1. Februar 2026
Die SPD sucht ihr Narrativ fürs KI-Zeitalter: Überzeugende Erzählungen oder Matrix auf Sparflamme?

Die SPD ist seit ein paar Jahren der Meinung, dass weniger ihre Politik für schlechte Wahlergebnisse verantwortlich ist als mangelhafte Kommunikation. Dem wollen die Sozialdemokraten offenbar auch mit KI entgegenwirken – und mit neuen Regeln für die großen Plattformen. Weg von der Aufmerksamkeitsökonomie. Unsere Science-Fiction-versierte Kolumnistin Kryptomania alias Aleksandra Sowa macht sich Gedanken darüber, wie politische Kommunikation im KI-Zeitalter gelingen kann. Und warum es echte Erzählungen und weniger simples „Storytelling“ braucht.
Eine Kolumne von Dr. Aleksandra Sowa alias Kryptomania
In Stanisław Lems Der futurologische Kongress wird die Menschheit narkotisiert – sonst vertrüge sie sich selbst nicht. In der Kultfilmreihe Matrix leben Menschen in einer Art Computersimulation, die sie über die tatsächlichen Lebensumstände auf der Erde hinwegtäuschen soll, ihnen aber zugleich genug Bürokratie, Regeln sowie überwachende Instanzen beziehungsweise Agenten aufbürdet, damit sie – gefangen im Hamsterrad der tagtäglichen Bemühungen um die Aufrechterhaltung des Status quo – keine Zeit haben, eine andere Welt hinter der Simulation zu erkennen oder gar Rebellion zu üben.
Interessant ist: Sowohl in Lems Roman als auch in Matrix entscheiden sich die Protagonisten oft selbst dann, wenn sie nicht zu den Herrschenden über die Illusion gehören, freiwillig, die brutale Realität zu ignorieren – und wählen die komfortable Illusion. Wie Cypher in Matrix, der die Simulation bewusst der Realität vorzieht: Das halluzinierte Essen schmeckt einfach besser. „Unwissenheit ist ein Segen“, kommentiert Cypher – von „Realyse“ spricht in Lems Der futurologische Kongress der Professor: „Wirklichkeitsschwund. Wörtlich – Auflösung des Realen.“
Moderne Politik versucht offenbar, zunächst etwas billiger davonzukommen als mit der massiven Verabreichung von Maskonen, wie die halluzinogenen Drogen bei Lem genannt werden, oder mit aufwendigen Simulationen wie in den Matrix-Filmen bzw. dem Roman Simulacron. Aber ein wenig scheint sie diese Methoden doch zu adaptieren. Mithilfe von „Narrativen“ nämlich bemüht man sich, unbequeme oder schlicht schlechte politische Entscheidungen zu rechtfertigen, zu kaschieren – kurz: gut zu kommunizieren. Und so Bürgerinnen und Bürger zu einer bisweilen masochistisch anmutenden Konformität mit Entscheidungen zu erziehen, die ihre Existenz oder ihre Freiheiten unmittelbar einschränken – oder diese gar gefährden.
Bessere Kommunikation und mehr Geschlossenheit statt besserer Politik
Narrative – beziehungsweise ‚bessere Narrative‘ – stehen nun als Ersatz dafür, nicht unbedingt bessere oder wenigstens andere Politik zu machen. „Wir müssen besser kommunizieren“, kommentierte die frühere SPD-Parteivorsitzende Saskia Esken im April 2023 die Protestwelle im Osten Rügens gegen das für die Insel geplante Flüssigerdgas-Terminal. Die Proteste haben sich im Laufe der Zeit auch tatsächlich abgeschwächt – nicht aber der Traum von Narrativen, mit denen sich Politik künftig der Kritik von Medien oder Zivilgesellschaft entziehen könnte, und damit auch der Rebellion oder dem Protest. Noch im Sommer 2023 sollte eine bessere Kommunikation und „mehr Geschlossenheit“ der Ampel-Regierung aus SPD, Grünen und FDP gegen die hohen Umfragewerte der AfD helfen. Die Grundannahme dahinter lautete wohl: Mit den richtigen Narrativen werden die Menschen schon verstehen, wie gut unsere Politik doch eigentlich ist!
Stärker, wirksamer, schneller sollen erfolgreiche Narrative sein – wenn möglich gleich automatisiert und/oder mit Unterstützung Künstlicher Intelligenz erzeugt. Im Auftakt zur Entwicklung des neuen neuen Grundsatzprogramms der SPD am 5. Dezember 2025 im Willy-Brandt-Haus in Berlin kündigte die amtierende SPD-Parteivorsitzende Bärbel Bas nicht nur an, dass man im neuen Grundsatzprogramm auch Technologien wie KI berücksichtigen müsse – zwei Dinge, die im aktuellen Programm von 2007 keine Rolle spielten. Darüber hinaus wolle man nun sogar darüber diskutieren, wie – und ob – man mithilfe von Bots kommuniziert: offenbar eine Anwendungsform, die Sozialdemokraten bislang konsequent abgelehnt hatten.
Das (alte) Hamburger Programm setzte sich zum Ziel: „Demokratie soll über wirtschaftlichen Interessen stehen, eine starke EU soll die Globalisierung sozial gestalten, und Nachhaltigkeit bleibt unser Leitprinzip.“ Was davon heute falsch, nicht mehr aktuell oder nicht zeitgemäß ist, wurde bislang nicht systematisch eruiert. Was für den Co-Parteivorsitzenden Klingbeil dennoch feststeht, ist, dass es ein positives Zukunftsbild braucht – und dass die SPD eine „fortschrittsumarmende“ Partei sein sollte.
Die SPD will uns aus der Aufmerksamkeitsökonomie befreien. Ob das klappt?
Obwohl auch die SPD immer besser kommunizieren will, vielleicht sogar mit Bots, so geht es in einem konkreten Zukunftsbild, das der neue Generalsekretär der Partei, Tim Klüssendorf, formulierte darum, der „Aufmerksamkeit als Geschäftsmodell“ den Garaus zu machen. Man wolle neue Spielregeln für die großen Plattformen schaffen – und dabei nicht weniger als die Demokratie zurückerobern. Tim Klüssendorf, kein Science-Fiction-, aber immerhin Harry-Potter-Fan, möchte dadurch noch mehr erreichen: eine neue Solidarität – und die Rückkehr von der Individualisierung zur Gemeinschaft.
Ansätze, die zweifelsohne positiv anmuten. Denn im Ergebnis könnten sie uns jenem Internet wieder näherbringen, mit dem man ursprünglich stärkere, direktere und vitalere Demokratie, mehr und bessere Möglichkeiten der bürgerlichen Partizipation und Meinungsfreiheit verbinden wollte. Und nicht eine bloße Effektivierung von Bürokratie und Staatsverwaltung, einhergehend mit zunehmender Kontrolle und Überwachung.
Das Ergebnis hängt wesentlich davon ab, mit welchen Maßnahmen diese Ansätze gegen die „Aufmerksamkeit als Geschäftsmodell“ unterlegt werden. Und davon, ob Maßnahmen wie Altersverifikation, Chatkontrolle oder Vorratsdatenspeicherung am Ende doch weitere Kontrollmechanismen im Internet stärken, nun lediglich weniger durch den Staat selbst, sondern stärker „made by Plattformen“. Oder ob man aus der bisherigen Regulierung die Lehre zieht, dass jede Verpflichtung von Plattformen – ebenso wie von privatwirtschaftlichen Unternehmen insgesamt – sie zugleich dazu ermächtigt, ihren Nutzerinnen und Nutzern neue Zwänge und Kontrollen aufzuerlegen.
Kann eine sozialistische KI vielleicht den Kapitalismus ersetzen, weil sie genauso schöpferisch ist?
Vielleicht denkt die SPD in Sachen Zukunftsbilder mit ihrer Kritik an den großen Plattformen aber gar nicht weit genug – und sollte KI nicht nur für eine mögliche Kommunikation per Bots umarmen: Will der Sozialismus dem Kapitalismus auf Augenhöhe begegnen, genügt es nicht, eine Ökonomie zu demokratisieren, deren schöpferische Energie anderswo verortet bleibt, riet sinngemäß der Tech-Kritiker Evgeny Morozov im Essay Socialism After AI (The Ideas Letter): Es brauche ein eigenes Medium der Welterzeugung. Genau hier kommt Künstliche Intelligenz ins Spiel.
Die eigentliche Wette einer sozialistischen KI-Gesellschaft bestünde seiner Meinung nach darin, dass jene schöpferischen Kräfte, die der Neoliberalismus dem Markt zuschreibt – Experiment, Entdeckung, die Macht, aus Ideen Welten hervorzubringen –, künftig durch ein anderes Medium fließen: kollektiv kontrollierte KI-Systeme, verankert in Betrieben, Schulen, Kliniken und Genossenschaften. Systeme also, die dieselbe neue-Welten-schaffende Dynamik entfalten, welche man dem Kapital zuschreibt – jedoch befreit vom Akkumulationszwang, der Möglichkeiten verzerrt und alternative Entwicklungspfade frühzeitig versperrt.
Ob die Sozialdemokratie diese Idee aufgreift, werden wir sehr bald erfahren – man hat sich nämlich, recht sportlich, Zeit bis zum Jahr 2027 gegeben, um das neue Grundsatzprogramm zu erarbeiten. Zutrauen könnte man ein sozialistisches KI-Zukunftsbild, das Wähler wieder mobilisiert, aber gerade der SPD. Denn die Partei steht in der Tradition dessen, was Isabella Hermann als historisch „besonders eindrückliches“ Narrativ beschreibt: der Arbeiterbewegung. Allein die Tatsache, dass „die Arbeiterschaft im Frühkapitalismus Gegenstand vielfältiger Ausbeutungs- und Missbrauchsverhältnisse war, reichte nicht aus, um Widerstand dagegen zu mobilisieren“, schrieb Hermann in ihrem Beitrag zum Sammelband Die radikale Mitte von Ulrich Machold (Hrsg.). Es brauchte einen „narrativen Unterbau als Inspiration“: die Idee einer „Klasse“, das Leitbild von Solidarität.
Ein wirkmächtiges Narrativ, das die Autorin nicht ohne Grund gleichauf mit dem „Moonshot“, also der Mondmission, nennt – ein „gesamtgesellschaftliches, emotional aufgeladenes und präzise definiertes Narrativ à la Kennedy“, das jedoch keine spätere NASA- oder Weltraummission je wiederholen konnte.
Interessanterweise bediente sich die SPD in ihrem an die Bill-Clinton-Präsidentschaftswahl angelehnten und in der deutschen Geschichte ersten „Internetwahlkampf“ 1998 ausgerechnet dieses Moonshot-Narrativs. „Wir wollten schneller sein als die CDU“, sagte die Leiterin der Internet-Redaktion im (damals noch) Erich-Ollenhauer-Haus, Anna Siebenborn, der Spiegel-Journalistin Nataly Bleuel noch am Wahlabend. „Das war wie der Kampf der Amerikaner und der Russen um den Mond.“
Wirkmächtige Narrative, erklärt Isabella Hermann, „können politische Entscheidungen leiten sowie die Gesellschaft mobilisieren und dadurch Veränderungen ermöglichen – aber ebenso gut verhindern.“ Gute Narrative könnten ihre Inspiration aus der Science-Fiction schöpfen – vielleicht auch aus der Fantasy (obwohl man eventuell erwähnen sollte, dass Stanisław Lem Harry Potter, Besen und Voldemort skeptisch gegenüber war). Wichtig seien dabei sowohl die Fähigkeit, „in Alternativen zu denken“, als auch „Geschichten, die gut ausgehen“. Anti-Dystopien etwa – und weniger Einzelhelden-Erzählungen als vielmehr solche kollektiver Akteure und zivilgesellschaftlicher Gruppen. Narrative seien oft die entscheidende Zutat, „um Zustände in Trends und Bewegungen zu katalysieren“. So entstand erst aus dem Narrativ der Arbeiterbewegung „die gedankliche Möglichkeit einer besseren Welt“. Vielleicht wäre sich die Arbeiterbewegung ohne ein gemeinsames Narrativ gar nicht der Tatsache bewusst gewesen, dass sie längst eine Bewegung ist?
Storytelling verkürzt Politik zur reinen „Problemlösung“
Sollten die Sozialdemokraten den hohen Erwartungen mit dem neuen Grundsatzprogramm nicht genügen, so bleiben sie dennoch in bester Gesellschaft: „[…] aktuell scheint keine der Parteien der demokratischen Mitte, zumindest in Deutschland, ein Narrativ in petto zu haben, das eine positive, realistische, mehrheitsfähige und greifbare Zukunftsvision vermitteln würde“, urteilt nüchtern Isabella Hermann.
Als Anregung könnte man der SPD aktuell noch mit auf den Weg geben, es auch mal wieder mit einer echten Erzählung statt mit „Storytelling“ zu versuchen – jenem Konzept, das der Philosoph Byung-Chul Han in Die Krise der Narration nicht etwa als „Wiederkehr der Erzählung“ feiert, sondern als Mittel, „Erzählungen zu instrumentalisieren und zu kommerzialisieren“. Storytelling „etabliert sich als eine effiziente Form der Kommunikation, die nicht selten manipulative Ziele verfolgt“. Dass Storytelling dazu dient, „selbst wertlose Dinge in wertvolle Güter“ zu verwandeln, wissen nicht nur Marketingmanager, sondern auch Politiker: „Im Kampf um Aufmerksamkeit erweisen sich Narrative als wirksamer denn Argumente“. Es sollen nicht der Verstand, sondern Emotionen angesprochen werden.
In diesem Verständnis als „wirksame Technik politischer Kommunikation“ sind Narrative jedoch „alles andere als jene politische Vision, die in die Zukunft ausgreift und den Menschen Sinn und Orientierung gibt“, warnt Byung-Chul Han; vielmehr verkürze sich Politik „zum Problemlösen“. Heute würden Zukunftsnarrative fehlen, die Hoffnungen machen, schreibt er – hier in bemerkenswerter Übereinstimmung mit Isabella Hermann – und erwartet von politischen Erzählungen, dass sie „eine neue Ordnung der Dinge in Aussicht“ stellen, „mögliche Welten“ ausmalen. Nicht Storytelling oder Informationen: „Allein Erzählungen eröffnen die Zukunft“.
Um zu positiven Zukunftsvisionen zu gelangen, müsste man sich allerdings zuvor noch von einem Satz lösen, der möglicherweise eine ganze Generation davon abgehalten hat, in der Politik zu fantasieren, neue (Arbeits-)Welten oder (Welt-)Ordnungen zu ersinnen und (positive) Zukunftsvisionen zu entwickeln. Gemeint ist Helmut Schmidts berühmtes „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ – ein Satz, der möglicherweise aus dem Kontext gerissen ähnlich missverstanden oder missinterpretiert wird wie die Idee der „unsichtbaren Hand“ eines anderen Schmidt und Ökonomen, nämlich Adam Smith.
Sollte es Tim Klüssendorf gelingen, der „Aufmerksamkeit als Geschäftsmodell“ tatsächlich den Garaus zu machen, wäre das womöglich das erste politische Projekt seit Langem, das nicht auf ein Narrativ setzt – sondern auf dessen Entzug. Vielleicht wäre genau das der Anfang einer neuen Erzählung. Wenn dann noch die sozialistische KI dazu kommt, die den Kapitalismus überflüssig machen kann, könnte die SPD vielleicht sogar wieder Erfolgsgeschichten schreiben…
Dr. Aleksandra Sowa gründete und leitete zusammen mit dem deutschen Kryptologen Hans Dobbertin das Horst Görtz Institut für Sicherheit in der Informationstechnik. Sie ist zertifizierter Datenschutzauditor und IT-Compliance-Manager. Aleksandra ist Autorin diverser Bücher und Fachpublikationen. Sie war Mitglied des legendären Virtuellen Ortsvereins (VOV) der SPD, ist Mitglied der Grundwertekommission und trat als Sachverständige für IT-Sicherheit im Innenausschuss des Bundestages auf. Außerdem kennt sie sich bestens mit Science Fiction aus und ist bei X, ehemals Twitter, als @Kryptomania84 unterwegs.

Aleksandra Sowa
Kolumnistin 1E9
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