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26. Mai 2026

Der Börsengang von SpaceX wäre ein Schritt in Richtung Cyberpunk-Dystopie

 

Der geplante Börsengang von SpaceX könnte Elon Musk zum ersten Billionär der Geschichte machen. Dabei will sich der schon jetzt reichste Mann der Welt die dauerhafte und uneingeschränkte Kontrolle über das Unternehmen sichern – das mittlerweile deutlich mehr umfasst als nur Raketen. Das lässt an dystopische Science-Fiction-Fantasien denken.


Eine Analyse von Michael Förtsch


Bereits seit Jahren wurde über einen möglichen Börsengang von SpaceX spekuliert. Denn bislang ist die 2002 von Elon Musk gegründete Space Exploration Technologies Corporation – so der eigentliche Name – ein Privatunternehmen. Die Firmenanteile können dadurch nicht frei auf dem Markt gehandelt werden. Die Offenlegungspflichten hinsichtlich des Geschäfts, der Finanzen und der Führungsentscheidungen sind begrenzt. Das war bisher vor allem für den mittlerweile oft kritisierten Gründer Elon Musk stets ein Vorteil. Das Unternehmen konnte Stillschweigen darüber bewahren, welche Summen bei fehlgeschlagenen Starts, explodierenden Raketen, dem Aufkauf Hunderter Fahrzeuge von Tesla oder auch bei Klagen gegen das Raumfahrtunternehmen verbrannt wurden. Außerdem war Elon Musk nur einer kleinen Gruppe an Investoren gegenüber Rechenschaft schuldig.


Doch zuletzt wurde es für SpaceX offenbar zunehmend schwerer, weiterzuwirtschaften wie bisher. Das zeigte nun der in Vorbereitung des Börsengangs veröffentlichte Emissionsprospekt auf: Den lukrativen Verträgen mit der NASA, den regelmäßigen Starts von Satelliten und dem Satelliteninternetgeschäft Starlink zum Trotz macht SpaceX erhebliche Verluste. Im vergangenen Jahr stand bei einem Umsatz von 18,67 Milliarden US-Dollar unter dem Strich ein Minus von 4,94 Milliarden US-Dollar. Im ersten Quartal dieses Jahres mussten weitere 4,28 Milliarden US-Dollar an Verlusten verbucht werden. Denn durch die Fusion von SpaceX mit xAI, das zuvor bereits X – ehemals Twitter – geschluckt hatte, kamen weitere Minusgeschäfte hinzu.


Vor allem aber die Entwicklung des riesigen Starship verschlingt enorme Summen. Schon jetzt hat SpaceX 15 Milliarden US-Dollar in das Raumschiff investiert. Dessen Fertigstellung ist bereits mehrere Jahre im Verzug – und droht noch einige weitere Jahre auf sich warten zu lassen. Eigentlich war bereits 2023 ein Touristenflug rund um den Mond geplant.


Insgesamt hat das Raumfahrtunternehmen so – Stand Ende März – einen Schuldenberg von über 20 Milliarden US-Dollar angehäuft. Mit dem geplanten Börsengang könnte die Firma auf einen Schlag riesige Summen auf das eigene Konto spülen. Die Rede ist von 75 Milliarden US-Dollar – wenn nicht mehr –, wobei SpaceX mit 1,75 Billionen US-Dollar bewertet würde. Mit seinen bestehenden Anteilen an SpaceX würde Elon Musk der erste Billionär der Geschichte werden.


Mehr als nur Raketen


Dass SpaceX nicht mehr im Milliarden-, sondern im Billionenbereich bewertet wird, ist nicht ohne Grund. Das Unternehmen hat die Raumfahrt revolutioniert. Es hat mit der Falcon 9 als erste Firma wiederverwendbare Raketen entwickelt und eingesetzt. Dadurch hat es die Kosten für Flüge ins All massiv gesenkt – und zahlreichen Unternehmen überhaupt erst den Weltraum eröffnet und damit die Grundlage für New Space gelegt. SpaceX hat in den über 20 Jahren seines Bestehens eine komplexe Infrastruktur aufgebaut, routinierte Fertigungsprozesse etabliert und Raketen sowie Raumkapseln entwickelt, die als robuste Werkzeuge gelten. SpaceX ist dadurch für viele Regierungen, Behörden und Firmen zum zentralen und besonders verlässlichen Zugang zum Orbit geworden. Das Starship, selbst wenn es reichlich verspätet kommen sollte, würde diese Position weiter stärken. Es würde eine neue Transportklasse in der Raumfahrt etablieren, die vorerst nur SpaceX bedienen kann.


Obschon SpaceX mittlerweile durch Dutzende Start-ups rund um die Welt Konkurrenz bekommt, wird es wohl auf Jahre hinaus seinen Platz als DAS Raumfahrtunternehmen halten. Vor allem in den USA – wo es bereits eine Schlüsselrolle im gesamten Raumfahrtprogramm der NASA einnimmt. Dazu kommt SpaceX’ Satelliteninternetdienst Starlink, der mittlerweile 10,3 Millionen Kunden in 164 Ländern hat – und damit 3,26 Milliarden US-Dollar alleine im ersten Quartal dieses Jahres erlöst. Im gesamten vergangenen Jahr stammten insgesamt 11,4 Milliarden US-Dollar aus dem breiteren Connectivity-Geschäft, das neben Starlink auch Verträge mit Geschäfts- und Unternehmenskunden sowie Mobilfunkanbietern umfasst. In Zukunft soll eine eigene Starlink-Mobile-Sparte dazukommen, mit der SpaceX Smartphones direkt über Satelliten anbinden will. Parallel baut SpaceX mit Starshield ein Äquivalent des Satellitennetzes für das Militär auf, das über 13 Milliarden US-Dollar einspielen soll.


Die mittlerweile fest in SpaceX integrierte KI-Firma xAI mit dem angeschlossenen Social Network X ist trotz der Verluste und des Abgangs von Top-Personal ein etablierter Player im weltweiten KI-Wettrennen. Die letzten Fassungen des großen Sprachmodells Grok haben in einigen Bereichen zu den Konkurrenten von OpenAI, Anthropic und Google aufgeschlossen. Wobei die Methoden zur Verbesserung auch die fragwürdige Nutzung von Konkurrenzmodellen umfassten. Die in den Chatbot Grok integrierte Aurora-Bild-KI gilt als äußerst fähig – und leicht zu missbrauchen. Dazu kommen Regierungsverträge über 200 Millionen US-Dollar zur Nutzung von Grok im US-Militärapparat und ein Milliardendeal, bei dem der erfolgreiche Konkurrent Anthropic einen Teil der Kapazitäten des von xAI betriebenen Colossus-1-Rechenzentrums für 1,25 Milliarden US-Dollar im Monat mietet.


Einige Beobachter glauben, dass ein weiterer, sehr lukrativer Geschäftsteil alsbald zu SpaceX dazustoßen könnte. Denn das von Elon Musk geführte E-Auto- und Mobilitätsunternehmen Tesla investierte vor wenigen Monaten rund zwei Milliarden US-Dollar in SpaceX und hält seitdem über 19 Millionen Anteile am Raumfahrtunternehmen. Diese Verflechtung wird als mögliche Vorbereitung einer Fusion gesehen. Bereits zuvor waren die beiden Unternehmen durch Elon Musk und mehrere Geschäfte eng miteinander verbunden. Beispielsweise nutzt SpaceX Lithium-Ionen-Batteriespeicher und Fahrzeuge von Tesla.


Aber es ist nicht nur die Geschäftsrealität von SpaceX, die Investoren gespannt auf den IPO warten lässt. Es sind auch die Visionen und Versprechungen von Elon Musk. Denn obwohl sich die öffentliche Meinung über den Milliardär drastisch gewandelt hat, gelten sein geschäftliches Geschick und seine Fähigkeit, kühne Pläne zu verwirklichen, als einzigartig. Neben bekannten Ideen wie einer Stadt auf dem Mars will Musk laut den zum Börsengang veröffentlichten Dokumenten mit SpaceX auch solarbetriebene Rechenzentren ins All bringen, eine Mondbasis bauen, von dort Nutzlasten mit elektromagnetischen Mass-Drivern ins All schießen und Rohstoffe auf Asteroiden abbauen. Das alles soll der „Ausbreitung des Lichts des Bewusstseins bis zu den Sternen“ dienen. Ebenso plant das Unternehmen, einen Touristen mit auf den ersten bemannten Flug zum Mars zu nehmen. Sollte SpaceX dieser Ambition auch nur im Ansatz nahekommen, könnte SpaceX zu einem Giganten werden. Nicht heute, auch nicht morgen, aber irgendwann. Genau das ist der Punkt.


Denn Musk gilt als Anhänger der utilitaristischen Idee des Longtermism: die Vorstellung, dass die Beurteilung von Entscheidungen nicht anhand unmittelbarer oder kurzfristiger Folgen geschehen sollte, sondern danach, wie sie die Zukunft der Menschheit auf Generationen hin beeinflussen. Entsprechend sollten Technologien verfolgt, politische Richtungen eingeschlagen und Weichen gestellt werden, die langfristig das Überleben und die Prosperität der Menschheit bedingen – selbst, wenn sie kurzfristig negative Auswirkungen haben. Geht es nach Anhängern des Longtermism, wäre es demnach zu rechtfertigen, einen Raketenbahnhof zu betreiben, der heute die Gesundheit einiger Tausend Menschen gefährdet, wenn dieser letztlich dazu dient, die Menschheit auf anderen Himmelskörpern anzusiedeln. Das wiederum schützt die Menschheit vor dem Aussterben, sollte es auf der Erde zu einer Katastrophe wie einem Meteoriteneinschlag kommen.


Ein Konzern wie aus Neuromancer


Laut Investmentexperten ist der geplante IPO wegen der Natur von SpaceX, seiner Technologien und Elon Musks Zukunftsvisionen kein Börsengang wie jeder andere. Für jene, die ernsthafte Summen in das Unternehmen stecken, wäre es ein generationsübergreifendes Investment. Denn das Potenzial von SpaceX wachse mit dem Fortschreiten der Technologie – mit neuen Materialien, neuen Triebwerks-, Kommunikations- und Energieerzeugungstechnologien und auch mit Künstlicher Intelligenz. Die extreme Verflechtung mit staatlichen Institutionen, die Verankerung in unterschiedlichen Märkten, der Griff über die Erde hinaus ins All: Das lässt an dystopische Science-Fiction-Romane denken. Insbesondere an die Beschreibungen sogenannter MegaCorps wie Tessier-Ashpool in Cyberpunk-Werken wie Neuromancer, deren Macht, Einfluss und Kapital die von Nationalstaaten übersteigen. Ihre Leitung liegt in der Hand von Dynastien, die auf Gentherapien und Kälteschlafkapseln setzen, um ihre Regentschaft zu sichern.

 

Eine solche Megafirma samt dynastischer Machtlogik könnte durch SpaceX von der literarischen Fantasie zur Wirklichkeit werden. Das zeigt sich bereits in der Governance-Logik. Der Aufbau von SpaceX und die Strukturierung der Aktienklassen sollen den Milliardär Elon Musk in seinen Führungspositionen im Konzern praktisch unabsetzbar machen. Denn laut Börsenprospekt können der CEO und der Vorsitzende des Verwaltungsrats – die maßgeblich die Ausrichtung des Konzerns bestimmen – nur von Inhabern der privilegierten und mit zehn Stimmrechten ausgestatteten B-Aktien von ihren Posten enthoben werden. Die überwiegende Mehrheit dieser nicht öffentlich gehandelten Aktien hält Musk selbst. Insgesamt vereint er durch seine Anteile ganze 85,1 Prozent der Stimmrechte im Konzern auf sich. Was bei SpaceX gemacht wird, wer das Sagen hat, das bestimmt also Elon Musk praktisch alleine.

 

Sollte Elon Musk irgendwann die Kontrolle abtreten wollen, lässt seine Zeit als Teil des Gründungsteams von OpenAI erahnen, an wen diese wohl gehen dürfte. Denn einst hatte sich der Milliardär als möglicher CEO von OpenAI ins Spiel gebracht. Er wollte das Unternehmen dabei nicht nur zeitweise, sondern auf unbestimmte Zeit führen, wie er die Mitgründer des KI-Unternehmens wissen ließ. Als diese ihn fragten, was passieren würde, falls Musk stirbt, antwortete er: „...vielleicht sollte [OpenAI] an meine Kinder weitergegeben werden“. Das passt auch zu den Plänen von Elon Musk, in Austin, Texas, ein riesiges Stammhaus für sich und seine mittlerweile recht weitläufige Familie zu errichten. Zumindest für jene seiner 14 Kinder, die sich nicht aktiv von ihm distanzieren. Shivon Zilis, eine Mitarbeiterin des Musk-Start-ups Neuralink, soll bereits mit ihrem gemeinsamen Kind eines der Häuser auf dem Anwesen bezogen haben.


Die Kapitalisierung der Dystopie


Es braucht daher wohl in der Realität weder Kälteschlafkapseln noch Gen- oder Klontechnologie, um SpaceX zu einem dystopischen Konstrukt zu machen. Es genügt die reale Struktur: ein Unternehmen, das den Zugang zum Orbit kontrolliert, globale und vielleicht in Zukunft sogar extraterrestrische Kommunikationsnetze betreibt, militärische Infrastruktur bereitstellt, mächtige KI-Systeme entwickelt und vieles mehr. All das wird dann von einem einzelnen Mann kontrolliert, der diese Macht womöglich über Jahrzehnte für sich und danach für seine Familie sichern will. Der Börsengang würde diese dystopische Vision nicht demokratisieren, sondern massiv kapitalisieren. Anleger könnten sich an Musks Vision beteiligen, finanziell profitieren, aber kaum über sie bestimmen.


Ironisch ist dabei, dass Elon Musk selbst seine Inspiration immer wieder mit positiver Science Fiction begründet hat. Vor allem mit Iain M. Banks’ optimistischem Kultur-Zyklus. Musk hatte sich 2018 sogar selbst zu einem „utopischen Anarchisten, wie ihn Iain Banks am treffendsten beschreibt“, erklärt. Der Kultur-Zyklus beschreibt eine Zukunft, in der gewaltige Technologie nicht der Herrschaft einzelner Menschen, Familien oder Konzerne dient, sondern der Überwindung von Knappheit, Abhängigkeit und Machtstrukturen. Dabei hat die titelgebende Kultur weiterhin mit vielen Problemen zu kämpfen – darunter moralische Fragen, imperialistische und paternalistische Tendenzen. Sie strebt jedoch nicht nur ein technologisches, sondern auch ein moralisches und ethisches Ideal an, das sowohl den Moment als auch die ferne Zukunft betrachtet.


SpaceX bewegt sich hingegen in eine andere Richtung. Mehr Macht für Musk, mehr Geschäftszweige, dadurch mehr Einfluss, mehr Kapitalisierungsmöglichkeiten. Aus dem Traum einer multiplanetaren, freieren und ins All strebenden Menschheit würde mit dem Börsengang ein Investment: Raketen, Satellitennetze, Militärdienste, Kommunikationsinfrastruktur und vielleicht eines Tages Transportwege zu Mond und Mars, kontrolliert von einem Konzern, den Musk dauerhaft dominieren will. Kein Werkzeug einer utopischen Zukunft also, sondern eher das, wovor dystopische Science-Fiction seit Jahrzehnten warnt: ein privates Zukunftsimperium, das sich die Sprache der Befreiung leiht, aber die Struktur der Herrschaft behält.

Michael Förtsch

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