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3. Juni 2026

Zu wenig Rechenressourcen und kaum einflussreiche KI-Firmen: Europa droht die KI-Abhängigkeit


Künstliche Intelligenz durchdringt zunehmend Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Auch die sicherheitspolitische Bedeutung der Technologie wächst zunehmend. Doch während die USA und China ihre KI-Ökosysteme mit Nachdruck ausbauen, droht die Europäische Union, bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz, Hardware und Rechenkraft zurückzufallen.


Von Michael Förtsch


In immer mehr Bereichen wird Künstliche Intelligenz eingesetzt. Die Technologie unterstützt heute die Entwicklung von Medikamenten ebenso wie das Schreiben von E-Mails. Sie wird eingesetzt, um das Verhalten von Werkstoffen unter Extrembedingungen zu simulieren, und genutzt, um alberne Memes zu generieren. Dabei sind es bislang fast ausschließlich US-Konzerne, die die Entwicklung von KI-Tools und -Modellen anführen. Mittlerweile folgen ihnen auch Herausforderer aus China, die immer schnellere und größere Entwicklungssprünge machen. Die EU-Nationen spielen im KI-Wettlauf hingegen eine Nebenrolle. Nur wenige Start-ups aus Europa werden überhaupt international wahrgenommen und konnten sich eine gewisse Relevanz erkämpfen. Das ist eine zunehmend beunruhigende Entwicklung. Dadurch könnte die EU langfristig in eine gefährliche Abhängigkeit geraten.


Gerade erst hat der Versicherungskonzern Allianz eine umfangreiche Studie zu den Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf den internationalen Handel und die Wirtschaft veröffentlicht. Laut der Studie ist Künstliche Intelligenz ein bestimmender Faktor dabei, das ökonomische Gefüge sowohl mittelbar als auch unmittelbar neu zu ordnen. Dabei geht es nicht nur um KI-Modelle, sondern auch um die für die KI-Entwicklung und -Nutzung nötige Hardware. Bei diesem Punkt dominiert Asien. Bei den fortschrittlichsten KI-Beschleunigern führt derzeit kaum ein Weg an TSMC aus Taiwan vorbei. Und nur Firmen wie die beiden koreanischen Elektronikkonzerne Samsung und SK Hynix oder das zwar in den USA beheimatete, aber vor allem in asiatische Produktionsnetzwerke eingebundene Micron Technology können schnelle Speichermodule in ausreichender Menge und Geschwindigkeit für die aktuelle Data-Center-Bauflut fertigen.

 

Das Gros der fortschrittlichsten KI-Hardware wurde seit Jahren in die USA geliefert. Seit dem KI-Boom jedoch haben sich die Hardware-Importe der USA mehr als verdreifacht. Bereits jetzt steht in den Vereinigten Staaten knapp die Hälfte aller Rechenzentren weltweit. Europa wiederum hat seine Importe KI-bezogener Hardware nur um 40 Prozent erhöht. Denn die Planung und der Bau von Rechenzentren gehen diesseits des Atlantiks nur schleppend voran. Bei der Ressource Rechenleistung fällt Europa damit momentan schnell zurück. Das wird laut der Allianz-Studio nachhaltig nicht nur die Fähigkeit beeinträchtigen, souverän eigene KI-Modelle zu entwickeln, sondern auch KI-Systeme auf von EU-Unternehmen kontrollierter Hardware laufen zu lassen. Damit sieht es ohnehin schon schlecht aus: Hinter einem erheblichen Teil der aktuell in Europa verfügbaren Rechen- und Data-Center-Kapazität und fast der Hälfte aller geplanten Rechenzentren in der EU-Zone stehen US-Konzerne.

 

Wenn Rechenkraft zur Machtfrage wird

 

Laut der Studie der Allianz bietet die Europäische Union zwar technische und wissenschaftliche Kompetenz und die notwendigen intellektuellen Voraussetzungen für eine relevante Position im KI-Feld. Jedoch bringt sich Europa mit seinem Handeln oder dessen Ausbleiben in eine strukturell benachteiligte Position, die technologische Abhängigkeit begünstigt. Es droht vor allem eine Abhängigkeit von US-Cloud-Computing-Anbietern wie Amazon AWS, Microsoft Azure, Google Cloud und Co. sowie von asiatischen Hardware-Herstellern, die aufgrund wachsender Nachfrage zunehmend Preise anziehen können. Denn auch beim Entwurf und der Fertigung jener Hochleistungschips, die für aktuelle KI-Beschleuniger entscheidend sind, ist Europa kaum konkurrenzfähig. Das hätte zur Folge, dass „ein wachsender Anteil der KI-bezogenen Wertschöpfung im Ausland generiert wird“ – und das obschon die EU mit einigen Firmen wie ASML oder Zeiss SMT in der Wertschöpfungskette eingebunden ist.

 

Die Gründe für diese Situation sehen die Studienautoren sowohl im Mangel an Risikokapital in Europa als auch in politischen Entscheidungen. Es gibt über die EU-Staaten hinweg kaum eine koordinierte öffentliche Strategie für die Entwicklung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz oder den Aufbau einer nachhaltigen Ökonomie um die Technologie herum. Neben dem AI Act erschweren fragmentierte Infrastruktur-, Datenschutz-, Datenfluss- und Genehmigungsregime den schnellen Aufbau von KI-Unternehmen und Rechenzentren. Hinzu kommen eine komplizierte Subventions- und Industriepolitik, komplexe Digitalhandelsregeln und weitere regulatorische Hürden, die den Aufbau von Firmen im KI-Sektor unattraktiv und schwierig machen.

 

Als drohende Folge sehen die Studienautoren nicht nur eine grundsätzliche Technologie- und Hardware-Abhängigkeit, sondern auch eine Dienstleistungsabhängigkeit. Denn ohne die entsprechenden Ressourcen würde es für EU-Unternehmen deutlich schwieriger, eigene leistungsfähige KI-Modelle zu entwickeln und zu betreiben. Professionelle wie private EU-KI-Nutzer wären dadurch auf US-amerikanische und vereinzelt auch chinesische Dienste angewiesen. Das hätte nicht nur einen Abfluss potenziell kritischer Daten, sondern auch Zahlungsströme zur Folge. Bei 50 Prozent KI-Abo-Durchdringung in der Eurozone könnten jährliche Zahlungen in Höhe von 34 Milliarden Euro an ausländische Anbieter gehen, die bei europäischen Alternativen auch die EU-Ökonomie stützen könnten. Zudem könnten die USA diese Abhängigkeit als politisches Druckmittel verwenden – etwa, indem sie Kapazitäten für EU-Kunden begrenzen oder sie gänzlich ausschließen.

 

Europas Gegengewichte bleiben noch zu klein

 

Zwar hat das EU-Parlament einzelne Initiativen angeschoben, um Europas Position im KI-Wettrennen zu stärken. Ebenso existieren mit Mistral, Black Forest Labs, DeepL, Helsing, ElevenLabs und n8n durchaus einige nennenswerte KI-Unternehmen und mit ASML ein wichtiger Player der globalen Chip-Industrie. Auch gibt es Projekte für EU-KI-Gigafabriken ebenso wie Data-Center-Programme einzelner Länder wie Schweden oder Frankreich. Diese Initiativen seien laut den Allianz-Autoren in Summe aber nur „bescheidene Gegengewichte“. „Ohne entschlossenes, koordiniertes Handeln Europas“, so die Studienautoren, laufe Europa Gefahr, „die strategische Autonomie über das digitale Rückgrat seiner Wirtschaft zu verlieren“.

 

Genau diese Gefahr sehen nicht nur die Studienautoren, sondern auch Nutzer und KI-Unternehmer in Europa. Einer aktuellen Bitkom-Umfrage unter über 1.000 Menschen zufolge sagen 68 Prozent der Befragten, dass „Deutschland im Bereich KI von den USA und China zu stark abhängig“ sei. Über die Hälfte wünscht sich daher, dass die Bundesregierung KI zum Schwerpunkt ihrer Wirtschaftspolitik macht und bestehende Regulierung lockert. Der Mistral-Co-Gründer Arthur Mensch argumentiert zudem: „Diese Abhängigkeit ist nicht wirklich akzeptabel – auf wirtschaftlicher Ebene, aber auch in Bezug auf die nationale Sicherheit von Staaten“.

 

Denn KI-Systeme werden zunehmend auch zur Analyse und Absicherung von IT-Sicherheitssystemen sowie von Militär und Geheimdiensten eingesetzt. Zugriff auf aktuelle und leistungsfähige Modelle sowie die dafür nötigen Rechenkapazitäten wird dadurch zu einem Thema der nationalen Sicherheit. Das zeigte sich zuletzt am von Anthropic entwickelten Mythos-Modell, das in der Lage ist, Software im Detail zu analysieren und Fehler sowie Schwachstellen in Betriebssystemen, Browsern und anderen Programmen zu finden. Es wurde im Rahmen eines eng begrenzten Projektes zunächst lediglich ausgewählten Firmen und Entwicklern zugänglich gemacht. Kein einziges beziehungsweise einziger davon aus der Europäischen Union – erst mit zwei Monaten Verzug änderte sich das. Gleichzeitig arbeiten chinesische KI-Firmen mit Hochdruck an Modellen, die mit Mythos konkurrieren sollen, was IT-Sicherheitsexperten als ernstzunehmende Bedrohung für Europas IT-Sicherheit werten.

 

Keine Abschottung, sondern Handlungsfähigkeit

 

Die EU muss sich also mehr technologische Autonomie erarbeiten, um Handlungsfähigkeit und Verhandlungsgewicht zu gewinnen. Das heißt aber nicht, dass sie sich von den USA, China, Taiwan, Südkorea oder anderen zentralen Akteuren der globalen Technologieökonomie abkoppeln sollte. Das wäre aufgrund bestehender Beziehungen ohnehin kaum möglich oder sinnvoll. Denn eine gesunde technologische Infrastruktur lebt von Verknüpfung und Austausch: von internationalen Lieferketten, offenen Standards, wissenschaftlicher Zusammenarbeit, Datenflüssen und einem Markt, in dem Ideen, Produkte und technische Bausteine zirkulieren können. Gerade Künstliche Intelligenz lässt sich nicht sinnvoll in einem nationalen oder kontinentalen Vakuum entwickeln.

 

Europa muss auch nicht jeden Chip, jedes KI-Modell und jede Cloud-Plattform komplett selbst entwickeln. Auch das wäre eher unrealistisch. Aber die EU braucht mehr Zugriff auf die Grundlagen der KI-Ökonomie. Mehr Rechenkapazitäten, Hochleistungschips und Speichertechnologien, mehr eigene Datenräume und leistungsfähige Modelle, die hier entwickelt, betrieben und kontrolliert werden können. Dadurch entstünde auch ein belastbarer europäischer Anteil an der Wertschöpfungskette der KI-Ökonomie – also Hardware und Infrastruktur, an denen Europa nicht nur als Kunde hängt, sondern auf die es selbst kontrolliert. Nur so kann die EU die Technologie Künstliche Intelligenz nicht bloß einkaufen und nutzen, sondern auch selbst mitgestalten, betreiben und im Ernstfall unabhängig genug einsetzen.

 

Michael Förtsch

Michael Förtsch

Leitender Redakteur

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