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11. Februar 2023

Ein neuer Comic fragt: Ist Gott eine Erfindung und die Blockchain seine Nachfolgerin?


Ist ein Comic das richtige Medium, um komplexe philosophische und technologische Debatten anzustoßen? Ja. Das beweist The Big Third and the Blockchain von der Comic-Essayistin Julia Schneider, inspiriert von den Arbeiten der Kulturwissenschaftlerin Katrin Becker. Im Kern geht es darin um die Blockchain, in der manche mehr als eine Technologie zu sehen scheinen: einen Schlüssel zu einer besseren Gesellschaft.


Von Wolfgang Kerler


„Woher wissen wir eigentlich, was richtig ist?“


Mit dieser wahrlich großen Frage beginnt der Comic The Big Third and the Blockchain von Julia Schneider, inspiriert von Katrin Becker. Mit einer Frage, die schon Generationen von Intellektuellen beschäftigt hat. So auch den inzwischen 92-jährigen Philosophen, Rechtshistoriker und Psychoanalytiker Pierre Legendre aus Frankreich. Er meinte, im sogenannten Spiegelparadigma eine Antwort gefunden zu haben, das Jacques Lacan formuliert hatte, ebenfalls ein Psychoanalytiker.


Das Paradigma besagt im Grunde, wie Katrin Becker erklärt, dass es nicht selbstverständlich ist, dass sich ein Kleinkind selbst im Spiegel erkennt. Vielmehr gelingt die Identifizierung mit dem eigenen Spiegelbild erst, wenn ein Elternteil am Rande des Spiegels sagt: „Ja, das bist du.“ Der elterliche Dritte beglaubigt die Beziehung zwischen Ich und Spiegelbild. Erst dann kann die Identifikation des Kindes mit seinem Bild im Spiegel zum Grundstein seiner Identität werden.


„Diese Konstellation wendet Legendre dann auf sämtliche normative Beziehungen in der Kultur an“, sagt Katrin Becker, die an der Universität Luxemburg zu den Auswirkungen neuer Technologien auf traditionelle Konzeptionen von Subjektivität, Institution und Recht forscht. Es bedürfe demnach immer eines Dritten, der die normative Beziehung zwischen zwei Elementen als gültig beglaubigt.


Wer legitimiert die Legitimatoren in einer Gesellschaft? Eine dritte Entität. Bild: Auszug aus dem Comic The Big Third and the Blockchain

„Um ihren Institutionen und dem Recht Legitimität zu verleihen, erschafft und ästhetisiert jede Kultur eine metaphysische Entität, einen großen Dritten – wie zum Beispiel Gott, das Volk, den Staat –, in dessen Namen ihre irdischen Vertreter und Institutionen, eine Art kleiner Dritter, in Legendres Worten: die Interpreten, die Antworten auf die eigentlich unbeantwortbaren Fragen nach dem ultimativen ‚Warum?‘ oder ‚Woher?‘ liefern“, sagt Katrin Becker. Legendre übertragt also die Lacansche Idee von der legitimierenden dritten Instanz von der Ebene der Eltern auf unsere Gemeinwesen und Gott, das Volk, den Staat, auf einen sogenannten großen Dritten, the Big Third.


Gesetze, Gebote, gesellschaftliche Normen entfalten ihre Wirkung demzufolge nur, weil genügend Menschen an ihr Legitimationsfundament, an Gott, Volk oder Staat, glauben. Obwohl alle drei eher zu den alten Big Thirds gehören, die sich auf dem Rückzug befinden. Wer glaubt heute noch an Gott? Wer propagiert die Volksgemeinschaft? Und hat sich der Staat in vielen Ländern nicht als dysfunktional erwiesen?


Zunehmend abgelöst werden diese Entitäten daher von Technik, Wissenschaft und Wirtschaft, wie Katrin Becker ausführt. „Legendre spricht sogar von der säkularen Bibel Technik-Wissenschaft-Wirtschaft.“ Damit wären wir endlich bei der Blockchain angekommen, die im Zentrum des Comics The Big Third and the Blockchain steht.


Die Blockchain als Reinkarnation des Technik-Gottes?


Bei einem gemeinsamen Kaffee in Neukölln fragten sich Katrin Becker, die insbesondere zur Blockchain-Technologie forscht, und Julia Schneider, die sich als Comic-Essayistin bereits mit Themen wie Künstlicher Intelligenz, der Rolle von Geld, aber auch mit der Blockchain und NFTs auseinandergesetzt hat, warum gerade diese Technologie, die Blockchain, einen derartigen Hype und derartige Kontroversen ausgelöst hat. Für manche scheint sie der Schlüssel zu einer völlig neuen, besseren Gesellschaft – oder zumindest zu Reichtum – zu sein, während Kritik an der Blockchain oft besonders scharf, vehement und verächtlich vorgetragen wird.


„Katrin brachte dann als mögliche Erklärung ins Spiel, dass die alten Big Thirds immer mehr an Bindungskraft verlieren“, erinnert sich Julia Schneider, „und dass die Blockchain gefeiert wird, als könnte sie als neuer großer Dritter fungieren.“ Könnte sie das? Wenn ja, warum? Und was hätte die Etablierung der Blockchain als Big Third für Konsequenzen? Genau diesen Fragen geht der Comic The Big Third and the Blockchain nach.


„Die Blockchain reiht sich in den Glauben an den ‚Technik -Gott‘ ein, insofern als sie versucht, den kybernetischen Traum von einer posthumanen Wirtschaft zu erfüllen“, sagt Katrin Becker. „Sie geht dabei aber insofern weiter als bisherige technische Innovationen, als sie versucht, eine technologische Alternative zu Institutionen zu bieten.“


Wenn es keine Wahrheit gibt, weil diese nur auf erfundenen Big Thirds beruht, sollten Individuen dann nicht die volle Souveränität bekommen? Das soll die Blockchain möglich machen. Aber vielleicht wird sie auch nur selbst zum Big Third? Bild: Auszug aus dem Comic The Big Third and the Blockchain

Tatsächlich entstehen diverse Blockchain-basierte Ansätze, die etablierte Institutionen, aber auch datensammelnde Plattformkonzerne oder Finanzintermediäre infrage stellen: Kryptowährungen, die die Macht der Zentralbanken herausfordern. Smart Contracts, die Verträge nicht nur in unabänderlichem Programmcode festhalten, sondern auch automatisch ausführen und daher nicht mehr eines Notars als dritter Instanz bedürfen. Dezentrale Autonome Organisationen, also DAOs, die es ermöglichen sollen, Gemeinschaften und deren Entscheidungsfindungen ohne Entscheidungsorgan zu organisieren. Oder sogar Netzwerkstaaten, die klassische Staatlichkeit überflüssig machen sollen. Meist im Mittelpunkt: das Individuum mit seiner selbstbestimmten Identität, der Self-sovereign Identity.


„Das zentrale Versprechen der Blockchain ist im Grunde, die menschliche und korrumpierbare dritte Partei durch eine neutrale und unvoreingenommene, weil konsensuale, transparente und berechenbare Technologie zu ersetzen“, erklärt Katrin Becker. „Dabei soll sie für Neutralität, eine ,wahrere Wahrheit‘, eine ‚gerechtere Gerechtigkeit‘ sorgen.“ Weil sie also nicht nur als Alternative zu traditionellen Institutionen, sondern auch als „Wahrheitsmaschine“, das heißt als Heilsbringer gefeiert wird, steige sie auf die Ebene eines Big Thirds. Dass einige Vordenker der Blockchain-Technologie von ihren Fans fast schon religiös verehrt werden, spricht die Forscherin ebenfalls an.


Versprechen diejenigen zu viel, die an die dezentralisierende und demokratisierende Macht der Blockchain glauben – und am Ende gilt doch wieder nur das Recht des Stärkeren? Bild: Auszug aus dem Comic The Big Third and the Blockchain

Ohne sie sofort als leere Versprechen abzustempeln, hinterfragt der Comic die hohen Erwartungen mancher an die transformative Kraft der Blockchain. Gründe dafür gibt es genug, zum Beispiel, dass trotz ihrer Dezentralisierung die Konzentration von Macht möglich ist – bei denjenigen mit der größten Computerleistung oder den meisten finanziellen Mitteln. Letztendlich also bei den Reichen. „Auf den zweiten Blick entpuppen sich die Instrumente der Konsensbildung als weniger demokratisch als behauptet und viel eher als meritokratisch, plutokratisch oder oligarchisch“, meint Katrin Becker.


Wenn Künstliche Intelligenz die Gedanken von Menschen visualisiert


Wie schon bei ihren Comic-Essays KI, wir müssen reden oder Money Matters gelingt es Julia Schneider, komplexe und anspruchsvolle Materie mit klaren, prägnanten Sätzen zu erklären. Ihre Haltung zum Konzept der Big Thirds, auch zur Blockchain-Technologie ist zwar zu spüren, doch hält sie sich mit vorgefasster Meinung oder allzu einfachen Antworten zurück – und bringt ihr Publikum stattdessen mit den richtigen Fragen selbst zum Nachdenken.


Bei der Illustration ging Julia Schneider neue Wege. Statt mit Künstlerinnen kollaborierte sie diesmal mit DALL-E 2, einer Künstlichen Intelligenz, die aus ihren Texteingaben Bilder generierte. Das Ergebnis ist atmosphärisch, eher abstrakt, fast schon nachdenklich, was angesichts des Themas stimmig erscheint. Die Künstliche Intelligenz über die Blockchain-Technologie und ihre Rolle als Big Third nachdenken zu lassen – angesichts der Tatsache, dass KI gerade insbesondere in Form von ChatGPT selbst zur Big Third erhoben wird, ein spannendes Experiment.


Mit der Veröffentlichung von The Big Third and the Blockchain war dieses Experiment allerdings noch nicht beendet. Im Vorfeld der digitalen Premierenveranstaltung, hier bei 1E9, baten Julia Schneider und Katrin Becker Expertinnen und Experten, die sich in verschiedenen Disziplinen – Kunst, Wissenschaft, Journalismus, Softwareentwicklung – mit den gesellschaftlichen Auswirkungen von Technologie beschäftigen, um Reaktionen und Stellungnahmen zu den zentralen Themen und Fragen des Comics. Nicht nur in Textform, sondern wiederum illustriert von KI.


Weiter unten findet ihr einige dieser Reaktionen. Wenn ihr den Comic zuerst selbst lesen wollt, findet ihr ihn hier.


Reaktionen auf „The Big Third and the Blockchain”


Maybe it is just an old lie that people are dependent on a big third. Maybe we could all be our own big thirds? – Max Haarich, Embassy of the Republic of Užupis

My comment on the comic focuses on the concept of Self Sovereignty. Specifically, how its existence is linked to the emerging phenomena of a network of ‘selves’. The network (seen also as crowd) is necessary for the self to emerge and the blockchain can be employed to achieve such a network. I also took the liberty of quoting (‘one, none and thousand’) an important writer in the Italian literature who addresses the problem of ones identity and role within society, namely Luigi Pirandello with whom I share homeland and views on the matter. – Mirco Zichichi, Research Scientist, IOTA Foundation

We have played with the arrogance of humankind, with the belief that we can create the ideal system, and with golems and automaton women, and with tarot as the magical component. – Marielle Dueh & Alexandra Wolf, re-publica

The prompt was ‘Snake oil and magic beans juggled by a tragically misunderstood Adam Smith.’ The image synthesis model swiftly corrected my conceptual error and made Smith not the distributor, but the recipient of said snake oil, which is poured and approved by not exactly an invisible hand (as hands in this panel are, in fact, uber-present), but an invisible instance. Adam Smith being at the receiving end of the dark ideological megaproject ‘blockchain,’ victimized, even, seems to me like an apt proposal made by a machine towards re-narrating economic history. – Till Wittwer, artist, writer, and researcher

God, law, states, are in the end all just narratives or discourses that re-legitimize domination. The blockchain is also shaped and bent according to one interpretation or another: A techno-discourse – Eric Eitel, Communication for Culture & Technology

Comment by Antonia Schmalz, SPRIND, Federal Agency for Disruptive Innovation

The prompt was: A computer who is god telling people what to do, stained glass in purple and green. - My thoughts: Hasn’t humanity emancipated itself from needing Big Thirds to find orientation in their lives? In the comic the Blockchain is described as becoming a new institution such as the church might have been once. However, transparency and decentralization as depicted in the stained glass may enhance existing processes of governance to a new form of governmentality. -- Joanne Arkless, 1E9
Wolfgang Kerler

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