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17. Februar 2021

A Glitch in the Matrix: Macht uns die Simulationshypothese zu Unmenschen?


In seiner Dokumentation A Glitch in the Matrix stellt der Filmemacher Rodney Ascher verschiedene Menschen vor, die glauben, dass wir in einer Computersimulation leben. Er erforscht dadurch nicht nur die Historie der skurrilen Theorie, sondern auch ihre Auswirkungen auf den Einzelnen. Wir haben die Dokumentation gesehen und mit ihrem Macher gesprochen.


Von Michael Förtsch


Spätestens seit Elon Musk bei einer Konferenz medienwirksam sagte, dass er die Chance, dass wir tatsächlich in der Realität leben, lediglich mit „Eins zu mehreren Milliarden“ bewerte, haben wohl die meisten von der sogenannten Simulationshypothese gehört. So wird die Annahme genannt, dass wir nicht in der echten Welt, sondern einer Scheinwelt oder Computersimulation leben – wie im Film The Matrix. Dieses Gedankenexperiment ist keineswegs neu, sondern Hunderte von Jahren alt. Erstmals als wissenschaftliche These formulierte es der schwedische Philosophen Nick Bostrom, dessen 2003 veröffentlichte Abhandlung für ein großes Echo und zahlreiche Debatten sorgte. Der Gedanke, dass alles um uns herum nur Trug aus Bits und Bytes sein könnte, beeinflusste seitdem zahlreiche Menschen. Und nicht wenige sind durchaus überzeugt, dass diese Annahme der Wahrheit entspricht. Oder zumindest mit großer Sicherheit die wirkliche Wirklichkeit sein könnte.


Als ich hörte, dass The Matrix real sein könnte, wurde ich aufmerksamRodney Ascher

Der Dokumentarfilmer Rodney Ascher hat nun versucht, sich in seinem Film A Glitch in the Matrix diesem Phänomen zu nähern. Er selbst wurde erst sehr spät auf die Simulationshypothese aufmerksam. Damals arbeitete er an einem anderen Dokumentarfilm. Der handelte von der Schlafparalyse, bei der Menschen des Nachts aufwachen, aber ihr Körper weiterschläft – und sie glauben, von Dämonen oder Schattenmenschen gequält zu werden. „Es muss fünf oder sechs Jahre zurückliegen, als ich ein Interview für [die Dokumentation] The Nightmare führte“, sagt er im Gespräch mit 1E9. „Ich hatte mich schon eine ganze Weile mit der gegenseitigen Beeinflussung von Popkultur und Realität befasst. Und als ich hörte, dass The Matrix real sein könnte, wurde ich aufmerksam.“


Wie die vermeintliche Simulation nun funktioniert, darüber gibt es viele Theorien. Einige Menschen glauben, dass nur wenige Menschen real sind, also die meisten Personen reine KI-Konstrukte darstellen. Andere glauben, dass die Welt tatsächlich der Matrix aus dem gleichnamigen Film gleicht, und alle Menschen – oder zumindest deren Gehirne – irgendwo an einen riesigen Computer angeschlossen sind. ©Magnolia Pictures

Über Jahre habe er daraufhin immer wieder über das Phänomen und die Möglichkeit, einen Dokumentarfilm zu diesem Thema zu drehen, gegrübelt. Er recherchierte die Historie, die Geschichten von Menschen wie dem Autor Philip K. Dick, der sich in einer Fantasiewelt wähnte sowie öffentliche Debatten im Internet – und fand so Menschen, mit denen er sprechen konnte. „[Die Menschen im Film] sind ein Mix von Leuten, die wir, basierend auf dem, was sie sagten und schrieben, anfragten“, so Ascher. „Aber es sind auch Menschen, die sich von sich aus an uns wandten, ihre Geschichten erzählen wollten, nachdem wir die Produktion der Dokumentation angekündigt hatten.“


Fehler in der Matrix


Rodney Ascher gehe es in A Glitch in the Matrix nicht darum, Belege für oder gegen die Simulationshypothese aufzuzeigen oder über die Theorie zu urteilen. Ihm sei es vielmehr wichtig, die Wirkung des Gedankens aufzuarbeiten und Menschen selbst erzählen zu lassen, was die Simulationshypothese „mit ihnen machte“. Denn: „Sie haben deutlich länger über all die damit verbundenen Fragen nachgedacht als ich und teilen [in der Doku] ihre Gedanken und Erfahrungen“, sagt er. „Die sind deutlich interessanter als das, was ich denke.“ Dadurch entwickelt sich tatsächlich ein sehr nahbarer und menschlicher Diskurs der sonst so komplexen und verworrenen Simulationshypothese.


Menschen wie Paul treten in der Dokumentation als digitale Avatare auf. Es ging darum, die Identität der Gesprächspartner zu schützen, aber auch „den Trend zu reflektieren, mit Symbolen und Filtern zu kommunizieren“, sagt Rodney Ascher. Entworfen hat die Avatare der Comic-Künstler Chris Burnham. ©Magnolia Pictures

Die Menschen, die Ascher fand, berichten, wie sie zu glauben begannen, dass ihre Mitmenschen möglicherweise nur programmierte Figuren sind und ihre Umwelt nur aus Kulissen besteht, die nur für sie aufgestellt wurden. Sie erzählen von Momenten, in denen sich ihnen die Simulation durch allzu merkwürdige Zufälle und Vorfälle zu offenbaren schien – und wie sie diese Momente verunsicherten, verängstigen, an sich und der Welt verzweifeln ließen. All das wird mit einem illustrativen, aber auch surrealen Mischmasch aus Animationen und Ausschnitten aus Filmen wie The Matrix und Clips aus Videospielen wie Minecraft, Grand Theft Auto 5 und Skyrim illustriert. Ein Mix, der die Tatsache reflektiert, dass die These bereits seit langem dem akademischen Diskurs entglitten und zu einem Gegenstand der Popkultur geworden ist, der auf immer neue Weisen interpretiert und mit neuen Aspekten vermengt wird.


A Glitch in the Matrix streift daher auch andere Popkulturphänome. Dazu gehört der Mandela-Effekt. Darunter wird verstanden, dass sich Menschen an historische Ereignisse anders erinnern als sie wirklich abgelaufen sind. Unter anderem sind viele Menschen überzeugt, sich daran erinnern zu können, dass Nelson Mandela in den 1980ern in Südafrika im Gefängnis gestorben ist. Das geschah allerdings nie. Mandela starb 2013 in Freiheit. Ein anderes Beispiel ist ein Film namens Shazam, in dem der Comedian Sindbad einen Flaschengeist spielte. Dieser Film existiert nicht, er wurde nie gedreht. Dazu kommen nahezu endlose Listen von albernen, bizarren und zum Teil durchaus gruseligen Vorfällen, die als Fehlern in der Matrix beschrieben werden. Seien es etwa Videos von Menschen, die aus dem Nichts aufzutauchen scheinen, oder Sichtungen von Geistern und anderen Wesen, die auf YouTube und Reddit geteilt werden.


Ich habe noch nie mit jemandem gesprochen, der so etwas durchgemacht hat wie er.Rodney Ascher

Eine Theorie für Menschenfeinde?


Die Geschichten, die die mit digitalen Roboter-Avataren überblendeten Interviewpartner in der Dokumentation vortragen, klingen nicht nur faszinierend. Sie können auch durchaus irritieren und verstören. Denn was würde daraus folgen, wenn nichts wirklich real wäre? Wenn alles nur ein riesiges Videospiel ist? Wenn Menschen keine echten Wesen aus Fleisch und Blut wären, ihre Gedanken nur eine Programmierung sind oder sie irgendwo eingeloggt durch einen Kabelanschluss an einem Computer hängen? Es würde alles egal machen. Ein Mord und ein Verbrechen: Niemand würde wirklich zu Schaden kommen. Das glaubte etwa Joshua Cooke, der 2003, zu einem Telefon griff und in den Hörer sagte, dass er die Wahrheit kenne. Dann ging er los und erschoss, angezogen wie Neo aus The Matrix, seine Eltern und wartete dann auf die Polizei. Auch ihn hat Ascher in ein Mikrophon sprechen lassen.


Rodney Ascher wurde 2012 mit seiner Dokumentation Room 237 bekannt, in der er sich Theorien und Interpretationen des Stanley-Kubrick-Films The Shinding widmete. ©Magnolia Pictures

„Ich habe noch nie mit jemandem gesprochen, der so etwas durchgemacht hat wie er“, sagt der Filmemacher. „Aber ich habe einfach versucht, ein guter Zuhörer zu sein und auf meiner Seite des Gesprächs zu bleiben.“ Der Dokumentarfilmer spricht es nicht klar aus, aber legt in A Glitch in the Matrix nahe, dass die Simulationshypothese als Gedankenexperiment natürlich ihren berechtigten Reiz hat, aber durchaus gefährlich und bitter sein kann. Denn sie kann eine zutiefst anti-soziale und misanthropische Weltsicht verstärken - einfach, indem Menschen andere Menschen zu digitalen Spielfiguren ohne Verstand und Selbstbewusstsein degradieren.


Ich habe keine Ahnung [ob wir in einer Simulation leben]. Für mich ist die Simulationshypothese vor allem eine mächtige Metapher, die wohl verwendet wird, wenn wir mit den wirklich großen Fragen unseres Daseins hadern.Rodney Ascher

A Glitch in the Matrix ist teilweise chaotisch, vermengt und überkreuzt Informationen und Gedanken zu Philosophie, Mystizismus, Technologie, New-Age-Aberglauben und die ganz alltägliche Paranoia. Rodney Ascher überlässt es ganz gezielt den Zuschauern, ihre Schlüsse zu ziehen und weiterzudenken – auch weil er, wie er eingesteht, selbst keine abschließende Meinung hat. „Ich habe keine Ahnung [ob wir in einer Simulation leben]. Für mich ist die Simulationshypothese vor allem eine mächtige Metapher, die wohl verwendet wird, wenn wir mit den wirklich großen Fragen unseres Daseins hadern“, sagt er. Aber selbst, wenn alles nur eine Simulation wäre, glaubt Ascher, sollte sich jeder so verhalten, „als wenn alles und jeder [in der Simulation] so real ist, wie die Realität nur sein kann“.


A Glitch in the Matrix wurde im Februar 2021 auf dem Sundance Film Festival uraufgeführt. Derzeit kann es nur auf US-amerikanische Streaming-Diensten ausgeliehen werden. Jedoch soll die Dokumentation bald auch in Deutschland erscheinen.

Michael Förtsch

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