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1. Oktober 2026

Claude Opus 5.5: 12 Fundstücke, die zeigen, warum das KI-Modell viele begeistert


Fast vier Jahre nach ChatGPT kann Künstliche Intelligenz immer noch für Staunen sorgen: Mit seinem Ende September erschienenen Modell Opus 5.5 hat das KI-Unternehmen Anthropic im Netz für einen kleinen Hype gesorgt. Nutzer aus der ganzen Welt teilen, was sie damit in kürzester Zeit erschaffen haben – von einem funktionierenden 16-Bit-Computer bis zu optisch opulenten 3D-Spielen. Ist das das Ende für Programmieren von Hand?


Von Wolfgang Kerler


Passend zu einer Keynote in Austin wird eine Folie eingeblendet, die an einen Grabstein erinnert. „Retired Professional Programmer, 2001–2026“ steht darauf. Sie stammt vom erfolgreichen Programmiere David Heinemeier Hansson, in der Szene nur DHH genannt. Er hat vor über zwanzig Jahren Ruby on Rails erfunden – ein Programmiergerüst, mit dem Entwickler komplexe Webanwendungen bauen können und auf dessen Basis später Dienste wie GitHub und Shopify entstanden. Nun eröffnet er die Entwicklerkonferenz Rails World am 23. September mit einer Abschiedsrede.



Irgendwann im Frühjahr 2026, so genau wisse er es nicht mehr, habe er aufgehört, Code von Hand zu schreiben. Und er ist überzeugt, dass es den meisten seiner Zuhörer bald genauso gehen wird:


„Code von Hand zu schreiben, ist für die große Mehrheit der Programmierer in der großen Mehrheit der Unternehmen wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll. Das gilt schon heute. Bis zum Ende des Jahres wird das auf praktisch alle Bereiche, praktisch alle Programmierer und praktisch alle Unternehmen zutreffen.“

Ist das nur eine Zuspitzung, die sich in einer Keynote gut macht? Oder gehört das Programmieren von Hand bald wirklich der Vergangenheit an? Zum Zeitpunkt von Hanssons Auftritt ist dieses Szenario jedenfalls deutlich wahrscheinlicher als noch vor ein paar Wochen. Denn nur einen Tag vorher brachte das KI-Unternehmen Anthropic sein neues Modell Claude Opus 5.5 heraus, das beim Programmieren – aber nicht nur dort – aus Sicht vieler User einen weiteren Schritt nach vorne markierte.


Der Fortschritt zeigt sich vor allem dort, wo Programmieren und Gestaltung zusammenkommen: Opus 5.5 baut komplexe Anwendungen, Spiele, 3D-Welten und Animationen – und kann dafür inzwischen stundenlang weitgehend selbstständig arbeiten. Was dieser Sprung praktisch bedeutet, verraten vielleicht weniger Benchmarks als das, was Menschen seit der Veröffentlichung damit bauen: Wir haben zwölf Fundstücke aus dem Netz gesammelt, die zeigen, wie groß die Begeisterung für Opus 5.5 gerade ist.


Natürlich ist auch viel Lärm dabei, dazu am Ende mehr. Und auch vorab ein kleiner Realitätscheck: Die Ergebnisse lassen sich bestaunen und oft sogar selbst ausprobieren. Ob Claude dafür wirklich nur einen Prompt brauchte, zwölf Stunden allein arbeitete oder kein Mensch eine Zeile Code anfasste, können wir von außen meist nicht überprüfen. Wir geben deshalb wieder, was die jeweiligen Macher über die Entstehung berichten. Nur in einem Fall wissen wir es aus erster Hand – der kommt weiter unten.


Wenn das Laden ein bisschen dauert: Habt Geduld. Die Beispiele stammen aus Social Media und sind hier eingebettet.


1. Ein ganzer Computer, gebaut aus 277.000 Logikgattern

Der KI-Unternehmer Matt Shumer hat Opus 5.5 gebeten, einen funktionierenden Computer zu bauen. Nicht als Attrappe, sondern von Grund auf: Nach seinen Angaben simulieren 277.248 NAND-Gatter in JavaScript einen vollständigen 16-Bit-Computer samt Speicher; darauf läuft Software bis hin zu Spielen. Ausprobieren lässt sich das Ganze direkt im Browser.


2. Eine Bootsfahrt durch Japan – mit Wetter, Tageszeiten und Wasserspiegelungen

Der Designer Meng To hat mit Opus 5.5 eine spielbare 3D-Szene erzeugt: Man steuert ein Boot durch japanische Landschaften, das Wetter wechselt, Tag wird zu Nacht, Figuren bevölkern die Ufer. Gebaut ist das mit three.js, einer der bekanntesten Bibliotheken für 3D-Grafik im Web. Beeindruckt haben ihn nach eigener Aussage vor allem die Details, etwa die Spiegelungen im Wasser. Die Szene ist online – und läuft ohne Installation.


3. Blender, Bildgenerator und three.js – kombiniert von der KI selbst

Noch einen Schritt weiter geht der Entwickler Shikhar. Er hat Opus 5.5 nicht nur Code schreiben lassen, sondern gleich mehrere Werkzeuge orchestrieren: das 3D-Programm Blender, einen Bildgenerator und three.js. Heraus kam ein erstaunlich aufwendiger Spielprototyp, der im Browser läuft. Sein Urteil ist nicht gerade zurückhaltend: Man sehe hier die Zukunft der Spieleentwicklung, meint Shikhar.


4. Ein Nachfolger für den Aufbau-Klassiker SimTower

Wer in den 1990ern Hochhäuser in SimTower hochgezogen hat, dürfte bei Highrise Dynasty nostalgisch werden. Christopher J. DiMarco baut mit Opus an einem geistigen Nachfolger: Jeder Raum ist dreidimensional, die Bewohner folgen eigenen Tagesabläufen, und per Klick auf ein Fenster fliegt man ins Innere. Noch ist das ein Work in Progress. Aber eines, das früher ein Studio mit Dutzenden Mitarbeitern gebraucht hätte.


5. Ein Zelda-Abenteuer, entworfen von zwei Kindern

Die vielleicht schönste Geschichte dieser Liste stammt von Danny Limanseta. Er hat an einem Tag mit seinen Söhnen ein Spiel gebaut: Die Kinder sagten, was sie wollten, er übersetzte es in Prompts. Die beiden wünschten sich – natürlich – etwas im Stil von Zelda: Breath of the Wild. Also eine offene Welt, Dungeon-Rätsel und Kämpfe. Code von Hand schreiben musste dafür nach seiner Darstellung niemand. Die wichtigste Fähigkeit war, sich etwas vorstellen zu können.


6. Fünf Minuten reden, zwölf Stunden arbeiten lassen

Donald Jewkes wollte ausprobieren, wie lange Opus 5.5 inzwischen selbstständig an einer Aufgabe arbeiten kann. Fünf Minuten lang erklärte er dem Modell per Spracheingabe, was er haben wollte. Dann ließ er Claude machen – und ging schlafen. Zwölf Stunden später hatte das Modell nach seinen Angaben selbstständig ein aufwendig animiertes Video produziert. Den ausführlichen Prompt, mit dem er Claude dafür losschickte, veröffentlichte Jewkes anschließend gleich mit. Und genau das machte Schule:

Ein anderer Account, anabology, nahm Jewkes’ Prompt, gab Opus 5.5 zusätzlich Zugriff auf den Bildgenerator Midjourney und ein Moodboard – und wachte ebenfalls zwölf Stunden später zu einem eigenen Werk auf. Das Interessante daran ist deshalb nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Arbeitsweise: Prompts werden zu Rezepten, die sich teilen, verändern und mit anderen Werkzeugen kombinieren lassen. Und die KI arbeitet sie zunehmend über Stunden selbstständig ab – während der Mensch schläft.


7. Ein Video über die westliche Zivilisation, nur aus Code

Mit über 60.000 Likes ist dieser Post einer der meistgeteilten der Woche. Der Account vittorio hat Claude gebeten, ein Video über die westliche Zivilisation zu machen. Das Ergebnis ist ein Film mit Animationen, Sound und Musik – der nach Beobachtung anderer Nutzer vollständig prozedural, also aus Programmcode, erzeugt wurde. Kein Videoschnittprogramm, keine Stockfootage-Datenbank. Nur Code, der Bilder und Töne berechnet.


8. Eine Doku über Rechenzentren – mit freier Hand bei den Bildern

Justine Moore, Investorin beim Risikokapitalgeber Andreessen Horowitz, hat einen ähnlichen Versuch gestartet: ein Video über Rechenzentren. Sie gab Opus 5.5 ein Referenzvideo und die Erlaubnis, beliebiges Material zu suchen oder selbst zu generieren. Das Ergebnis übertreffe alles, was sie sich vorgestellt habe, schreibt sie. Dass ein KI-Modell eine Dokumentation über die Infrastruktur dreht, auf der es selbst läuft, hat dabei eine gewisse Ironie.


9. „AI solved motion graphics“ – ist Animation jetzt ein gelöstes Problem?

Der KI-Kommentator Min Choi sammelt die spektakulärsten Ergebnisse und stellt eine steile These an den Anfang: Motion Graphics, also animierte Grafik, habe die KI nun gelöst. Das ist zugespitzt, trifft aber einen Punkt. Auch uns ist beim Sammeln aufgefallen, dass ein Großteil dessen, was gerade viral geht, genau in diese Kategorie fällt: schwungvolle Animationen, Scroll-Effekte, visuelle Spielereien. Das liegt auch daran, dass sich solche Ergebnisse in einem Video von 30 Sekunden besonders gut zeigen lassen.


10. Die heimliche Gewinnerin: eine Open-Source-Bibliothek

Fällt euch etwas auf? In auffällig vielen dieser Projekte steckt three.js. Die Open-Source-Bibliothek für 3D-Grafik im Browser gibt es seit 2010, jetzt erlebt sie einen zweiten Frühling. Das offizielle Konto des Projekts teilt fleißig Kreationen wie diese Wassermelone – und meldete am Montag einen neuen Rekord:

19 Millionen Downloads pro Woche. Man kann das als Randnotiz lesen. Oder als Hinweis darauf, dass KI-Modelle bevorzugt auf Werkzeuge zurückgreifen, die gut dokumentiert sind und in ihren Trainingsdaten häufig vorkommen. Wer heute Software für Menschen baut, baut sie künftig womöglich auch für Maschinen.


11. „Hating the tech is no longer an option“

Mo, der Entwickler mit dem „disturbing“-Urteil, ist Gründer des Tools Enjoy und hat Opus 5.5 gegen die Konkurrenz antreten lassen. Er ließ verschiedene Modelle eine Website für sein Produkt bauen und zeigt die Ergebnisse nebeneinander: Die anderen Versionen seien in Ordnung gewesen, die von Opus 5.5 aber deutlich kreativer und lebendiger – mit Scroll-Animationen, die ganze Welten verwandeln. Einige davon sind online. Sein Fazit ist differenziert: Die Politik rund um KI, die Angstmacherei und den Umgang mit geistigem Eigentum findet er nach wie vor falsch. Die Technik selbst aber sei inzwischen zu gut, um sie noch pauschal abzulehnen.


12. Und ja: Auch wir haben es ausprobiert



Transparenzhinweis in eigener Sache: Auch im 1E9-Team wurde gespielt. Unser Kollege Krischan hat mit Opus 5.5 Bubenjump 2026 gebaut, eine Hommage an den Skisprung-Klassiker Ski Jump 3, den er früher ausgiebig mit Freunden gespielt hat – samt einer Physik-Engine für das Pixel-Skispringen, die vor ein paar Monaten noch außer Reichweite gewesen wäre. Ob man damit Weltcup-Punkte holt, ist offen. Die Mittagspause ist jedenfalls gerettet.


Und jetzt der Beipackzettel


So beeindruckend diese Liste ist: Nicht alles, was in diesen Tagen als Werk von Opus 5.5 durch die Timelines geht, ist auch eines. Mein Kollege Michael Förtsch hat beim Sammeln etliche Spiele gefunden, die angeblich „in einem Rutsch“ mit dem neuen Modell entstanden sein sollen. Manche davon wurden kurz zuvor noch als Werk eines Konkurrenzmodells gefeiert, andere erinnern verdächtig an kommerzielle Titel wie Forza. Posts wie dieser verdienen deshalb eine gesunde Portion Skepsis:

Überprüfen lässt sich all das von außen also kaum. Und die Mechanik sozialer Netzwerke belohnt das Spektakuläre, nicht das Überprüfbare. Hinzu kommt: Was sich gut filmen lässt – Animationen, 3D-Welten, bunte Effekte –, ist überrepräsentiert. Diese Sammlung sollte also nicht als abschließende Analyse von Opus 5.5 verstanden werden, sondern als Schlaglicht auf den erneuten Hype um ein KI-Modell – adressiert an alle, die die neuesten Entwicklungen nicht ständig im Blick haben.


Trotzdem bleibt nach dieser Woche ein Eindruck, der sich nicht wegdiskutieren lässt: Die Frage, wer etwas bauen kann, verschiebt sich gerade. Werden kreative Ideen gerade deutlich wichtiger als das Handwerk, um sie umzusetzen? Der Medienkünstler Kyle McDonald, der seit 15 Jahren mit Code arbeitet, hat nach seinen ersten Versuchen mit Opus 5.5 jedenfalls seine Selbstbeschreibung geändert. Aus „artist working with code“ wurde schlicht „artist“.

David Heinemeier Hansson, selbst Programmierer, spricht trotz seiner Einschätzung über das Hände des händischen Programmierens übrigens nicht von Verlust, sondern von einem Vierteljahrhundert, in dem man Code „von Hand gemeißelt“ habe. Darauf solle man nicht mit Bedauern zurückblicken, sondern mit Freude. Auf der nächsten Folie steht deshalb schon sein neuer Jobtitel: „Energized Professional Maker, 2026 – ?“


Titelbild: Meng To, bearbeitet von Michael Förtsch/1E9


Wolfgang Kerler

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