25. August 2025
Die Serie Alien: Earth spaltet die Fans – aber stellt spannende Fragen über die Natur des Menschen

Mit Alien: Earth ist ein Serienableger der Alien-Filmsaga angelaufen. Verantwortlich dafür ist der Schöpfer der gefeierten Serie Fargo. Doch Alien: Earth spaltet die Zuschauer und lässt langjährige Fans aufgeregt debattieren. Denn die Serie ignoriert weite Teile des etablierten fiktiven Filmuniversums und behandelt Themen, die so wohl nicht erwartet wurden.
Von Michael Förtsch
Damit hatte niemand so richtig gerechnet. Vor allem nicht das Studio 20th Century Fox. Doch als der Science-Fiction-Horrorfilm Alien im Jahr 1979 in den Kinos startete, wurde er zu einem überraschenden Erfolg. Langfristig sogar einem kunst- und kulturprägenden Meilenstein. Dafür sorgten die von Drehbuchautor Dan O’Bannon erdachte Geisterhausgeschichte im All, die gekonnte und visuell eindrucksvolle Regie von Ridley Scott und nicht zuletzt das vom Schweizer Künstler H. R. Giger entworfene außerirdische Wesen.
Derartiges hatte es so noch nicht auf der Leinwand gegeben. Alien zeigte eine dreckige und deprimierende Zukunftsvision und betrieb teils subtil, teils recht offen Kapitalismus- und Ausbeutungskritik. Zudem zeichnete der Film die extraterrestrische Kreatur als mehr als nur ein blutrünstiges Monster, wie sie sonst in Science-Fiction-Filmen dieser Zeit zu sehen waren. Hier offenbarte sich ein Wesen mit einem eleganten und furchteinflößenden Lebenszyklus, dessen gesamte Natur als Metapher für sexuelle Gewalt gelesen werden kann.
Bereits in den 1980er Jahren gab es daher die Idee, die im zweiten Teil Aliens dann Xenomorph getaufte Kreatur auf den kleinen Bildschirm zu holen. Doch mehr als eine Meldung in den damaligen Filmzeitschriften wurde aus den Plänen für eine TV-Serie nicht. Das war wohl auch besser so. Denn diese hätte der Vorlage kaum gerecht werden und dem Erbe des Films sogar schaden können. Rund 40 Jahre später ist mit Alien: Earth bei Disney+ schließlich doch eine moderne Serienumsetzung angelaufen, die das nötige Budget, die Produktionskapazitäten sowie die kreative und schauspielerische Power mitbringt.
Allerdings spaltet die Produktion des Legion- und Fargo-Machers Noah Hawley bereits nach den ersten Folgen die Gemüter – vor allem die der langjährigen Fans der Alien-Saga. Nicht nur, weil sie die Historie der Filme in weiten Teilen ignoriert. Sondern auch, weil einige Anspielungen auf Produktionen des Disney-Konzerns, dem seit dem Kauf des Studios 20th Century Fox auch die Alien-Saga gehört, zunächst recht verwirrend oder sogar willkürlich erscheinen.
Eine Märchengeschichte?
Die ersten Minuten von Alien: Earth sind von nostalgisch aufgeladenen Reminiszenzen an den Originalfilm geprägt. Die Jahreszahl 2120 surrt in grüner Schrift über den Schirm. Kryoschlafkapseln öffnen sich. Eine Crew – in diesem Fall jene des Weyland-Yutani-Forschungsschiffs USCSS Maginot – isst nach dem Aufwachen gemeinsam Mittag. Sie sprechen über den aktuellen Rückflug zur Erde und die allmächtigen Konzerne, die den Planeten untereinander aufgeteilt haben. Die 65 Jahre dauernde Mission der USCSS Maginot? Extraterrestrische Lebensformen aus den dunkelsten Winkeln der Galaxis einsammeln und zum Studium auf die Erde bringen.
Dabei ist – für das Publikum wenig überraschend – etwas schiefgelaufen. Was das Schiff an Bord hatte, ist offenbar ausgebrochen. Kurz darauf verbarrikadiert sich der Maginot-Sicherheitsoffizier Morrow, ein mit Robo-Technologie aufgewerteter Mensch – sprich: Cyborg –, im Computerraum, während vor der Tür ein Xenomorph den Rest der Besatzung massakriert. Morrow setzt das Schiff auf direktem Kurs zur Erde und sperrt sich dann in eine abgeschirmte Sicherheitskapsel, während das Alien die Tür aufreißt.
Kurz darauf schrammt das über 330 Meter lange Schiff an einer Raumstation im Mondorbit vorbei, rauscht durch die Erdatmosphäre und reißt bei seiner Bruchlandung eine breite Schneise durch Prodigy City. Erstaunlicherweise scheint niemand auf der Planetenoberfläche gewarnt worden zu sein. Mit fauchenden Triebwerken und aufgeplatzter Hülle bleibt das Schiff daher irgendwann zwischen zwei Wolkenkratzern stecken.
Die Metropole in der New Siam genannten Region ist vollständig im Besitz der Prodigy Corporation, die vom genialen und exzentrischen Tech-Wunderkind Boy Kavalier im Alter von nur sechs Jahren gegründet wurde. Der ist gerade dabei auf einer abgelegenen Insel, den Tod zu besiegen. Zusammen mit einem kleinen Team von Vertrauten will er den Verstand eines todkranken elfjährigen Mädchens in einen synthetischen Körper übertragen und damit den ersten Hybriden erschaffen.
Um das Mädchen während des Prozesses abzulenken, werden auf einem kreisrunden Bildschirm über ihr Szenen aus dem Disney-Klassiker Peter Pan abgespielt. Das Experiment gelingt. Wendy folgen bald weitere Kinder. Auch ihr Übergang gelingt, denn ihr Verstand ist noch flexibel und anpassungsfähig – anders als der von Erwachsenen.
Jedoch vermisst Wendy das Essen und ihren Bruder Joe Hermit, der als Sanitäter bei Prodigy arbeitet. Sie stellt ihm daher über das Überwachungsnetz des Konzerns nach und schaut ihm beispielsweise dabei zu, wie er sich mit ein paar Kindern den Pixar-Film Ice Age 4: Voll verschoben anschaut. Als Wendy sieht, dass ihr Bruder als Teil eines Evakuierungs- und Rettungstrupps zum abgestürzten Raumschiff fährt, fühlt sie sich gezwungen, ebenfalls zu handeln.
Sie bittet Boy Kavalier, sie und die anderen Kinder bei der Evakuierung helfen zu lassen. Denn, wie sie begründet: „Wir sind stark, wir sind schnell, wir gehen nicht kaputt“. Der Billionär willigt in den Einsatz der Hybriden ein. Was darauf folgt, das lässt sich in den Trailern zu den Folgen der ersten Staffel erahnen. Die Kinder in Robo-Körpern treffen auf außerirdische Kreaturen. Und insbesondere Wendy bekommt es mit dem Xenomorph zu tun, zu dem sie offenbar eine sonderbare Verbindung hat. Aber…
Es geht nicht um Horror, sondern Menschlichkeit
Bereits in den ersten Folgen der Serie wird klar, dass Serienschöpfer Noah Hawley mit Alien: Earth mehr erzählen will als eine reine Science-Fiction-Horror- und Überlebensgeschichte. Wie in den Filmen sind das Alien und die anderen extraterrestrische Monstren ein wichtiges, aber nicht zentrales Element der Geschichte. Dem Serienmacher scheint es vielmehr um die Erforschung der Natur der Menschlichkeit zu gehen. Ein Themenkomplex den Ridley Scott bereits im Alien-Vorläufer Prometheus und davor schon Blade Runner bearbeitete. Aber Hawley stellt eigene Fragen – und kontrastiert diese mit den außerirdischen Lebensformen. Es geht ihm darum, ob und wie die menschliche Natur definiert und bewahrt werden kann.
Ist der Verstand eines Kindes in einem synthetischen Körper noch menschlich – oder bereits etwas anderes? Kann ein menschlicher Verstand erwachsen werden, ohne biologisch aufwachsen zu können? Wie und worüber definiert sich ein solcher Hybrid? Mit diesen Fragen scheint vor allem der Hybrid-Charakter Nibs zu hadern. Sie fühlt sich in ihrem erwachsenen Körper sichtlich unwohl, kämpft mit ihrer unklaren Natur sowie ihrer unklaren Persönlichkeit. Worauf das hinausläuft, das bleibt abzuwarten.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die Menschheit als solche überleben kann – und ob sie das überhaupt verdient hätte. Die durch den Klimawandel aufgeheizte und von hoher Luftfeuchte dominierte Erde scheint in Alien: Earth vollends unter der Kontrolle von Megafirmen zu stehen. Neben Weyland-Yutani und Prodigy wären das Threshold, Dynamic und Lynch. Regierungen wurden offenbar entmachtet oder sind nicht mehr existent.
Spätestens bei der Mission der Maginot und der von Boy Kavalier angeordneten Bergung ihrer extraterrestrischen Fracht zeigt sich die Hybris der großen Konzerne und ihrer CEOs. Sie erklären das weite All und alles, was darin lebt, zu ihrem Eigentum, wollen es analysieren, zu einem Produkt umwandeln und verkaufen, um mehr Geld, mehr Territorium und mehr Macht anzuhäufen. Die außerirdischen Kreaturen zeigen allerdings, dass sie die Gefahren des Kosmos und seine wilde Natur unterschätzen und letztlich zugrunde gehen könnten.
In diesem Zusammenhang wirkt die Referenz auf Ice Age 4 nicht wie ein dahingeworfener Gag, sondern wie eine gewichtige Metapher – womöglich sogar ein foreshadowing. In diesem Teil der fünfteiligen Animationsfilmreihe müssen sich die tierischen Protagonisten dem Ausklang der Eiszeit und den Kontinentalverschiebungen stellen. Dies bedeutet das Ende ihrer Spezies‘, ihrer bekannten Heimat und das Aufkommen neuer Gefahren. Nur indem sie den Ozean überqueren und sich auf einer fernen Insel ansiedeln, kann die ungewöhnliche Herde aus Mammuten, Säbelzahntigern, dem Riesenfaultier und anderen überleben.
Womöglich könnte es in Alien: Earth für die Menschheit ähnlich aussehen. Ihr Schicksal könnte besiegelt sein, wenn sie die Erde nicht hinter sich lässt und in den Kosmos aufbricht, um neue Planeten zu bevölkern. Denn in Alien: Earth ist die Menschheit noch nicht sonderlich weit über ihren kosmischen Vorgarten hinausgekommen.
Besser ohne das Alien?
Wer die Alien-Filme, -Bücher oder -Comics kennt, stellt schnell fest, dass Alien: Earth nicht so recht in deren Kanon passen mag. So startete das Weyland-Yutani-Schiff Maginot beispielsweise 21 Jahre bevor der Konzern durch die Fusion der Weyland- und Yutani-Firmen überhaupt entstand. Bekannte Machtblöcke wie das Three World Empire und die United Americas scheinen in der Serie nicht zu existieren. Allerdings kann und soll Alien: Earth auch nicht mit den Filmen, Büchern oder Comics harmonieren. Denn wie der Schöpfer der Serie, Noah Hawley sagt, spielt Alien: Earth nicht im gleichen Universum wie die Filmreihe.
Die Serie sei eher „parallel“ zu diesen angelegt. Sie baut also nicht auf den kanonischen Geschehnissen auf, sondern greift einzelne Elemente wie die Ikonografie, den Stil, das Alien oder die Firma Weyland-Yutani auf, um daraus die Grundlage für eine eigene Geschichte zu schaffen. Wie er bei einer Debatte auf der SXSW erklärte, ignorierte Hawley die Filme Prometheus und Alien: Covenant sogar recht explizit. Denn diese passten nicht zu seinem Verständnis vom Xenomorph als „perfektem Organismus“, der sich womöglich über Jahrtausende oder Jahrmillionen entwickelt hat. „Ich beschloss also, mich nicht mit diesem Teil der Geschichte zu befassen“, so Hawley. Auch Gina Balian vom Sender FX, der Alien: Earth produziert, sagte: „Es muss nicht alles zusammenpassen.“
Das hält langjährige Alien-Fans natürlich dennoch nicht vom Rätselraten und Debattieren darüber ab, wie sich die Serie in die von Ridley Scott etablierte Zeitlinie der Filme aber auch Comics und Bücher einordnen lässt, ohne allzu viel Konfusion und Konflikte heraufzubeschwören. Das könnte sich jedoch als schwierig bis unmöglich gestaltet.
Dabei stellt sich die Frage: Hätte Alien: Earth auch ohne die Verbindung zum und die Anleihen aus dem Alien-Universum funktioniert? Wahrscheinlich schon. Vielleicht sogar besser. Die bisherige Geschichte rund um die Hybriden, die außerirdische Bedrohung und die allmächtigen Firmen hätte auch in einem gänzlich neuen Science-Fiction-Kosmos stattfinden können. Aber macht die legendäre außerirdische Kreatur die Serie irgendwie faszinierender? Verleihen Namen wie Weyland-Yutani der Geschichte mehr Gewicht? Ist es nostalgisch, die bekannten Schiffskorridore und Uniformen aus dem Film von 1979 wieder zu sehen? Definitiv.

Michael Förtsch
Leitender Redakteur
Weiter bei 1E9...

Überschrift 3
Cooler Artikel!

Überschrift 3
Artikel

Überschrift 3
Cooler Artikel!

Überschrift 3
Cooler Artikel!
01a9f8f8-1cd0-4ac5-b782-15efd0c49f69
68ac934642d520518319f04a



