27. Januar 2026
Europas Finanzierungslücke bei Klimatechnologie-Start-ups – und wie sie sich schließen lässt

Climate Tech boomt in Europa. Eigentlich. Die Zahl der Firmengründungen, die mit neuen Technologien zum Klimaschutz beitragen wollen, ist kräftig gestiegen – ganz im Sinne der europäischen Politik. Doch zu viele Start-ups bekommen ein Geldproblem, wenn es darum geht, im großen Stil zu produzieren und sich auf den Weltmarkt zu trauen. Es fehlt an Wachstumskapital, warnt ein neuer Report des World Fund. Doch es gibt auch Lösungsvorschläge.
Von Wolfgang Kerler
Mal wird von Clean Tech, mal von Green Tech oder eben von Climate Tech gesprochen. Jeder Begriff, jede Definition meint zwar ein bisschen was anderes, aber im Kern geht es immer um technologische Innovationen, die zu einer klimafreundlichen, umweltschonenden Wirtschaft beitragen. Und die haben in Europa seit Jahren Priorität, wie auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei vielen Gelegenheiten betont: „Saubere Technologien sind nicht nur entscheidend für unsere Klimaziele – sie sind auch unverzichtbar für Europas Wettbewerbsfähigkeit, gute Arbeitsplätze und langfristigen Wohlstand.“ Hinzu kommt die größere Unabhängigkeit von Bodenschätzen aus anderen Weltregionen, wenn Energie aus Erneuerbaren kommt und der Ressourcenbedarf sinkt.
Umso erfreulicher, dass immer mehr Unternehmerinnen und Unternehmer zu Europas grüner Wirtschaft der Zukunft beitragen wollen: Bei der Zahl der Start-up-Gründungen im Bereich Climate Tech liegt der Kontinent vor den USA – und oft handelt es sich dabei um Firmen, die das Potential hätten, viele gut bezahlte Jobs zu schaffen. Sie setzen auf neue Energiespeicher, smarte Stromnetze oder Wärmepumpen, aber auch auf Quantentechnologien, grüne Rechenzentren oder alternative Proteinquellen statt Fleisch, um CO2-Emissionen zu senken oder Ressourcen zu sparen. Es geht also um anspruchsvolle Technologie, die oft nicht „nur“ Softwareentwickler brauchen, sondern auch Fertigung im industriellen Maßstab.

Doch zu vielen dieser Neugründungen geht die Puste aus, bevor sie große Fertigungsanlagen und globale Vertriebsnetze aufbauen können. Denn dafür können sie in Europa nicht genügend Investorengelder auftreiben. Konkret fehlen europäischen Climate-Tech-Start-ups pro Jahr 2,7 Milliarden US-Dollar an frischem Kapital. Diese Finanzierungslücke hat der deutsche Wagniskapitalfonds World Fund zusammen mit Partnern wie Dealroom, Cleantech for Europe oder dem European Investment Fund für eine neue Publikation mit dem Titel The Series B Funding Gap in European Climate Tech errechnet.
Das Geld für grüne Start-ups fehlt in einer entscheidenden Phase
In den Jahren direkt nach der Firmengründung haben europäische Climate-Tech-Start-ups noch kein Geldproblem. 34 Milliarden Dollar flossen zwischen 2020 und 2024 in frühphasige Finanzierungsrunden, also Pre-Seed, Seed- oder Series-A-Runden. Die Pipeline an aufstrebenden Unternehmen ist also gut gefüllt. Doch dann kommt die „missing middle“, wie es der World Fund in seinem Report nennt: Nur 15 Prozent der europäischen Start-ups schließen erfolgreich eine Series-B-Finanzierungsrunde ab, verglichen mit 25 Prozent in den USA.
„In der Series-B-Phase schaffen Start-ups den Übergang vom technologischen Machbarkeitsnachweis zur echten kommerziellen Skalierung“, erklärt Craig Douglas, Founding Partner beim World Fund, im Gespräch mit 1E9. Ihr Produkt ist also marktreif, sie haben erste zahlende Kunden und das Geschäftsmodell ist belastbar. „Das Kapital wird genutzt, um Produktionskapazitäten aufzubauen, Lieferketten auszubauen, international zu wachsen und Pilotprojekte in den industriellen Regelbetrieb zu überführen.“ In dieser Phase, so Craig Douglas, bräuchten Start-ups besonders viel Kapital – sie sei strategisch aber auch die entscheidendste.
Denn ohne erfolgreiche Series-B-Finanzierungsrunde kein globaler Durchbruch – oder gleich die Pleite. So erging es kürzlich dem einst gehypten Laborfleisch-Unternehmen Meatable aus den Niederlanden oder dem schwedischen Batterie-Start-up Enerpoly. Das ist der worst case.
Doch auch bei den 15 Prozent der europäischen Climate-Tech-Start-ups bzw. Scale-ups, die eine Series-B-Runde schaffen, könnte die Lage besser sein. Sie sammeln dabei im Schnitt 35,2 Millionen Dollar ein. Zum einen sind das rund 20 Prozent weniger als die durchschnittlich 45,5 Millionen Dollar, die US-Konkurrenten bekommen. Zum anderen stammt dieses Geld zu etwa einem Viertel nicht aus Europa, sondern vor allem aus den USA – was aus europäischer Sicht wiederum Nachteile mit sich bringt.

„Wenn europäische Climate-Tech-Scale-ups in der Series-B-Phase und darüber hinaus auf ausländisches Kapital angewiesen sind, wandert ein erheblicher Teil der durch europäische Innovation geschaffenen Wertschöpfung ins Ausland ab“, sagt Craig Douglas. „Künftige Gewinne, die Kontrolle über geistiges Eigentum und zentrale strategische Entscheidungen liegen dann zunehmend in den Händen nicht-europäischer Eigentümer.“ Wenn Schlüsseltechnologien in Bereichen wie Energieversorgung, Industrie oder auch Ernährung abwandern, schwäche das die strategische Souveränität Europas.
Wo zusätzliches Kapital für Europas Climate Tech herkommen könnte
Wie lässt sich die Finanzierungslücke schließen? Dazu macht der World-Fund-Report Vorschläge, von denen nicht nur Climate-Tech-Unternehmen, sondern auch Gründungen in anderen Branchen profitieren könnten: Regulatorische Reformen könnten es institutionellen Anlegern wie Pensionsfonds, Versicherungen oder Banken erleichtern, in Wagnis- und Wachstumskapitalfonds zu investieren – die Abhängigkeit von reichen Privatpersonen oder öffentlichen Geldgebern würde dadurch abnehmen. Auch könnten damit größere europäische Fonds gestartet werden, die dann wiederum größere Finanzierungsrunden stemmen können. Durch öffentliches Kapital, das Risiken abfedert, könnten die Staaten außerdem noch mehr privates Geld mobilisieren.
Diese Forderungen richten sich an eine europäischen Politik, die gerade vor allem den Schaden der immer chaotischeren Beziehungen zur neuen Regierung der USA minimieren will. Dort setzt Präsident Donald Trump wieder voll auf fossile Industrien, kürzt Gelder für Klimaschutz, Erneuerbare, E-Autos. Und die US-Wirtschaft scheint ihm bisher zu folgen: Das bisher aus Amerika nach Europa fließende Kapital, das hier Finanzierungslücken bisher schließt – wenn auch mit Nachteilen –, könnte also versiegen.
„Für Europa ist das zugleich Risiko und Chance: Ziehen sich US-Investoren zurück, muss Europa einspringen, sonst vergrößert sich die Finanzierungslücke weiter. Gleichzeitig eröffnet sich die besondere Möglichkeit, eigene Champions aufzubauen, strategische Schlüsseltechnologien im eigenen Markt zu verankern und sicherzustellen, dass Wertschöpfung und Kontrolle in europäischer Hand bleiben“, sagt dazu Craig Douglas. Europas Handlungsdruck würde durch einen US-Rückzug aus Climate Tech also weiter steigen, dafür könnte es sich umso mehr lohnen, das europäische Series-B-Problem zu lösen.

Wolfgang Kerler
Chefredakteur
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