25. September 2026
16 Science-Fiction-Romane, mit denen der Herbst kommen kann

Die Morgenstunden sind bereits kühler, die Nacht bricht früher an und die ersten Blätter färben sich schon. Damit beginnt langsam wieder die Zeit, in der man es sich lieber drinnen gemütlich macht. Höchste Zeit also, sich mit Lesestoff einzudecken – für das Sofa, das Bett oder die S-Bahn. Jedenfalls, um für einige Minuten oder Stunden aus dem Alltag zu fliehen. Auch in diesem Jahr haben wir daher wieder Science-Fiction-Romane gesammelt, die perfekt in die kommenden Herbstmonate passen.
Von Michael Förtsch
Ja, der Herbst hat gerade erst begonnen, aber er macht sich bereits bemerkbar. Der erste Moment, in dem man nach Monaten doch wieder nach der Jacke greift, war schon da. Genau dann beginnt aber auch die beste Zeit für Bücher, die einen nicht nur beschäftigen, sondern wegtragen: aus grauen Städten, vollen Zügen und verregneten Nachmittagen hinaus in fremde Welten, ferne Zukünfte und alternative Wirklichkeiten. Und kaum ein Genre eignet sich dafür besser als Science-Fiction. Sie kann kühl und analytisch sein, mal überwältigend groß, extrem politisch oder zutiefst unheimlich. Sie erzählt vom All und von Maschinen, von neuen Gesellschaften, alten Ängsten und der Frage, was vom Menschen übrigbleibt, wenn sich alles um ihn herum verändert.
Wie jedes Jahr haben wir deshalb eine kleine Auswahl bemerkenswerter Science-Fiction-Titel zusammengestellt. Darunter sind Neuerscheinungen, weniger bekannte Klassiker und andere Werke, die sich zwischen Technikvision, Gesellschaftsentwurf, Abenteuer und Horror bewegen. Joseph Eckert lässt in The Traveler einen Familienvater immer weiter durch seine eigene Zukunft springen, während die Menschen um ihn herum altern und ihr Leben ohne ihn weitergeht. In Das lange Morgen von Leigh Brackett machen sich zwei Jungen in einer Nachkriegswelt auf die Suche nach einem technologischen Utopia. Und in ZOI von Jane Mondrup begibt sich eine Gruppe Astronauten im Inneren einer Alienkreatur auf eine unglaubliche Reise.
The Traveler – Der Zeitenspringer
Scott Treder führt eigentlich ein ganz normales, beinahe langweiliges Leben. Er hat eine Frau und einen Sohn und arbeitet viel. Umso wichtiger ist ihm deshalb die Zeit mit seiner Familie. Doch an einem Aprilmorgen um 7:52 Uhr passiert etwas. Er ist gerade auf dem Weg zur Arbeit – und plötzlich findet er sich 24 Stunden in der Zukunft wieder. Am nächsten Morgen passiert dasselbe. Und dann immer wieder. Jedes Mal vergeht mehr Zeit. Erst Tage, dann Wochen, dann Jahre. Scott verändert sich nicht, er wird nicht älter. Aber die Welt um ihn herum dreht sich weiter. Das trifft vor allem seine Familie, die immer länger ohne ihn auskommen muss. Er muss mit ansehen, wie die Zeit an ihnen zehrt – und letztlich ...
Der Roman von Joseph Eckert ist fantastische Unterhaltung. Er bricht gekonnt mit den typischen Zeitreiseklischees und präsentiert eine erfrischend ungewöhnliche Prämisse. Der Autor nutzt sie weniger, um das Konzept der Zeitreise zu erforschen, sondern vielmehr, um dessen Folgen für Beziehungen, Wahrnehmung, Liebe, Familienbande und das Menschsein an sich zu ergründen. Das ist mal emotional, mal philosophisch, aber immer mit einem Denkanstoß verbunden. Trotz seiner ungewöhnlichen Prämisse liest sich The Traveler erstaunlich schnell. Zudem bietet der Roman grandioses Material für eine Film- oder Serienadaption.
Green City Wars
In einer nicht näher bestimmten Zukunft scheint die Menschheit es geschafft zu haben. Die meisten Menschen leben in luxuriösen Ökostädten und verbringen ihre Zeit mit Kunst, Kultur und Entspannung. Genetisch veränderte tierische Helfer halten derweil im wortwörtlichen Untergrund Technologie und Logistik am Laufen. Doch dann verschwindet Doktor Meece, eine Maus, die offenbar über Informationen verfügt, die das eingespielte Ökosystem zu Fall bringen könnten. Der Waschbär-Detektiv Skotch soll sie finden, bevor es dazu kommt.
Dabei muss sich Skotch mit Rattengangstern, Schildkrötenanarchisten, Söldnerkatzen und anderen Gruppierungen auseinandersetzen. Ja, Green City Wars ist kein reiner Science-Fiction-Roman. Autor Adrian Tchaikovsky verbindet Elemente des Zukunftsromans mit Kinderbuch- und Fantasyelementen und erschafft so eine fesselnde, teils absurde, aber auch durchaus düstere Welt. Eine Welt, in der sich immer wieder Motive der realen Menschheitsgeschichte spiegeln. Gerade diese Mischung macht den Roman so reizvoll – auch wenn die eigentliche Handlung etwas dünn bleibt.
Sublimation
Wer in der Zukunftswelt von Sublimation sein Heimatland dauerhaft verlässt, hinterlässt eine zweite Version seiner selbst. Eine sogenannte Instanz, die wie durch eine Art Zellteilung entsteht und zunächst über dasselbe Wissen und dieselben Erinnerungen verfügt. Als Soyoung Rose Kang im Alter von zehn Jahren mit ihrer Mutter Korea hinter sich lässt, bleibt eine solche Kopie von ihr bei ihrer Familie zurück. Jahre später muss Soyoung aufgrund eines Todesfalls wieder nach Korea.
Als sie dort ankommt, muss sie feststellen, dass ihre Doppelgängerin mehr als nur eine Kopie von ihr sein will. Sie will sie ersetzen. Das droht Soyoungs möglicherweise dauerhafte Rückkehr zu verhindern. Denn sollten sich die beiden berühren, würden sie wieder zu einer Person verschmelzen. In ihrem Debütroman skizziert Isabel J. Kim ein faszinierendes Szenario und eine glaubwürdige Science-Fiction-Welt, die mit zahlreichen großen und kleinen Ideen gefüllt ist. Kim nutzt diese, um sich mit Themen wie Identität, Immigration und der Vergänglichkeit des Lebens auseinanderzusetzen. Das ist unterhaltsam und clever zugleich.
ZOI
Als ZOI in das Sonnensystem eintritt, sind sich Wissenschaftler zunächst unsicher, was sie da sehen. Erst nach und nach wird klar: Dies ist der erste Kontakt der Menschheit mit einem außerirdischen Organismus – einer riesigen einzelligen Struktur, die den primitivsten Lebensformen auf der Erde ähnlich scheint und doch wieder ganz anders ist. Amira ist von ZOI fasziniert, seit sie im Alter von fünf Jahren die ersten Berichte über dieses Alien sah. Jetzt erfüllt sich ihr jahrzehntealter Traum. Sie wird ZOI ganz nahekommen. Denn sie soll als Teil eines Teams von vier Astronauten mit ZOI auf eine Reise gehen. Dafür wird sie sich im Körper von ZOI ansiedeln.
Den Astronauten ist klar, dass sie womöglich nie zur Erde zurückkehren werden – aber ebenso, dass sie eine einzigartige Chance erhalten. Auf ihrer Reise versuchen sie, ZOI verstehen zu lernen. Sie müssen eine Symbiose mit der Kreatur eingehen und erkennen, dass sich menschliche Konzepte nicht auf den riesigen Einzeller und seine Verhaltensweisen übertragen lassen. Jane Mondrup entwirft eine ebenso fremdartige wie in sich schlüssige biologische Welt, deren Logik sich erst nach und nach erschließt. Sprachlich bewegt sie sich gekonnt zwischen impressionistischer Wahrnehmung und präziser Bildhaftigkeit. Ein kreativer, eigenwilliger Roman, auf den man sich allerdings einlassen muss.
Ode to the Half-Broken
Der große Krieg ist vorbei. Be ist damit ziemlich zufrieden. Die einst als eine von vier für den Krieg entwickelten Kampfmaschinen will nicht mehr darüber grübeln, was sie in Gefechten getan hat, welchen Schaden sie angerichtet hat oder welches Ziel all das Grauen überhaupt hatte. Stattdessen verbringt Be seine Tage in den Ruinen des alten botanischen Gartens von New York City. Doch eines Tages erwacht Be unvermittelt. Er liegt in einer Badewanne und muss feststellen, dass ihn jemand mit Elektromagneten deaktiviert und ihm ein Bein gestohlen hat. Er macht sich auf die Suche danach.
Auf seiner Odyssee bekommt er unvermittelt Gesellschaft von einem Cyborg-Hund, einem menschlichen Mechaniker und anderen Weggefährten. Dabei stößt der Roboter auf Hinweise, die ihn zu den anderen drei Kampfmaschinen führen. Der Roman von Suzanne Palmer ist trotz seiner postapokalyptischen Szenerie ein echtes Wohlfühlwerk. Während dieser Reise entwickelt Be immer menschlichere Züge, versucht die Welt um sich herum zu verstehen und knüpft Verbindungen zu den Bewohnern der Nachkriegswelt. Alles wird aus der Perspektive des Roboters erzählt. Dabei tritt die eigentliche Handlung zuweilen in den Hintergrund, um Zeit und Raum für das Sinnieren über Natur, Identität und das Menschsein zu schaffen.
Die Wolke des Wissens
In der nahen Zukunft des Jahres 2058 wird Künstliche Intelligenz zum festen Bestandteil des Alltags. Es entsteht ein globales KI-System namens Gnosis, das Mensch und Maschine miteinander vernetzt und für jedes Problem eine Lösung bereithält. Doch während Menschen wie Mark genau das mit offenen Armen empfangen und sich ein Implantat in den Kopf einsetzen lassen, sehen andere darin eine Bedrohung für die Menschlichkeit und die Freiheit des Individuums. Eine von ihnen ist Tara, die sich gemeinsam mit anderen auf dem Land und weitab von digitaler Kontrolle eingerichtet hat. Die Zahl jener, die Gnosis skeptisch gegenüberstehen, nimmt stetig zu.
Wie sich zeigt, greift die KI immer stärker in das Leben der Menschen ein, um eine oberflächlich rational organisierte Gesellschaft zu schaffen. Sie bestimmt mit, wer welche Person heiraten kann, wer Kinder bekommen darf und welche Gedanken als gut oder schlecht gelten. Damit schafft Gnosis allerdings neue Konflikte, die sich mit ihrer eigenen Logik nicht ohne Weiteres lösen lassen. Der Roman von Luca Zacchei beginnt als Gegenüberstellung zweier Gesellschafts- und Lebensmodelle. Danach entwickelt er sich jedoch rasant zu einem Techno-Thriller, der aufarbeitet, warum eine Künstliche Intelligenz nicht „böse“ sein muss, um zu einer Bedrohung für die menschliche Natur zu werden. Die Technologiekritik wird immer wieder durch spirituelle und religiöse Ideen unterstrichen.
Der Müller-Fokker-Effekt
Bob Shairp hat keinen sonderlich aufregenden Job. Er ist technischer Redakteur im Regierungsdienst. Das Projekt, an dem er beteiligt ist, ist jedoch eine bahnbrechende Entwicklung. Es handelt sich um eine Technologie, mit der sich der Verstand eines Menschen auf Computerbänder kopieren – und so archivieren – lässt. Um ihn wieder abzurufen, wird der digitalisierte Verstand in ein Virus übertragen, mit dem dann ein Mensch infiziert wird. Für einen Test lässt Bob Shairp selbst seinen Verstand auf eines der Müller-Fokker-Bänder kopieren. Dummerweise explodiert der Stuhl, auf dem er sitzt – und mit ihm sein Körper.
Der Vorfall löst eine Kaskade ebenso surrealer wie absurder Ereignisse aus. Denn um Bob zurückzuholen, müsste schließlich ein Körper her, dessen Verstand für ihn Platz macht. Aber das ist nicht so einfach. Letztlich gerät der digitalisierte Verstand daher auf Abwege und geht durch die Hände von Künstlern, Radikalen und anderen Personen, die ihn auf mal mehr, mal weniger bizarre Art verwenden. Der Roman von John Sladek erschien bereits 1970, wirkt in seiner Satire aber noch immer erstaunlich aktuell. Weniger als klassische Science-Fiction funktioniert er als groteske schwarze Komödie, die sich an Technologiegläubigkeit, Kapitalismus, Bürokratie und gesellschaftlichen Konventionen abarbeitet.
Das lange Morgen
Ein Atomkrieg hat die Menschheit beinahe ausgelöscht – und die Gesellschaft der USA nachhaltig verändert. Große Städte wie vor dem Krieg sind verboten. Keine Gemeinde darf mehr als 1.000 Einwohner zählen. Religion prägt den Alltag, und Technologie ist vielen Menschen unheimlich oder sogar verboten. Genauso wachsen die beiden Jungen Len und Esau auf. Eines Tages zieht jedoch ein Händler durch die Gegend, der von den Dorfbewohnern aufgegriffen, wegen des Besitzes von Technologie festgesetzt und schließlich gesteinigt wird.
Die beiden Jungen gelangen an ein Radio, das der Händler bei sich hatte. Sie sind fasziniert. Es weckt ihren Drang nach einem anderen Leben, nach Wissen und Erkenntnissen, die das Dorf nicht bieten kann. Sie hören von einem Ort, an dem Wissenschaftler angeblich forschen und Vorkriegstechnik bewahren – und machen sich auf die Suche danach. Der bereits 1955 veröffentlichte Roman von Leigh Brackett ist ein sehr geradliniges Werk, das gekonnt Postapokalypse und Coming-of-Age-Erzählung verzahnt. Dabei erforscht Brackett in vergleichsweise leichtem Ton die Ambivalenz wissenschaftlicher Forschung und des technologischen Fortschritts, aber auch der Religion.
Die Kugel
Es geschieht ohne Vorwarnung. Über einer namenlosen tschechischen Kleinstadt taucht eines Tages eine Kugel auf. Sie misst rund drei Meter, ist weiß, scheinbar von innen erleuchtet … und tut absolut nichts. Auch reagiert sie nicht auf ihre Umwelt. Sie lässt sich weder bewegen noch beschädigen. Wissenschaftler sind ratlos. Dennoch entfaltet die Kugel einen immer stärkeren Einfluss, etwa auf Oto und seine Familie. Seine Tochter Kristýna besucht die Kugel regelmäßig und wird zunehmend von Albträumen und Schlafproblemen geplagt. Oto selbst gerät unter den Einfluss von Predigern, die die Kugel als Zeichen eines grundlegenden gesellschaftlichen Wandels deuten.
Doch bald häufen sich auch bei anderen Menschen Fälle von Tiefschlaf, Erschöpfung und heftigen Stimmungsschwankungen. Das sorgt wiederum für Konflikte und Spannungen, die sich auf unterschiedliche Weise entladen. Klára Vlasáková nutzt das Science-Fiction-Mysterium dabei weniger als Zentrum der Handlung denn als Katalysator für eine intime Familien- und Gesellschaftsstudie. Das ist nicht immer sonderlich einfache Lesekost. Der Ton ist zum Teil distanziert, unterkühlt und analytisch.
Valuable Humans in Transit
Der unter dem Künstlernamen qntm bekannte Science-Fiction-Autor und Programmierer Sam Hughes wurde zunächst durch seine Beiträge zum kollaborativen Erzählprojekt SCP Foundation im Internet bekannt. Mittlerweile hat er sich mit seinen zuweilen experimentellen Erzählformaten und provokanten Themen auch darüber hinaus einen Namen gemacht. In der handlichen Kurzgeschichtensammlung Valuable Humans in Transit sind mehrere dieser Geschichten zusammengefasst. Manche von ihnen sind auch auf der Website des Autors nachlesbar.
Die Geschichte Lena ist als Wikipedia-Artikel verfasst und berichtet aus dem Jahr 2070 über die erste vollständige digitale Nachbildung eines Gehirns und darüber, wie sie nach ihrer Erstellung genutzt und auch missbraucht wurde. If You Are Reading This wiederum ist als eine Reihe von Blogeinträgen abgefasst und berichtet über ein möglicherweise außerirdisches Signal aus dem All. cripes, does anybody remember Google People ist eine in Form von Twitter-Einträgen formatierte Erzählung über ein Social Network von Google, das es womöglich nie gab – oder doch? Dazu kommen einige mehr. Nicht jede dieser formalen Spielereien dürfte überzeugen. An Einfallsreichtum mangelt es den Geschichten jedoch nie.
Sommer im Treibhaus
Das Jahr 2041. Der Klimawandel, steigende Meere und Wirtschaftskrisen haben die Menschheit ziemlich mitgenommen. Vor allem Australien hat es hart getroffen, und die Schere zwischen Arm und Reich hat sich extrem geöffnet. Fast 90 Prozent der Menschen gehören zu den arbeitslosen Swill, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Die wenigen mit Arbeit sind die Sweet. Die Familie Conway gehörte einst zu Letzteren. Dann verlor der Vater seinen Job – und nahm sich das Leben. Nun müssen Alison Conway und ihre beiden Söhne durch den sozialen Absturz navigieren. Das bedeutet nicht nur weniger Geld, sondern auch ein komplett neues Lebensumfeld.
Der intelligente Sohn Francis schämt sich für die prekären Lebensumstände und versucht alles, um ihnen zu entkommen. Sein Bruder Teddy arrangiert sich, erhält dann aber die Gelegenheit, bei den staatlichen Sicherheitskräften Karriere zu machen. Währenddessen verschärft sich der klimatische Kollaps der Welt. Erzählt wird die Geschichte von Autor George Turner als historische Rekonstruktion, die rund tausend Jahre später von einer Historikerin anhand überlieferter Aufzeichnungen verfasst wird. Gerade dieser Blick aus der fernen Zukunft macht den Roman bemerkenswert: Der gesellschaftliche und klimatische Zusammenbruch erscheint nicht als plötzliche Katastrophe, sondern als schleichender Prozess, an den sich die Menschen immer weiter gewöhnen.
What We Are Seeking
Der Siedler und Arzt John Maraintha wird auf den außerirdischen Planeten Scythia geschickt. Es ist ein absonderlicher Planet, der ebenso absonderliche Probleme und Herausforderungen bereithält. Denn wie Maraintha nach seiner Ankunft feststellen muss, haben die menschlichen Bewohner des Planeten eine Kultur und Gesellschaft entwickelt, die ihm vollkommen fremd ist. Auch die Biologie Scythias folgt eigenen Regeln: Tiere gehen dort aus Pflanzen hervor. Gleichzeitig versuchen die menschlichen Siedler, mit einer offenbar intelligenten einheimischen Spezies zu kommunizieren.
Der Roman von Cameron Reed befasst sich nicht nur mit einem sonderbaren Planeten, sondern ist auch ein eigenwilliges Leseerlebnis. Denn es wird keine klassische Geschichte erzählt. Stattdessen taucht der Leser in die fremden Kulturen, gesellschaftlichen Regeln und biologischen Eigenheiten ein, mit denen John Maraintha in seiner neuen Heimat konfrontiert ist – und die kritisch aufgearbeitet werden. Dazu gehören Vorstellungen von Ehe, Liebe, Verständigung, Religion, Sexualität, Geschlechterrollen und menschlichem Miteinander. Um all dies zu behandeln, bringt der Roman ein eigenes Vokabular mit. Genau das macht What We Are Seeking zu einem faszinierenden, aber auch recht fordernden Leseerlebnis.
Der schwindende Mann
Scott Carey wollte mit seinem Bruder eigentlich nur eine entspannte Bootsfahrt unternehmen. Doch als sein Bruder kurz unter Deck ging, passierte es: Scott wurde von einem sonderbaren Sprühnebel überrascht. Zunächst scheint dieser nichts Besonderes zu sein. Doch später bemerkt der Mann, dass ihm seine Kleidung und Schuhe plötzlich zu groß sind und er an Gewicht verliert … Er schrumpft. Langsam, aber sichtbar. Jeden Tag einige Millimeter. Es scheint zunächst nur eine Unannehmlichkeit zu sein, die Scott nicht wahrhaben möchte. Doch irgendwann lässt sich seine schwindende Größe nicht mehr ignorieren und die ganz normale Welt wird für ihn zur Bedrohung.
Ein Vogel und später eine Katze werden für ihn ebenso zur Gefahr wie einige Zeit darauf eine riesige Spinne. Während er immer weiter schrumpft, stellt sich dem Mann irgendwann die Frage, was wohl passiert, wenn er nie aufhört, immer kleiner zu werden. Der im Jahr 1956 veröffentlichte Roman Der schwindende Mann von Richard Matheson gilt als Klassiker der Science-Fiction-Literatur und beschreibt den Horror der Ungewissheit und Veränderung. Erst vor wenigen Monaten hat der Festa Verlag den Roman in einer neuen deutschen Übersetzung veröffentlicht.
Der Symbiont
Arton Daghdev ist Wissenschaftler, genauer gesagt Exobiologe – und politischer Dissident. Vom totalitären Regime der Erde wurde er deshalb verurteilt. Den Rest seines Lebens soll er auf dem Gefängnisplaneten Imno 27g verbringen, besser bekannt als Kiln. Für Daghdev ist das Fluch und Chance zugleich. Denn die Gefängnisleitung erkennt schnell den Nutzen seiner Expertise und setzt ihn dafür ein, die rätselhafte Flora und Fauna des Planeten zu erforschen. Die erweist sich als noch bizarrer und komplexer als erwartet – und könnte ihm womöglich sogar einen Ausweg aus seiner aussichtslosen Lage eröffnen.
Adrian Tchaikovsky entwirft in Der Symbiont eine ideenreiche, fremdartige biologische Welt, die gleichermaßen fasziniert und verstört. Ähnliches gilt für die Gesellschaft des Gefängnisplaneten, die ebenso ungewöhnlich wie beklemmend wirkt. Beides schildert der intellektuell-pragmatische Arton Daghdev mit trockenem Blick, nüchterner Distanz und zugleich spürbarer wissenschaftlicher Neugier. Gerade das verleiht der Erzählung ihren besonderen Reiz. Viele der Nebenfiguren bleiben allerdings trotz teils markanter Rollen überraschend blass. Dennoch entwickelt Der Symbiont durch seine außergewöhnliche Kulisse und die sich stetig verdichtende Spannung einen starken Lesesog.
30Seven
Es ist bereits Jahre her, dass Marcus Lockwoods Frau ermordet wurde. Der Mörder läuft immer noch frei herum. Dennoch versucht Marcus, damit weiterzuleben. Gemeinsam mit seinem Sohn fährt er für einen Campingurlaub nach Moose Hollow – weitab des Lärms und des Lichts der Städte. Beim Fischen und Grillen am Lagerfeuer finden beide unter dem Licht der Sterne tatsächlich wieder etwas Ruhe. Als unter den Campern die Gerüchte über die Sichtung eines UFOs die Runde machen, sind beide fasziniert – und machen sich auf Alien-Jagd.
Sie kommen dem außerirdischen Schiff und dessen Besatzung näher, als sie es sich je hätten träumen lassen. Noch bizarrer wird es, als die Aliens um Hilfe bitten. Denn irgendjemand tötet die Crew des interstellaren Raumers – und die extraterrestrischen Wesen wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Marcus glaubt, helfen zu können. Der Roman von Jeremy Robinson ist ein skurriler Genre-Mix aus Science-Fiction, Murder Mystery und Horror. Erstaunlicherweise funktioniert das ziemlich gut, sofern man über einige holprige Formulierungen und schwächere Passagen hinwegsehen kann.
Reactor
In Europa steht ein moderner Thoriumreaktor kurz vor der Inbetriebnahme. Doch dann schleppen sich Menschen mit Strahlenkrankheit in die Kliniken, Tiere verenden auf Weiden und in Wäldern, ganze Landschaften scheinen verstrahlt. Der Verdacht fällt auf den Reaktor. Aber dessen Systeme laufen normal. Ein Reaktorleck gibt es nicht. Die IAEA schickt deshalb den Spezialisten Jonathan Beck los, um das Rätsel zu lösen. Gleiches versucht die französische Ärztin Laura Girard, die ihren Vater durch die Strahlung verlor.
Je weiter beide nachforschen, desto deutlicher wird, dass etwas vor sich geht, das sich mit bekannten physikalischen Erklärungen kaum fassen lässt. Tim L. Rey verquickt in Reactor einen rasanten Katastrophenthriller mit moderner Science-Fiction. Das zentrale Rätsel, die sich schnell entwickelnde Handlung und die beiden getriebenen Hauptfiguren sorgen für ordentlich Tempo. Dabei hält der Roman die Erklärung für die merkwürdigen Ereignisse lange genug zurück, um zum Miträtseln und Aufstellen eigener Theorien einzuladen. Zeitweise wird es wissenschaftlich und technisch, ohne dass die Handlung darunter leidet. So ist Reactor ein unterhaltsamer Sci-Fi-Thriller, der sich auch gut als Film vorstellen ließe.
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Michael Förtsch
Leitender Redakteur
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Cooler Artikel!

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