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10. Februar 2026

5 SIGMA: Was wissen wir über die Realität?


Was kann uns die Forschung über das erzählen, was wir als Realität erleben? Rein wissenschaftlich betrachtet. Genau das will der Wissenschaftsjournalist Harald Mandl in einer neuen Artikelserie für 1E9 herausfinden. Dabei stellt er nicht nur neueste naturwissenschaftliche Erkenntnisse vor, sondern rüttelt auch an unseren sicher geglaubten Wahrnehmungen. Im Prolog erzählt er, warum er sich überhaupt mit so großen Fragen beschäftigt.


Von Harald Mandl


Vor langer Zeit, so beginnen Märchen, vor langer Zeit habe ich Der Baum der Erkenntnis von Maturana und Varela gelesen: In den späten 80er Jahren des letzten Jahrtausends veröffentlichten die beiden chilenischen Denker ihr Verständnis der Welt. Sie waren Biologen, Neurowissenschaftler und Maturana außerdem Philosoph. Sie entwickelten ihre biologische Theorie der „Kognition“ – also unserer Wahrnehmung, wie wir Informationen speichern, denken, erinnern und Entscheidungen treffen. Sie kamen zur Erkenntnis, dass es keine objektive Welt gibt, sondern dass jeder Organismus basierend auf der biologischen Evolution seine eigene Erfahrungswelt, seine „Wahrheit“ buchstäblich erfindet.


Ihr werdet nun denken, na gut, zwei nicht gerade weltbekannte Chilenen aus dem letzten Jahrtausend, was sollen die mir heute über die Realität sagen –  aber ihre Überlegungen waren überaus fundiert. Die Autoren hatten in Harvard studiert, waren Rockefeller-Stipendiaten, arbeiteten am MIT in Cambridge, Varela war in den 80ern Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt und danach Forschungsdirektor für Kognitive Neurowissenschaft am CNRS in Paris. 


Für mich jedenfalls öffnete sich durch Der Baum der Erkenntnis ein Tor zu einer neuen Weltsicht: Die Realität wurde wackelig. Ist das, was wir als Welt um uns erleben, objektiv real –  oder erschaffen wir uns ein Verständnis von Etwas, das es uns erlaubt, in diesem Etwas zu funktionieren.


Weit hergeholt? Dazu ein kleines Gleichnis:


Ein Mädchen ist blind geboren. Sie lebt allein in einer Hütte im Wald und weiß nicht, dass sie nicht sehen kann. (Das ist ein Gleichnis, bitte blenden wir Fragen wie „wo sind ihre Eltern“ und „das ist total unrealistisch“ aus). Sie geht jeden Tag durch den Wald zum Fluss, um Wasser zu holen. Natürlich stößt sie sich anfangs an den Bäumen, läuft in Büsche, stolpert über Steine – mit der Zeit aber entsteht in ihrem Kopf eine Karte ihrer Umgebung und sie geht traumwandlerisch sicher durch den Wald.


Folgt ihr mir soweit? Gut, dann sind wir uns einig, dass es zumindest im Gedankenexperiment so sein könnte: Sie wird nichts vermissen und prima in ihrer Welt leben.



Die Sehenden wissen aber natürlich, dass sie ihre Umwelt nicht „wirklich“ wahrnimmt und nur aufgrund eines Konstrukts in ihrem Kopf überleben kann. Dieses Konstrukt ist natürlich nicht die Realität, es hat nichts mit dem Wald zu tun – genau genommen wissen wir nicht mal, wie sich die Realität für das Mädchen darstellt. Wir aber wissen, dass in Wirklichkeit Büsche und Bäume da sind, mit braunen Stämmen und grünen Blättern unter einem blauen Himmel – wir können das sehen, das ist doch offensichtlich.


Aber woher wissen wir, dass wir nicht auch blind sind? 


Tatsächlich ist die Antwort auf diese Frage nicht einfach – die Entwicklung der Naturwissenschaften in den vierzig Jahren seit der Buchveröffentlichung hat die Grundthese der beiden Chilenen auf allen Gebieten immer wieder bestätigt. Haben sie sich damals rein von der Biologie leiten lassen, können wir die Frage nach der Realität heute von der Wahrnehmungsforschung bis zur Quantenphysik betrachten, von der Biologie bis zum Big Bang, von der Frage „Gibt es die Farbe Rot?“ bis zur Frage „Gibt es den freien Willen?“, von „Gibt es das ‚Jetzt‘?“ bis zu „Warum findet ‚jetzt‘ nicht für jeden Beobachter zur gleichen Zeit statt?“


Das Gute, das Schöne, die Wahrheit – sie sind Begriffe und Konzepte, die scheinbar wenig mit den harten Naturwissenschaften zu tun haben.

Liebe Leserinnen und Leser, wir gehen auf eine Reise, die keine Wiederkehr hat. Wenn ihr mir folgt, dann werdet ihr alle sicher geglaubten Wahrnehmungen über eure – unsere? – Welt zukünftig in Frage stellen. Selbst das „unsere“ verschwimmt im Ungefähren, wird zur minimalen Übereinkunft zwischen jedem individuellen biologischen Wesen vom Stamm der Säugetiere, sodass unsere Welt für jeden von uns funktioniert – aber keineswegs für jeden gleich ist. Warum die Einschränkung auf die Säugetiere? Wir kommen dazu.


Wir machen uns auf den Weg, die Realität zu entdecken. Nicht das, was wir erleben, wenn wir morgens die Augen aufschlagen. Sondern das, was die wissenschaftliche Erkundung über die Realität der Welt herausgefunden hat. Das, was objektiv und unabhängig von subjektiver Wahrnehmung echt und real ist. Das Gute, das Schöne, die Wahrheit – sie sind Begriffe und Konzepte, die scheinbar wenig mit den harten Naturwissenschaften zu tun haben. Das Gegenteil ist der Fall. Sie bleiben übrig, wenn wir dem Erkenntnispfad der Biologie und Physik folgen, bis sich alles Handfeste, Greifbare, Messbare in statistischem Nebel auflöst.


Warum 5 Sigma?



In der Statistik und besonders in der Teilchenphysik bedeutet ein 5-Sigma-Ergebnis, dass ein beobachtetes Signal mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht auf zufällige Schwankungen im Hintergrund zurückzuführen ist, sondern auf ein echtes, neues Phänomen hinweist. Ab 5 Sigma sprechen wir von realen Entdeckungen und nicht einem zufälligen statistischen Ergebnis.


Die Texte, die hier in unregelmäßiger Reihenfolge erscheinen werden, stellen den Stand der naturwissenschaftlichen Erkenntnis dar. Eine Auswahl der Forschung natürlich, die ich interessant finde. Was daraus wird, weiß ich noch nicht. Es gibt keine Garantie, dass es zu einem Ziel führt. Aber die Reise beginnt.


Hier findet ihr alle bereits erschienenen Folgen von 5 Sigma.


P.S. Meinen Ausgangspunkt, das Buch „Der Baum der Erkenntnis“, gibt es immer noch, letzte Auflage von 2009:

https://www.fischerverlage.de/buch/humberto-r-maturana-francisco-j-varela-der-baum-der-erkenntnis-9783596178551


P.P.S. Hier mehr zu den Autoren:

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Baum_der_Erkenntnis




Harald Mandl

Harald Mandl

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Kommentare (4)

Axel Tiemann
20. Feb.

Es geht nicht unbedingt um neue Physik. Im Quantenjahr 2025 wurde das enorme technische Potenzial der Quantenphysik ja Weltweit zelebriert. Für die technische Umsetzung der Theorie gibt es glücklicherweise in Deutschland viele innovative Ansätze.

Die Interpretation der Quantenphysik ist jedoch weiterhin problematisch; dass zeigen z.B. diverse Kunstprojekte im Zusammenhang mit dem Quantenjahr. Damit wurde versucht, das "Kontraintuitive" der Theorie erfahrbar zu machen. In unseren haptisch sinnlichen Erfahrungshintergrund lassen sich viele Quantenphänomene einfach nicht einordnen.

Wie man mit diesem Spannungsverhältnis von Theorie und Realität umgehen soll - darüber gibt es in der Wissenschafstheorie aktuell keinen Konsens.

Dumm nur, dass die meisten Jugendlichen unsere Schulen mit dem antiquierten Baukasten Modell der Materie verlassen!

2
h.mandl
h.mandl
20. Feb.
Antwort an

Bei den praktischen Anwendungsmöglichkeiten für den Stand der Wissenschaft auf ganz vielen Gebieten stehen wir weitestgehend am Anfang und da werden sicher noch atemberaubende Dinge erfunden.

Nur ist der Stand der Wissenschaft - etwas polemisch formuliert - seit Einstein und Bohr nicht mehr weitergekommen. Auch das Higgs-Boson war letzten Endes „nur“ die Bestätigung des allgemein akzeptierten Standard-Modells. Und wenn halt die hundertste Beobachtung in der Astronomie oder der erste Nachweis von Gravitationswellen auch wieder „nur“ Einstein bestätigen, dann ist das für Forscher schön, aber langweilig.

Hundert Jahre - und man ist kein Stück weiter. Forscher können an sowas verzweifeln.

Bearbeitet

Axel Tiemann
11. Feb.

Die Arbeiten von Maturana und Varela kenne ich noch aus meiner Zeit als Doktorand an der Uni. Über das Spannungsverhältnis von Wissenschaft und Realität wurde seinerzeit viel diskutiert. Die Physiker waren damals aber überzeugt, die 4 Grundkräfte bald in einer vereinheitlichten Theorie fassen zu können und so unser gewohntes Verständnis der Materie abzuschließen.

Diese Hoffnung hat sich nach fast 40 Jahren jedoch nicht erfüllt und heute wird glücklicherweise wieder mehr über die Interpretation von Theorien diskutiert. Daher freue ich mich über die Initiative 5Sigma und bin schon gespannt auf die weiteren Folgen!

Bearbeitet
4
h.mandl
h.mandl
18. Feb.
Antwort an

Ja cool 😎 das freut mich sehr, hätte nicht gedacht dass Maturana und Varela heute noch jemandem etwas sagen.

Richtig, die Vereinheitlichung der Grundkräfte war für Jahrzehnte das große Ziel und gefühlt immer nahe. Inzwischen hat man das Ziel der einheitlichen Theorie noch nicht aufgegeben, aber immer mehr stellen die Frage, ob es denn wirklich die „Theorie für alles“ gibt oder ob das bloß Wunschdenken ist, weil wir Menschen es „schön“ fänden. Gilt ja auch für andere Ansätze (Supersymmetrie z.B.), die „schön“ sind, für die es aber keinerlei experimentelle Beweise gibt.

Alles in allem scheint die Physik spätestens seit der Entdeckung des Higgs Bosons als letzte Bestätigung des Standardmodells zum Stillstand gekommen zu sein.

Gefühlte Ratlosigkeit macht sich in der Szene breit, man sucht nach dem kleinsten Ansatzpunkt für neue Physik…

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