19. Oktober 2026
Dürfen wir vorstellen: Das agentische Netz – wie KI-Agenten Internet, Geld und Alltag umbauen

Er sucht, klickt und meldet dich zu Partys an, ohne dass du einen Finger rührst. Und schon bald soll er auch deine Geldgeschäfte übernehmen – mit weitreichenden Folgen für das gute, alte Netz. Auf der TOKEN2049 in Singapur, der größten Kryptomesse der Welt, war der KI-Agent der (un-)heimliche Star, und eine Branche, die seit Jahren nach ihrem Daseinszweck sucht, atmet auf. Doch wer baut die Bahnen, auf denen die Geldströme der Zukunft fließen? Teil 1 unserer Serie über das agentische Netz.
Von Krischan Lehmann
Fefe Demeny hat sich in dieser Woche zu keiner einzigen Party angemeldet und wird trotzdem bei etlichen dabei sein. Der Gründer des 100XClub – ja, so heißen manche Krypto-Communitys auch im Jahr 2026 noch – sitzt auf der Bühne eines großen Side-Events rund um die TOKEN2049, der größten Kryptomesse der Welt. Trübes Tageslicht fällt durch die Glasfront in der Flower Field Hall von Gardens by the Bay. Draußen ist viel mehr Smog als sonst, weil in Indonesien Wälder brennen. Demeny schildert, wie er seine Konferenzwoche organisiert: Er hat alles seinem KI-Agenten übergeben, der alle paar Minuten nachsieht, ob neue Events auftauchen, ihn anmeldet, die Termine in seinen Kalender einträgt und die Bestätigungen in sein Postfach sortiert. „Von mir selbst gab es keinerlei Interaktion“, sagt Demeny. „Es ist absolut unglaublich.“
Willkommen im agentischen Netz! Dessen Geschichten werden die Besucher – am Ende sind es über 25.000 aus aller Welt – in Hunderten von Keynotes, Panels und Networking-Sessions der nächsten Tage als Dutzendware zu hören bekommen. Sie skizzieren die Frühzeit eines neuen Internets, in das man nicht mehr geht, durch das man nicht mehr browst, in dem man auch nicht mehr surft. Vielmehr schickt man seinen KI-Agenten los, oder gleich Tausende, um all das zu erledigen, was man bisher mühsam selbst tun musste: Konten anlegen, Passwörter eintippen, Zwei-Faktor-Codes abschreiben, Kreditkartendaten eingeben. KI-Agenten durchkämmen Websites, vergleichen Angebote, buchen, bezahlen – und verhandeln, wenn es sein muss, mit den Agenten der Gegenseite.
Für die von jahrelangen Skandalen und Kurskapriolen gebeutelte Kryptobranche ist dieses neue Netz ein Segen. Denn längst ist der wankelmütige Investorentross weitergezogen zu KI, Tausende Web3-Evangelisten haben sich bei LinkedIn mit einem Federstrich zu Vibecodern, AI-Orchestratoren und Promptmagiern umfirmiert. Wenn jetzt aber KI-Agenten die digitale Welt übernehmen, dann braucht es Verfahren, damit sie – auch in Kleinstbeträgen – Handel treiben können. Dann braucht es kryptografisch gesicherte Identitäten, mit denen Menschen ihr Menschsein beweisen können. Und dann braucht es die Blockchain, um eindeutige Nachweise erbringen zu können. Sprich: Dann braucht es Krypto also doch! Man hatte es ja immer gewusst...
„We’re back, baby! (…) Agenten brauchen eine Währung.“
Arthur Hayes, Mitgründer der Kryptobörse BitMEX und Investor (Maelstrom), auf der CoinFerenceX in Singapur
Was also ist dran an diesem agentischen Netz? Sicher scheint nur: Agenten verhalten sich völlig anders als Menschen. Sie arbeiten rund um die Uhr. Sie klicken auf keine Werbebanner, kennen keine Markentreue und tätigen keine Impulskäufe. Oder etwa doch? Die Antworten, die in Singapur gegeben werden, fallen widersprüchlicher aus, als es die Euphorie auf den Bühnen vermuten lässt. Sie rühren an das Fundament, auf dem das Internet seit dreißig Jahren steht: ein Geschäft, das vom Hinsehen und den Klicks der Menschen lebt. Was wird aus Google, aus Verlagen und Onlineshops, wenn ein Großteil der Besucher Maschinen sind?
Wer hat schon mal in ChatGPT auf einen Link geklickt?
Yat Siu beginnt mit einer Umfrage. Der Mitgründer und Chairman von Animoca Brands ist in Österreich aufgewachsen und hat früh in OpenSea, das Spiel Axie Infinity und Dapper Labs investiert und damit 2021 den NFT- und Blockchain-Gaming-Boom mit angeschoben. Heute lebt er in Hongkong und ist nach eigener Aussage an mehr als 600 Unternehmen beteiligt. Wenn Siu spricht, hört die Branche zu. Wer, fragt er in den Saal, habe zuletzt auf einen Link geklickt, den ihm ChatGPT vorgeschlagen hat? Niemand meldet sich. Und wer habe ChatGPT gefragt, wo er heute Abend essen gehen soll? Etliche Hände gehen hoch. „Genau so ist das heutzutage“, sagt Siu. Die Klicks auf Werbung seien auf manchen Websites um bis zu 80 Prozent eingebrochen, und das sei erst der Anfang einer Verschiebung, die weit über das Suchverhalten der User hinausreicht.

Heute sitzt die KI vorne im Chatfenster, morgen meldet sich ein Agent automatisch auf Telegram oder WhatsApp bei dir und erledigt die Dinge, für die man früher zehn Websites öffnen musste. Wer höre eigentlich noch Radio, fragt er, und wieder meldet sich kaum jemand im Saal. Genau so werde es dem Web widerfahren: „HTTP wird nicht sterben“, sagt Siu. Ein paar Menschen würden weiterhin Websites besuchen, den Großteil aber erledigten Agenten, die damit eine völlig neue Schicht des Netzes bilden würden. Das alte Web hingegen werde den Weg des Radios gehen.
Was das für alle bedeutet, die im Netz Geld verdienen wollen, bringt Siu in einem Satz auf den Punkt: „Wenn du für Agenten nicht auffindbar bist, wirst du irrelevant.“ Er erinnert an die Datei robots.txt, mit der Websites bis heute den Bots der Suchmaschinen vorschreiben, was sie lesen dürfen. Erfunden wurde sie, um Maschinen auf Abstand zu halten. Jetzt wünschen sich die Betreiber das Gegenteil. „Wir wollen, dass Agenten unsere Sachen lesen“, sagt Siu.
„Agenten klicken nicht auf Werbung. Und Agenten arbeiten für dich. Nicht für Google.“
Charles Hoskinson, Gründer der Blockchain Cardano, in seiner Keynote auf der TOKEN2049
Für die Werbung, seit dreißig Jahren der Motor des Internets, ist das eine schlechte Nachricht – und die ersten Verteilungskämpfe sind in vollem Gange. Davon berichtet Mark Rydon, CEO des GPU-Cloud-Anbieters Aethir, auf einem weiteren Panel des TOKEN2049-Side-Events CoinFerenceX: Anfang September hat ausgerechnet Meta, der Facebook-Konzern, der wie kaum ein anderer mit Werbung reich geworden ist, seinen ersten KI-Agenten für Verbraucher vorgestellt.
Metas Muse bucht Reisen, verwaltet Mails und den Kalender und kauft ein, auf Wunsch auch per WhatsApp. Und anscheinend besonders gern bei Amazon. Aber nach nicht einmal zwei Wochen sperrte Amazon den Agenten trotz guter Umsätze aus. Offiziell, weil sich Muse nicht als Maschine zu erkennen gebe, ohne Erlaubnis durch den Bezahlvorgang laufe und Zugangsdaten der Kunden speichere.
Rydon hat eine andere Erklärung: Amazon finanziere seinen Shop zu einem guten Teil über Werbung, allein im zweiten Quartal 2026 nahm der Konzern damit knapp 20 Milliarden Dollar ein. „Und wem ist Werbung scheißegal?“, fragt Rydon in die Runde und gibt die Antwort gleich selbst: „Agenten.“ Ein pikantes Detail: Amazons eigener Einkaufsagent „Buy for Me“ steuert bereits seit 2025 ungefragt fremde Händlerseiten an. Die neuen Regeln des agentischen Netzes, so scheint es, schreiben gerade die Gewinner des alten.
„Direct to machine“ ist die neue Devise
Wenn Agenten keine Anzeigen sehen, wie erreicht man sie dann? Leo Li, Mitgründer des Krypto-Zahlungsdienstleisters AEON, berichtet auf demselben Panel, dass Shopify gemeinsam mit Google Schnittstellen baut, über die Agenten Läden und Produkte maschinenlesbar finden können. In einem Jahr, schätzt Li, werden 10 bis 20 Prozent der Onlineshops einen eigenen Zugang für Agenten haben, einen sogenannten MCP-Dienst. Michael Gord, Chef der kanadischen GDA Group, nennt das Prinzip „direct to machine“: Die eigentliche Kundschaft der Händler sind die Agenten der Menschen.
Und die Werbung? Zieht einfach um, vermutet Nick See Tong von Base, der Blockchain der US-Kryptobörse Coinbase, und zwar dorthin, wo die Agenten nachdenken – ins Terminal, also in das Fenster, in dem man dem Agenten bei der Arbeit zusieht. Wer werben will, kauft sich dort einen besseren Platz: einen vorderen Eintrag in Produktlisten, einen Rabatt, den nur Maschinen angeboten bekommen, oder eine Provision für die Agenten-Plattform.
Wie berechenbar KI-Agenten sind, führt Alexander Good, Gründer von Post Fiat, einer auf KI-Agenten zugeschnittenen Handels-Blockchain, in seiner Keynote auf der TOKEN2049 vor. Er hat ChatGPT, Gemini und Claude dieselben Investment-Pitches bewerten lassen. In 35 von 36 Durchgängen küren sie laut seiner Präsentation denselben Sieger: einen Pitch der US-Starinvestorin Cathie Wood, Gründerin der Investment-Gesellschaft ARK. Sprachmodelle haben vorhersagbare Vorlieben, folgert Good: „Man kann vorher ziemlich gut sagen, welche Pitches verfangen und welche nicht.“
Tatsächlich mögen die Modelle in der Regel selbstbewusste, gut strukturierte, erzählerische Texte, und weil alle Anbieter ähnlich trainieren, ähneln sich die Geschmäcker. Zu Ende gedacht heißt das: Wer künftig Geld einsammeln will, muss zuerst die Maschine überzeugen – die Suchmaschinenoptimierung der Agenten-Ära.
WAS IST EIGENTLICH EIN KI-AGENT? Ein KI-Chatbot antwortet, wenn du ihn fragst. Ein Agent hingegen handelt: Er bekommt ein Ziel, zerlegt es in Schritte, ruft Websites und Programme auf, füllt Formulare aus, bucht, bezahlt – und kann dabei stunden- oder tagelang weiterarbeiten. Yat Siu, Co-Founder von Animoca Brands, zieht die Grenze so: Viele verwechselten Programmierwerkzeuge wie Claude Code mit autonomen Agenten. „Ein wirklich autonomer Agent hört nicht auf“, er sucht weiter, auch wenn niemand mehr fragt, und meldet sich, wenn er etwas Besseres findet – „wie ein guter Kollege“. Damit Agenten mit Diensten reden können, gibt es Standards wie MCP (Model Context Protocol), eine Art USB-Anschluss, über den sich ein Agent zum Beispiel mit deinem Depot oder einem Onlineshop verbindet.
Womit bezahlt der Agent?
Und dann rechnet Yat Siu vor, warum am Ende, an der Kasse, alles auf Krypto zuläuft: Bald gebe es mehr Agenten als Menschen, Milliarden, vielleicht Hunderte Milliarden – und sie alle scheitern an der alten Finanzwelt: „Ein Agent hat kein Bankkonto.“ Was dagegen auf der Blockchain funktioniert, Wallets, Kredite, Zinsen, all das, was die Kryptowelt in den vergangenen Jahren aufgebaut hat (und was menschlichen Nutzern oft viel zu kompliziert war), könne ein Agent problemlos nutzen. „Die Blockchain ist der Zahlungsverkehr der Agenten“, folgert Siu. „Alles in Krypto wurde eigentlich für Agenten gebaut, für die Maschinenökonomie.“
Dass die Blockchain über Jahre eine Technologie auf der Suche nach einem Problem war, diesen Witz hört man in verschiedenen Spielarten auf mehreren Bühnen – in einer Branche wohlgemerkt, die nicht gerade für ihre Selbstironie bekannt ist. Umso deutlicher ist Raoul Pals Erleichterung zu spüren, als er in einem Fireside-Chat auf das Thema zu sprechen kommt: Wenn KI-Agenten als wirtschaftliche Akteure ein Zahlungssystem nutzen, erklärt Pal, Gründer des Finanzmediums Real Vision und einer der bekanntesten Makro-Investoren der Szene, „dann ergibt die Blockchain plötzlich Sinn“. „Plötzlich“ – eine bemerkenswerte Vokabel aus dem Mund von jemandem, der seit Jahren lautstark Krypto-Optimismus verbreitet.
In der Tat muss man in Singapur genau hinhören, um die „Agenten brauchen Krypto“-Story nicht als nächste Blockchain-Fabel zu verbuchen (NFTs, Metaverse, Play-to-Earn, anybody?). Denn auf den ersten Blick erschließt sich kaum, warum Agenten zum Bezahlen nicht einfach Visa, Mastercard oder Paypal nutzen sollten. „Sie benutzen Kreditkarten. Genau wie wir alle“, bestätigt Haseeb Qureshi, Managing Partner des einflussreichen Krypto-Investors Dragonfly, auf der Hauptbühne der TOKEN2049. Und er legt eine ernüchternde Zahl nach: Das gefeierte Zahlungsvolumen über x402, den Standard, mit dem Agenten per Stablecoin bezahlen sollen, war zu 89 Prozent künstlich erzeugt. „Surprise, surprise: Es ist eben Krypto.“
WAS IST X402? Ein offener Standard, mit dem Programme und Agenten im Web direkt bezahlen können, ursprünglich forciert von der Kryptobörse Coinbase. Der Name spielt auf den Statuscode „402 Payment Required“ an, der seit den Anfängen des Webs reserviert ist, aber nie genutzt wurde: Eine Website antwortet „zahl erst“, der Agent überweist einen Kleinstbetrag in Stablecoins und bekommt dann den Inhalt. Die Idee ist bestechend. Die Nachfrage war, Stand Herbst 2026, zum größten Teil inszeniert.
Das muss in Zukunft allerdings nicht so bleiben. Denn für eine Konvergenz von Krypto und KI gibt es tatsächlich gewichtige Argumente:
Zugang: Ein Agent bekommt kein Konto bei der Sparkasse. Auf einer Blockchain dagegen ist eine Wallet in Sekunden erzeugt, „sehr einfach“, wie Stani Kulechov sagt, Gründer der Kreditplattform Aave. Er ist deshalb überzeugt, dass Agenten „die größte einzelne Nutzergruppe von DeFi“ werden, also der dezentralen Finanzdienste auf der Blockchain. Alexander Good, Gründer der Agenten-Blockchain Post Fiat, wird in seiner Keynote noch deutlicher: Eine Million Agenten kämen nie durch das „Know Your Customer“-Verfahren einer Bank, die gesetzlich vorgeschriebene Identitätsprüfung mit Ausweis und Adresse. Auf der Blockchain sei die Kontoeröffnung dagegen „nicht durch KYC beschränkt“.
Kleinstbeträge: Hier wird das Thema ökonomisch interessant. Yat Siu von Animoca Brands erklärt es am Werbemarkt, den er auf rund 950 Milliarden Dollar beziffert. Wer eine Anzeige schaltet, kauft eine Million Einblendungen im Paket. Teilt man den Preis durch die Zahl der Einblendungen, ist jede einzelne nur Bruchteile eines Cents wert, ein Betrag, der sich bisher nicht einzeln abrechnen ließ. Wenn Agenten aber Inhalte lesen, statt Anzeigen anzuschauen, muss der Anbieter des Inhalts anders bezahlt werden, per Mikrozahlung, direkt vom Agenten. Mit Karten geht das nicht, weil jede Zahlung eine feste Gebühr kostet.
„Das ist nicht Visa, das ist nicht Mastercard, das ist nicht Swift, das ist die Blockchain.“
Yat Siu, Co-Founder von Animoca Brands, auf der CoinFerenceX
Auch Wonseok Baek, der bei Samsung das Wallet-Geschäft vertritt, beschreibt auf einem gemeinsamen Panel mit einem Vertreter der Blockchain Solana Zahlungen zwischen Maschinen als grundverschieden von menschlichen Transaktionen: Es gebe Zahlungen „sehr häufig“ und über „sehr kleine Beträge“. Der Smartphone-Riese aus dem krypto-begeisterten Südkorea nutzt neuerdings Solana, um Stablecoins direkt in das eingebaute Wallet seiner Galaxy-Telefone zu holen. Setzt sich das durch, kommt Krypto ab Werk auf Hunderte Millionen Geräte, ganz ohne Umweg über eine Börse, und die Agenten finden ihre Geldbörse dort schon vor.
Regeln: Auch wo Maschinen miteinander Geschäfte machen, müssen Absprachen eingehalten werden. Dafür eignet sich nach Ansicht von Yat Siu am besten der Smart Contract, ein Programm auf der Blockchain, das Vereinbarungen automatisch ausführt. Das alte Krypto-Mantra „Code is law“ habe für Menschen immer nur zur Hälfte gestimmt, denn wer seine Bitcoin verliert, rufe am Ende doch die Polizei. „Aber für einen KI-Agenten ist Code buchstäblich Gesetz.“ Ein Agent kennt keinen Anwalt und keinen Richter, er kennt nur die Regeln, die man ihm gibt, und in einer solchen Welt wird die Programmierbarkeit des Geldes zu seiner wichtigsten Eigenschaft. Wer haftet, wenn etwas schiefgeht, beantwortet der Code allerdings nicht.
Kosten: Agenten wählen, anders als Menschen, kühl den billigsten Weg. Alexander Good zeigt dazu eine Folie: Eine Überweisung von 200 Dollar ins Ausland kostet über eine Bank etliche Dollar, mit dem Stablecoin USDC auf der Blockchain Base einen Bruchteil eines Cents. Und in einem Testszenario seien KI-Shopping-Agenten in 13 von 17 Fällen deutlich konsequenter zur günstigeren Option gewechselt als Menschen, die allzu oft aus Gewohnheit, Markentreue oder Bequemlichkeit beim Altbekannten bleiben.
„Das agentische Netz ist die Killer-App der Blockchain für Konsumenten.“
Michael Gord, Chef der GDA Group, auf der CoinFerenceX
Neben Stablecoins, die gerade die alte Finanzwelt erobern (wie das stark gestiegene Verhältnis von Anzugträgern zu Nerds auf der TOKEN2049 auch physisch verdeutlicht), hat die Kryptoszene mit dem agentischen Netz also eine weitere Existenzgrundlage. Dass eine Bewegung, die mit dem Versprechen angetreten ist, den Einzelnen von Banken unabhängig zu machen, nun ihr Heil bei Maschinen sucht, entbehrt dabei nicht einer gewissen Ironie.
WAS IST EIN STABLECOIN – UND WAS EINE WALLET? Ein Stablecoin ist ein Token auf einer Blockchain, dessen Wert an eine Währung gekoppelt ist, meist an den US-Dollar. Die größten sind USDT (Tether) und USDC (Circle). Sie lassen sich in Sekunden und rund um die Uhr weltweit verschicken. Eine Wallet ist das digitale Portemonnaie dazu: ein Schlüsselpaar, mit dem man Kryptowerte hält und Zahlungen signiert. Wer den Schlüssel besitzt, besitzt auch das Geld. Ein Agent mit eigener Wallet kann also selbstständig bezahlen, aber auch selbstständig alles verlieren.
Immerhin hat die Szene in Singapur bewiesen, dass sie zur Selbstreflexion fähig ist. Die quasireligiösen Mantras einer völlig dezentralisierten Welt sind ebenso verschwunden wie die „Lambo! To the Moon!“-Rufe der Altcoin-Stammeskrieger. An ihre Stelle ist eine nüchterne Frage getreten: Wer baut dem agentischen Netz die Schienen? „Rails“ ist in Singapur eines der meistgehörten Wörter – und entschieden ist noch lange nichts.

Geht es nach Michael Heinrich, dem in Ost-Berlin aufgewachsenen Gründer des KI-Blockchain-Projekts 0G, dürfte es am Ende auf eine nahtlose Verschmelzung der neuen und alten Welt hinauslaufen, auf eine Arbeitsteilung: „Web2 vorne und Web3 hinten.“ Der User bekommt die vertraute Karte, den liebgewonnenen Messenger oder die App, dahinter tut unsichtbar ein Stablecoin seinen Dienst, und der Agent wandelt zwischen den Welten. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ist es auch.
In Teil 2 (am 26.10.): Warum Agenten so klug und trotzdem so leicht zu betrügen sind, wieso sich ein KI-Modell von OpenAI auf eigene Faust an einer fremden Wallet bedient hat, wer haftet, wenn etwas schiefgeht – und warum ausgerechnet Eric Trump, der Sohn des US-Präsidenten, deinem Agenten die Geldbörse liefern will.
Titelbild: Collage von 1E9, Fotos: Krischan Lehmann

Krischan Lehmann
Co-Founder
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Überschrift 3
Cooler Artikel!

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