNDAM FACTORY YOKOHAMA“. Wie ist es dazu gekommen?


Akinori Ishii: Das Anime-Studio Sunrise, das bereits für die erste Gundam-Serie verantwortlich war, veröffentlichte über die Zeit 18 Fernsehserien und 17 Gundam Filme. Zum 30. Geburtstag der Serie im Jahr 2009 enthüllte das Studio einen Gundam in Originalgröße – 18 Meter! – als Statue in Odaiba, Tokyo. Das war ein Projekt des Ex-CEOs von Sunrise, Yasuo Miyakawa. Die Statue wurde innerhalb von 50 Tagen von 4 Millionen Menschen besucht.


J-BIG: Das Odaiba-Projekt war bereits sehr beeindruckend. Am Ende handelte es sich aber primär um eine Statue, deren Kopf sich als Gimmick von links nach rechts und zurück bewegen konnte. Wie hat sich daraus die Idee für den wirklich beweglichen Gundam entwickelt?


Akinori Ishii: Yasuo Miyakawa dachte sich, dass ein sich bewegender Gundam für noch mehr Menschen attraktiv sein könnte. Und so beschloss er, dass das der nächste Schritt sein sollte. Das Projekt nannte man „Gundam Global Challenge“. Es wurde 2014 gestartet.


J-BIG: Die Idee war, dass Menschen aus der ganzen Welt dazu beitragen sollten, den Gundam in Bewegung zu setzen. War das dann wirklich so? Japan ist schließlich der Weltmeister der Robotik. Oder wurde es dann doch primär ein japanisches Projekt?


Akinori Ishii: Es begann mit der Idee, ja. Aber nach einigen Diskussionen stellten wir fest, dass wir mit all unseren industriellen Technologien den Gundam auch rein japanisch bauen konnten. Und es ging dann schon eher in die Richtung.


J-BIG: Wie hat sich das Projekt entwickelt, wer kam an Bord?


Akinori Ishii: Wir legten 2017 zunächst Aufgabenbereiche fest und besetzten sie mit drei Directors. Der technische Director wurde ich, dann gab es noch einen Creative Director, Masaki Kawahara, für die Inszenierung und einen System Director, Wataru Yoshizaki, der für die Bewegungssoftware zuständig war. Dann brachten wir neun japanische Firmen als technische Partner an Bord – NOMURA, Asratec, Kawada Industries, Sumitomo Heavy Industries Material Handling System, Kokoro, die in Japan für Dinosaurier-Roboter bekannt sind, Nabtesco, YASKAWA Electric, Mikasa Manufacturing Engineering Design und MAEDA. Jede Firma hatte ihre eigene Spezialität in dem Projekt. Ich selbst kam von Hitachi, die ich verlassen hatte, um das Gundam-Projekt in Angriff zu nehmen.



J-BIG: Sie kündigten einen sicheren Job bei Hitachi für den beweglichen Gundam?


Akinori Ishii: Ja, das war einfach die Chance meines Lebens. Ich selbst habe als Kind mit etwa fünf Jahren die Serie gesehen. Seither wollte ich immer große Roboter bauen. Und dann studierte ich schließlich in den 1990er-Jahren Robotik an der Uni. Allerdings waren die Robotikfirmen zum Ende meines Studiums noch lange nicht so weit, dass sie solche großen Roboter bauen konnten.


Aber ich hatte ja noch immer meinen Traum. Also überlegte ich mir, dass ich zu einer Firma gehen sollte, bei der ich möglichst viele Skills lernen könnte, die ich später einmal für die Konstruktion eines Riesenroboters brauchen würde. Und so kam ich zu Hitachi Construction Machinery. Dort habe ich vieles über unterschiedlichste Maschinen gelernt. Als ich das alles konnte, kam es zeitlich perfekt zusammen – das „Gundam Global Challenge“ Projekt fing an – und ich war der richtige Experte zur richtigen Zeit.


J-BIG: Wie lief das Projekt ab?


Akinori Ishii: Wir entwickelten den beweglichen Gundam geografisch unabhängig vom Support Carrier, der den fertigen Roboter einmal halten sollte. Etwa 100 Ingenieure aus den Partnerunternehmen arbeiteten mehr als zwei Jahre permanent an dem Projekt. Ich war quasi für ihre Orchestrierung zuständig.


J-BIG: Was waren denn die größten Probleme bei der technischen Realisierung?


Akinori Ishii: Vor allem die Physik. Im Anime ist Gundam 18 Meter hoch – als zweibeiniger Roboter. Rein physikalisch ist das aber nicht machbar. Bei entsprechender Größe wird der Roboter einfach zu schwer. Und damit steht uns die Schwerkraft im Weg. Das ist auch bei echten Lebewesen so. Je größer sie werden, desto eher können sie nicht auf zwei Beinen stehen oder laufen – und ihre Form ändert sich. Zum Beispiel bei einem Elefanten. Wir mussten also mit einigen Tricks arbeiten. Und wir kamen darauf, dass wir uns technisch vielleicht weniger an humanoiden Robotern orientieren sollten, sondern eher auf das Know-how aus dem Bereich der Baumaschinen setzen sollten. Auch die können enorme Größen erreichen.


J-BIG: Aber zu den Partnerfirmen gehörten keine Baumaschinenhersteller.


Akinori Ishii: Leider. Viele der Firmen im Baumaschinenbereich sind leider recht konservativ. Ein solches Projekt passt nicht wirklich zu den meisten. Aber da ich ja lange bei Hitachi gearbeitet hatte, konnte ich persönlich dieses Know-how in das Projekt einbringen.


J-BIG: Und jetzt steht Gundam seit Ende 2020 – und er bewegt sich! Was können die Leser und künftigen Besucher, die das noch nicht live gesehen haben, erwarten?


Akinori Ishii: Als ich 2014 die Gundam Statue in Odaiba sah, war ich emotional bewegt. Von dem Realismus, der mir entgegenströmte. Mein Ziel war es, beim Realismus noch einen Schritt weiterzugehen. Und ich finde, das haben wir geschafft. Ich würde also sagen: die Magie des Realismus, den kann man als Zuschauer erwarten.


J-BIG: Weil sie das mit dem Realismus ansprechen: Ich kannte den Gundam ja schon von YouTube. Und ich habe versucht, mich bei der ersten Konfrontation mit dem „echten“ Gundam ganz auf das reale Erlebnis zu fokussieren. Ich habe aber auch gesehen, dass viele der Besucher die komplette „Performance“ durch ihr Smartphone betrachtet haben. Steht das dem Realismus nicht komplett entgegen?


Akinori Ishii: Doch. Das stimmt absolut. Man sollte es tatsächlich mit den eigenen Augen sehen. Da haben Sie absolut recht.


Noch bis Ende März 2023 kann die GUNDAM FACTORY YOKOHAMA besucht werden. Danach wird das Gelände bebaut. Bild: J-BIG

J-BIG: Der Realismus ist also zentral. Wie geht das: Realismus zu engineeren?


Akinori Ishii: Die Gundam-Statue, die hatte nur eine Hülle, die Realismus simulierte. Doch der sich bewegende Gundam hat auch einen inneren Bewegungsapparat, der realistisch sein muss. Die Kombination muss stimmen. Das ist die technische Ebene. Aber natürlich braucht man auch die Inszenierung, das Design, das Drumherum. Auch müssen Bewegungen einer Figur aus echtem Material anders funktionieren als die aus einem Animationsfilm. Wir haben deshalb sehr lange an den Proportionen gearbeitet.


In den Zeichnungen sind zum Beispiel die Längen von Ober- und Unterschenkel anders als bei unserem „echten“ Gundam. Denn wir haben gemerkt, dass die Anime-Proportionen in der echten Bewegung einfach nicht gut funktionieren. Und dann besteht der Gundam eigentlich aus zwei Teilen – dem Oberkörper und den Beinen, die von hinten zusammengehalten werden. Hier geht es aber darum, die Illusion des einen zusammenhängenden Körpers zu erzeugen.


Ein Modell der GUNDAM FACTORY YOKOHAMA, das Einblick in den Aufbau des Riesenroboters gibt. Bild: J-BIG

J-BIG: Am Ende zählen also ganz viele Details. Wenn man sich das Ganze als Projektplan anschaut, wie lief das genau ab?


Akinori Ishii: Wir fingen 2018 mit der eigentlichen Planung an. Zunächst definierten wir bestimmte Ziele, also etwa, dass der Gundam unter 30 Tonnen wiegen sollte. Oder dass er 18 Meter groß sein sollte. Und wir hatten einen Plan, wann der Gundam für die Öffentlichkeit bereitstehen sollte. Das war für Oktober 2020 geplant. Doch dann kam die Covid-19-Pandemie. Das verschob das Projekt um zwei Monate nach hinten. 2019 fingen wir mit dem Design An. Anfang 2020 brachten wir dann wir alle Bausteine in Yokohama


J-BIG: Warum eigentlich in Yokohama?


Akinori Ishii: Es gibt zwei Gründe. Einer ist, dass wir nah am Meer sind. Und wir glauben, der Hintergrund des Gundams muss im Prinzip „nichts“ sein. Da wir hier am Meer im Hintergrund nur Himmel und Meer haben, kommt das dieser Vorstellung schon ziemlich nah. Es ist also Teil der Inszenierung. Der zweite Grund ist: Yokohama ist eine Stadt, die geschichtlich schon immer für den Austausch mit der Welt stand. Das passte gut zu unserer „Gundam Global Challenge“ und ist durchaus symbolisch zu verstehen.


J-BIG: Sie eröffneten mitten in der Pandemie. Wie muss man sich das vorstellen?


Akinori Ishii: Ende 2020 ging es eigentlich, es kamen auch Leute zur Eröffnung. Aber danach wurde es sehr dünn mit den Besuchern. Das Ganze war natürlich finanziell schwierig. Wir konnten allerdings die Laufzeit verlängern, denn eigentlich sollte das Ganze nur etwa ein Jahr bis zum März 2022 stehen. Das ursprünglich geplante Entwicklungsprojekt auf dem Gelände fiel allerdings wegen Corona ins Wasser und so konnten wir bis Ende März 2023 verlängern. Dann soll leider Schluss sein.



Mehr über japanische Firmen in Deutschland


Camilla-Shiori Oura-Müller und Björn Eichstädt, die das Interview geführt haben, sind vom 1E9-Partner J-BIG, dem E-Mail-Magazin über japanische Firmen in Deutschland. Es erscheint einmal im Monat – und hier könnt ihr es auf Deutsch, Englisch oder Japanisch abonnieren.



J-BIG: Das heißt, die Gundam-Fans der Welt müssen sich jetzt beeilen. Was machen Sie dann. Sind Sie ab April arbeitslos? Oder gibt es eine neue Challenge für Sie?


Akinori Ishii: (lacht) Das hat meine Frau auch gefragt. Aber ja, es gibt schon einen Plan. Ich habe mit den Erfahrungen aus dem Gundam Factory Projekt ein neues Vorhaben gestartet. Die Firma heißt Tsubame Industries und es geht um einen Riesenroboter, der sich aber nicht auf zwei Beinen, sondern auf vier Beinen beziehungsweise Rädern bewegt. Also ein Riesenroboter mit einem Piloten, der sich nicht nur bewegen, sondern tatsächlich fortbewegen kann. Sein Name ist Arachax.


J-BIG: Wow. Aber wer soll den Roboter wo benutzen?


Akinori Ishii: Die erste Zielgruppe sind die reichsten Menschen der Welt. Die ihre eigene Insel haben oder riesige Ländereien. Und die Spaß daran finden, dort mit dem Roboter in ihrer eigenen Science-Fiction-Serie zu agieren. Freizeitparks könnten im nächsten Schritt für eine reduzierte Version auch ein Ziel sein.


J-BIG meets Gundam in Yokohama. Bild: J-BIG

J-BIG: Der Weg geht also konsequent weiter. Was möchten Sie geschafft haben, bevor Sie in Ruhestand gehen?


Akinori Ishii: Ich möchte immer weiterentwickeln. Mein großes Ziel ist jetzt ein wirklich laufender Roboter mit Beinen.


J-BIG: Vielen Dank, dass Sie uns an Ihrer Reise teilhaben ließen.


„They may say I’m a dreamer, but I’m not the only one.” - Imagine, John Lennon


Titelbild: Sotsu - Sunrise, GUNDAM FACTORY YOKOHAMA / Alle anderen Fotos mit freundlicher Genehmigung durch die GUNDAM FACTORY YOKOHAMA aufgenommen.

Björn  Eichstädt

Björn Eichstädt

Managing Partner

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