18. März 2026
Das Start-up Inyo Mobility arbeitet an einem autonomen Minibus für kurze Wege

Das Start-up Inyo Mobility aus Grafing bei München entwickelt ein autonomes Elektrotaxi. Das ist so leicht und klein, dass es nicht als PKW gilt. Es soll Lücken im Personennahverkehr schließen, die andere Entwickler autonomer Fahrzeuge bisher ignorieren. Der erste Test auf öffentlichen Straßen steht kurz bevor.
Von Michael Förtsch
Die Stadt Grafing liegt etwa 20 Kilometer vor den Toren Münchens. Mit ihren 14.000 Einwohnern ist sie keine pulsierende Metropole. Umgeben von Feldern, Waldstücken und kleinen Kapellen am Wegesrand wirkt sie auch nicht gerade wie das typische Umfeld für Start-ups oder High-Tech-Entwicklungen. „Aber das täuscht“, sagt Markus Zwick. „Etwas.“ Er zeigt auf das Nachbargebäude im kleinen Industriegebiet der Stadt. Dort hat einer der europaweit führenden Anbieter von Indoor-Krananlagen eine Niederlassung. Auf der Straßenseite direkt gegenüber befindet sich wiederum der über 100 Meter lange Werksbau des Maschinenbauers Ruff. Dieser fertigt Drahtwickelmaschinen, die weltweit für den Bau von Kernen für Elektromotoren, Transformatoren und Heizelemente eingesetzt werden. Eine Straße weiter befinden sich die Firmenzentralen von CADFEM, das Soft- und Hardware für die Produktentwicklung erstellt. Und um die Ecke ist Dr. Mach, das für Zahnärzte und OP-Säle baut.
Ende März 2026 soll auf den nur wenige Kilometer langen Straßen zwischen diesen Gebäuden ein Mini-Auto hin- und herfahren. Vollends autonom – als Echtwelttest und proof of concept. „Wenn wir unsere Erprobungsgenehmigung haben, werden wir damit hier das Testfeld Grafing ins Leben rufen“, sagt Zwick. Ziemlich in der Mitte des Areals wäre dann die in einer ehemaligen Metall- und Gerätemanufaktur aufgebaute Zentrale und Werkstatt des Start-ups Inyo Mobility, das Markus Zwick vor sechs Jahren gegründet hat. „Davor war ich über ein Jahrzehnt bei Siemens Mobility“, sagt er. „Ich habe mich da um Innovation und auch Ideen für den Straßenverkehr gekümmert. Dabei hatten wir auch Projekte in Richtung des Autonomen Fahrens. Aber leider konnten wir unsere Ideen dort nicht umsetzen. Daher habe ich Siemens verlassen“.
Die letzte Meile
Das Konzept, an dem Markus Zwick und seine derzeit neun Mitarbeiter arbeiten, ist ein anderes als das von bekannten Namen wie Waymo, Tesla, Zoox oder Cruise. Sie wollen kein autonomes Äquivalent zum klassischen Taxi bieten, das die Fahrgäste vor der Haustür abholt und quer durch die Stadt oder vom Dorf zum hippen Nachtclub drei Orte weiter bringt. „Wir bauen ein autonomes Fahrzeug für die berühmte letzte Meile“, erklärt Zwick. „Also von der Haustür zur S-Bahn, von der S-Bahn zum Büro oder von der Bushaltestelle nach Hause.“ Aber auch für einen Abstecher ins Nachbardorf, zum Supermarkt oder zur Apotheke ist es gedacht. Es ist also kein Fahrzeug für weite, sondern für dediziert kurze Strecken, die sich für Taxi- und Ridesharing-Dienste oft nicht lohnen und daher vielerorts überhaupt nicht abgedeckt sind.

Daher baut das kleine Team kein typisches Auto, sondern ein Elektroleichtbaufahrzeug. „Das ist die Fahrzeugklasse L7E“, konkretisiert Zwick. Der Vorteil: Solche Fahrzeuge lassen sich in der EU vereinfacht zulassen. Das sogenannte Cab von Inyo gleicht einem Minibus, ist aber deutlich kleiner. Es ist drei Meter lang, 1,8 Meter hoch und 1,5 Meter breit. „Die Breite ist durch diese L7E-Norm definiert“, sagt Zwick. Bei der Länge und Höhe experimentiert das Team bei seinen Prototypen noch. „Ist es angenehm im Innenraum? Kommt man einfach rein und raus?“, erklärt der Start-up-Gründer. „Es darf nicht zu groß werden, sonst wird es zu schwer.“ Genau das darf es nämlich auch nicht sein. Denn auch hier setzt die Norm eine Grenze. Aktuell bringt ein solches Inyo-Cab mit einer Batterie für 150 Kilometer, Interieur und Technik rund 700 Kilogramm auf die Waage.
Trotz der kompakten Ausmaße finden im Innenraum bis zu vier Personen Platz. Zwick sagt allerdings, dass der im Echtwelteinsatz wohl eher selten ausgenutzt würde. Denn statistisch gesehen sind pro Pkw in Deutschland im Durchschnitt nur 1,4 Menschen unterwegs. Dennoch sei der Raum nicht verschwendet, glauben die Inyo-Mitarbeiter. Das Fahrzeug bietet dadurch eben auch Platz für Einkäufe, Gepäck oder einen Rollstuhl. Insbesondere für Menschen, die aufgrund ihres Alters oder einer Beeinträchtigung ein Handicap haben, sieht Zwick seine Cabs als potenzielle Erleichterung. Die Entwickler können sich ihren kleinen Wagen aber nicht nur in der Stadt vorstellen. Auch auf weitläufigen Industrieanlagen, in Resorts und Vergnügungsparks könne ein solches Elektroleichtfahrzeug als Beförderungsmittel dienen.
Wie Zwick sagt, setzt sich Inyo keine Beschränkungen hinsichtlich der Einsatzorte. Auch beim Einsatzzweck sei man flexibel. „Derzeit liegt unser Fokus auf der Personenbeförderung“, sagt er. „Aber mit der Plattform ist vieles möglich.“ Der Innenraum ist bereits modular gestaltet, sodass das Cab auch als fahrende Paketbox oder als Lieferfahrzeug genutzt werden könnte. Anders als Waymo oder Zoox will Inyo die Fahrzeuge aber nicht selbst betreiben. Vielmehr will das Unternehmen sie für bereits etablierte oder neue Dienstleister fertigen, die diese dann mit eigenen Systemen und Apps nutzbar machen. Solche wie die Deutsche Bahn, Uber, die lokalen Taxi- und Verkehrsbetriebe oder auch Liefer- und Transportunternehmen. Interesse gebe es schon aus verschiedenen EU-Ländern und Großbritannien.
Blad in ganz Deutschland?
Aktuell entsteht in der Werkstatt von Inyo umgeben von mehreren früheren Iterationen des Cabs der Prototyp, der bald auf den Straßen des Grafinger Gewerbegebiets fahren soll – noch mit Lenkrad für einen Sicherheitsfahrer. Das Leichtbaufahrzeug befindet sich laut Zwick bereits in „einem weiteren Industrialisierungsschritt“. Elektrik, Verarbeitung und Mechanik seien bereits deutlich besser und verlässlicher als noch vor einem Jahr. Daran hat mit CADFEM auch ein Partner aus der unmittelbaren Nachbarschaft mitgeholfen. So hat das Unternehmen beispielsweise Aspekte wie Steifigkeit, Belastungsgrenzen, aber auch das Steuerverhalten virtuell vorab simuliert. Auch die Sichtfelder für Kamera- und Lasersensorik konnten dadurch erprobt und durch entsprechende Positionierungen optimiert werden.
Die Software, die das autonome Fahren übernimmt, stammt derzeit von verschiedenen Forschungsgruppen aus der Bundesrepublik. Unter anderem vom Forschungszentrum Informatik in Karlsruhe, von der Hochschule Augsburg und bald wohl auch von der Universität Aachen. Es finden aber auch Gespräche mit einem kommerziellen Anbieter statt, wie das Team von Inyo reinräumt. Auch hier möchte das Unternehmen aber lieber mit heimischen Unternehmen zusammenarbeiten. „Denn wir wollen auch zeigen, dass wir das hier können“, sagt Zwick. „Wir wollen zeigen, dass wir in Deutschland, in Europa unsere Ansprüche und Möglichkeiten verstehen und das autonome Fahren sinnvoll in einem Anwendungsfall umsetzen können, den andere gar nicht auf dem Radar haben.“
Sollte der autonome Testbetrieb des Inyo Cab ab Ende März auf den Grafinger Straßen erfolgreich verlaufen, will das Unternehmen als nächstes auch in die bayerische Hauptstadt expandieren. „Wir wollen dann auch relativ schnell in München auftauchen“, sagt Zwick. Denn dort könnte das Mini-Shuttle an vielen Stellen eine sinnvolle Ergänzung des ÖPNV darstellen. Ab 2027 hofft das Team, dann mehrere Demonstrationsprojekte in ganz Deutschland durchführen zu können, um mögliche Partner zu überzeugen – ebenso wie aber auch Investoren. Denn: „Wo wir wirklich Unterstützung bräuchten, das ist finanzieller Art“, sagt Zwick ganz offen. „Jeder neue Schritt ist aufwendiger und teurer als der zuvor.“

Michael Förtsch
Leitender Redakteur
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