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15. Juli 2026

Exoskelette für alle? Oder nur für die, die sie sich leisten können?


Mit Exoskeletten reift eine Technologie heran, die es Menschen ermöglichen könnte, länger selbstständig zu leben – und/oder länger körperlich anstrengende Arbeit zu verrichten. Zwei Faktoren, die dafür sprechen sollten, dass Sozialversicherungen oder Arbeitgeber dafür zahlen müssten. Doch unsere Science-Fiction-versierte Kolumnistin Kryptomania alias Dr. Aleksandra Sowa hat da ihre Zweifel – wegen Friedrich Merz und Batman.


Eine Kolumne von Dr. Aleksandra Sowa


Fast genau in der Mitte des Jahres erblickten zwei wichtige Texte das Tageslicht. Der erste war das 34 Maßnahmen umfassende Programm für Aufschwung und Beschäftigung der Koalitionsparteien, das am Donnerstag, dem 2. Juli, von Bundeskanzler Friedrich Merz (70, sichtlich zufrieden) den Medien vorgestellt wurde. Der zweite war der bisher noch wenig von den Medien beachtete Beitrag des 1E9-Redakteurs Michael Förtsch: „Artifizielle Kraft für eine alternde Gesellschaft“. Warum gerade dieser Beitrag möglicherweise der wichtigere der beiden Texte ist, dazu später mehr.


Doch zuerst zum Reformpaket. Manchen geht es nicht weit genug, anderen zu weit. Wir müssen hier nicht alle Argumente und Inhalte wiedergeben. Für uns ist vor allem ein zentrales Ziel relevant: Die Regierung will, dass Menschen länger arbeiten. Deshalb soll das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung angepasst und die abschlagsfreie Rente ab 63 abgeschafft werden.


Nicht offiziell Teil des großen Programms der Regierung, aber flankierend dazu wurden unter dem sperrigen Namen GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz weitere Maßnahmen bereits im Bundestag beschlossen. Sie sehen höhere Belastungen für die Versicherten – u.a. durch höhere Zuzahlungen für Medikamente oder Zahnersatz – sowie eine stärkere Belastung pflegender Angehöriger vor.


Stringent wirkt beides gemeinsam nicht unbedingt – Menschen sollen länger arbeiten, aber für die Erhaltung ihrer Gesundheit müssen sie mehr zahlen –, es erlaubt uns aber, Gedanken darüber anzustellen, wie die Technologie, um die es im zweiten erwähnten Text geht, in Zukunft bei uns zum Einsatz kommen könnte.


Exoskelette auf Rezept? Mit dieser Politik eher nicht.


Während das Programm die Gegenwart verwaltet, steht beim zweiten Text die Zukunft im Fokus: „Lange galten Exoskelette als futuristische Geräte aus Action- und Science-Fiction-Filmen“, schrieb Michael Förtsch über die „robotischen Körperverstärker“ der Firma German Bionic. Auf dem Festival der Zukunft von 1E9 und dem Deutschen Museum in München gab es das Exoskelett dann sogar zum Anfassen, präsentiert und erklärt von Eric Eitel aus dem Gründungsteam des Start-ups, „das aus einem universitären Forschungsprojekt hervorgegangen ist“. Michael Förtsch sprach mit Eitel für seinen Artikel vorab über die Motivation für die Entwicklung der Technologie: „Die Systeme unterstützen Menschen beim Heben, Gehen und Bewegen, ohne den Körper zu ersetzen, sondern indem sie vorhandene Fähigkeiten verstärken“.


Ein wichtiger Anwendungsbereich liegt in der Augmentation: Exoskelette setzen dort an, wo ein Mensch eine Bewegung (noch) ausführen kann, aber Assistenz benötigt. „[I]m Unterschied zu Seniorenmobilen, Rollstühlen oder Treppenliften sollen Exoskelette […] lediglich vorhandene Kapazitäten verstärken.“ In der Augmentation sieht Eitel „eine ganz klare Perspektive für diese Technologie“. Dank Exoskeletten sollen Menschen nicht mehr mit 65 oder 70 „aus dem Alltag rausfallen“.


Ein hehres Ziel, das man sofort unterstützen möchte. Doch stellt sich gerade angesichts des Reformpakets die Frage, wen die Gesundheitspolitik künftig für würdig erachten wird, diese Technologie im Alter zu nutzen. Droht dem denkbaren Exoskelett auf Rezept sofort dasselbe Schicksal wie den Zuzahlungen zum Zahnersatz? Letztere werden gerade auf das „Fast-keine-Zuzahlung“-Niveau gedrückt.


Die schöne Vorstellung, dass Exoskelette zu einer Art Volkstechnologie mutieren, uns im Alter das Leben erleichtern und es uns ermöglichen, agil, beweglich und selbständig zu bleiben, erscheint nach dem aktuellen Reformpaket wie eine unrealistische Utopie. Die Anbieter der Technologie haben daher notgedrungen auch eine Zielgruppe avisiert, die sich Exoskelette – dann aber gerne „schlanker, kompakter und weniger sichtbar“ – als Upgrade für die mehr oder weniger vorhandenen körperlichen Kapazitäten bei Freizeitaktivitäten – Wandern, Biken, Laufen – selbst leisten kann, berichtete Eitel in seinem Festival-Vortrag. Die Technologie, die Bedürftigen das Leben erleichtern könnte, findet so erstmal nur zahlungskräftige Abnehmer.


Augmentation auf Arbeitgeberkosten? Nur, wenn die Controller mitspielen.


Doch wie wir schon festgestellt haben, will die Bundesregierung nicht nur bei Gesundheit und Pflege Kosten einsparen – sie will auch, dass Menschen länger arbeiten, weshalb die Erhöhung des Renteneintrittsalters avisiert wird. Könnte hieraus doch noch eine Chance für Exoskelette auf Rezept oder zumindest auf Kosten des Arbeitgebers entstehen?


Im Arbeitsalltag werden Exoskelette schon jetzt „am Flughafen Nürnberg und bei Logistikunternehmen wie DPD eingesetzt“, schreibt Michael Förtsch. Auch in den Pflegeberufen, so Eitel: „[W]enn du beispielsweise schwere Patientinnen und Patienten als Pflegekraft heben musst.“ In einem Fernsehbeitrag bestätigt eine Pflegerin, dass sie dank Exoskelett auch im Alter mit ihren jüngeren Kolleginnen und Kollegen mithalten könne. Aktuell könne das System „Rücken und Beine durch Elektromotoren mit bis zu 38 Kilogramm zusätzlicher Kraft“ unterstützen. Insbesondere schone es auf Dauer den Bereich der Lendenwirbelsäule sowie Gelenke und Muskeln.


Die Zukunft, die Michael Förtsch den Exoskeletten – oder ihrer Weiterentwicklung als „smarte Kleidung“ – voraussagt, ist verständlicherweise nicht die Zukunft spektakulärer Kampfmaschinen aus der Science-Fiction (obwohl das Militär zu den wenigen Bereichen gehört, bei denen das Reformpaket nicht sparen will), „sondern als fast alltägliche Hilfe dabei, den eigenen Körper noch ein wenig länger selbst nutzen zu können“.


Bravo! Endlich eine Technologie, die es uns auch in körperlich anspruchsvollen Berufen ermöglichen wird, das reformierte, höhere Renteneintrittsalter einigermaßen gesund zu erreichen? Da hat man die Rechnung möglicherweise ohne die Arbeitgeber gemacht. Ob die Betreiber von Pflegeheimen, Logistik- oder anderen privatwirtschaftlichen Unternehmen in eine Technologie investieren, die Rücken oder Gelenke ihrer Mitarbeitenden schont, hängt im Wesentlichen davon ab, ob sie sich davon Produktivitätsgewinne versprechen – nicht davon, ob ihre Mitarbeitenden ihretwegen gesünder in den Ruhestand gehen können. Unternehmen sind schließlich keine humanistischen Institutionen.


Oder, wie der Wissenschaftler Lucius Fox dem Unternehmer Bruce Wayne in Batman Begins (2005) erklärte, warum der für die Infanterie entwickelte Nomex Survival Suit mit Kevlar-Bi-Weave, verstärkten Gelenken und hoher Schlagfestigkeit nie zum Einsatz kam: „Die Controller meinten, das Leben eines Soldaten sei die dreihunderttausend Dollar nicht wert.“


Aber vielleicht kommt eine der nächsten Bundesregierungen, die sicherlich auch ein großes Programm auflegen wird, zum Schluss, dass es für Staatshaushalt und Sozialversicherungen in Summe günstiger ist, den Menschen Exoskelette zu bezahlen, als für ihren vorzeitigen Ruhestand oder ihre Pflege aufzukommen. Ohne Zähne lässt sich ein Job in Pflege oder Logistik schließlich noch ableisten, ohne sich bücken oder etwas heben zu können nicht. Dann würde es die Technologie nicht nur zum Freizeitspaß für Gutbetuchte bringen.


Dr. Aleksandra Sowa gründete und leitete zusammen mit dem deutschen Kryptologen Hans Dobbertin das Horst Görtz Institut für Sicherheit in der Informationstechnik. Sie ist zertifizierter Datenschutzauditor und IT-Compliance-Manager. Aleksandra ist Autorin diverser Bücher und Fachpublikationen. Sie war Mitglied des legendären Virtuellen Ortsvereins (VOV) der SPD, ist Mitglied der Grundwertekommission und trat als Sachverständige für IT-Sicherheit im Innenausschuss des Bundestages auf. Außerdem kennt sie sich bestens mit Science Fiction aus und ist bei Twitter als @Kryptomania84 unterwegs.


Alle Ausgaben ihrer Kolumne für 1E9 findet ihr hier.

Aleksandra Sowa

Aleksandra Sowa

Kolumnistin 1E9

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Kommentare (1)

KFW
vor 5 Std.

Warum soll ein Handwerker mit einem Exoskelett Steine tragen, wenn das stattdessen ein humanoider Roboter viel besser tun könnte? Und wenn sich die Autorin wundert, dass es in Deutschland mit der Technologiepolitik nicht voran geht, dann sollte sie mal die Politik ihrer Partei, der SPD, hinterfragen. Analysen über neue Technologien aus dem Blickwinkel des Klassenkampfes braucht niemand.

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