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2. Juli 2020

Das Start-up Zeleros will den europäischen Hyperloop bauen


Das spanische Unternehmen Zeleros will den Hyperloop von der Idee zum echten Verkehrsmittel machen. Damit ist es nicht allein. Viele Firmen arbeiten genau daran. Jedoch glauben die Gründer, dass sie den Röhrenzug günstiger und nachhaltiger umsetzen können als die Konkurrenz – und das sogar schon in den nächsten zehn Jahren.


Von Michael Förtsch


Wollen wir den Klimawandel bremsen, brauchen wir eine echte Alternative zum Flugzeug. Denn wer Inlandsflüge antritt oder mit dem Flieger zwischen zwei eigentlich nicht allzu weit entfernten Großstädten pendelt, der reist alles andere als umweltbewusst. Eine andere Möglichkeit gibt es jedoch oft nicht, wenn es schnell gehen soll. Wer statt dem Flugzeug die Bahn oder das Auto nimmt, ist statt einer Stunde gleich drei, vier oder fünf Stunden länger unterwegs. Der Hyperloop könnte das ändern. Er soll Menschen in schmalen Kapseln mit bis zu 1.200 Kilometern pro Stunde durch luftleere Röhren feuern.


Seit Elon Musk die Idee populär gemacht hat, arbeiten zahlreiche Unternehmen rund um die Welt daran. Sie wollen das Konzept von der bloßen Theorie in die Praxis hieven. Dazu gehören vor allem Start-ups aus den USA wie Virgin Hyperloop One und Hyperloop TT. Aber auch in Europa wird die futuristische Vision des Hochgeschwindigkeitszuges vorangetrieben. Ganz vorne mit dabei ist ein Start-up aus der spanischen Küstenstadt Valencia. Nämlich Zeleros dessen Mitgründer Juan Vicén gegenüber 1E9 sagt, dass er und sein Team darauf hoffen, in rund zehn Jahren die erste Route für den Personentransport in Betrieb zu haben.


Wenn alles gut laufe und sich die Technik beim Gütertransport beweise, könne es vielleicht sogar ein paar Jahre schneller gehen, meint Juan Vicén. Dabei setzt das Team aus Ingenieuren, Designern und Unternehmern auch darauf, dass es den Mitbewerbern einen Schritt voraus ist. Ihr Hyperloop soll etwas anders und dadurch zuverlässiger und auch günstiger sein – und damit weit besser für große und engmaschige Verkehrsnetze taugen.


Das Team von Zeleros besteht aus Teilen des ehemaligen Hyperloop-Teams der Universitat Politècnica de València aber auch Forscherinnen und Ingenieuren, die von etablierten Unternehmen kamen. Zeleros

Es begann mit Elon Musk


Die Gründer von Zeleros kommen nicht aus dem Nichts. Sie gehörten mit zu den Ersten, die sich Hands-on mit den Ideen aus dem sogenannten Hyperloop-Alpha-White-Paper befasst haben, das Elon Musk in die Welt gestreut hatte. Juan Vicén und die beiden weiteren Zeleros-Gründer Daniel Orient und David Pistoni waren die Teamleiter von Hyperloop UPV, einem der Universitätsteams, die bei der ersten Hyperloop Pod Competition von Elon Musks Weltraumfirma SpaceX antraten. Die Teams sollten dafür Ideen für eine echte Kapsel entwerfen eine Prototypen-Kapsel bauen, die dann in einer echten, wenn auch verkleinerten Röhrenstrecke in Los Angeles getestet wurde.


Den Hauptpreis hat damals das Team der Technischen Universität München gewonnen. Aber Hyperloop UPV von der Universitat Politècnica de València holte sich die Auszeichnung für das Top Design Concept. Das soll laut Vicén der „erste Impuls“ gewesen sein, das Projekt Hyperloop wirklich ernst zu nehmen. Den Ausschlag hätte jedoch etwas anderes geben. „Elon Musk sagte: Wenn kein anderer einen Hyperloop baut, dann muss ich es selbst machen“, erinnert sich Vicén. „Das brachte uns zum Nachdenken: Wir sollten unsere eigene Firma aufmachen und unser eigenes System bauen. Dann haben wir 2016 Zeleros gegründet.“


Tatsächlich ist Zeleros heute ein echtes Unternehmen und hat erst kürzlich sieben Millionen Euro von Investoren eingesammelt. „Wir haben ein Geschäft“, sagt Vicén. Insgesamt arbeiten neben den Gründern derzeit 25 Ingenieure, Informatiker, Designer und Elektrotechniker als Kernteam bei Zeleros, die von Unternehmen wie Rolls-Royce, Bombardier und Alstom kommen. Dazu kommen noch einmal über 100 Forschungs- und Entwicklungskräfte an Universitäten und bei Firmen aus der Luft- und Raumfahrt-, und Baubranche, die mit Zeleros hinter den Kulissen die Technik für das Hyperloop-System auszutüfteln. Ein „internationales Ökosystem“ habe sich um die Idee des Hyperloop gebildet, „das uns unterstützt“, sagt Vicén. Dazu gehöre auch Siemens, das mit den Spaniern an einer „ganz spezifischen Technologie“ werkeln soll. Um was es dabei genau geht, das ist noch geheim.


Clevere Kapseln statt verkabelter Röhren


Eine Röhre und ein Zug, der hindurch rauscht. Das ist kein neues Konzept, sondern sogar ein sehr altes. Ebenso wie der Einfall, die Luft aus der Röhre zu saugen, um den Luftwiderstand zu verringern, oder den Zug magnetisch schweben zu lassen, um damit seine Höchstgeschwindigkeit zu erhöhen. „Der Hyperloop ist eine 200 Jahre alte Idee, die sich bis zum britischen Erfinder George Medhurst zurückverfolgen lässt“, erklärt Vicén. Aber wie diese Idee heute und in moderner Art umgesetzt wird, da hat jedes Hyperloop-Start-up mittlerweile eine etwas andere Vorstellung.


Die Kapseln von Virgin Hyperloop One sollen etwa mit flach am Boden ausgelegten Linearmotoren über die Gleise gezogen werden. Die Kapseln von Hyperloop TT sollen hingegen mit einem Magnetschwebe-System namens Inductrack arbeiten. Ein Linearmotor am Pod soll die Kapsel hierbei auf Reisegeschwindigkeit bringen. Dann sollen Permanentmagneten übernehmen, die in bestimmter Weise gegeneinander gekippt sind. In die gesamte Länge des Gleisboden sind kleine Kupferdrahtspulen eingelassen, die die Permanentmagnete abstoßen, heben und gleichzeitig nach vorne bewegen.


Zeleros will, dass die Strecke möglichst günstig ist. Daher soll das Gros der Technologie direkt in den Pod verbaut werden. Zeleros

Der Hyperloop von Zeleros soll noch einmal ganz anders funktionieren als diese Varianten. Und das ganz bewusst. „Wir haben uns die verschiedenen Hyperloop-Systeme angeschaut“, sagt Vicén. „Und wir kamen zum Schluss, dass sie alle Herangehensweisen haben, die die Infrastruktur sehr komplex, schwer zu warten und schwierig aufrüstbar machen.“ Anstatt einen Großteil der nötigen Technik in die Röhren zu verbauen, will Zeleros nahezu alles, was es für den Betrieb braucht, in die Kapseln packen.



Standards für den Hyperloop


Bevor ein erster Hyperloop tatsächlich fahren darf – und das mit Menschen an Bord, muss sicher sein, dass er sicher ist. Dafür braucht es Standards, die eingehalten und überprüft werden können. Sei es für die Art, wie die Röhrenteile aneinandergereiht sind, wie die Kapseln gesteuert werden oder für die Pumpen, die die Strecke von Luft befreien. Die Standards sollen außerdem eine zumindest bedingte Interoperabilität zwischen verschiedenen Hyperloop-Systemen ermöglichen.


Daher kämpfen Hyperloop-Start-ups hier nicht allein, sondern zusammen. Hardt Hyperloop, Hyper Poland, Transpod und auch Zeleros haben sich mit dem Europäischen Komitee für Standardisierung zu einem Ausschuss namens JTC 20 zusammengefunden. Das soll über einen Ausschuss und Expertenräte rasch und sicher Möglichkeiten finden, Standards für Technik und Sicherheit zu definieren, zu testen, freizugeben und zu zertifizieren.



Die Idee? Die Kapseln von Zeleros sollen ähnlich funktionieren wie ein Flugzeugtriebwerk. Ein riesiger Luftkompressor soll den Pod durch die Röhren saugen. Dafür soll vorne eine Turbine die Luft einziehen, verdichten und am Heck hinausstoßen. Das geht, da die Röhren eines Hyperloop-Systems über kein perfektes Vakuum verfügen, sondern nur nahezu luftleer sind. Durch den Kompressor könnten die Röhren sogar unter einem höheren Druck stehen als bei Hyperloop One oder HyperloopTT – ganz ohne negativen Einfluss auf die Reisegeschwindigkeit.


Während letztere die Restluft vor sich herschieben würden, würde sie durch den Zeleros-Pod quasi hindurchgefädelt. Etwas, das wiederum Betriebskosten für Vakuumpumpen spart. Vollkommen ohne elektromagnetische Beschleunigung geht es dann aber trotzdem nicht. Ein sogenannter Launcher, eine kurzer Röhrenabschnitte mit Linearmotoren, soll die Kapsel an Haltestellen – und bei längeren Strecken auf Zwischenetappen – auf Reisegeschwindigkeit bringen. „Er ist einer der Schlüssel [des Systems]“, sagt Vicén. Es ist wie bei einem Papierflieger, der einmal kräftig geworfen werden muss, um dann selbstständig zu segeln.


Der Rest der Reise könnte in den meisten Fällen allein mit dem Kompressor bestritten werden, der von Batterien angetrieben wird, die in die Kapsel implementiert sind. Starke Elektromagneten am Dach der Kapsel und ein System von Sensoren sollen das Gefährt bei den Fahrten in der Schwebe halten. Abgesehen von den einzelnen Röhren mit den Linearmotoren und den Vakuumpumpen käme eine Zeleros-Strecke also weitestgehend ohne Stromversorgung aus. „Im Grunde ist es, wie wenn du mit einem Elektroflugzeug durch eine Röhre fliegst“, scherzt Vicén. „Mal abgesehen davon, dass du keine Flügel hast.“


Dadurch sollen die Kosten pro Streckenkilometer deutlich günstiger ausfallen als bei den Mitbewerbern. Bei modernen Magnetschwebebahnen wie in Japan machen Baukosten für die Strecke immerhin zwischen 90 und 95 Prozent der Gesamtkosten eines Zugsystems aus. Und nur, wenn der Hyperloop auch günstig zu bauen sei, könne er laut Zeleros die Chance haben, großflächig und international eingesetzt und zu einem dichten Netz verknüpft zu werden: „In diesem Sinne schaffen wir eine echte und nachhaltige Alternative, um Städte und logistische Knotenpunkte weltweit zu verbinden und die Entfernungen für die Menschen zu verkürzen.“


2021 soll die Kapsel gezeigt werden


Geht es nach Zeleros, ist ein nutzbarer Hyperloop keine Zukunftsvision, sondern schon fast da. Daher hat das Unternehmen bereits ein grobes Streckennetz ausgeklügelt und ist mit Regierungen und Verkehrsunternehmen im Dialog. Unter anderem will Zeleros den Hyperloop in die Transeuropäischen Netze einbinden, die den europäischen Binnenmarkt stärken sollen. Möglichst alle europäischen Nationen sollen mit dem Röhrenzug verknüpft und Städte wie Berlin, Wien, Madrid, Barcelona und Warschau zu Knotenpunkten werden, findet Zeleros. Auch wie die Hyperloop-Stationen funktionieren könnten, durchdenkt Zeleros bereits und verspricht „modernste Technologien“ und deutlich weniger Stress als an einem Flughafen.


Ob und wo letztlich Hyperloop-Verbindungen durch Europa verlaufen werden, das lässt jetzt natürlich noch nicht sagen. Aber die spanischen Gründer haben da schon eine grobe Vorstellung. Zeleros

„Du lässt kurz dein Gepäck an einem Sicherheitsschalter überprüfen und gehst dann zu deinem Gate“, sagt Vicén. Kommt die Kapsel, sollen sich die Türen öffnen, die Passagiere zusteigen und dann würde vollautomatisch die Abfahrt eingeleitet. „Das magnetische Aufhängesystem wird jegliche Vibrationen reduzieren und den Passagieren im Inneren ein super-geschmeidiges Erlebnis garantieren“, sagt der Gründer. Auch von der Beschleunigung sollen die Reisenden kaum etwas mitbekommen. Um sich während der Fahrt abzulenken, soll es selbstverständlich schnelles Internet, Bordfilme oder auch Augmented-Reality-Fenster geben, die quasi durch die Röhren nach draußen blicken lassen.


Vieles davon ist bisher noch Theorie. Aber die grundlegende Technik soll es bald nicht mehr sein. Dafür soll ein Forschungs- und Entwicklungszentrum sorgen, das mitsamt einer 3-Kilometer-Teststrecke im Jahr 2021 gebaut werden soll. Im gleichen Jahr will Zeleros auch seinen ersten Prototyp einer Kapsel vorstellen, die momentan in Entwicklung ist. Die Kerntechnologien hätten schon die Blaupausen- und Laborphase verlassen. Die Subsysteme sollen in absehbarer Zeit folgen. „Ein wichtiger Schritt bevor alles in die Kapsel integriert wird“, sagt Vicén. Steht dann eine Röhre, könne es mit ernsthaften Tests losgehen. Damit soll sich zeigen, ob und wie gut das Konzept funktioniert. Zeleros soll das zu einer Hyperloop-Firma machen, die abseits von Ankündigungen und schicken Bildern auch „Resultate vorzeigen“ kann.

Michael Förtsch

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