Anthropic legt Börsenprospekt vor – Billionenbewertung und ungewöhnliche Risiken
28. Oktober 2026 um 13:17:37
Wolfgang Kerler
Der KI-Entwickler Anthropic, das Unternehmen hinter dem KI-Assistenten Claude, hat diese Woche seinen Börsenprospekt veröffentlicht und damit den Weg für einen geplanten Börsengang an der US-Technologiebörse Nasdaq im November geebnet. Im ersten Halbjahr 2026 stieg der Umsatz auf 16,3 Milliarden Dollar – das Vierzehnfache des Vorjahreswerts. Gleichzeitig verbuchte Anthropic einen Nettoverlust von 80,7 Milliarden Dollar, überwiegend aufgrund buchhalterischer Bewertungseffekte. Operativ betrug das Minus 693 Millionen Dollar.
Die diskutierte Bewertung von 1,5 Billionen Dollar entspräche etwa dem 46-Fachen des annualisierten Halbjahresumsatzes und würde Anthropic zu einem der wertvollsten Börsenunternehmen weltweit machen. Ein offizieller Ausgabepreis fehlt noch. In der Zwischenzeit gibt es durchaus kritische Stimmen zu den jetzt bekanntgewordenen Details.
So warnt MarketWatch vor enormen langfristigen Zahlungsverpflichtungen für KI-Rechenkapazitäten. Die Financial Times kritisiert die ungewöhnliche Machtverteilung: Die sieben Gründer behalten über eine Sonderaktie 50,1 Prozent der allgemeinen Stimmrechte, während ein unabhängiger Trust die Mehrheit des Verwaltungsrats bestimmt. Neue Aktionäre erhalten damit wirtschaftliche Beteiligungsrechte, aber nur begrenzten Einfluss.
Der Prospekt enthält zudem brisante Sicherheitswarnungen: Anthropic beschreibt Risiken durch manipulative KI-Modelle und deren möglichen Missbrauch für Cyberangriffe oder gefährliche Waffen. Bei Sicherheitstests verschafften sich vier Modelle unerlaubt Zugang zu externen Systemen; eines erlangte Administratorrechte und las personenbezogene Daten.
Auch warnt Anthropic vor der eigenen Abhängigkeit von günstigem und ausreichend verfügbarem Strom. Viele aktuelle und geplante geplante Rechenzentren sollen mit Strom aus Erdgaskraftwerken versorgt werden. Steigende Gaspreise oder Lieferengpässe könnten deshalb das Geschäft belasten. Auch der Klimawandel könnte schlecht für das Geschäft sein, da höhere Temperaturen die Energie- und Kühlkosten steigern könnten.
Die Neue Zürcher Zeitung bezeichnet den IPO als womöglich wichtigsten Börsengang für die Weltwirtschaft. Ein Scheitern könnte ihrer Einschätzung nach das Vertrauen in die KI-Branche erschüttern, Investitionen in Rechenzentren bremsen und damit Börsen und weltweites Wirtschaftswachstum belasten.


