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26. August 2026

Future Box: Wie das Deutsche Museum Menschen über die Zukunft ins Gespräch bringt


Über neue Technologien und ihre Bedeutung für unsere Zukunft diskutieren – und das mit Menschen, die man kurz vorher noch gar nicht kannte. Das ist seit eineinhalb Jahren in der immersiven „Future Box“ im Forum der Zukunft des Deutschen Museums in München möglich. Über das Konzept dahinter und die Erfahrungen nach 18 Monaten haben wir mit der Kuratorin Dr. Sarah Kellberg gesprochen.


Ein Interview von Wolfgang Kerler


1E9: Sarah, wenn Menschen die Future Box besuchen – was sehen und erleben sie da eigentlich?


Sarah Kellberg: Ganz viel auf einmal. Die Future Box ist ein Raum, in dem wir neue Technologien vorstellen und diskutieren, die unsere Welt ein bisschen besser machen könnten. Aber wir wollten damit auch einen Begegnungsort schaffen.

Wenn man zu uns kommt, kommt man erst mal in einer Gruppe zusammen, die – wenn es gut funktioniert – im Laufe des Besuchs zu einer Micro-Community wird. Gemeinsam betritt man dann eine immersive Dunkelausstellung und wird auf die Reise geschickt. Und am Ende entwickelt man eine gemeinsame Zukunftsvision, die von einer KI visualisiert wird.


Dr. Sarah Kellberg ist Projektleiterin der Future Box am Deutschen Museum. Unter ihrer Leitung wurde die Ausstellung seit 2023 geplant und konzipiert. 1E9 hat dabei unterstützt. Bild: Hans-Martin Kudlinksi/1E9
Dr. Sarah Kellberg ist Projektleiterin der Future Box am Deutschen Museum. Unter ihrer Leitung wurde die Ausstellung seit 2023 geplant und konzipiert. 1E9 hat dabei unterstützt. Bild: Hans-Martin Kudlinksi/1E9

Das Deutsche Museum beschäftigt sich traditionell stark mit Technologie- und Wissenschaftsgeschichte. Hier schaut ihr nun in die Zukunft. Wieso dieser Shift?


Sarah Kellberg: Der Shift ist nicht neu. Als ich vor einigen Jahren Volontariat am Deutschen Museum gemacht habe, habe ich das als Anthropologin eigentlich nur machen können, weil das Haus damals schon angefangen hat zu sagen: Wir brauchen mehr gesellschaftliche Perspektive auf diese Technologien, die unser Leben verändern können. Ein Museum kann außerdem auch als Ort der Diskussion und des Austauschs relevant sein, weil man dort verschiedenste Menschen miteinander ins Gespräch bekommt. Gerade im Forum der Zukunft haben wir in den letzten Jahren immer mehr in die Zukunft geschaut, nicht zuletzt zusammen mit 1E9 beim Festival der Zukunft.


Die Future Box selbst ist ein Experiment, eine Art „Sandbox“ in einem sicheren Raum. Hier können wir mit neuen Technologien wie KI Dinge tun, die wir vorher nicht tun konnten, Inhalte schneller anpassen und viel ausprobieren. Wie funktioniert KI wirklich in so einer Ausstellung? Kommt dabei rum, was wir uns wünschen, oder passiert etwas ganz anderes? Was ist am Ende der Nutzen? Wir hoffen, daraus auch Erkenntnisse für größere Räume zu ziehen.


Blick in den zentralen Raum der Future Box. In der seit März 2025 geöffneten interaktive Erlebnisausstellung begleiten eine eigens programmierte KI namens „AI-ME“ und menschliche Future Hosts die Besucherinnen und Besucher. Bild: Deutsches Museum
Blick in den zentralen Raum der Future Box. In der seit März 2025 geöffneten interaktive Erlebnisausstellung begleiten eine eigens programmierte KI namens „AI-ME“ und menschliche Future Hosts die Besucherinnen und Besucher. Bild: Deutsches Museum

Trotzdem habt ihr auch ganz klassische Museumselemente: Exponate.


Sarah Kellberg: Physische Elemente sind für ein Museum essenziell, sie sind etwas Besonderes. Wir haben deshalb ganz reale Exponate, die von Start-ups in unsere Hände gegeben wurden und mit denen wir zeigen oder visualisieren können, worüber wir sprechen wollen.


Momentan haben wir zum Beispiel von The Exploration Company die Raumkapsel Nyx bei uns, die für nachhaltige Raumfahrt steht. Wir reden anhand eines Modells über Kernfusion und das kommende Kraftwerk von Proxima Fusion, wir haben einen Nanosatelliten von OroraTech zur Waldbranddetektion, einen humanoiden Assistenzroboter von Neura, das Living Heart als digitalen Zwilling des Herzens von Dassault Systèmes und einen Quantencomputer-Demonstrator von planqc.


Gibt es Technologien, die besonders viel Begeisterung auslösen – oder besonders viel Skepsis?


Sarah Kellberg: Wir erleben ehrlich gesagt bei allen Exponaten beides. Allerdings stellen wir andere Reaktionen fest, je nachdem, wie „weit weg“ eine Technologie noch vom Leben der Menschen zu sein scheint. Bei Quantencomputern oder Kernfusion steht oft das Interesse an der Technik selbst im Vordergrund: Wie geht das? Wie funktioniert das? Was macht es nachhaltig?


Exponate, die näher an der Lebensrealität der Besuchenden sind, führen dagegen schnell zu Fragen nach Sicherheit, dem Schutz persönlicher Daten oder auch dem tatsächlichen Nutzen der Technologie: Kann man wirklich sicherstellen, dass sie für alle hilfreich und gut ist?


Der Themenraum „Körper und Gesellschaft“ widmet sich neuen Technologien rund um Gesundheit und menschliches Zusammenleben. Zu sehen sind der humanoide Assistenzroboter 4NE-1 von Neura Robotics, das „Living Heart“ von Dassault Systèmes – ein virtueller Zwilling des menschlichen Herzens – sowie der Demonstrator eines Neutralatom-Quantencomputers des Münchner Start-ups planqc. Bild: Deutsches Museum
Der Themenraum „Körper und Gesellschaft“ widmet sich neuen Technologien rund um Gesundheit und menschliches Zusammenleben. Zu sehen sind der humanoide Assistenzroboter 4NE-1 von Neura Robotics, das „Living Heart“ von Dassault Systèmes – ein virtueller Zwilling des menschlichen Herzens – sowie der Demonstrator eines Neutralatom-Quantencomputers des Münchner Start-ups planqc. Bild: Deutsches Museum

Meinst du damit zum Beispiel den humanoiden Roboter, der lebensgroß vor einem steht?


Sarah Kellberg: Genau. Obwohl es da oft zuerst um sein Design geht: Warum sieht der so aus? Kann er nicht anders aussehen? Das reizt die Kreativität der Leute.

Beim Einsatz von Robotern, gerade in der Pflege, wird die Diskussion dann oft sehr differenziert. Da gibt es Jüngere, die ganz liebevoll an das Thema rangehen und sagen: Nein, auf gar keinen Fall, Menschen müssen unbedingt weiterhin von Menschen gepflegt werden. Und dann sagt irgendein Älterer aus der Gruppe: Welche Menschen denn – Pflegekräfte fehlen ja jetzt schon? Und dann kommt ein Gespräch in die Gänge.


Oft kommen wir dahin, dass Roboter zur Unterstützung nötig sind – für repetitive Aufgaben, für Dinge, die dem echten Pflegepersonal das Leben leichter machen, schwere Arbeiten oder Dinge, die Roboter vielleicht besser können. Aber es muss gewährleistet sein, dass Menschen bei Menschen bleiben. Und dass es nicht eine Art Zwei-Klassen-Gesellschaft gibt, wo man sich, wenn man genug Geld hat, einen echten Menschen leisten kann und wenn nicht, einen Roboter oder eine KI.


Beim digitalen Zwilling des Herzens könnte man erwarten, dass persönliche Gesundheitsdaten und ihr Schutz das große Debattenthema sind.


Sarah Kellberg: Ja, wobei ich damit gerechnet hätte, dass viel mehr Menschen sagen: Ich gebe doch meine Daten nicht her! Aber die Leute sind da teilweise schon sehr abgeklärt: Wir geben jetzt auch schon unsere Daten überall her. Wenn es der wissenschaftlichen Forschung oder der eigenen Gesundheit dient, dann hat man wenigstens richtig was davon.


Erstaunlich häufig bringt uns das Herz aber direkt zu fast schon philosophischen Fragen: Wie lang soll das Leben eigentlich sein? Wie sehr wollen wir uns perfektionieren? Wollen wir wirklich wissen, ob wir genetische Defekte haben, gegen die man vielleicht gar nichts tun kann? Wie alt wollen wir werden? Und was macht das gute Leben für uns aus?

Solche Dinge können wir nicht immer zu Ende diskutieren. Aber es ist auch völlig in Ordnung, wenn die Leute mit solchen Überlegungen rausgehen und sich weiter Gedanken machen.


Im Themenraum „Wir und unser Planet“ geht es um Technologien für unseren zukünftigen Lebensraum: Zu sehen sind der Nanosatellit FOREST von OroraTech zur Früherkennung von Waldbränden, ein Modell der wiederverwendbaren Raumkapsel Nyx von The Exploration Company und ein Stellarator-Modell zur Kernfusionsforschung. Mit VR-Brillen können Besucherinnen und Besucher zudem eine virtuelle Reise ins All unternehmen. Bild: Deutsches Museum
Im Themenraum „Wir und unser Planet“ geht es um Technologien für unseren zukünftigen Lebensraum: Zu sehen sind der Nanosatellit FOREST von OroraTech zur Früherkennung von Waldbränden, ein Modell der wiederverwendbaren Raumkapsel Nyx von The Exploration Company und ein Stellarator-Modell zur Kernfusionsforschung. Mit VR-Brillen können Besucherinnen und Besucher zudem eine virtuelle Reise ins All unternehmen. Bild: Deutsches Museum

Über keine Technologie wird derzeit so intensiv diskutiert wie über Künstliche Intelligenz. Ihr habt KI als zentralen Bestandteil der Experience – durch die KI AI-     ME, die als großes digitales Auge visualisiert durch die Ausstellung führt und Fragen beantwortet. Warum?


Sarah Kellberg: KI war und ist für uns vor allem ein Werkzeug. Sie erlaubt uns, Inhalte schneller anzupassen und alle Themen mit den Besuchenden personalisiert zu besprechen. Wir haben sechs Exponate aus sechs verschiedenen Themenbereichen. Jedes wirft tausend verschiedene Fragen auf. Das ist mit einem menschlichen Host nicht abbildbar. Deswegen war die KI für uns die Möglichkeit, so etwas zu machen, was wir vorher nicht konnten.


Unsere AI-ME ist zu den Exponaten extra trainiert. Sie hat Wissen dazu und Kontextwissen, das wir kuratiert haben. Das große Sprachmodell, das wir zusätzlich nutzen, ist wie ihr Langzeitgedächtnis. Und wenn sie etwas nicht weiß, darf sie mittlerweile auch ins Internet, muss das aber ankündigen und eine Quelle angeben.


Das war kein einfacher Schritt, denn die Grundfrage war: Kann das Deutsche Museum eine Technologie einsetzen, die Antworten gibt, von denen wir vorher nicht genau wissen, wie sie inhaltlich ausfallen werden? Gehen die Leute dann raus und sagen: Das Deutsche Museum sagt aber…? Deswegen haben wir sehr, sehr viel Energie reingesteckt, das so gut wie möglich zu kuratieren, und haben mit unseren Future Hosts weiterhin Menschen da, die kontextualisieren können, was passiert.


AI-ME ist die virtuelle Gastgeberin der Future Box. Die eigens für die Ausstellung entwickelte KI informiert über die Exponate und tritt mit den Besucherinnen und Besuchern in den Dialog über Chancen und Risiken neuer Technologien.
AI-ME ist die virtuelle Gastgeberin der Future Box. Die eigens für die Ausstellung entwickelte KI informiert über die Exponate und tritt mit den Besucherinnen und Besuchern in den Dialog über Chancen und Risiken neuer Technologien.

AI-ME wird damit selbst zu einer Art Exponat, oder?


Sarah Kellberg: Wir behandeln AI-ME ein bisschen wie ein Metaobjekt. Als wir angefangen haben, war es für viele Leute noch neu, mit KI überhaupt oder zumindest direkt durch gesprochene Sprache zu interagieren. So kamen wir mit den Leuten schnell ins Gespräch darüber, wie man promptet, wie man Antworten bekommt, die man möchte, wie diese Antworten entstehen – und wie die KI bei uns in der Future Box funktionierte.


Seitdem habt ihr AI-ME weiterentwickelt, unter anderem durch leistungsfähigere KI-Modelle. Ist sie dadurch besser geworden?


Sarah Kellberg: Ja, aber die „schlechtere“ AI-ME, die immer mal wieder ins Stolpern kam bei ihren Antworten oder etwas Komisches gemacht hat, hat auf gewisse Weise sogar besser funktioniert. Diese kleinen „Hihi-Momente“ – die doofe KI, so ungefähr – haben die Leute zusammengebracht, aber das Gespräch auch aufgelockert, weil sie das Gefühl vermittelt haben: KI kann doch nicht alles.


Dann hatten wir eine Phase, in der ich das Gefühl hatte: Wir kommen langsam dahin, dass KI einfach unser Companion wird, unser alltäglicher Begleiter – ganz normal und eigentlich auch schön. Und in der Future Box einfach wie eine extrem coole Medienstation oder eine tolle VR-Experience, einfach ein Medium in dieser Gesamterfahrung. 


Und wie diskutieren die Leute jetzt mit euch über KI?


Sarah Kellberg: Wir haben dazu noch keine quantitative Auswertung gemacht, deswegen ist meine Einschätzung noch etwas anekdotisch. Aber ich würde sagen, es ist kritischer geworden. Die Leute sind seltener einfach neugierig oder beeindruckt, sondern kritisch und manchmal auch eher ernüchtert.


Einerseits kann KI vieles von dem, was versprochen wurde, immer noch nicht, gleichzeitig werden die News zu KI immer schneller, immer unheimlicher. Wenn es zum Beispiel darum geht, dass KI-Systeme „ausbrechen“, müssen wir aktiv darauf reagieren, weil das natürlich Angst macht und zur Sprache kommt. Oft diskutieren das dann die menschlichen Hosts mit den Leuten, nicht AI-ME.


Gerade suchen wir, zusätzlich zu AI-ME, nach einem KI-Exponat, von dem ausgehend wir über aktuelle Dinge sprechen können – Sicherheitsfragen, Energieverbrauch, den wirklichen Nutzen, aber auch über die vielen Arten von KI, die es gibt. Müssen es immer die großen Sprachmodelle der Tech-Konzerne sein oder könnten wir nicht auch dezentrale, spezialisierte KIs nutzen? Das sind Fragen, über die wir stärker sprechen wollen.


Welchen Impact der Future Box auf die Menschen würdest du dir wünschen?


Sarah Kellberg: Ich bin ein großer Fan davon, eine Connection zwischen Leuten hinzukriegen. Wie kriege ich Leute miteinander ins Gespräch, die normalerweise nicht miteinander sprechen? Dafür einen Raum zu schaffen, einen Safe Space, wo man das zu wichtigen Themen üben kann, die schwer zu knacken sind und vielleicht overwhelming, wenn ich mich alleine damit auseinandersetze.


Schaffen wir das – und vermitteln gleichzeitig noch interessantes Wissen, mit dem ich mich besser gewappnet fühle, mit diesen Zukunftstechnologien umzugehen – ist für mich viel erreicht. 

Außerdem wäre es schön, wenn die Leute nach einem Besuch sagen: Hier bei mir vor der Tür – in Bayern, in Deutschland, in Europa – passieren wirklich spannende Sachen. Das sind nicht nur das große China und die großen USA, die wilde Sachen machen, sondern hier vor Ort passieren weltbewegende Dinge. Zusammen ergibt das hoffentlich ein bisschen mehr Selbstwirksamkeit und ein bisschen mehr Zuversicht.


Die Future Box besuchen: Die Future Box befindet sich im Forum der Zukunft des Deutschen Museums auf der Museumsinsel, direkt an der Ludwigsbrücke im Zentrum von München. Der Besuch erfolgt im Rahmen einer rund 90-minütigen interaktiven Führung und wird ab zwölf Jahren empfohlen. Da die Teilnahme nur mit vorheriger Buchung möglich ist und die Führungen auf maximal 16 Personen begrenzt sind, empfiehlt sich eine frühzeitige Reservierung. Die Führungen werden derzeit nur auf Deutsch angeboten. Alle Informationen und Tickets gibt es beim Deutschen Museum: Future Box – Besuch und Tickets

Wolfgang Kerler

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